Die Wundertüte der Literatur

Übersetzertitel

Ein Mammutwerk ist Die Tutoren von Bora Ćosić, entstanden in den siebziger Jahren und Jahrzehnte auf eine Übersetzung wartend. Dieser hat sich Brigitte Döbert angenommen, in jahrelanger Sysiphosarbeit hat sie sich dem Sprachungetüm des bosnischen Autoren gewidmet. Der Roman ist in dem großen Gesamtwerk mit über 30 Büchern zweifellos das Opus Magnum, ein sprachgewaltiges, vielstimmiges Werk, das der Autor an anderer Stelle bereits als »Fest des Oralen« bezeichnet hat. Er beginnt mit einer Art Enzyklopädie des Popen Theodor Uskoković, der eine Inventur des Weltlichen im Historischen durchführt, um die übervolle Welt, die ihn umgibt, greifbar zu machen. Der Roman weitet sich dann zu einer Familiengeschichte der Uskokovićs in fünf Büchern, in denen jeweils die fünf Tutoren Theodor, Katharina, Laura, Lazar und Bora Cosić ihre Sicht auf die Welt in ihrer jeweiligen Zeit präsentieren. Darin wenden sich die Erzählenden übergeordneten Motiven zu – Keim, Heim, Welt, Spiel, Werk – spiegeln den Blick, den sie auf die Welt und was sie im innersten zusammenhält werfen.

Bora Ćosić: Die Tutoren. Aus dem Serbischen von Brigitte Döbert. Verlag Schöffling & Co 2015. 792 Seiten. 39,95 Euro.

Bora Ćosić: Die Tutoren. Aus dem Serbischen von Brigitte Döbert. Verlag Schöffling & Co 2015. 792 Seiten. 39,95 Euro.

»Gottes Sprache ist das eine, und wie das Volk redet, das andere«, heißt es in Roman – ein Satz, der die Herausforderung der Übersetzung nicht einmal ansatzweise greifbar macht. Denn Döbert hatte es nicht mit zwei Sprachen oder Sprechweisen zu tun, sondern mit unzähligen. Ćosićs Roman ist ein Fest der Sprache, ein Feuerwerk der Stile – er spielt in einer Liga mit den Werken von James Joyce, Thomas Mann und François Rabelais.

Von Dichtung über Volksspiel bis hin zur behördlichen Aufzählung, das alles noch einmal gebrochen im Spiegel von Ironie und Spott der jeweiligen Zeit – all das galt es in der Übersetzung zu treffen. Cosićs bosnischer Verleger Milos Stambolic schrieb über den Roman, dass es von der ersten bis zur letzten Seiten keine einzige mit normaler Prosa gebe. Und tatsächlich, der Autor spielt vergnügt wie ein Kind, aber niemals unbedacht auf allen Ebenen der Sprache, schert sich nicht um klassische Wortbildung oder Wortbedeutung, wirbelt die Grammatik durcheinander und spielt mit den verschiedenen Jargons – von der religiösen Poesie bis hin zum technokratischen Amtssprech. »Unübersetzbar« hieß es jahrelang. Döbert beweist das Gegenteil.

Sich diesem sprachlichen Vielerlei zu stellen erscheint allein schon kühn. Wie Döbert dies aber macht, wie sie Lösungen für die unzähligen Herausforderungen findet, ist tatsächlich einfach nur grandios. Exemplarisch sei eine Passage herausgegriffen, in der Ćosić den Kanon der eintausend wichtigsten Liebesromane persifliert. Da ist in der Übertragung vom »Gilgulasch«-Epos die Rede, dem »Leiden der jungen Wörter«, vom »Schatten junger Mädchengrüße« und »David Stoppelfeld«. Hier verneigte sich selbst der Autor vor seiner Übersetzerin, da seine Passage die literarischen Anspielungen mit lokalen Verweisen vesehen hat, die in Deutschland wegen der fehlenden Kenntnis der Referenzen niemand verstanden hätte. Döbert hat also nicht nur übersetzerisch fulminante Arbeit geleistet, sondern dabei auch ein hohes Maß an Kreativität walten lassen, wofür sie gerade mit dem Straelener Übersetzerpreis ausgezeichnet wurde. Auch wenn sie übersetzerisch den mutmaßlich anspruchsvollsten Titel unter den Nominierungen beigetragen hat, wäre eine weitere Auszeichnung zwar verdient, aber sehr überraschend.

Ein Gedanke zu “Die Wundertüte der Literatur

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