Christian Hansen ist einer der besten Übersetzer Deutschlands. Roberto Bolaño, Alan Pauls, Julio Cortázar und César Aira hat er ins Deutsche gebracht. Nun wird seine jüngste Aira-Übertragung mit dem Straelener Übersetzerpreis ausgezeichnet und damit endlich auch ein Werk, das seit Jahren preisverdächtig unter dem Radar der großen Übersetzerpreise flog. Der Straelener Förderpreis geht an Wiebke Stoldt, die verblüffend souverän einen portugiesischen Klassiker ins Deutsche gebracht hat.
Tom Clarke, die Hauptfigur in César Airas funkelndem Roman »Der Hase«, ist ein falscher Kolonialist. Als selbsternannter Schwager von Charles Darwin erkundet der schizophrene Indigene Mitte des 18. Jahrhunderts im Kostüm eines gelehrten Naturforschers der britischen Krone das noch weitgehend unbekannte Landesinnere Argentiniens. Sein Auftrag besteht darin, den »legibrerianischen Hasen« aufspüren.

Um dieses Wesen, das so verborgen ist, »dass man einmal um die Welt reisen muss, um es zu finden, und gleichzeitig so sichtbar, dass man es bloss suchen kommen muss, um es zu entdecken«, ranken sich in dieser schwindelerregenden Pseudo-Kolonialgeschichte einige Legenden. Eine handelt von einem Rammler, der nicht nur springen, sondern auch fliegen kann; eine andere von einer mächtigen Indigena, die auf der Suche nach ihrem Mann in den Anden einem zickzacklaufenden Hasen folgt; und in einer dritten Geschichte geht es um einen verschollenen blauen Diamanten, den ein jüdischer Amsterdamer Juwelier in Karnickelform gebracht hat.
Derlei Nebenerzählungen, in denen nichts so ist, wie es scheint, sind typisch für die surrealen Fiktionen des argentinischen Literaturnobelpreis-Kandidaten. In seinem Roman finden sich derart viele davon, dass es schwierig ist, eine eigentliche Handlung zu isolieren. Aber vielleicht soviel: »Der Hase« zeichnet Clarkes Expedition in die argentinische Pampa nach, bei der seine Begleiter bald eigene Missionen verfolgen. Gaucho Guana hält Ausschau nach seiner verwitweten Schwester und der junge Künstler Carlos Prior sucht ein schwangeres Indio-Mädchen. Auf ihrer Reise stoßen »die drei Weißen« auf mehrere Indio-Stämme, die permanent miteinander Kriege führen. Ihre Feldzüge dienen nicht dem Machtgewinn, sondern folgen auf einer transzendentalen Achse eher »magisch-politischen Gründen«, wie es in Christian Hansens betörend vieldeutiger Übersetzung heißt. Clarke wird schließlich zum Heeresführer in einem Kampf, der als »Krieg des Hasen« in das kollektive Gedächtnis eingehen wird.
Wenn Aira seine meist kurzen Fiktionen beschreiben soll, spricht er gern von »dadaistischen Märchen«, von denen man keine politischen, soziologischen, psychologischen, moralischen oder was auch immer für Ableitungen treffen kann. Das perfekte dadaistische Märchen, erläuterte er mir gegenüber vor Jahren, »existiert rein aufgrund des Vergnügens seiner Erfindung«. Man sollte also nicht eilfertig das, was man liest, für bare Münze nehmen. Denn Aira ist wie sein Landsmann Jorge Luis Borges ein Meister der Täuschung. Seine sympathischen, aber wenig zuverlässigen Erzähler verbiegen die Welt so lange, bis sie in ihrer surrealen Wirkung schon wieder echt sein könnte. Ob man das Magie oder surreale Poetik nennt, ist nahezu irrelevant, der Fantasie verleiht Aira jedenfalls wie kaum ein anderer Flügel.
Wie viele seiner Dada-Märchen spielt auch dieses mit dem Gedanken, die Literatur von ihren Konventionen und die Wörter von ihren Bedeutungen zu lösen. Deshalb ist der Hase kein Hase, der Engländer kein Tommy und »die Indianer« mehr als das Konstrukt, das mit dieser kolonialen Bezeichnung einhergeht.
Erzählerisch ähnelt der Roman einem Möbiusband, bei dem Innen und Außen identisch sind. Airas allwissender Erzähler ist Teil der quijotesken Rahmenhandlung und schwebt zugleich über ihr. Das Geschehen dehnt sich aus in einen fiktiven Raum, in dem auf Logik und Kausalität kein Verlass mehr ist. Wer der Geschichte wortwörtlich zu folgen versucht, wird sich in diesem Raum verirren wie Tom Clarke in der »Orografie des Auf und Ab« der argentinischen Steppe.
»Im Grunde diente alle Arbeit immer der Erzählung, die zu einer großen Wiederholung wurde. Die Indianer arbeiteten offenbar für das Knallauffall der Gegenwart, blieben aber dem Wohlwollen eines Erzählers unterworfen, damit ihr Handeln in Wirklichkeit existierte«.
César Aira: Der Hase
»Der Hase» kein historiographischer Roman, von dem man direkt etwas ableiten oder lernen könnte. Er ist eine Fantasie, und die hat bekanntlich Flügel. Aira, der seinem Werk stoisch jeden Tag eine Seite hinzufügt, kümmert sich nicht um politische Korrektheit oder historische Genauigkeit. Vielmehr spielt er mit den Bildern in unseren Köpfen. Der Roman führt die Klischees der Weißen über »die Indianer« ad absurdum, stellt dem Zivilisationsbruch der kolonialen Brutalität die sanfte Metaphysik der Ureinwohner gegenüber und schafft ein Märchenreich, in dem Hierarchien haltlos, Gewalt fruchtlos und Identitäten sinnlos sind.
Dass dieses Märchenreich nicht in sich zusammenfällt, ist auch der entschlossen aufs Glatteis führenden Übertragung von Christian Hansen zu verdanken. Seine offene und vieldeutige Übertragung folgt Airas verspielter Écriture Automatique, mit der der Argentinier seine Leser:innen immer wieder anspielungsreich aufs Eis führt. Das gelingt ihm auch hier, wenn er diese Free-Jazz-Prosa kunstvoll arrangiert und die Sprache wie mit Lego-Steinen setzt. So wirkt diese Welt wie ihn historischen Stein gemeißelt, man meint sich durch die Wirklichkeit zu bewegen. Hansen ist der kongeniale Sparringspartner, um Airas Welten verschiebende Prosa in ein doppelbödiges Deutsch zu überführen.
Dafür erhält der bislang viel zu wenig ausgezeichnete Christian Hansen nun endlich einen großen Preis, den mit 25.000 Euro dotierten Straelener Übersetzerpreis des Europäischen Übersetzer Kollegiums in Straelen. In der Jury-Begründung heißt es:
»César Airas Prosawerk ›Der Hase‹ stellt höchste Anforderungen an den Übersetzer. Christian Hansen begegnet ihnen mit Lässigkeit und unbändiger Lust am Spiel. Seine Übertragung bewahrt die Lakonie des Originals, dessen Schärfe und feinen Humor, ist aber nie nur nachahmend, sondern an jedem Punkt sprühend erfinderisch. […] Seine Expertise und Leidenschaft haben maßgeblich dazu beigetragen, die ästhetische Vielfalt der hispanoamerikanischen Literatur für ein deutschsprachiges Publikum erfahrbar zu machen: eine Horizonterweiterung, für die ihm nicht genug zu danken ist.«
Begründung der Jury des Straelener Übersetzerpreises
Übersetzungen von Christian Hansen




















Überhaupt hat sich Christian Hansen längst als Gigant unter den Übersetzenden etabliert, wenngleich sein Werk vollkommen unterpreist ist. Seine meisterhafte Übersetzung von Roberto Bolaños Opus Magnum »2666« musste sich 2010 beim Preis der Leipziger Buchmesse Ulrich Blumenbachs wahnwitziger Übertragung von David Foster Wallace postpostmodernem Irrsinn »Unendlicher Spaß« geschlagen geben. Das hat ihn keineswegs davon abgehalten, die Lücken in der deutschen Werkausgabe des großen Chilenen formidabel zu schließen.
Alan Pauls ist ein weiterer der großen lateinamerikanischen Gegenwartsautoren, den Hansen für den deutschsprachigen Markt erschlossen hat. Nach der ebenso packenden wie bedrückenden Erzählung der epischen Liebe zweier Menschen in »Die Vergangenheit« hat er Pauls argentinische Historias-Trilogie über die turbulentesten Jahre der argentinischen Geschichte souverän übertragen. In drei voneinander unabhängigen Geschichten erzählt Pauls von Menschen, die in äußerst schwierigen Verhältnissen ums Überleben kämpfen. Die »Geschichte der Tränen« ist eine Sammlung der dem jungen Erzähler anvertrauten Leidensberichte, die eine Geschichte der Schmerzen und Traumata eines Landes bilden. In der »Geschichte der Haare« sind es der Traum von ewiger Jugend und eine Perücke, die mitten in die Militärdiktatur Argentiniens führen. Und die »Geschichte des Geldes« wirkt in seiner schonungslosen Kapitalismus- und Neoliberalismuskritik wie eine Zeitmaschine, die direkt in die argentinische Gegenwart führt.
Hansen hat mit seinen Übertragungen die Literatur Lateinamerikas erschlossen. Seine ebenso verspielten wie souverän gesetzten Übersetzungen der Kurzromane des Literaturnobelpreisanwärters César Aira sind von bahnbrechender Kraft. Eine Auszeichnung seines Werkes war überfällig, die Jury für den mit 25.000 Euro dotierten Straelener Übersetzerpreis hat dies erkannt. Sie zeichnet seine Übersetzung von Airas frühem Roman »Der Hase« und das dahinter liegende übersetzerische Gesamtwerk aus, das durch jede Zeile dieses Romans schimmert.

Mit dem Straelener Förderpreis wird Wiebke Stoldt ausgezeichnet, deren Erstübersetzung von Maria Judite de Carvalhos feministischem Klassiker »Leere Schränke« die Jury überzeugt hat. Stoldt hat mit ihrer Übertragung ein Werk von Portugals wichtigster Autorin im 20. Jahrhundert erschlossen. Es ist ihre erste Übersetzung überhaupt, was man dem Text an keiner Stelle anmerkt. Die deutsche Fassung ist von einer umwerfenden Souveränität, was angesichts dieses leisen Textes allein eine Leistung ist. An keiner Stelle erliegt Stoldt der Versuchung, der leisen Kraft dieses Romans sprachlichen Nachdruck zu verleihen. Diese Zurückhaltung, gepaart mit sprachlicher Genauigkeit in den verschiedenen Tonlagen, ist erstaunlich für eine Erstübersetzung.
Der Roman erzählt die Geschichte der Witwe Dora Rosário, die sich nach dem Tod ihres Mannes Duarte »in der plötzlich unübersehbaren Wüste ihres Lebens« wiederfand. In ihrer alles ergreifenden Trauer gab sie ihre siebenjährige Tochter in die Obhut ihrer unversöhnlichen Schwiegermutter. Die eröffnet ihr Jahre später, dass Duarte sie eigentlich habe verlassen wollen. Enttäuscht legt Rosa ihre Trauer ab und wendet sich dem Leben. Sie beginnt in einem Antiquitätenladen zu arbeiten und lernt dort den vermögenden Ernesto kennen. Als der sie darum bittet, sein Ferienhaus einzurichten, scheint das Schicksal eine Wendung zu nehmen. Aber das Leben ist unbarmherzig und kompliziert.

Wiebke Stoldt lässt diesen Roman der wichtigsten portugiesischen Autorin des 20. Jahrhunderts in seinen verschiedenen Tonlagen schweben. Die Lektüre ihrer ebenso sinnlichen wie präzisen Übertragung ist literarischer Hochgenuss. Das hat auch die Straelener Jury so gesehen und ihr den mit 5.000 Euro dotierten Förderpreis zugesprochen.
»Wiebke Stoldt legt mit ihrer Übertragung des Romans ›Leere Schränke‹ ein in jeder Hinsicht eindrucksvolles Debüt vor, verlangt doch die Übersetzung dieses leisen Textes Schöpfungstiefe und Sich-Zurücknehmen zugleich. Dieser Spagat ist Wiebke Stoldt überzeugend gelungen.«
Begründung der Jury des Straelener Übersetzerpreises
Als der Roman 1966 erschien, stand Portugal unter der Salazar-Diktatur. Die meisten Männer waren abwesend oder handlungsunfähig, Frauen blieben dennoch auf ihre Rollen als Mutter, Tochter, Ehefrau oder Geliebte beschränkt. Maria Judite de Carvalho entwirft in ihrem minimalistischen Roman mit wenigen scharf konturierten Strichen ihre Figuren. Sie zeichnet ein markantes Porträt einer gnadenlosen Zeit, in der die Frauen auf sich selbst gestellt waren. Einiges in dieser dichten Prosa erinnert an Clarice Lispector, der virtuose Einsatz von Takt und Rhythmus, die unterschwellige Schärfe und melancholische Heiterkeit, vor allem aber die unerschütterliche Kraft einer Frau, die sich den Verhältnissen, in denen sie lebt, nicht unterordnet.

