Artbooks, Fotografie

Flüchtige Momente der Ewigkeit

© Thomas Hummitzsch

Der Bildband des in Berlin lebenden Fotografen Benyamin Reich führt vom ultraorthodoxen Judentum in Jerusalam zum selbstbestimmten Leben in Berlin. Seine Aufnahmen sind ebenso geheimnisvoll wie entlarvend.

Benyamin Reich umgebe die Aura des Geheimnisvollen, schreibt der Autor Simon Strauß, der mit dem in Berlin lebenden Fotografen befreundet ist. Ein Schulterblick habe er ihm zugeworfen, als sie sich das erste Mal getroffen hätten, »er gab sich nicht ganz zu erkennen«, so deute er das heute, offenbart der konservative Strauß in seinem kurzen Vorwort zum Fotoband »Jerusalem Berlin«.

Dessen bloße Existenz muss erstaunen, wenn stimmt, was man in diesem Vorwort liest. Denn demnach tut sich Reich schwer damit, Dinge in einen vorübergehenden Stillstand zu bringen, so dass man sie für gegeben hinnehmen könnte. Das ist durchaus überraschend für einen Fotografen, schließlich führt die Fotografie Momentaufnahmen in eine Ewigkeit über, der nicht selten Symbolkraft zugesprochen wird.

Benyamin Reich: Jerusalem Berlin. Secession Verlag 2026. 220 Seiten. 49,- Euro. Hier bestellen https://secession-verlag.com/buecher/jerusalem-berlin
Benyamin Reich: Jerusalem Berlin. Secession Verlag 2026. 220 Seiten. 49,- Euro. Hier bestellen.

Glaubt man aber Strauß Worten, und es gibt keinen Grund, das nicht zu tun, dann widersetzt sich Reich »den rationalen Ansprüchen jeder zurechtgemachten Präsentation von Wirklichkeit«. Exemplarisch führt er dann an, dass Reich die Anordnung seiner Bilder in Ausstellungen bis zum letzten Moment hinauszögere, »als ob er der institutionalisierten Rahmensetzung misstraute«. Ein Bildband ist in diesem Sinne noch mehr als eine Ausstellung, denn die fixierte Anordnung der Fotografien hat eine Gültigkeit über den beschränkten Zeitraum einer musealen Präsentation hinaus.

Nun liegt er aber vor, dieser Bildband, der die zwei Welten miteinander verbindet, die er auf dem Titel trägt. Diese zwei Welten laufen auch im Körper von Benyamin Reich zusammen, der in der ultraorthodoxen Welt von Jerusalem groß geworden ist, als junger Mann aber nach Berlin zog, weil ihm die Welt dort zu eng wurde. Beide Welten – die asexuell-religiöse, aus der er kommt, und die sexuell-säkulare, in der er lebt – treffen sich in seinen Bildern. Das erinnert in Zügen an Ozan Zakariya Keskinkiliçs Roman »Hundesohn«, der seinen muslimischen Glauben und sein homosexuelles Begehren miteinander ins Verhältnis setzt.

Auf die ihn umgebende geheimnisvolle Aura, von der Strauß schreibt, trifft man auch in dem Bildband, der über 100 Fotografien des 1976 in Bnei Brak geborenen Fotografen versammelt. Abgesehen von zwei hebräischen Kommentaren, die wie biblische Verse gesetzt sind, findet sich darin kein Wort vom Fotografen selbst. Sollten diese Texte von Reich sein, dann bestätigt er darin die Ambivalenz seines Wirkens, das auch in Strauß Vorwort anklingt. Da wird das Bild als »Vergewaltiger des Seins« beschrieben und die Kamera als Instrument, die tötet und etwas Neues schafft. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man durch die in zwei Epochen geteilte Bilderschau blättert.

In dem Jerusalem gewidmeten ersten Teil trifft man auf die ultraorthodoxe Welt, die er aus seiner Kindheit kennt. Auf die abgeschlossene Architektur Ostjerusalems, die von Frauen unter Perücken und bärtigen Männer in schwarzen Gewändern und Pelzmützen (dem traditionellen Schtreimel) bevölkert werden. Die Männer eilen durch die engen Gassen, als würden sie einem göttlichen Ruf folgen. Auf diesen Ruf werden die milchgesichtigen Jungen, die vorsichtig skeptisch unter ihren Schläfenlocken hervor in die Kamera blicken, in den zahlreichen orthodoxen Jeschiwot vorbereitet. Und da sind die Bilder der radikalen chassidischen Orthodoxie, riesige Versammlungen strenger Männer in schwarzer Tracht, unter der alles Leben erstickt wird.

Es sind keine historischen Bilder, sondern Aufnahmen aus der näheren Gegenwart. Ihnen wohnt keine Unschuld inne; die Gewalt und die Kriege, in die die Repräsentanten jener Dunkelmänner dieses Land führen, blitzen an den Rändern auf. Etwa wenn an den Häuserwänden der Schatten eines Soldaten als Silhouette aufleuchtet oder einem schlummernden Rabbi ein schlafender Soldat mit Maschinenpistole im Anschlag gegenübergestellt wird.

Aus Jerusalem stammen aber auch eine Handvoll empfindsamer Porträts junger Männer, die unsicher, verletzlich und in eine ungewisse Zukunft schauend von Reich eingefangen werden. Man kann in diese Bilder die Anziehung des Fotografen hineindeuten, die diese Burschen auf ihn ausüben. Wenn man sich gemäß Thora kein Bild und keinen Körper von seinem Gott machen soll, dann sind dies doppelt verbotene Aufnahmen, da sie nicht nur ein Bild als solches sind, sondern diese jungen Männer auch in ihrer Körperlichkeit und Sexualität in den Blick nehmen. Dies trifft insbesondere auf eine Aufnahme zu, an deren unterem Rand hinter Sträuchern ein fast nackter Mann vor einem Wasserbecken steht. Ob hier ein Täufer zu sehen ist oder einfach ein Mann in einem unbeobachteten Moment ist unklar, die verbotene Erotik dieser Aufnahme überstrahlt die historische Landschaft.

Für das Begehren, das in diesem Bild liegt, war in Jerusalem kein Platz. Reich zog nach Berlin, dort sind die Bilder für den zweiten Teil seines Bildbandes entstanden. Hier spielt er mit den orthodoxen Traditionen, um sie in aufgeladenen Szenen zu hinterfragen. Etwa wenn er einen in traditionelle Gewänder gekleideten Juden zeigt, der neben einer Badewanne sitzt, in der eine Frau mit Perlenkette ein Bad nimmt. Dass es sich bei dem Mann um den sächsischen Landesrabbiner Akiva Weingarten handelt, der in Dresden die erste liberal-chassidische Jeschiwa der Welt gegründet hat, erfährt man nur aus dem Einführungstext des Kunsthändlers Alexander Ochs. Weingarten selbst ist wie Reich oder Deborah Feldman aus einer orthodoxen chassidischen Familie nach Deutschland geflohen, in seiner Jeschiwa will er andere Jüdinnen und Juden, die die ultra-orthodoxen Gemeinschaften verlassen haben, unterstützen und liberalere jüdische Praktiken stärken.

In seinen Berlin-Fotos spielt Reich mit seiner Identität, in der Judentum und homosexuelles Begehren zusammenlaufen. Die Vernichtung des jüdischen Körpers im Holocaust taucht hier ebenso auf wie die Anbetung des männlichen Körpers in seiner Gegenwart. Die Fabrikhalle taucht hier mal als Todeszone, dann wieder als Ort von Kunst und Kultur auf. Die größte Fotografie zeigt Reichs ultraorthodoxen Priestervater auf einem Ledercanapé in einer verlassenen Fabrikhalle – eine geradezu magische Aufnahme, verletzlich und brutal, sanftmütig und provokant zugleich.

Provokant sind die Aufnahmen junger Männer, ob in Natura oder als nackte Büste, nur vor dem Hintergrund seiner persönlichen Geschichte. Da aber riskieren sie einiges. Sie veranschaulichen nicht nur das Begehren des Fotografen, sondern auch die Widersprüche, in denen sich liberale Juden oft bewegen. Wo in Jerusalem die Schatten vom Krieg erzählten, deuten sie hier die sexuelle Dimension des Daseins an. Verstärkt wird das von Aktaufnahmen junger Männer, deren Herkunft ungewiss ist.

Aber auch die Berlin-Aufnahmen sind nicht frei von Schuld. Der jüdische Gebetsschal (etwa auf einer Holzpritsche vor einer an Lager erinnernden Baracke) kommt hier ebenso zum Einsatz wie die palästinensische Kufiya. Eine Aufnahme zeigt eine Skulptur, die an den Raub der Persephone durch Hades erinnert. Hier trägt der brutale Bärtige eine Kufiya, vermutlich eine Andeutung der Vergewaltigungen von Jüdinnen durch Hamas-Terroristen am 7. Oktober 2023. Ein anderes Bild zeigt einen nackten Mann mit Kufiya neben einer in schwarze Gewänder gekleideten Frau. Sexualität ist im Islam nicht mehr oder weniger tabuisiert als im orthodoxen Judentum.

Frauen sind nur selten auf Reichs Bildern zu finden, weder sein Glaube noch sein Begehren führen auf direktem Weg zu ihnen. Sein Band schließt mit einem nackten Paar in Rückansicht, ihr Blick geht in eine helle Landschaft, die verschwommen vor ihnen liegt. Eine Aufnahme, die an Adam und Eva erinnert.

Die Seele, heißt es in dem zweiten hebräischen Vers, sei gefangen in der Zeit, in der kleinen Welt der menschlichen Wüste. Benyamin Reich gelingt es, dieser Wüste mit seiner Rolleiflex-Kamera immer wieder flüchtige Momente der Einkehr abzutrotzen. Sie mögen keinen Ewigkeitsanspruch haben, von Dauer sind sie aber zweifellos.