Alle Artikel in: Sachbuch

Sechs legendäre Schwestern

Nicht erst seit »Downton Abbey« boomt die völlig verkitschte Darstellung der englischen Upper Class der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieser Trend fördert eine Nostalgiewelle, die England als »good old Blighty« feiert und zugleich für politisch rechte Propaganda instrumentalisiert wird. Susanne Kippenbergers Biografie »Das rote Schaf der Familie. Jessica Mitford und ihre Schwestern« zeigt nicht nur auf höchst unterhaltsame Weise, was biografisches Schreiben alles kann, sondern auch, dass damals wie heute die Gefahren des Faschismus nicht zu unterschätzen sind – weder in England noch in Deutschland.

© Thomas Hummitzsch

Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen

Auf die jüngste Flüchtlingstragödie im Mittelmeer hatten die europäischen Innenminister vor allem eine Antwort: die kriminellen Schlepperaktivitäten sollen stärker bekämpft werden. Was das genau heißt, darüber wird heftig gestritten. Um die Schleuser und deren Motive geht es dabei kaum, entsprechend eindimensional bleibt der Blick auf das Phänomen der Schleuserkriminalität.

embedded intelligence oder: Träumen Androiden von elektrischen Schafen?

Granularität ist das Maß für die Feinkörnigkeit eines Systems. Man kennt diesen Begriff vor allem aus der Fotografie. Christoph Kucklick geht es in »Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst« aber nicht um die Körnigkeit eines Bildes, sondern um die Auflösung, um die Zerlegbarkeit des Individuums und der Gesellschaft durch das Digitale. Sein sensationelles Buch ist eine Erzählung des digitalen Sozialen, an der sich die an der Digitalisierung Interessierten abarbeiten müssen. Ein Standardwerk, ein Must-Read für die kommenden Jahre.

Dicke Klötze: Sachbuch-Schwergewichte der Saison

Historische Studien und monumentale Biografien bestimmen das Feld der zwanzig voluminösesten Titel im Bereich Sachbuch. Von der Ernst-Jünger-Gesamtausgabe über die Schriften zur Literatur von Gutenberg-Preisträger Jan Philipp Reemtsma sowie zahlreiche historische Studien bis hin zur in Frankreich gefeierten Barthes-Biografie. Ein Überblick über die faktenreichen Schwergewichte des Herbstes.

Wo liegt Deutschland und was hat es zu bedeuten

Wie ein Koloss lag und liegt Deutschland in der Mitte Europas. Wie ein ausgebreitetes Ungetüm löst es Beklemmungen, Begierden, Träume und Traumata aus. Was diese über Jahrhunderte mit den Deutschen und seinen Nachbarn machten, beschreibt Brendan Simms in seinem Buch »Kampf um Vorherrschaft«. Der aktuellen politischen Bedeutung spürt Herfried Münkler in seinem Essay »Macht in der Mitte« nach. Zwei Bücher aus verschiedenen Perspektiven, die sich intellektuell und politisch wunderbar ergänzen.

Acht Mal Lesefreude zu gewinnen

Zum dritten Mal findet in diesem Jahr die Aktion »Blogger schenken Lesefreude« statt. Lesebegeisterte Blogger verlosen am 23. April, dem Welttag des Buches, auf ihren Blogs Bücher, die sie selbst gern gelesen haben oder zum Lesen empfehlen. »intellectures« verlost vier Romane, zwei Sachbücher und zwei Comics, die mit weniger als 300 Seiten wie für ein entspanntes Lesewochenende gemacht sind.

Straßenbild Tirana | Foto: Thomas Hummitzsch

Der folgenschwere Speck auf den Hüften

Der Wiener Historiker Philipp Ther hat die Transformation der osteuropäischen Länder seit 1977 immer wieder erlebt, erfahren und erlesen. Sein mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnetes Wirtschafts-Reise-Reportagen-Tagebuch »Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent« ist nicht nur ein beispielloses Lehrstück über die Transformation Osteuropas, sondern lässt uns mit Blick auf Südeuropa auch verstehen, was passiert, wenn die Gegenwart selbstgefällig ignoriert wird.

Ein Paukenschlag für die Königsdisziplin

Mit Jan Wagners »Regentonnenvariationen« gewinnt erstmals ein Lyrikband den Preis der Leipziger Buchmesse. Den Sachbuchpreis erhielt der Österreicher Historiker Philipp Ther für seine gesellschaftspolitischen Erkundungen in »Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent«. Der Preis für die beste Übersetzung ging an Mirjam Pressler für ihre Übertragung von Amos Oz’ neuem Roman »Judas«.

Fragwürdiger Armutsvoyeurismus: Das Bild des »Zigeuners«

»Wer Macht über Bilder hat, hat gleichzeitig Deutungsmacht über Menschen«, schreibt Frank Reuter in seiner hochaktuellen Studie »Der Bann des Fremden. Die fotografische Konstruktion des ‚Zigeuners’«. Er fordert dazu auf, die eigenen Sehgewohnheiten kritisch zu hinterfragen und statt der simplifizierenden Bildikone die Verschiedenheit innerhalb der Minderheit zu entdecken.