Autor: Thomas Hummitzsch

»Hier« gewinnt Hauptpreis in Angoulême

Europas wichtigste Comicpreise sind am Samstagabend vergeben worden. Als Album des Jahres wurde Richard McGuires »Hier« ausgezeichnet, es krönt einen starken nordamerikanischen Auftritt beim diesjährigen Festival. Nach dem Eklat rund um die Nominierungen für den Großen Preis von Angoulême und der #WomenDoBD-Initiative fiel allerdings auch die Vergabe der Preise aus der offiziellen Auswahl männlich aus.

Die letzte Ausfahrt vor der Verantwortung

Ann hat nicht nur ihren Mann, sondern auch den Kontakt zum Leben verloren. Sie macht sich auf die Suche nach sich selbst und begegnet dabei einem Pariser Kommissar, der vor seiner Beförderung davon- und seinem wahren Ich entgegenläuft. Was es heißt, das Leben in die Hand zu nehmen und welche Kapriolen es dann schlägt, davon erzählt der Berliner Autorin Katerina Poladjan in ihrem Roman »Vielleicht Marseille«. Ein Gespräch über die innere Heimat, Selbstverlust und Selbstermächtigung und über das Bedürfnis, an die Hand genommen zu werden.

Das Leben, nur ein Windstoß

Anthony Doerr ist einer der größten Erzähler Amerikas. Für »Alles Licht, das wir nicht sehen« erhielt er im vergangenen Jahr den Pulitzerpreis für Literatur. Der Roman ist zweifellos eines der eindrucksvollsten und berührendsten Bücher, das vom Kampf ums Überleben und der Unmenschlichkeit des Krieges erzählt. Seine Besprechung bildet den Auftakt einer Doppel-Kritik-Reihe, deren Gegenstück von Sabine Blackmore auf dem Blog Litdocs erschienen ist.

Ein selbstherrlicher Blick zurück

Was hat das Genre des »Graphic Memoir« nicht schon an kunstvollen Werken hervorgebracht? Marjane Satrapis »Persepolis«, Alison Bechdels »Fun Home«, David B.s »L’Ascenscion du Haut Mal«, David Smalls »Stitches«, Mimi Ponds »Over Easy«, Harvey Pekars »American Splendor« oder Art Spiegelmans »Mouse« sind nur einige der besten Beispiele. Nun erscheint mit »Amazing, Fantastic, Incredible. A Marvelous Memoir« ein überaus zweifelhaftes Biopic, in dem Comic-Ikone Stanley Martin Lieber alias Stan Lee auf seine Jahre bei Marvel Comics zurückblickt.

Berliner Literatur(t)räume

Das Literaturjahr 2015 hat gezeigt, dass Berliner Autoren erfolgreicher schreiben, als die Hauptstadtclubs Fußball spielen. Ob das Literaturjahr 2016 mithalten kann, bleibt abzuwarten, aber es gibt einiges, worauf man sich freuen kann. Das Schöne daran: der besonderen Provinzialität von Berlin wird schreibend definitiv ein Ende gemacht wird.

#WomenDoBD oder: Realitätsverweigerung in Angoulême

Gut drei Wochen, bevor das Internationale Comicfestival in Angoulême seine Tore öffnet, hat es seinen großen Skandal. Als die Festivalleitung zu Wochenbeginn die Nominierungsliste für den Großen Preis von Angoulême herausgab, befanden sich unter den 30 genannten Comickünstlern ausschließlich männliche Comicschaffende. Nachdem ein Drittel der Nominierten um Streichung von der Liste bat und Comickünstlerinnen Sturm liefen, will das Festival nun nachbessern. Der Schaden ist dennoch immens.

Totgeglaubte leben länger

Leonardo DiCaprio kämpft sich in Alejandro González Iñárritus »The Revenant – Der Rückkehrer« als schwerverletzter »lonesome cowboy« durch die Rocky Mountains. Der bislang härteste Film des amerikanischen Schauspielers ist zugleich der schwächste des mexikanischen Regisseurs.

Der Zeichner als Reporter

Mit dem Aufschwung der Neunten Kunst ist ein totgeglaubtes Subgenre wiederbelebt worden, dass den herkömmlichen Journalismus herausfordert. Gemeint ist der »Comic Journalism«, der meist in Form der visuellen Reportage daherkommt. Wenn »Zeichner als Reporter« aktiv sind, kann viel passieren, wie ein Blick auf verschiedene Arbeiten zeigt.

Materialsammlung aus V.M.Strakas Roman »Das Schiff des Theseus« | Foto: Thomas Hummitzsch

Die Sirenen am Seitenrand

J. J. Abrams und Dough Dorst präsentieren mit »S. – Das Schiff des Theseus« klassische Odyssee, Detektivgeschichte und literarische Verschwörungstheorie in einem. Ihr haptisches Werk ist das Meta-Buch des Jahres, das wie kein anderes vorführt, wo die Grenzen des eBooks liegen.

Museumsführung mit Han Solo

Mit »Lost« und »Felicity« hat J.J. Abrams zwei der erfolgreichsten Serienhits der vergangenen Jahre geschrieben. Nun hat er George Lucas Sternenkriegssaga fortgeschrieben. »Star Wars. Das Erwachen der Macht« ist ein solider Han-Solo-Retro-Film, der dank einer gigantischen Werbemaschine sein Geld bereits eingespielt hat. Cineastisch ist er eher eine Enttäuschung, bei den Nominierungen für die Golden Globes 2016 ist er entsprechend leer ausgegangen.

Comicpreise in Angoulême: Deutsche Verlage dürfen hoffen

Die Nominierungen für Europas wichtigsten Comicpreis sind raus. Unter den Ausgewählten, die sich am 31. Januar Hoffnungen auf eine der Trophäen beim Comicfestival im französischen Angoulême machen können, sind zahlreiche Künstler, die in Deutschland verlegt werden. Der Berliner Zeichner Jakob Hinrichs ist der einzige Deutsche unter den nominierten Comickünstlern.

Ein akademisches Wüstenschiff

Nur wenige der Projekte des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer wurden außerhalb seines Heimatlandes verwirklicht. Die Universität von Algiers ist eines dieser Ausnahmeprojekte. Der Berliner Fotograf Andreas Rost hat den Campus in stechend scharfen Aufnahmen eingefangen und ein nahezu vergessenes Werk Niemeyers dokumentiert.

Eine verschrobene Gesellschaft

Was haben die wohlschmeckenden Filets der Fleischergesellen Svend und Bjarne, die wurmzerfressenen Äpfel des gutgläubigen Pfarrers Ivan und die hasenschartigen Mischwesen fünf schräger Halbbrüder gemeinsam? Es sind skurrile Kopfgeburten des dänischen Kultregisseurs Anders Thomas Jensen, dessen düster-kongeniale Komödien zu den besten des europäischen Kinos gehören.