Zu einem gelingenden gesellschaftlichen Leben gehört die Frage, inwieweit sich Gesellschaften sich gegen ein Übergreifen dieser ökonomischen Kälte schützen können. Der deutsche Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe zerstörte 2019 in seinem Opus Magnum »Das kalte Herz« die Mythen des heilbringenden Kapitalismus. Michael Knoll legt eine Re-Lektüre dieser eindrucksvollen Geschichte des Kapitalismus dringend ans Herz.
In seinem Märchen »Das kalte Herz« schildert Wilhelm Hauff die Geschichte vom teuflischen Holländer Michel, an den der arme Köhler Peter Munk sein Herz verkauft. Nur dank des hilfreichen Glasmännleins erhält Peter sein Herz zurück, lebt noch lange Zeit als glücklicher, aber bescheidener und angesehener Köhler in seiner Heimat Schwarzwald. »Das kalte Herz« ist mehr als nur ein romantisches Märchen. Hauff schreibt hier im Jahre 1827 eine Parabel über die Risiken der beginnenden Industrialisierung: Der Mensch kann in der neuen Wirtschaftsordnung nur bestehen, wenn er sein »Herz« – seine moralische und soziale Einbettung – bewahrt.
»Das kalte Herz« ist auch der Titel einer Geschichte über den Kapitalismus, die der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe 2019 veröffentlichte. Wer nun glaubt, er würde in seiner Geschichte des Kapitalismus zu einer Rückkehr zu einer »moral economy« plädieren, wie sie EP Thompson in seinem berühmten Aufsatz »The Moral Economy of the English Crowd in the Eighteenth Century« aus dem Jahr 1971 dargestellt hat, irrt sich. Plumpe singt nicht das hohe Lied normativer Erwartungen, die einfache Menschen an wirtschaftliches Handeln und soziale Gerechtigkeit stellten. Die Geschichte seines Kapitalismus ist die Geschichte einer andauernden Revolution, die tief in die Mechanik wirtschaftlichen Handels eingreift. Sie verändert Regeln, Mechanismen und Logiken. So konnte sich der Kapitalismus seit dem 17. Jahrhundert langsam und stetig, ab dem 19. Jahrhundert rasant und überwältigend und im 20. Jahrhundert global durchsetzen. Für ihn ist es die Geschichte einer Wirtschaftsordnung mit einer kontinuierlichen implementierten Erneuerung, die noch lange nicht ihr Ende gefunden hat. Plumpe arbeitet diese Strukturen heraus und arbeitet die zugrundeliegenden Mechanismen heraus. Ihm gelingt ein faszinierender Abriss über die Entstehung des Kapitalismus, seine Vielfalt, seine Wandelbarkeit und seinen weltweiten Erfolg.

Während Hauff zeigt, dass der Mensch ohne Herz zwar ökonomisch erfolgreich sein kann, aber sozial und moralisch verarmt, schildert Plumpe den Kapitalismus als ökonomisches Prinzip, das über den Lauf der Zeit immer mehr immer weniger Menschen arm gemacht hat. Es änderten sich Semantiken, Institutionen und Praktiken und erst deren neuartiges Zusammenspiel brachte eine neue Art des Wirtschaftens hervor, die allmählich von immer mehr Menschen akzeptiert, die institutionell abgesichert und die später allgemein praktiziert wurde. Der spannende intellektuelle Clou des Autors besteht darin, den Kapitalismus als eine Form des Wirtschaftens zu beschreiben, bei der der Konsum im Mittelpunkt steht. Eine, die gerade nicht den Reichsten und Mächtigsten zugutekommt, sondern die einen Konsum ermöglicht, der gerade die wenig vermögenden Menschen in den Blick nimmt. Diese Verschiebung machte eine ökonomisch erfolgreiche Massenproduktion möglich. Aus Knechten wurden Kunden, aus Leibeigenen wurden Besitzende.
Trotz der steten Erfolge hat der Kapitalismus stets auch Kritik auf sich gezogen. Plumpe zeigt aber, wie die kapitalistische Art des Wirtschaftens darauf reagiert, wie er lernt und sich immer wieder wandelt. Die Menschen – wir Menschen – sind dabei wie Peter Munk häufig genug Figuren des ökonomischen Übergangs und wir stehen dabei vor der Frage, die Hauff literarisch und später Karl Marx, Werner Simmel oder Max Weber wissenschaftlich stellen: Wie verändert die neue Wirtschaftsordnung das Menschsein? Und wer die gegenwärtige wirtschaftliche Situation in Deutschland, in Europa, in den USA oder in China verfolgt, weiß, dass diese Frage auch heute von großer Aktualität und Dringlichkeit ist.
Die Art, wie wir wirtschaften, steht aktuell vor einer ähnlichen Übergangsphase, wie sie Werner Plumpe in den letzten 300 Jahren immer wieder begegneten. Der Autor schreibt eben die »Geschichte einer andauernden Revolution« – eine Revolution, die wie alle Revolutionen Gewinner:innen und Verlierer:innen schafft. Aber, so würde Plumpe argumentieren, eben am Ende immer mehr Gewinner:innen als Verlierer:innen.
Ebenso unterstreicht der Autor den Projektcharakter des Kapitalismus. Er ist keine Top-Down-Veranstaltung, sondern das Ergebnis alltäglichen Handelns vieler. In den Worten Plumpes: »Zum Kapitalismus kam es nicht, weil Politik und Wirtschaft ihn wollten, sondern er ist das Ergebnis probierenden Handelns, eine zunächst nur in Bruchstücken und Einzelfällen erkennbare neue wirtschaftliche Praxis, die sich bewährte und nachgeahmt wurde.«
Daraus entstand eine Ordnung, das Praktiken ermöglichte, die schließlich durch institutionelle Regeln dauerhaft fixiert wird. Plumpe weiter: »Der Kapitalismus als wirtschaftliche Verfahrensweise hat kein Zentrum, das ihn steuert, sondern ergibt sich aus einem Zusammenspiel. Diese Zentrumslosigkeit, das Fehlen eines warm schlagenden Herzens, ist das eigentliche Geheimnis, das auch der Wandlungs- und der Überlebensfähigkeit des Kapitalismus zugrunde liegt. Krisen treffen nie den Kapitalismus als solchen, sondern stets einzelne Akteure.« Die dennoch regelmäßigen auftretenden Wirtschaftskrisen ergeben sich durch technologische Innovationen oder ein sich veränderndes Verhalten der Menschen.

Das Projekthafte lässt sich bei der Entstehung des Kapitalismus ablesen. Es ist ein zufälliges Zusammenspiel von karolingischer Agrarverfassung, einer daraus entstehenden Roggenkultur, die wiederum eine höhere Bevölkerungsdichte zuließ. Bevölkerungswachstum, Verstädterung und agrarischer Strukturwandel etablierten einen sich selbstverstärkenden Kreislauf. Qualitativ wesentlich dabei war die verstärkte Urbanisierung. Es entstanden Orte der Marktbildung, der Verbreitung von Wissen und Knowhow, von Kernfamilien. Als »Verkettung von Umständen« hatte Max Weber diese Entwicklung einmal bezeichnet. Städte waren – und sind – die Agenten der Veränderung. Einst als Inseln in einem agrarischen Meer, heute als Beschleunigungs- und Innovationsmotoren in der Wissensökonomie.
Die europäischen Grundlagen waren also gelegt, als die Europäer Ausgang des 15. Jahrhunderts Land auf der anderen Seite des Atlantiks entdeckten, im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts den amerikanischen Doppelkontinent kolonialisierten und einen neuen, den atlantischen Handelsraum etablierten. Die nordwesteuropäische Wirtschaft globalisierte ihre ökonomischen Beziehungen und konnte ihre Interessen machtbewusst verteidigten. Den europäischen Handelsmächten standen nicht nur die Handelswelt Süd- und Nordamerikas offen, über den Seeweg um die Südspitze Afrikas herum nach Indien gab es zudem einen wenig kontrollierten Zugang zu den Gütern Süd- und Ostasiens. Eine kommerzielle Revolution brach sich Bahn!
Das lange 19. Jahrhundert blickte zu Beginn auf ein zartes, aber vielversprechendes Pflänzchen namens Kapitalismus. 100 Jahre später war diese Pflanze in Nordwesteuropa und besonders im nördlichen Amerika zu einem Baum herangewachsen. Eine neue Welt war entstanden, in der sich jene Staaten durchsetzten, die die kapitalistische Produktionsweise am effektivsten übernahmen. Markantes Merkmal der Moderne wurde die Großstadt, deren Industrien das Leben der Menschen in Westeuropa und Nordamerika bestimmten. Die Großstadt veränderte zudem deren Lebensbedingungen radikal.
»Die Marktabhängigkeit der dort lebenden Menschen war umfassend, die Verfügung über Geld lebenswichtig, und zwar für ein Leben, das ohne die Nutzung moderner Technik überhaupt nicht mehr vorstellbar war.«
Werner Plumpe: Das kalte Herz
Große Städte und Metropolen etablierten im 19. Jahrhundert ein Muster, das bis heute andauert: Ihre Dynamik der kapitalistischen Expansion zieht Menschen an, die sich anderswo keine oder keine bessere Zukunft versprechen. Die Thesen von Richard Florida von Anfang der 2000er Jahre, die die Attraktivität der Städte mit den drei T’s – Talente, Toleranz und Technologie – bezeichneten, galten bereits im 19. Jahrhundert. Die Zukunft des Kapitalismus wird, denkt man Plumpe weiter, damit eng mit der Zukunft der Städte gekoppelt sein.
Dabei waren die frühen industriell geprägten Städte nicht automatisch der Ort der Seligkeit. Im Gegenteil, Plumpe bezeichnet sie als gefährliche Orte. So lag die Sterblichkeit noch bis Ausgang des 19. Jahrhunderts höher als auf dem Lande. Die Infrastrukturen, die das Leben der Menschen in Städten sicher und gesünder machten – Gas, Wasser und Elektrizität –, entstanden im Laufe des Jahrhunderts. Das oft klägliche Leben und die dadurch entstehenden Protestbewegungen und Revolutionen veranlasste die Politik, eine aktive Sozialpolitik zu betreiben. Das 19. Jahrhundert ist auch das Geburtsjahrhundert des Wohlfahrtsstaates.
Kann der Autor die Entwicklung des Kapitalismus in diesem Jahrhundert als eine stetige, mit leichten Unterbrechungen versehene Aufwärtsentwicklung beschreiben, so beschreibt er das 20. Jahrhundert als eine Folge ökonomischer Krisen. Wir wissen warum: Erster Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise, Zweiter Weltkrieg. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war zwar nicht unbedingt der Tiefpunkt der kapitalistischen Art des Wirtschaftens, aber sie markierte den absoluten Tiefpunkt ihres Ansehens. Während der Weltwirtschaftskrise und nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Menschen in den kapitalistischen Kernzonen ihren Glauben an die Selbstregulierungsfähigkeit einer freien und offenen Marktwirtschaft verloren. Die Befürworter*innen des Kapitalismus in Westeuropa und selbst in Nordamerika wussten: »Der Weg zur Wiederherstellung einer umfassenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung, …, würde hart und steinig werden.«
Diese Skepsis findet sich etwa im Ahlener Programm, das im Februar 1947 als Wirtschafts- und Sozialprogramm der Christdemokraten in der britischen Zone entstand und in dem es hieß, dass die CDU sowohl Kapitalismus als auch Marxismus überwinden wolle.

Wir kennen die Geschichte des Wiederaufstiegs Westeuropas und des deutschen Wirtschaftswunders, die eng mit dem Erfolg des Marshallplans verbunden ist. Und Plumpe verweist dabei zurecht, dass der Wiederaufstieg der BRD im westeuropäischen Vergleich keineswegs aus dem Rahmen fällt. Alle Staaten Westeuropas konnten auf eindrucksvolle Wachstumsraten verweisen, auch weil sie die Wirtschaft der USA zu ihrem Vorbild nahmen. Diese erbrachten 1947 etwa 50 Prozent der Weltindustrieproduktion und wirkten dabei auf die Europäer »wie ein einziges wirtschaftliches und technisches Wunderland, das Besucher aus Europa in diesen Jahren geradezu magisch anzog«.
Kein Aufschwung ist ewig, dieser endete in den frühen 1970er Jahren. Die westlichen Industriestaaten hatten es sich während des langen Booms bequem gemacht, während sich die ökonomischen Gewichte der Welt zugunsten Asiens neigten. Vor allem Japan gewann zusehends an Bedeutung. Ende 1973 rutschte die Weltwirtschaft in eine Rezession ab, 1974/75 war es bereits eine veritable Wirtschaftskrise: Arbeitslosenzahlen, die in Westeuropa und in den USA nach oben schnellten, eine hohe Inflation sowie ein niedriges bis fehlendes Wirtschaftswachstum. Eine Situation, die es nach der herrschenden Wirtschaftstheorie gar nicht geben durfte. Was die Theorie nicht kannte, hieß in der Praxis Stagflation.
Der Keynesianismus befand sich in einer konzeptionellen Sackgasse und war selbst zu einer veritablen Krisenursache geworden. An seine Stelle trat der Neoliberalismus in Gestalt von Margaret Thatcher in Großbritannien und von Ronald Reagan in den USA. So wenig Plumpe in seiner bisherigen »Geschichte einer andauernden Revolution« ein konzeptionelles Zentrum ausgemacht hatte, so wenig geht er auch hier von einem systemischen Plan aus. Für den Autor ist der Neoliberalismus weder eine Strategie des Kapitals noch ein in sich konsistentes Programm: »Der angloamerikanische Neoliberalismus war vielmehr eine spezifische Antwort auf die besondere Krisensituation in den einzelnen Ländern, die ihren relativen Niedergang und die sich damit verbindenden innenpolitischen Probleme verarbeiten mussten.«
Die 1970er Jahre sind für uns deshalb so spannend, weil wir in ihnen unsere aktuellen Strukturprobleme wiedererkennen. Auch damals hielt man an nicht konkurrenzfähigen Industriebranchen fest, die sich auf den bisherigen »Protektionismus der Wechselkurse, die Zuwanderung geringqualifizierter, preiswerter Arbeitskräfte und die Kapitalverkehrskontrollen« stützen konnten. Alles in allem keine Mischung, die sich förderlich für eine Produktivitätsentwicklung auswirkte. Europa und die USA mögen mit dem Ende ihres Booms gehadert haben, gleichzeitig brach sich ein weltweiter, sich beschleunigender Wandel Bahn, der vor allem in Asien große wirtschaftliche Erfolge verzeichnen konnte. Das Fazit des Autors liest sich als Merksatz für alle aktuellen Strukturkonservativen: »Der Strukturwandel ließ sich nicht aufhalten, ihn abzubremsen war teuer und nicht unbedingt erfolgsversprechend.« Und weiter: »Die Politik hatte dabei die Möglichkeit, ihn zu gestalten, nicht aber, ihn zu verhindern.« Ähnlichkeiten zu aktuellen Ereignissen und ähnlich agierenden Politikern sind rein zufällig…
Mit den 1970er Jahren neigte sich die jahrhundertelange Dominanz der atlantischen Welt ihrem Ende zu. So vereinigten die westeuropäischen und nordamerikanischen Volkswirtschaften Mitte der 1970er Jahre noch mehr als die Hälfte der gesamten Weltwirtschaftsleistung auf sich. Zwischen 1973 und 2003 stieg der asiatische Anteil an der Weltwirtschaft von gut 16 auf mehr als 40 Prozent, obwohl Japans weltwirtschaftliche Bedeutung zu schrumpfen begann. Dieser Aufschwung war vor allem durch den Wiederaufstieg der chinesischen Wirtschaft seit den 1990er Jahren geprägt, der sich nach der Jahrtausendwende sogar weiter beschleunigte. Der Kapitalismus hatte in der zweiten Hälfte des 20. und in den ersten Dekaden des 21. Jahrhunderts seine Wiege verlassen und eine globale Dimension angenommen.
»Die weltweite Ausbreitung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung hat wesentlich dazu beigetragen, dass im Kern unnatürliche wirtschaftliche Übergewicht der atlantischen Welt zu relativieren. Der sich für den Westen so schmerzliche Strukturwandel der Jahre nach dem Ende der Rekonstruktionsperiode war aus weltwirtschaftlicher Sicht gerade die Folge des weltweiten Erfolges der kapitalistischen Art zu wirtschaften.«
Werner Plumpe: Das kalte Herz
Diese Zeit birgt zwei Lehren. Erstens: Der Kapitalismus erfand sich erneut neu und kreierte den Finanzkapitalismus. Zweitens: Auch die Globalisierung des Kapitalismus schützte nicht vor einer erneuten Kalamität. 2007/08 brach eine Weltfinanzkrise aus, die ihre Ursachen in den USA hatte, die aber auch von einer großen Naivität vieler nichtamerikanischer Finanzakteure zeugt, die ihr Glück auf den nun globalen Finanzmärkten suchten. Für Plumpe zeigt sich bei dieser Krise das ganze Dilemma des sogenannten Finanzkapitalismus. So sei er entstanden, um neue Anlagestrategien für Euro- und Petrodollars zu ermöglichen. Diese neuen Anlagestrategien stießen aber dabei auf ein verändertes Sparverhalten in den demographisch alternden Gesellschaften Nordamerikas und Europas. Gleichzeitig hatten Regierungen und Banken großes Interesse, ihre eigene Kreditsituation zu verbessern bzw. die Geschäftsvolumina auszudehnen.

Diese Ausdehnung fußte auf einer weitgehenden Deregulierung der Finanzmärkte sowie einer spezifischen US-amerikanischen Form von Sozialpolitik, Menschen mit schwacher finanzieller Ausstattung die Chance auf ein Eigenheim zu ermöglichen. So wuchs eine Blase heran, deren Platzen 2007/08 viele Regierungen auf beiden Seiten des Atlantiks zwar beklagten, die Ursachen jedoch nicht wirklich bekämpften. »Ein Schrumpfen der Geld- und Finanzmärkte, das eigentlich zwingend gewesen wäre, hätte viel zu viele (wirkliche und vermeintliche) Folgeschäden nach sich gezogen, die keine Regierung und keine Zentralbank der kapitalistischen Welt bisher in Kauf nehmen wollte.«
Vor allem Staaten Europas steckten in einem eklatanten Dilemma: Aufgrund ihrer hohen Verschuldung mitverantwortlich an der Krise, waren sie aber darauf angewiesen, das Bankensystem zu retten, da sie sonst selbst an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gekommen wären. Die Folgen waren fatal: Der Weltfinanzkrise schloss sich eine Rezession an, die wirtschaftlich, so der Autor, weit weniger schlimm war als ihre Wahrnehmung. Die Weltwirtschaft sei mit regionalen Unterschieden sehr rasch auf einen Wachstumspfad zurückgekommen, »auf dem sie sich seither relativ krisenfrei weiterbewegt«. Diese Aussage stimmt zumindest bis 2019, dem Erscheinungsdatum des Buches. Was Werner Plumpe jedoch völlig verkennt, sind die politischen Auswirkungen der Krise. Sie legte die Grundlagen einer Präsidentschaft von Donald Trump in den USA.
In Deutschland sind die Anfänge und der Aufstieg der AfD ohne die Bewältigung der Finanz- und Eurokrise der Bundesregierung nach 2008 nicht denkbar. Die Professorenpartei war auch deswegen gegründet worden, um die deutschen Steuerzahler vor der Rettung vermeintlich maroder Euro-Staaten zu schützen. In Frankreich entwickelte sich der Front National nach 2008 von einer randständigen Protestpartei zu einer der zentralen Kräfte im französischen Parteiensystem. Die Finanzkrise wirkte als Beschleuniger, den der Front National – heute Rassemblement National – strategisch nutzte, um sich zu modernisieren. Ihm spielte dabei die Unzufriedenheit der französischen Bevölkerung mit der politischen Landschaft und der Vertrauensverlust in die traditionellen Parteien in die Hände. Die Finanzkrise hatte fatale Folgen, weniger wirtschaftlich – in der Tat erlebte die Bundesrepublik Deutschland bis 2019 goldene Jahre – als vielmehr politisch, kulturell und mental.
Der nächste konjunkturelle Einbruch, den Plumpe prognostizierte, ist in der Tat gekommen und diese Krise stellt die gewachsene industrielle und kapitalistische Welt nach 1945 völlig in Frage. Zum einen, weil die europäischen Staaten erkennen, dass die Branchen Maschinenbau, Automobil und Chemie/Pharma, die sie in den letzten 150 Jahren reich machten, in tiefen Krisen stecken. Zum anderen, weil der transatlantische Rahmen, der einen globalisierten Handel ermöglichte, zerbricht. Zuletzt, weil die Finanzkrise 2008 ein globaler Wendepunkt war, in dem sie das Vertrauen in politische Institutionen erschütterte und die politische Landschaft polarisierte.
Werner Plumpe ist ein großer Fan des Kapitalismus. Eben nicht, weil er ihm unterstellt, dass er ein wie auch immer handlungsfähiges Subjekt sei, sondern weil diese Art des Wirtschaftens sich durch ihre hohe ökonomische Effizienz auszeichnet. »Der Kapitalismus bietet keine (Er-)Lösung an, sondern nur eine zumindest bisher alles in allem effiziente Form des Umgangs mit materiellen Engpässen, und zwar mit Engpässen der ‚kleinen Leute‘, die zur Deckung ihrer Lebensnotwendigkeiten nicht auf Reichtum und Vermögen zurückgreifen können.« Seinen Erfolg machen seine Häutungen aus, seine Fähigkeit, sich an neue, auch widrige Umstände anzupassen. Diese Häutungen, so Plumpe, werden sich fortsetzen. Dieser Erfolg ist ebenso durch seine kalte Mechanik zu erklären. Der Kapitalismus probiert und versucht, er bringt die unterschiedlichsten Variationen hervor und nur die besten Variationen haben die Chance, sich zu bewähren und zu entwickeln. Das kalte Herz des Kapitalismus stehe der moral economy entgegen. Eben auch, so Plumpe, weil die Kälte der Ökonomie eine notwendige Bedingung eines gelingenden Lebens schafft, aber nicht dessen Erfüllung ist. »Dafür ist die Ökonomie aber auch nicht zuständig; das kann nur den Menschen selbst gelingen.«
Zu einem gelingenden gesellschaftlichen Leben gehört die Frage, inwieweit sich Gesellschaften sich gegen ein Übergreifen dieser ökonomischen Kälte schützen können, die schon Wilhelm Hauff 1827 beobachtete. Wenn Plumpe schreibt, dass Armut nicht an sich ein Merkmal des Kapitalismus sei, soziale Ungleichheit schon, stellt sich dennoch die Frage, wie viel soziale Ungleichheit der Kapitalismus aushalten kann und wann sie zu seiner Dysfunktionalität führt. Die Zukunft des Kapitalismus ist eben doch von gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen abhängig, die er selbst nicht garantieren kann.

