Literatur, lass es krachen

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Guntram Vesper hat mit einem opus magnum seinem Geburtsort die Biografie geschrieben und sich selbst die Erklärung, warum das Leben so verläuft, wie es verläuft. Das klingt zunächst nach Nabelschau, ist aber viel mehr als das. Leben ist hier in einem weiteren Sinne zu fassen, meint all das, was das eigene Dasein beeinflusst, prägt und ausmacht. Das fängt so früh an, dass in seinen biografischen Roman Frohburg Ereignisse und Motive hineinstrahlen, die weit vor der Geburt des Autors liegen. Erlebnisse der Großväter und Urgroßväter leben als familienbiografische Mythen schließlich auch in den Folgegenerationen fort und entwickeln dort ihre eigene Strahlkraft.

Das sächsische Frohburg liegt zwischen Leipzig und Chemnitz, etwa 5.000 Einwohner leben in der Stadt noch. Seine ersten knapp sechzehn Lebensjahre hat Guntram Vesper in der Stadt verbracht, bevor die Familie nach den blutigen Ereignissen in Ungarn 1956 in die Bundesrepublik floh. Gut elf Jahre später sollte Vesper beim letzten Treffen der Gruppe 47 seine ersten Gedichte vortragen. Es ist der Beginn seiner jahrzehntelangen schriftstellerischen Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, die das Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt), der Akademie der Wissenschaften und der Literatur (Mainz) und der Freien Akademie der Künste (Leipzig) bis nach Frohburg zurückgeführt haben.

Vesper Frohburg

Guttram Vesper: Drohburg. Verlag Schöffling & Co. 2016. 1.008 Seiten. 34,- Euro

Sechs Jahre lang hat er an seinem Roman geschrieben, in dem er all das verwertet hat, was er an Informationen und Erinnerungen seit seiner Kindheit gesammelt und für bedeutend für ein Leben befunden hat. Der in Göttingen lebende Autor beweist sich in seinem Roman als großer Monteur, der die Puzzleteile, die ihm zur Verfügung stehen, kunstvoll zusammenzusetzen versteht. Aus den aus Tagebüchern, Fotografien, Zeitungsausschnitten oder Buchauszügen, aus erinnerten Gesprächen und übertragenen Legenden hat Vesper nicht nur seine Biografie im Spiegelbild der sächsischen Kleinstadt gestrickt, sondern auch eine ganz eigene – seine persönliche – Geschichte von Frohburg geschaffen.

In dieser finden sich auch die großen historischen Wegmarken des 20. Jahrhunderts wieder. Die Handlung erstreckt sich vom Zweiten Weltkrieg über die Nachkriegszeit in der DDR, die Flucht der Familie nach Hessen, die schriftstellerischen Anfänge Ende der siebziger Jahre sowie einige Anekdoten und Fehden innerhalb der bundesdeutschen Literaturszene bis in die Ereignisse der Nachwendezeit. Unter den Teppich gekehrte Verbrechen der sowjetischen Besatzer spielen dabei ebenso eine Rolle wie verschiedene lokale Kriminalfälle, eigene Befindlichkeiten wirken gleichermaßen hinein wie Animositäten von Kulturgrößen. Zuweilen fliegen Schlaglichter aus fernen Ländern mit in den Text, um die Zeit und ihre Atmosphäre besser einzufangen. So wächst und wächst und wächst die Textmasse auf über eintausend organisch verbundene Seiten an, die man, einmal bewältigt, nicht mehr in ihre Einzelteile zerlegen könnte, da sie beim Lesen miteinander verwachsen sind. So hat der 74-jährige Guntram Vesper einen autobiografischen regionalen Abenteuerroman geschrieben, der sich oft auch wie ein monumentaler Deutschlandroman liest. Häuft er jedoch zuviel auf- und aneinander, dann bleibt der Roman aber im Stückwerk der Anekdoten stecken.

Stilistisch ist Frohburg ein mutiger Genremix, in dem Vesper lyrische Elemente unter die Prosadecke schiebt. Das gehört zu seinem schriftstellerischen Gesamtkonzept, mit Gedicht- (Frohburg. Sämtliche Gedichte, 1985) und Prosabänden (Nördlich der Liebe und südlich des Hasses, 1979) hat er bereits zuvor seine Geburts- und Jugendstadt erkundet. Nun legt er die fulminante Quintessenz all seiner Reflektionen der eigenen Biografie im Spiegel der sächsischen Kleinstadt vor.

2 Gedanken zu “Literatur, lass es krachen

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