Geschichte, Sachbuch

Leben und Tod eines Paradiesvogels

Bis heute ist der Tod von Matthias Domaschk ungeklärt. Spiegel-Reporter Peter Wensierski zeichnet die Ereignisse um seinen Tod in »Jena-Paradies« nach und liefert zwischen den Zeilen einige Antworten zur Ost-Debatte.

Am Abend des 10. April 1981 steigen Peter Rösch und Matthias Domaschk in Jena in den Schnellzug D506 nach Berlin, wo sie auf einer Geburtstagsfeier erwartet werden. Dort kommen sie aber nie an. Der Zug wird außerplanmäßig in Jüterborg gestoppt, die beiden Männer ohne Grund verhaftet. »Im Waggon ist es mucksmäuschenstill. Kennt man doch. Die Trapo greift sich mal wieder zwei langhaarige Kunden. Wer weiß, was die ausgefressen haben«, beschreibt Spiegel-Journalist Peter Wensierski die Situation. Keine 48 Stunden später wird der 23-jährige Matthias Domaschk in einer Zelle der Stasi-Zentrale in Gera erhängt aufgefunden. Zuvor wurde er stundenlang von der Stasi verhört.

Was genau in diesen Stunden geschah, welche Methoden die Stasi angewandt und was genau von ihren Mitarbeitern gebrüllt und (ein)geflüstert wurde, hat Peter Wensierski in »Jena-Paradies. Die letzte Reise des Matthias Domaschk« nahezu minutiös nachgezeichnet. Er beschreibt, warum Menschen wie Domaschk und Rösch dem Staat ein Dorn im Auge waren, unter welchen Umständen beide nach Gera kamen und mit welchen Absichten sie dort festgehalten wurden.

Peter Wensierski: Jena-Paradies. Ch. Links Verlag 2023, 368 Seiten. 26 Euro. Hier bestellen.

Eine zentrale Rolle spielt der 10. Parteitag der SED, der zeitgleich in Berlin gefeiert wurde. Stasi-Chef Erich Mielke fürchtete Stör- und Protestaktionen von »dekadent aussehenden, langhaarigen Paradiesvögeln«, weshalb er seine Sicherheitsdienste in Alarmbereitschaft versetzte. Über 8.000 Bürger:innen erhielten Berlin-Verbot. Domaschk wurde vergessen, sein Ausflug nach Berlin sein Verhängnis.

Matthias Domaschk war in der autoritären DDR-Gesellschaft ein unangepasster Grenzgänger. In Rückblicken erfährt man, wie er abseits des Systems ein erfülltes und ehrliches Leben suchte. Der junge Vater lebte in offenen Wohngruppen, spielte in einer Band, trampte nach Polen und in die Tschechoslowakei. Das reichte, um im alles kontrollierenden Obrigkeitssystem als »Konterrevolutionär« und »staatsfeindliches Subjekt« in Verdacht zu geraten.

Peter Wensierskis »Jena-Paradies« stellt zumindest in einem Punkt Katja Hoyers »Diesseits der Mauer« in den Schatten

Außerdem engagierte sich Domaschk in der Jungen Gemeinde Jena, bewegte sich im Umfeld von Robert Havemann, Wolf Biermann, Lutz Rathenow oder Roland Jahn und stand mit Aktivist:innen und Bürgerrechtler:innen in Westberlin und Polen in Kontakt. Für die Stasi war er die ideale Zielperson, um die politische Opposition zu unterwandern. Entsprechend trieb man ihn in den Verhören in die Ecke.

Die Historikerin Katja Hoyer schreibt, dass man »Diesseits der Mauer« den Alltag der einfachen Leute vom Überwachungsstaat des Stasi trennen müsse. »Jena-Paradies« zeigt zwischen den Zeilen, warum das unmöglich ist. Ob Schule, Betriebe oder Hausgemeinschaften, Mielkes »VEB Horch und Guck« war überall. Das Leben in der DDR beschreibt der langjährige DDR-Korrespondent Wensierski als »Eiertanz zwischen Anpassung und innerem Dagegen-Sein, dank dem das System letztlich auch funktionierte.« Deshalb blieben die Leute auch mucksmäuschenstill, wenn andere von der Schule geschmissen oder im Zug verhaftet wurden. Verfechter:innen der guten alten DDR-Zeit kann man dieses Buch nur dringend empfehlen.

Historiker:innen wird diese filmisch gemachte Reportage aber Schwierigkeiten bereiten. Quellenanalyse, Recherchen, Gespräche und Mutmaßungen werden zugunsten einer packenden und allwissenden Erzählung unzulässig verwischt. Dabei führt die Reise nicht nur in den Kern eines repressiven Staates, sondern über fiktionale Brücken auch in die Köpfe und Herzen der handelnden Figuren. Das hat mit nüchterner Geschichtsschreibung nicht mehr viel zu tun, die findet man dann doch eher bei der Bundeszentrale für politische Bildung oder auf den Seiten der Robert-Havemann-Gesellschaft. Was bleibt, ist eine Ahnung, wie es sich tatsächlich anfühlt, in einer »Meinungsdiktatur« zu leben.

Bis heute ist Matthias Domaschks Tod ungeklärt, auch Wensierski liefert keine abschließende Antwort. Dennoch ist er überzeugt, dass es kein Selbstmord war. »Er wurde in den Tod getrieben, und viele waren beteiligt«, schreibt er am Ende seines Berichts. Genutzt hat es dem Regime nicht. Der Untergrund in Jena wurde eine wichtige Keimzelle der Demokratiebewegung in der DDR. Ihre Bedeutung für die Friedliche Revolution dürfte vielen erst mit diesem Buch ins Bewusstsein rücken.

1 Kommentare

  1. […] den Zuhörenden als Beleg für die angespannte Atmosphäre in den neuen Bundesländern heranzogen. Als dann auch noch Katja Hoyer erklärte, dass »Diesseits der Mauer« nicht alles schlecht war, lag das Kind im Brunnen und der Osten stand einmal mehr als ewiggestrige Jammerregion blöd […]

Kommentare sind geschlossen.