Literatur, Roman

Wahrheit über Bord

© Thomas Hummitzsch

Katerina Poladjan legt in ihrem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Roman »Goldstrand« mal eben ein Jahrhundert auf die Couch, um zu fragen, was ein Leben und was Europa ist. Vom ersten Moment an zieht dieser in filmischen Szenen erzählte Roman in seinen Bann.

Dieser in Literatur gegossene Film beginnt 1922 in Odessa. Der Philosophielehrer Lew steigt mit seiner nahezu erwachsenen Tochter Vera und seinem minderjährigen Sohn Felix die Potemkinsche Treppe hinunter, um mit einem Schiff nach Konstantinopel das Land zu verlassen. Seit der Russischen Revolution fühlt er sich in dem Land der Bolschewiken nicht mehr sicher. Seine Reise soll der Aufbruch in ein besseres Leben werden. Aber sie endet in einer Katastrophe. Denn Vera hat sich auf der Überfahrt ins Schwarze Meer gestürzt, ihre Leiche wird nie gefunden.

Katerina Poladjan: Goldstrand. S. Fischer Verlag 2025. 160 Seiten. 22,- Euro. Hier bestellen https://www.fischerverlage.de/buch/katerina-poladjan-goldstrand-9783103971767
Katerina Poladjan: Goldstrand. S. Fischer Verlag 2025. 160 Seiten. 22,- Euro. Hier bestellen.

Den schuldgeplagten Vater lässt der Tod seiner Tochter nicht los. Er folgt den Strömungswegen zurück an die bulgarische Küste, um dort nach dem angespülten Körper seiner Tochter Ausschau zu halten. Gemeinsam mit Felix lässt er sich in einer Hütte nieder, beschäftigt sich mit der Natur und beginnt, Körbe zu flechten. Am Abend schaut er mit seinem Sohn in die Sterne und philosophiert »über die Planeten, das Universum und die Philosophie der Verzweiflung«. Ein Wink des Schicksals führt ihn bis an den Hof der bulgarischen Königin, wo er als Korbflechter und Hilfsgärtner angestellt wird. Sein Sohn kommt in den Genuss einer echten Schulbildung, seine Vorliebe für Formen und Landschaften wird ihn bis nach Sofia bringen, wo er Architektur studieren wird. In den 40ern wird er seinem Vater aus Sofia folgende Zeilen schreiben.

»Die Arbeit im Institut Glavprojekt ist für mich Erziehung, ich erziehe mich selbst. Man kann die Welt verändern durch Konstruktion, durch Bilder. Wir entwerfen riesige Bauten von einfacher geometrischer Struktur. Wir verwenden Sichtbeton, Holz, Steine, die wie zufällig gefunden aussehen. Was hier passiert, ist revolutionär und hat eine Schönheit … Unsere Welt braucht keine Umwege mehr, keine Verführung. In den klaren Linien liegt die Zukunft, in der Entblößung. Roher Beton ist für uns der neue Marmor, Vater! Nur rückwärtsgewandte Kräfte suchen Halt in der Vergangenheit, wir aber suchen die Zukunft!«

Katerina Poladjan: Goldstrand

Diese Zukunft trägt Felix zu seinem Vater an die Schwarzmeerküste, denn der Fortschritt verlangt nach Erholung für die sozialistische Arbeiterklasse. Er schlägt vor, an dem noch leeren Küstenstreifen einen »Goldstrand« zu errichten und wird einer der Architekten der in Beton gegossenen Urlaubslandschaft.

Katerina Poladjan ist eine Meisterin des verknappten, andeutungsreichen Erzählens, ihre Romane zeichnen sich durch eine besondere dramaturgische Kunstfertigkeit und Erzählökonomie aus. »Ihre Bücher sind eine Verteidigung der Menschlichkeit, der aktuellen Weltlage zum Trotz«, wie es in der Begründung zur Auszeichnung mit dem Großen Preis des Deutschen Literaturfonds im vergangenen Jahr hieß.

Ihr Roman »Zukunftsmusik« war 2022 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, der Roman »Hier sind Löwen« stand 2019 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Selten erzählt sie chronologisch, ihre Romane streifen eher spielerisch durch die Zeit. Auch in ihrem neuen Roman vertraut sie diesem Ansatz.

»Danke, unsere Zeit ist um. Wir sehen uns am Donnerstag.« Mit diesem Satz wird die Familien- und Zeitgeschichte von Lew und Felix jäh unterbrochen. Ihr Erzähler, der in Rom lebende Regisseur Eli, schreckt von der Couch seiner Therapeutin hoch und unterbricht den Bericht der von ihm zusammengereimten Legende seiner Familie. Doch die Dottoressa Malatesta wird ihrem Namen gerecht, statt Eli Erleichterung zu verschaffen, verursacht sie bei dem selbstverlorenen Filmemacher Kopfschmerzen.

Einiges in seinem Leben liegt im Dunkeln, in zahlreichen Filmen hat er versucht, Licht in diese Schatten zu bringen. Seine Karriere begann als Komparse in einem Film des italienischen Regisseurs Ettore Scola, später galt er als »Rettung des italienischen Kinos«. Er träumte sogar vom Goldenen Löwen in Venedig, »Elia Fontana, den Namen wird man sich merken müssen.« Inzwischen hat er seinen Zenit längst überschritten. Seine letzte Arbeit liegt über zehn Jahre zurück. In vierzig Sitzungen erkundet er nun mit einer Psychologin die Rätsel seiner verschlungenen Familienbiografie. Die Wahrheit verliert der charmante Parleur dabei aber aus den Augen. Kein Wunder, sie ist schon weit vor seiner Zeit von Bord gegangen, den Namen »Vera« darf man hier wortwörtlich nehmen.

Romane von Katerina Poladjan

So hat dieser Roman zwei Ebenen: die Gegenwart von Eli im Rom dieser Tage und die Geschichte seiner Ahnen, die sich durch ein stürmisches Jahrhundert zieht und sich in seiner eigenen Lebensgeschichte geradezu magisch wiederholt. In Rom lebt Eli in der bröckelnden Villa seiner Großeltern, in der er auch groß geworden ist. Allerdings ohne seine Mutter Francesca. Die gehörte in den 60ern zu den linken Studenten, die gegen die Altfaschisten in ihren Elternhäusern aufbegehrten.

»Ich wollte fort von alldem und traf auf deinen Vater. Er gefiel mir. Ich wusste nicht, dass ich schwanger werden würde, aber ich wusste, dass ich diesen Bulgaren nie wiedersehen würde. Basta.«

Katerina Poladjan: Goldstrand

Genervt schildert Francesca ihrem immer wieder in der Vergangenheit stochernden Sohn die Geschichte seiner Geburt. Überfordert von der Mutterschaft ließ sie ihren Sohn im Haushalt ihrer Eltern zurück. Seit deren Tod lebt Eli allein in deren römischer Villa, umgeben von den Kulissen eines Lebens, das sich für ihn irgendwie falsch anfühlt. Seine deutsche Frau Jenny hat ihn verlassen, sie und die gemeinsame Tochter Vera leben irgendwo bei Berlin. Vera macht Führungen in der Gedenkstätte Sachsenhausen und arbeitet so irgendwie die Schuld des faschistischen Großvaters ab. Später besucht sie ihren Vater mit einer Freundin in Rom, die Sehnsucht des Vaters nach einer echten Verbindung bleibt unerfüllt. So hängt Eli im Vakuum der Geschichte – seiner eigenen und der eines Jahrhunderts.

Poladjan erzähle »von dem ästhetisch grundierten Verhältnis zur Vergangenheit eines Mannes, der in einer bröckelnden Villa aus den Zwanzigerjahren lebt und durch das ewige Rom läuft. Der zu keinem Menschen gehört und sich immer tiefer in seine eigene Welt verstrickt«, heißt es in der Begründung zur Auszeichnung des Romans mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2026. Da setzte sich »Goldstrand« gegen Anja Kampmanns »Die Wut ist ein heller Stern«, Norbert Gstreins »Im ersten Licht«, Helene Bukowskis »Wer möchte nicht im Leben bleiben« und Elli Unruhs »Fische im Trüben« durch.

In der über Europa verteilten Familiengeschichte von »Goldstrand« spiegelt sich auch sanft die Biografie der Autorin. Katerina Poladjan ist 1971 als Enkelin eines Überlebenden des Völkermords an den Armeniern in Moskau geboren. Ihre Eltern, ein Künstler und eine Journalistin, verließen Ende der siebziger Jahre Russland und wanderten über Rom nach Deutschland aus. Mit der Großmutter trafen sich Poladjans Eltern in den Achtzigern heimlich am Goldstrand.

Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 in der Kategorie Belletristik

Katerina Poladjan erzählt die Geschichte dieses nach der Wahrheit seines Lebens suchenden Regisseurs in filmischen Szenen, dicht und leichtfüßig zugleich, ohne sich zu erklärenden Kommentierungen hinreißen zu lassen. In einem manchmal fast ins Magische changierenden Ton springt sie zwischen den Ereignissen und den Erinnerungen an diese Ereignisse hin und her.

Man kann nachempfinden, was es für die Romanfiguren hieß, sich durch ein Jahrhundert der Katastrophen und Umbrüche zu bewegen und bei sich selbst zu bleiben. Die einen trotzen den politischen Ideologien, die anderen machen sie sich zu nutze. Und dann gibt es Zaungäste wie Eli, die all dem mit der Distanz der Kunst folgen und plötzlich nicht mehr wissen, was dieses Jahrhundert mit ihnen zu tun hat.

Poladjan, die beim Projekt »Weiter Schreiben« mit dem palästinensischen Dichter Abdelrahman Alqalaq zusammenarbeitet, spaziert mit ihrem Erzähler durch dieses Jahrhundert und über den europäischen Kontinent, um die in Einzelaufnahmen zerrissene Geschichte einer Familie zu erzählen. Dabei blendet sie raffiniert vom bolschewistischen Russland zum faschistischen Italien über, zieht Linien aus den sozialistischen Betonklötzen in den römischen Klassizismus und macht die unerträgliche Leichtigkeit des Seins ebenso sichtbar wie die Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts.

Zusammengehalten wird dieser mitreißende Arthaus-Film zwischen zwei Buchdeckeln von der Unwägbarkeit des Seins in einem Jahrhundert, in dem die Geschichte mehr als einmal den politischen Vorstellungen weichen musste. Und wie dort verschwimmen auch hier bald die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fantasie. Irgendwie muss man sich ja schließlich die eigene Geschichte plausibel machen. Die Wahrheit gerät dabei mehr und mehr unter Druck.

Die Lektüre fühlt sich an, als würde man durch ein Familienalbum blättern und den Erinnerungen und Mutmaßungen der Eltern zuhören. Dabei spielt sie mit unterschiedlichen Stilmitteln. Filmische Szenen, absurd-spritzige Dialoge und essayistisch-intellektuelle Ausflüge in die Kino- und Buchkultur mit Verweisen auf Pier Paolo Pasolini, Italo Calvino, Marcel Duchamp oder Heiner Müller wechseln sich ab. Dabei wirkt diese verdichtete Prosalandschaft nie überfrachtet oder belehrend. Sie ist unheimlich zugängig, nahbar und vertraut.

Der Roman »Goldstrand« ist das Gegenteil zum gleichnamigen Küstenstreifen am Schwarzen Meer. Die brutalistischen Betonklötze kontert Poladjan mit einer leichtfüßig unsentimentalen Sprachlandschaft. Ihr Roman erinnert nicht an vergangene bessere Zeiten, sondern zeigt die Brüche und Wunden der europäischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Und führt vor Augen, wie schnell die Wirklichkeit abhanden kommen kann, wenn man sich selbst die Dinge plausibel machen will. Jeder Satz ist hier wohl gesetzt, man findet kein überflüssiges Wort in diesem schmalen, aber großen Roman über die Unzuverlässigkeit der Erinnerung und die Wahrheit in brüchigen Zeiten.