Generation der verlorenen Seelen

X-Verleih (Warner)

Henri Steinmetz wagt in »Uns geht es gut« viel und scheitert zum Teil grandios. Darin führt der vielversprechendste deutsche Nachwuchsschauspieler Franz Rogowski als Mephisto eine Gang verwöhnter Gören an, die in einer künstlichen Gegenwart alles zur hedonistischen Spielerei macht.

»We are young, we are strong, we’re not looking for where we belong« heißt es in Kick Ass, dem Titelsong des britischen Sängers Mika zum gleichnamigen Film. Jung, stark und selbstverliebt sind auch die fünf Antihelden in Henri Steinmetz’ Langfilmdebüt Uns geht es gut. Sie irren illusions- und ziellos durch eine anonyme Gegenwart, die sie dominieren, weil sie nichts darin zu halten scheint. Ob Barmann, Botox-Dealer oder ein rüstiger Rentner – niemand kann ihnen Grenzen aufzeigen, weil sie keine Grenzen kennen. Tubbie, Tim, Marie, Jojo und Birdie sind ein Abbild der verwöhnten Großstadtjugend, die von der eigenen Sorglosigkeit angeödet nach Sinn im Leben sucht.

Vor zehn Jahren ging die Jugend im deutschen Kino noch auf die Barrikaden. Doch wo Daniel Brühl, Julia Jentsch und Stipe Erceg in Hans Weingartners Die fetten Jahre sind vorbei (wir hatten zuletzt Weingartners Die Summe meiner einzelnen Teile besprochen) dem Reichtum noch in den Allerwertesten traten, wälzen sich Franz Rogowski und Co. in der Attitüde der verwöhnten Gören. Zehn Jahre später fehlt dieser Generation das politische Bewusstsein, das Weingartners Helden zum Aufstand motivierte. Steinmetz gibt keinen Anlass, zu vermuten, dass sich irgendein gesellschaftliches Bewusstsein bei seinen desillusionierten Antihelden noch einstellen wird, weshalb ihr Aufbegehren nur ein künstlicher Sturm im Wasserglas bleibt.

Er lässt seine fünf Kindsköpfe aufgekratzt durch eine inszenierte Wirklichkeit wandeln, in der alles aufgesetzt ist. In sieben kammerspielartigen Szenen erzählt dieser überzeichnete Sommernachts(alb)traum von der Suche nach Halt und Mäßigung in einer maßlos gewordenen Welt. Er beginnt in einem verschlafenen Märchenschloss, führt durch Edelrestaurants, Undergroundclubs, Zockerhöllen und Luxusvillen, um in einer verschlafenen Nebellandschaft auszulaufen. Alles hier ist Kunst, Botox ist die Droge, die in dieser bizarren Welt Anerkennung und Akzeptanz verspricht.

In ihrer Verlorenheit bilden die fünf Hipsterkinder eine vertraute Ersatzfamilie, angeführt von dem großartigen Franz Rogowski, der in Jakob Lass’ Love Steaks seinen Durchbruch feierte und zuletzt in Sebastian Schippers genialer One-Shot-Berlin-Studie Victoria überzeugte. In der mephistophelischen Rolle des Tubbie zeigt er sich einmal mehr als Deutschlands aufregendster Nachwuchsschauspieler, der mit Mimik und Gestik, mit Stimmmodulation und eindringlichen Blicken ganze Welten erschaffen und zum Einsturz bringen kann. Tubbies Stärke besteht darin, andere bloßzustellen und vorzuführen, seine Schwäche ist die Einsamkeit, die er nicht erträgt. Deshalb liegt im soviel an Marie, einer Lolita, wie sie Vladimir Nabokov und Jack Kerouac nicht besser hätten beschreiben können, die neugierig mit ihren Reizen lockt, um den Schönling Tim (Jonas Dassler) zu beeindrucken. Maresi Riegner gibt dieser lasziven Kindfrau eine magische Aura, die bei aller Anziehungskraft noch einen Rest kindlicher Tolpatschigkeit erahnen lässt. Der Intellektuelle Jojo (Emanuel Schiller) und Tubbies kleiner Bruder Birdie (Jordan Elliot Dwyer) vervollständigen die lethargische Wohlstandsgang.

Ihre Gleichgültigkeit gegenüber der Welt macht sie vordergründig unverletzbar, in ihnen brodelt aber der Schmerz. Dessen Ausmaß kann man nur ahnen, wenn die fünf Hipsterkinder wie in der Eröffnungssequenz aufeinander losgehen. Dort werden sie aufeinander einschlagend bei einer Art klassischem Ringkampf gezeigt, der in einer barocken Aufnahme ihrer ineinander verschlungenen, halbnackten Körper endet. Gewalt und Zärtlichkeit, Hass und Liebe, Abscheu und Zuneigung – all das prallt frontal aufeinander und wird in dieser Aufnahme metaphorisch zusammengeführt. Seinen Höhepunkt erreicht dieser Zwiespalt nach einer Stunde, als Tubbie einen Rentner verprügelt und ihn anschließend verzweifelt küsst. Es ist das Bild einer auf die alte Gesellschaft einprügelnden Jugend, die hasst, was da ist, und sich zugleich danach zurücksehnt, weil es mehr ist als das Nichts, mit dem sie lebt.

Man merkt diesem Film die Handschrift von Michael Haneke an, bei dem Henri Steinmetz in die Lehre ging. Doch wo Haneke – etwa in Amour – das Kammerspiel zur Spiegelung von Einsamkeit und räumlicher Enge nutzt, verharrt Uns geht es gut in Kunst um der Kunst Willen. Es bleibt Theater vor der Kamera, ein hedonistischer Maskenball der besonderen Art, der Wirklichkeit immer nur spielt und niemals zeigt. So bleibt eine befremdliche Distanz zwischen den Akteuren auf der Leinwand und dem Kinopublikum. Deshalb ist Steinmetz erster Langfilm zwar beeindruckend opulent und kunstvoll, aber immer wieder auch schrecklich künstlich und leer.

Am Ende heißt es »Uns geht’s allen gut.« »Viel zu gut«, möchte man antworten. Doch schon kommt die Stimme aus dem Nebel, die sagt »Dann können wir ja jetzt gehen.« Ja, es wird Zeit, dass sich diese verwöhnten Gören auf den Weg machen. Denn vollkommen aus der Luft gegriffen ist das, was wir hier sehen, aller Künstlichkeit zum Trotze, nicht.

UGEG_140x200Henri Steinmetz: Uns geht es gut

Mit Franz Rogowski, Maresi Riegner, Jonas Dassler, Emanuel Schiller, Jordan Elliot Dwyer

93 Minuten. FSK: k.A.