Film

Der letzte Hexentanz

Luca Guadagnino lässt in seiner Neuverfilmung von Dario Argentos Horrorklassiker »Suspiria« mitten im Deutschen Herbst junge Mädchen für einen Hexenzirkel tanzen.

Studenten fordern auf Berlins Straßen lautstark die Freilassung von Andreas Baader und Gudrun Ensslin, als eine junge aufgewühlte Frau panisch die Praxis ihres Psychiaters aufsucht. In der Wohnung von Dr. Josef Klemperer faselt sie etwas von Hexen und davon, dass in der Tanzschule, die sie besucht, mehr ist, als man mit dem bloßen Auge sehen könne. Es ist das letzte Mal, dass Patricia (Chloë Grace Moretz) bei ihrem Psychiater – nur eine von drei Rollen, die Tilda Swinton in diesem Film ausfüllt – auftaucht.

In der »Markos Dance Academy« taucht kurz darauf die junge Amerikanerin Susie Bannion (Dakota Johnson) auf. Sie ist vor ihrer ultrareligiösen Familie in Ohio geflohen, die Teil einer Amish-Gemeinschaft ist. Das lassen zumindest Susies immer wieder aufkeimende Kindheitserinnerungen vermuten. Die junge Tänzerin zieht nach bestandener Aufnahmeprüfung in das Zimmer ein, in dem bis vor wenigen Tagen noch die verschollene Patricia gewohnt hat. Deren beste Freundin Sara (Mia Goth) soll sich um Susie kümmern, aber die geht schnell eigene Wege. Denn sie gewinnt die Gunst der renommierten Choreografin Madame Blanc – ebenfalls gespielt von Tilda Swinton –, indem sie sofort Verantwortung für die nächste Aufführung des Ensembles übernimmt. Zugleich spürt sie aber, dass etwas in dieser Schule nicht stimmt. Sie wendet sich an Blanc, zu der sie sich magisch hingezogen fühlt. Dabei könnten die beiden Frauen unterschiedlicher kaum sein: hier die unnahbar androgyne Choreografin, da die Wärme suchende, sinnliche Studentin.

Dakota Johnson als Susie Bannion | © Capelight Pictures

Aus dieser Spannung könnte man etwas machen, der italienische Regisseur Luca Guadagnino (»A Bigger Splash«, »Call Me By Your Name«) entscheidet sich in seiner Nachempfindung von Dario Argentos Horrorklassiker jedoch lieber für zahlreiche Nebenerzählungen, die seinem Film eine historische Tiefe verleihen sollen. Es bleibt eher bei deren Behauptung, als dass diese Tiefe eingelöst wird, denn die unterschiedlichen Narrative bleiben als lose, wenngleich nicht uninteressante Handlungsfäden nebeneinander liegen.

Zum einen Susies unscharfe Kindheitserinnerungen, die sie immer wieder an das Krankenbett ihrer sterbenden Mutter führen. Stehen sie in Verbindung mit den seltsamen Geschehnissen in der Tanzschule? Dann ist da die Geschichte des geheimnisvollen Psychiaters Klemperer, der im Ostteil des geteilten Berlins eine Datsche besitzt, wo er regelmäßig um seine verschollene Ehefrau Anke trauert. Steht ihr Schicksal mit Patricias plötzlichem Verschwinden in Verbindung? Nicht zuletzt liegt der Deutsche Herbst wie eine permanente Drohkulisse über diesem Film, ohne ihm damit aber eine klare Richtung zu geben. Die zahlreichen historischen Andeutungen – auf Nazideutschland, die geteilte Nachkriegsrealität und die angespannte innenpolitische Situation – wirken künstlich aufgesetzt und lenken von der Bedrohung in der Tanzschule ab.

Denn dort treibt eine finstere Hexe (Tilda Swintons dritte Rolle) ihr Unwesen, wie man aus dem Original (das seit etwas mehr als einem Jahr restauriert in einer spektakulären 4k-Fassung vorliegt) von 1977 weiß. Ist Guadagninos zeitgeschichtliche Verortung vielleicht nur eine versteckte Hommage an das Original, das während des Deutschen Herbsts in die Kinos kam? Eher nicht, vielmehr scheint es ihm um die Unmöglichkeit der Überwindung des Bösen zu gehen. »Warum denken immer alle, dass das Schlimmste schon vorbei ist?«, fragt sich Susie im Film.

Tilda Swinton als Madame Blanc | © Capelight Pictures

Dario Argento mied diese philosophische Dimension, ihm ging es ganz im Sinne des Subgenres Giallo um den maximalen Thrill. Die Geschichte des Originals ist deutlich eindimensionaler, fast banal. Sie handelt von einer jungen Amerikanerin, die an einer renommierten Tanzschule in Freiburg mit den Machenschaften eines Hexenzirkels konfrontiert ist. Argento ging es jedoch nicht um die Erzählung, sondern um die Ästhetik. Sein »Suspiria« ist ein expressionistisch-popkulturelles Meisterwerk. Die von strahlendem Rot, grellem Gelb und sattem Grün dominierten Bilder geben seiner Erzählung etwas Märchenhaftes. Kombiniert mit dem Score der Progressive-Rock-Band Goblin ist dieser Film ein Sinnesrausch. Wie ein Trip auf LSD.

Luca Guadagnino: Suspiria. Mit Dakota Johnson, Tilda Swinton, Angela Winkler. Capelight Pictures. Hier bestellen

Guadagninos »Suspiria«-Fassung ist düster, über allem liegt der dunkle Schatten der deutschen Kriegs- und Nachkriegsgeschichte, unter die er diese Erzählung stellt. Statt auf Ästhetik setzt er auf eine verwickelte Handlung, die er in einem surrealistischen Exorzismus gipfeln lässt. In einer Art dämonischem Opferfest stößt Mutter Suspiriorum alias Helena Markos ihren letzten Seufzer aus.

Es ist sicher auch kein Zufall, dass die Mitglieder des Hexenzirkels um Madame Blanc (auch im englischen Original) Deutsch sprechen und es eine Amerikanerin ist, die ihrem Treiben ein Ende macht. Was man auch immer von dieser Art der Politisierung halten soll, der wahre Horror findet gerade ohnehin in der Wirklichkeit statt.

1 Kommentare

  1. […] schon in seiner oscarnominierten Literaturverfilmung »Call My By Your Name« und seiner Neuverfilmung des Horrorklassikers »Suspiria« geht der italienische Regisseur nah an seine Figuren heran. Im Laufe der vierteiligen Serie rücken […]

Kommentare sind geschlossen.