Mit dem politischen Drama »No Good Men« der afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat startete am Donnerstagabend die 76. Berlinale. Im Mittelpunkt steht eine Kamerafrau, die in der patriarchalen Gesellschaft ihren Weg geht. Insgesamt konkurrieren 22 Filme um den Goldenen und die Silbernen Bären.
Ein Filmfestival, zumal das vermeintlich politischste unter den A-Festivals, in diesen umkämpften Zeiten zu eröffnen, ist eine Herausforderung. Erwartet wird eine eierlegende Wollmilchsau für die große Leinwand, eine Art Bad-Bunny-Halftimeshow, die überrascht, einen aufrecht im Kinosessel sitzen lässt und zugleich etwas zu sagen hat. Alles andere als eine leichte Aufgabe, vor der Tricia Tuttle in ihrem zweiten Jahr als verantwortliche Festivaldirektorin stand. Mit Abstrichen beim Starfaktor ist ihr die Quadratur des Kreises mit dem afghanischen Drama »No Good Men« einigermaßen gelungen. Dessen junge Regisseurin, Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin Shahrbanoo Sadat eröffnet zwar nicht mit einem mitreißenden Feelgood-Movie, aber mit einem gleichermaßen unterhaltsamen wie nachdenklichen Film über eine afghanische Frau, die sich von den Verhältnissen nicht klein machen lassen will.
Naru ist die einzige Kamerafrau bei Kabul News, dem wichtigsten Fernsehsender in der afghanischen Hauptstadt, kurz vor der Rückkehr der Taliban im Jahr 2021. Die Stimmung ist angespannt, der Sender hat sogar einen Shuttleservice für seine Angestellten organisiert. In dem manifestiert sich die herrschende gesellschaftliche Ordnung: die Männer sitzen vorn, die Frauen hinten. Es gibt Dinge, die scheinen unverrückbar. Aber es gibt auch Fortschritt, der Sender hat einen eigenen Kindergarten, in dem Naru ihren dreijährigen Sohn abgeben kann, während sie im Studio hinter der Kamera steht, während irgendein Mann vor der Kamera das Patriarchat zementiert. Etwa wenn ein Arzt einer Zuschauerin erklärt, dass ihr Mann sie verprügele und anderen Frauen nachstelle, weil sie mit jedem Kind an Attraktivität verloren habe und sich einfach mehr schminken müsse, um ihrem Gatten wieder zu gefallen.
Für die aufgeklärte Naru ein schwer erträgliches Format, weshalb sie den Leiter des Senders bittet, sie anders einzusetzen. Wie der Zufall es will, braucht der Anchorman der Hauptnachrichten Qodrat Qadiri gerade einen Kameramann für ein wichtiges Interview mit einem führenden Kommandeur der islamistischen Taliban. Der bricht, als er die junge Frau hinter der Kamera sieht, das vereinbarte Gespräch ab, was den genervten Nachrichtensprecher dazu bringt, Naru eine Straßenumfrage aufs Auge zu drücken. Ihr gelingt, was bislang keinem ihrer männlichen Kollegen gelungen ist: sie bringt zahlreiche Frauen dazu, vor der Kamera über die Liebe und die Männer zu sprechen. Was alle eint: von Liebe ist keine Spur, aber Gewalt, Unterdrückung und Freiheitsberaubung, das kennen sie alle.
Die in Hamburg lebende Shahrbanoo Sadat, die auch die Hauptrolle spielt, führt in ihrem dritten Spielfilm nach »Wol and Sheep« und »The Orphanage« die Lage der Frauen in Afghanistan vor Augen. Denn die resolute Naru kämpft gleich an mehreren Fronten gegen die patriarchalen Verhältnisse, die sie umgeben. Ihr Ex-Mann will ihr das Sorgerecht für ihren Sohn streitig machen, im Sender ist sie mit den vielen Vorbehalten gegenüber berufstätigen Frauen konfrontiert, auf der Straße und in den Cafés ist sie den gierigen Blicken der Männer ausgeliefert. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass afghanische Männer notorisch verantwortungslos, tyrannisch und ignorant sind und ist zur Überzeugung gelangt, dass es in ihrem Land keine guten Männer gibt.
Da scheint zunächst auch Qodran keine Ausnahme zu sein, doch als er ihr eine Chance gibt, sich zu beweisen, nutzt sie sie. Beim Prozess gegen vier Männer, die der Gruppenvergewaltigung bezichtigt werden, kann sie die Aussagen der Opfer einfangen und trägt entscheidend zur kritischen Berichterstattung bei. Je mehr sie zusammenarbeiten, desto näher kommen sich der Nachrichtensprecher und die Kamerafrau, was Narus Überzeugungen ins Wanken bringt.
»No Good Men« zeigt ein Afghanistan, in dem es es unter der Oberfläche brodelt. Einerseits ist vor allem unter jungen Frauen ein gewisses feministisches Empowerment zu spüren, auf der anderen Seite hat das Patriarchat die Geschlechterverhältnisse in dieser Gesellschaft fest in ihren Händen. Cousins heiraten Cousinen, alte Männer junge Frauen und wenn die Keule der Tradition nicht hilft, wird das begehrte weibliche Objekt halt entführt und geschwängert. Sich in dieser Welt als Frau zu behaupten, verlangt eine ordentliche Portion Mut und Wut, aber auch eine innere Haltung ab.
Die hat Shahrbanoo Sadat ihrer Figur auf den Leib geschrieben. Naru ist das strahlende Zentrum dieses Films, die mit Witz und Esprit nicht nur ihre Kolleginnen, sondern auch das Publikum zum Lachen bringt. Aus ihr spricht eine Überzeugung, die durch eigene Erfahrung geformt worden ist. Sie scheut keinen Konflikt und misch sich ein, wenn sie Ungerechtigkeit und Willkür erlebt. Wandel, so sagt sie dem sanftmütigen Qodran an einer Stelle, sei nur möglich, wenn Menschen bewusst durchs Leben gehen. „Wer etwas sieht, was falsch ist, muss eingreifen.“ Die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Afghanistan seien ein Resultat des kollektiven Wegsehens.
Der Eröffnungsfilm der Berlinale beweist einmal mehr, warum sie als das politischste der A-Festivals (neben den Filmfestspielen in Cannes und Venedig) gilt. Dabei konzentriert sich »No Good Men« vor allem auf die innenpolitischen Aspekte und die Verantwortung der Afghan:innen für ihr Land. Sie zeigt die Verantwortungslosigkeit der Politiker, die grassierende Korruption, die Krise der Medien, die toxische Wirkung des Patriarchats und die Rückkehr der islamofaschistischen Terrororganisation der Taliban – all das verwebt die 1990 im iranischen Exil geborene Filmemacherin, zu einer ebenso packenden wie politisch relevanten Geschichte, die in ihrer unterhaltsamen Erzählweise von einem Kabulywood träumen lässt.
Sadats Film eröffnet ein Festival, dass in politisch schwierigen Zeiten vor allem mit Interventionen aus unterschätzten Regionen des Weltkinos überzeugen will. In diesem Jahr konkurrieren insgesamt 22 Filme um die Berlinale-Bären, darunter Filme aus Tschad, Tunesien, Singapur, Australien, Brasilien, Mexiko, Kannada, Finnland, Belgien und der Türkei. Die Auswahl lässt dabei wenig aus, bietet von historischen Stoffen (»Rose« von Markus Schleinzer) über Satire (»Rosebush Pruning« von Karim Aïnouz) und Genre (»Yön Lapsi« von Hanna Bergholm oder »Josephine« von Beth de Araújo) bis hin zu animierten (»A New Dawn« des Japaners Yashitoshi Shinomiya) und dokumentarischen Formen (»Yo (Love is a Rebellious Bird« des US-amerikanischen Duos Anna Fitch und Banker White). Eröffnet wird der facettenreiche Wettbewerb mit dem Drama »À voix basse« der tunesischen Regisseurin Leyla Bouzid.
Während Festivaldirektorin Tricia Tuttle entgegen aller Erwartungen nicht die großen internationalen Produktionen an Land ziehen konnte, hat in ihrem ersten Jahr der deutschsprachige Film einen starken Auftritt. Oscar-Kandidat Ilker Çatak (»Das Lehrerzimmer«) präsentiert am Freitag seinen neuen Film »Gelbe Briefe«, der Österreicher Markus Schleinzer am Samstag seinen mit Spannung erwarteten und mit Sandra Hüller besetzten historischen Film »Rose«, die mehrfache Bärengewinnerin Angela Schanelec (»ich war zuhause aber«, »Music«) am Dienstag ihren Beziehungsfilm »Meine Frau weint«, Heiner-Carow-Preisträgerin Eva Trobisch (»Ivo«) am Mittwoch ihr Coming-of-Age-Drama »Etwas ganz Besonderes« und das österreichische Duo Tizza Covi und Rainer Frimmel am Donnerstag das Porträt eines in die Jahre gekommenen Blues-Sängers »The Loneliest Man in Town«.
Insgesamt neun Filmemacher:innen aus dem Wettbewerb sind das erste Mal bei der Berlinale, 13 waren bereits bei in der Vergangenheit beim Festival zu Gast. Ob sich die Jury um Präsident Wim Wenders davon beeindrucken lassen wird, bleibt abzuwarten.























