Film

Von Herz- und Steineklopfen

Francis Lee hat mit Kate Winslet und Saoirse Ronan ein packendes Liebesdrama gedreht, dass sich an der Biografie der Wissenschaftspionierin Mary Anning orientiert. Im Gegensatz zu Paul Verhoevens lesbischer Klostergeschichte, bei der er einmal mehr auf Skandal setzt, weiß »Ammonite« als meisterhafte Studie der Menschlichkeit zu überzeugen.

Mitte des 19. Jahrhunderts sind die Geschlechterverhältnisse noch eindeutig. Männer bestimmen Politik, Religion und Wissenschaft, Frauen haben ihren Platz am Herd. So wollen es zumindest die Männer der Zeit, wie schon in der ersten Szene des neuen Films von Francis Lee deutlich wird. Da wird das Skelett eines Fischsauriers in Londons Naturkundemuseum getragen, gefunden von der Fossiliensammlerin Mary Anning. Das erfährt nur niemand, denn ihr Name wird schnell durch einen männlichen ersetzt.

Anning war eine Pionierin der Paläontologie, die zwischen 1799 und 1847 in einfachen Verhältnissen an der schroffen Jurassic Coast im Süden Englands lebte. Als Elfjährige fand sie das erste vollständige Skelett eines Ichthyosaurus, im Alter von 22 das bis heute besterhaltene Fossil eines Plesiosaurus und später den ersten Flugsaurier außerhalb Deutschlands. Dennoch blieb ihr zu Lebzeiten die Anerkennung in der Männerdomäne Wissenschaft verwehrt.

In Lees Drama hat sich die Verbitterung der zurückgezogen lebenden Selfmade-Wissenschaftlerin bis tief in ihre wettergegerbte Haut gegraben. Um mit ihrer kranken Mutter über die Runden zu kommen, verkauft sie Ammoniten an Touristen und übernimmt die Pflege der depressiven Gattin eines vermögenden Kunden. Was wie die Geschichte einer weiteren Zumutung beginnt, wird zu einer überwältigenden Begegnung zweier Frauen. Von der Welt vergessen, erkennen sie einander als Schicksalsgefährtinnen.

Lee, der mit seinem Debütfilm »God’s Own Country«, einer homoerotischen Geschichte zwischen einem jungen Bauern und einem Erntehelfer, auf vielen Festivals abgeräumt hat, inszeniert diese Liebesgeschichte in gedeckten Farben und knappen Dialogen, um Kate Winslett und Saoirse Ronan die Bühne zu geben. Mit Erfolg, denn sie machen den Film zu einem emotionalen Ereignis.

Winslet spielt oscarreif, die Naturforscherin ist bei ihr selbst ein Fossil. Nicht nur, weil ihre Hände und Nägel vom täglichen Steineklopfen schwer gezeichnet sind (wie Lee in einem Interview mit dem Filmmagazin ray offenlegte, hatte er Winslet tatsächlich dazu bewegt, während der Dreharbeiten täglich Steine zu klopfen, um ihre Hände rau werden zu lassen). Sondern weil Frust, Einsamkeit und Vorsicht eine versteinerte Fassade um ihre zerbrechliche Seele gelegt haben. Jeder Blick, jede Geste lassen die Abgründe hinter dieser Deckung nur erahnen. Ihr gegenüber die elegant-ungestüme Charlotte, eindrucksvoll gespielt von der jungen Saoirse Ronan, die sich der erfahrenen Paläantologin vorsichtig annähert.

Die dramatische Annäherung der beiden Frauen wird von atmosphärischen Bildern der nebelverhangenen, grauen Küste begleitet. Sie illustrieren die Kälte und Härte der Welt, die sie umgibt und vor der sie sich im Süden Englands auch ein stückweit verkriechen. Als Charlotte ihre Geliebte später nach London holen will, kneift diese. Die Ausstellung als liebende Frau, aber auch als nicht anerkannte Wissenschaftlerin in der Hauptstadt ist ihr zu viel.

Benedetta und Bartolomea führen in Paul Verhoevens »Benedetta« ein verruchtes Doppelleben hinter Klostermauern

Die Sensibilität, mit der die Geschichte beider Frauen erzählt wird, unterscheidet Lees »Ammonite« von Filmen wie Paul Verhoevens »Benedetta«. Der Niederländer, der nach Filmen wie »Basic Instinct«, »Showgirls« und »Elle« als Meister der Provokation gilt, vereint in seinem Film klerikale Grausamkeit und Sexskandal. In seinem aktuellen Werk wird Benedetta als Kind von ihren Eltern in das Kloster der italienischen Stadt Pescia gegeben. Als Jesus selbst durch sie zu sprechen scheint und Wundmale Christi an ihrem Körper auftreten, wird sie zur Heiligen erklärt. Benedetta (Virginie Efira) wird als neue Klostervorsteherin eingesetzt, die alte Äbtissin (Charlotte Rampling) muss in die zweite Reihe treten. Von dort beobachtet sie das lustvolle Doppelleben, dass Benedetta mit Novizin Bartolomea (Daphné Patakia) führt, während vor den Toren der Stadt die Pest wütet.

Der Film basiert auf Judith Cora Browns Biografie »Schändliche Leidenschaften: das Leben einer lesbischen Nonne in Italien zur Zeit der Renaissance«. Mit nackter Haut und einem aus einer Madonna geschnitzten Dildo setzt Verhoeven so unmissverständlich auf Skandal, dass es nur langweilen kann. Einzig sehenswert ist, wie er das klerikale System aus grenzenloser Gewalt, Körperfeindlichkeit, Misogynie, Angst und Aberglaube vorführt. Wenn er es dabei belassen hätte, dann würde sich sein Machwerk vielleicht sogar lohnen.

Ganz anders »Ammonite«, das als atmosphärisch dichtes und leises Meisterwerk über Wissenschaft, Macht und Menschlichkeit zu überzeugen weiß und in seiner Behutsamkeit den Figuren gegenüber lange nachschwingt.