Literatur, lass es krachen

Nominierungen_Literatur

Ganz anders verhält es sich mit Heinz Strunks Wahnsinnswerk Der goldene Handschuh, in seiner Verdichtung einer der kürzesten Favoriten, den der Messepreis jemals hatte. Wahnsinn muss man hier wortwörtlich nehmen, denn Strunk erzählt die Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka, wobei er immer wieder tief in die Gedankenwelt des von Alkohol und Psychosen in die Verwahrlosung getriebenen Mannes entführt.

Heinz Strunk, der in dem Bestseller Fleisch ist mein Gemüse seine Geschichte mit der Tanzkombo Tiffanys erzählte, der sich als Comedian, Kolumnist (für Titanic), Politiker (für Die Partei) und Schauspieler immer wieder auf die ulkige Seite des Lebens begeben hat, taucht hier ganz tief in das abgehalfterte Rotlichtmilieu Hamburgs der 1970er Jahre ein. Dreh- und Angelpunkt dieser Welt ist die Pinte, die dem Roman den Titel gibt. Im Goldenen Handschuh verkehren all jene, die entweder noch nicht auf der Straße gelandet sind oder es nur noch nicht wahrhaben wollen, dass sie hier Zuflucht und Wärme suchen, bevor sie wieder in die kalte Einsamkeit zurückmüssen. Die Stammgäste tragen Namen wie »Soldaten-Norbert«, »Fanta-Rolf« oder »Tampon-Günter«, »Leiche« oder »der Schimmlige«, und bemessen ihren Korn pro Abend nicht in Gläsern, sondern in Flaschen. Sie bilden die Welt von Fritz Honka, in der sich alle aneinander festhalten, auch wenn sie den Gestank der anderen schon lange nicht mehr ertragen können. Im einander Halten reißen sie sich gegenseitig in die Tiefe.

Heinz Strunk_Der goldene Handschuh

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh. Rowohlt Verlag 2016. 254 Seiten. 19,95 Euro

In vier Kapiteln erzählt Strunk von der verheerenden Karriere des Hamburger Serienmörders, dessen perverse Manie, ein Recht auf Glückserfüllung zu haben, vier Frauen mit dem Leben bezahlt haben. Das faszinierende des Romans ist, dass er aufgrund seiner allwissenden, aber niemals urteilenden Erzählperspektive und der schonungslosen Beschreibung dieses Milieus den Leser einfängt und nicht mehr loslässt. Indem Strunk die Welt von Fritz „Fiete“ Honka und seiner Opfer in allen grauenerregenden Details beschreibt, führt er die biografische Ausweglosigkeit dieser Menschen vor Augen und gewinnt die Leser für sie.

Zu echter Sympathie kommt es nie, dafür sind der Dreck und der Gestank, die aus jeder dieser Zeilen aufsteigen, zu klebrig, zu schleimig, zu konkret. Empathie aber hat man definitiv für diese verlorenen Gestalten. Zu keinem Zeitpunkt will man sich ekelhaft von dem, was Strunk da erzählt, abwenden. Vielmehr verfolgt man als Leser mit einem irritierenden Interesse diese Prekariatsbiografien, die laut, brutal und delirierend sind. Im Zentrum steht natürlich die von Fiete Honka, der mit Anfang dreißig schon tief im schmuddeligen Bodensatz der frühkapitalistischen Hamburger Leistungsgesellschaft versunken ist. In seiner Fantasie schleppt er hübsche Bräute ab, wenn er nur erst einmal die Chance bekommt. In der Wirklichkeit aber nimmt er die von Obdachlosigkeit bedrohten, ausrangierten Puffmuttis und Stadtstreicherinnen volltrunken mit nach Hause. Frauen, die laut furzen, die unter dem Kittel Lumpen tragen, die sich seit Tagen nicht gewaschen haben und denen beim erbärmlichen Beischlaf das Gebiss aus dem Kiefer klappert. Solange der Schnaps die Sinne betäubt, kann Honka die Enttäuschung über dieses Dasein wegdrücken. Wenn aber der Morgen naht, kriecht der kalte Hass auf sich selbst und die heruntergekommen Schabracken in seinem Bett in ihm hoch.

So absurd das klingt, aber gerade der drastische und höchst authentische Ton, den Strunk anschlägt, trägt dazu bei, dass dieser Roman zutiefst humanistisch ist. Strunk führt hier den Menschen als rätselhaftes Wesen nicht vor, sondern lässt ihm den Raum, sich in all seiner Ambivalenz zeigen zu können. Der Leser wird zwar nicht zum Komplizen, aber doch zum Vertrauten von Fritz »Fiete« Honka.

Darüber hinaus beweist sich Strunk als großer und mutiger Erzähler, der nicht nur eine vollkommen unbekannte Welt vor dem inneren Auge entstehen lässt, sondern zudem noch eine abgrundtiefe Wirklichkeit wählt, in die man sich in seinen schlimmsten Alpträumen nicht begeben will. Seine erzählerische Kraft lässt einen Sog entstehen, die einen wie Alan Moores Jack-the-Ripper-Hommage From Hell bei allem Grauen nicht loslässt. Es ist gewiss kein Zufall, dass jener Londoner Frauenmörder in diesem Roman einen Platz gefunden hat. »Er suhlt sich in seinen Ruhmesphantasien, er träumt davon, berühmter zu sein als Jack the Ripper. An Hitler und Stalin komme ich zwar nicht ran, denkt er, aber die haben ihre Opfer auch nicht gefickt, und da halte ich bald den Rekord.«

Der goldene Handschuh ist ein aufwühlender Roman. Ein unbequemes Buch, das die beklemmende Atmosphäre der siebziger Jahre auf dem Kiez einfängt und einzigartig das Milieu beschreibt. Strunk zwingt seine Leser, in den Kopf seines sexgierigen Antihelden blicken. So humanisiert er das Monster und trägt dazu bei, über den Menschen im Allgemeinen und dessen Abgründe nachzudenken. Ein starker Roman, der starke Nerven und einen stabilen Magen braucht.

2 Gedanken zu “Literatur, lass es krachen

  1. Pingback: Kunstwerke, kein Lesestoff | intellectures

  2. Pingback: Raus aus der deutschen Enge | intellectures

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.