Film, Kino

Die Liebe in Zeiten der Trostlosigkeit

Der libanesische Filmemacher Cyril Aris feiert in seinem preisgekrönten Drama »A Sad and Beautiful World« das Leben. Eine Liebeserklärung an den Libanon und seine Menschen.

Als Nino und Yasmina nur Sekunden nacheinander geboren werden, fliegen Raketen über Beirut. Einige schlagen nicht weit vom Krankenhaus in einer Wohngegend ein und töten zahlreiche Menschen. Eine andere wird in die Sterne geschickt und weckt bei einem wilden Professor die Hoffnung auf ein Ende des Krieges. Gut dreißig Jahre später ist der alte Sternenkundler einer der letzten Gäste in Ninos Restaurant, bevor es infolge der Kriege und Wirtschaftskrisen schließen muss. Zwischen den beiden Momenten liegt eine große Liebe, in der sich die wechselhafte Geschichte des Libanon spiegelt.

Cyril Aris: A Sad And A Beautiful World. Mit Mounia Akl, Hasan Akil. 110 Minuten. Kinostart: 20.8.
Cyril Aris: A Sad And A Beautiful World. Mit Mounia Akl, Hasan Akil. 110 Minuten. Kinostart: 20.8.

Spiegelungen, Reflektionen und Lichtgeglitzer sind in dem Liebesdrama des libanesischen Regisseurs Cyril Aris ohnehin wichtige Elemente. Immer wieder spiegelt sich Licht im Glas, glitzern die Sterne am Himmel oder bricht sich die Sonne in den Wellen, um einen Funken Hoffnung zu den Menschen im Libanon zu tragen.

Das Kino des 1987 in Beirut geborenen Filmemachers ist eng mit seiner Heimat verbunden. In der Mini-Serie »Beirut, I Love You« porträtierte er Menschen in ihren Zwanzigern aus der libanesischen Hauptstadt. Star der Serie war die libanesische Schauspielerin Mounia Akl, die er später bei ihrer ersten Regiearbeit, dem Spielfilm »Costa Brava, Lebanon« unterstützte. Während der Dreharbeiten in Libanons Hauptstadt kam es zur verheerenden Explosion im Hafen von Beirut. Was es heißt, unter solchen Umständen einen Film zu machen, hat Aris in seiner Dokumentation »Dancing on the Edge of a Volcano« verarbeitet.

»A Sad and Beautiful World« ist Aris‘ erster Spielfilm, im vergangenen Jahr wurde er bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Der in Beirut angesiedelte Film erzählt über drei Jahrzehnte hinweg die berührende Geschichte einer Liebe in krisengeschüttelten Zeiten.

Mounia Akl glänzt darin in der Rolle der erwachsenen Yasmina, die sich vor der Vergangenheit in die Gegenwart flüchtet. An ihrer Seite beeindruckt Hasan Akil, der zuletzt in dem libanesischen Drama »Memory Box« von Joana Hadjithomas und Khalil Joreige zu sehen war, in der Rolle von Yasminas Geliebten Nino.

In »A Sad and Beautiful World« erzählt Yasmina in Rückblenden ihre Geschichte mit Nino. Schon als Kinder fanden sie beieinander Halt, bis das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen dazwischen kam und sie sich aus den Augen verloren. Ein Zufall führt sie gut zwanzig Jahre später wieder zueinander und gibt ihnen eine zweite Chance.

Doch beide sind von ihrer Vergangenheit geprägt, die sie ganz unterschiedlich auf die Welt blicken lässt. Seit Nino bei einem Unfall nur knapp dem Tod entkam, blickt er mit einem überschwänglichen Optimismus auf die Welt. Er hat sein Leben schon gelebt, alles nach dem Unfall ist ein Geschenk. Ganz anders Yasmina, die die hässliche Trennung ihrer Eltern nie richtig aufgearbeitet hat. Stattdessen hat sie als Politikberaterin Karriere gemacht und dabei alle Illusionen an eine gerechte und empathische Welt verloren.

Nino und Yasmina könnten unterschiedlicher kaum sein, aber Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Als Yasmina ein Kind erwartet, brechen alte Wunden wieder auf. Und beide müssen sich ihren Traumata stellen.

»A Sad and Beautiful World« ist ein Film, der in allen Zügen das Leben feiert, sich aber nie vor den wahrhaftigen und schmerzlichen Geschichten des Daseins drückt. Beides ist im Libanon nicht voneinander zu trennen, wie schon Lana Daher in ihrem filmischen Liebesbrief »Do You Love Me« erst kürzlich eindrucksvoll gezeigt hat.

Cyril Aris Spielfilmdebüt schließt an Dahers abwechslungsreichen Bilderbogen direkt an. Über drei Jahrzehnte spannt der Film einen erzählerischen Bogen, der mit einer umwerfenden visuellen Kraft von der Schönheit und Tragik des Lebens in einer aus den Fugen geratenen Welt erzählt.

Der Schmerz, der in den Geschichten der Figuren steckt, schwindet mit jeder Sekunde dieses Films, den Aris wie eine Collage aus unterschiedlichen Zeiten und Perspektiven zusammensetzt. An seine Stelle rückt die vage Hoffnung, dass sich die Menschlichkeit und Liebe auch in dieser krisenumwitterten Region durchsetzen könnte. Joe Saades Kamera wechselt dabei zwischen beobachtender Distanz und mitfühlender Nähe, zwischen Dokumentation und Intervention, so dass man als Zuschauer zwischen Betrachtung und Erschütterung schwankt.

Die (gesellschafts-)politischen Entwicklungen in der Region scheinen in »A Sad and Beautiful World« am Rand auf und dringen von dort in die Beziehung von Yasmina und Nino ein. Bei aller Verbundenheit müssen sich beide entscheiden, ob das, was sie sich in diesem Land aufgebaut haben, zum Bleiben reicht, oder ob eine lebenswerte Zukunft nur anderswo zu haben ist.