Die Last des Kriegers

Jacques Audiard | © Weltkino

Sie fliehen vor dem einen Krieg und finden sich in einem wieder. Jacques Audiard erzählt in seinem ausgezeichneten Sozialdrama »Dämonen und Wunder« vom Kampf um Anstand und Würde.

Jacques Audiards in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnetes Drama Deephan – Dämonen und Wunder setzt langsam, aber wirkungsvoll ein. Wir sehen den Titelhelden Deephan (Jesuthasan Antonythasan), wie er, gekleidet in die Uniform der tamilischen Rebellen, einen Leichenberg mit Opfern der Regierungstruppen Sri Lankas in Brand steckt. Unter den Opfern sind mutmaßlich auch seine Frau und sein Kind. Als nur noch ein verkohlter Schädel aus dem Ascheberg hervorragt, wirft er seine Uniform in die Glut und geht davon.

Das nächste Bild zeigt, wie die junge Yalini (Kalieaswari Srinivasan) auf der Suche nach einem Kind durch ein Flüchtlingslager hetzt. Sie sucht, entgegen der ersten Annahme, nicht ihr Kind, sondern irgendeines. Denn die Chancen, das Bürgerkriegsland als Asylantin zu verlassen, sind für Familien größer als für Alleinstehende. Sie wird das Waisenmädchen Illayaal (Claudine Vinasithamby) an sich nehmen, um mit ihr und Dheepan als Scheinfamilie ihre Heimat zu verlassen.

Wie schon bei dem 2009 in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichneten Gefängnisdrama Ein Prophet oder bei Der Geschmack von Rost und Knochen führt Audiard bereits in der Anfangsszene das Motiv vor, dass sich durch seinen Film ziehen wird. Es ist der Kampf, in dem sich der Mensch als Krieger zu behaupten hat und in dem die alten Regeln nichts mehr wert sind.

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Jacques Audiard | © Weltkino

Dheepan, Yalini und Illayaal gehören nicht zusammen, aber haben doch nur gemeinsam eine Chance. Es verschlägt sie in eine heruntergekommene Plattenbausiedlung in einer anonymen Pariser Vorstadt, in der marodierende Jugendbanden regieren und der Drogenhandel blüht. Die Hoffnungen, mit denen sich die drei auf den Weg in ein besseres Leben gemacht haben, sind auf der Strecke geblieben – das führt das Schicksal dieser drei Flüchtlinge nicht nur nah an das derjenigen heran, die es in den vergangenen Monaten allen Widrigkeiten zum Trotz nach Europa geschafft haben, sondern auch zu jenen, die vor Jahren in die Problemviertel und Trabantenstädte der europäischen Metropolen abgeschoben wurden, um den verklärten Blick des Wohlstands nicht zu stören.

Wie in Danis Tanovićs 2013 mit dem Silbernen Bären ausgezeichneten Roma-Drama An Episode in the Life of an Iron Picker folgt die Kamera von Éponine Momenceau dem Blick der drei Flüchtlinge. Er ist auf die verwüstete Wirklichkeit gerichtet ist, in der sie sich wiederfinden. Momenceau folgt der Flüchtlingsfamilie auf ihrer Odyssee durch diese dystopische Landschaft, die dem Krieg, dem sie entflohen sind, in keinem Punkt ähnelt und dennoch immer wieder auf ihn verweist. Der Krieg, der hier tobt, ist ein anderer, die Mittel, auf die dabei zurückgegriffen wird, sind aber gleich. Deshalb fällt es dem ehemaligen Freiheitskämpfer Dheepan schwer, die Zustände in dieser Erste-Welt-Warzone zu ignorieren. Denn Bandenchef Brahim (Vincent Rottier) will vor seiner Haustür seinen Geschäften nachgehen. Der ehemalige Krieger Deephan nutzt seine neue Rolle als Hausmeister und beginnt, die von Brahim aus den Angeln gehobene Welt instand z setzen. Alles läuft auf ein Fiasko zu.

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Jacques Audiard | © Weltkino

Dass die verzweifelte Illayaal ihr Kriegstrauma den Notwendigkeiten und Erfordernissen unterordnen und zugleich ihre zwei Hilfseltern zusammenhalten muss, während die resolute Yalini ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben nicht aufgeben möchte, eröffnet ein weiteres Kampffeld im Privaten. Auf diesem werden Deephan aber die Grenzen aufgezeigt, denn hier wird mit anderen Waffen gekämpft als denen, die er kennt.

Dämonen und Wunder lebt ganz vom Schauspiel der drei Hauptcharaktere. Ihre sichtbare Andersartigkeit steigert die Wirkung der an sich schon feindlichen Umgebung der Banlieue und treibt die Konfrontation auf die Spitze. Vor allem ihre innere Entwicklung vom schutzsuchenden Flüchtling zu Individuen, die ihre Würde nicht den widrigen Bedingungen unterzuordnen bereit sind und ihr Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen, verkörpern sie eindrucksvoll.

Yalini, die vermeintliche Tochter des Freiheitskämpfers, muss in der Schule Jacques Préverts Zeilen von Dämonen und Wunder (im Original Sables mouvants) lernen. Ihre Ersatzmutter wird mit Vehemenz darauf achten, dass sie diesem Bildungsauftrag nachkommt, so seltsam er für das Mädchen, dass seit dem Krieg ganz andere Dämonen kennt, auch erscheinen mag. Und so wie Préverts Gedicht von der Liebe handelt, ist im Zentrum von Audiards Drama auch eine Liebesgeschichte verankert, die immer wieder von den Dämonen der Vergangenheit und der Gewalt der Gegenwart bedroht wird. Wie das Wunder Familie dennoch besteht, davon erzählt dieser eindringliche Film.

DaemonenUndWunderDheepan_PlakatJacques Audiard: Dämonen und Wunder – Dheepan

Mit Jesuthasan Antonythasan, Kalieaswari Srinivasan, Claudine Vinasithamby und Vincent Rottiers

FSK: 16 Jahre

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