1985 nimmt sich eine junge Pianistin in Neubrandenburg das Leben. Wenige Jahre zuvor hat sie noch internationale Preise gewonnen. Helene Bukowski nähert sich in »Wer möchte nicht im Leben bleiben« dieser Frau als guter Geist in Kreisen an, um dem Geheimnis dieses viel zu kurzen Lebens auf die Spur zu kommen.
Christina heißt die angehende Pianistin, die im Mittelpunkt von Helene Bukowskis Roman »Wer möchte nicht im Leben bleiben« steht. Als Elfjährige wird sie von Neubrandenburg aus auf eine Spezialschule für Musik mit angeschlossenem Internat nach Berlin geschickt. Eine Kaderschmiede, in der sich die Spreu vom Weizen trennt und die Besten der Besten geformt werden. Christina wird eine der besten ihres Jahrgangs, weshalb sie als junges Mädchen nach Moskau gehen darf, um am renommierten Tschaikowski-Konservatorium zu studieren. Bei internationalen Klavierwettbewerben räumt sie zahlreiche Preise ab, eine große Karriere scheint ihr zu Füßen gelegt. Doch irgendetwas passiert in ihr, irgendetwas geht in dieser Zeit kaputt. 1985 springt sie in den Morgenstunden aus dem Fenster der elterlichen Wohnung.

Ein viel zu kurzes Leben, von dem nicht viel mehr als eine Kiste mit Fotos, Briefen und Kassetten geblieben ist. Diese Kiste war der Ausgangspunkt dieses ungewöhnlichen Coming-of-Age- und Künstlerinnen-Romans, der für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominiert war.
Ein Klavier steht dabei am Anfang von allem – sowohl des Romans als auch von Christinas Leben. »Wenige Wochen vor deiner Geburt kauft dein Vater ein Klavier. Die Geschichte muss mit diesem Klavier beginnen«, erfahren wir schon auf den ersten Seiten dieses Romans, der eine beständige Annäherung der Autorin an die junge Pianistin ist. Als Dreijährige klimpert sie auf dem Instrument erstmals herum, ihr Vater wird sich seines Tochter annehmen und die Grundzüge des Klavierspiels beibringen. Da lebt die Familie noch in Leipzig, der Vater ist erster Tenor an der Oper, die Mutter Stenotypistin im Betriebschor. Das wird nicht so bleiben, die Familie nach Neubrandenburg in einen Plattenbau ziehen, wo der Vater als Musikschuldirektor Arbeit findet.
Die Musik prägt Christinas Leben wie kein anderes Element, ihr ist auch der Titel des Romans entnommen. »Wer möchte nicht am Leben bleiben« gehört zum Liedgut der DDR, Bukowski hat eine Kassette, auf der Christina als kleines Kind das Lied singt. »deine Stimme ist zu hören, du gurgelst, pfeifst. Auch dein Lachen wurde mit aufgenommen. Es füllt mein Arbeitszimmer«, kommentiert die Erzählerin Helene Bukowski.
»Wer möchte nicht im Leben bleiben« ist der dritte Roman der 1993 in Berlin geborenen Autorin. Ihr Debüt »Milchzähne« ist ein Coming-of-Age-Roman in Zeiten des Klimawandels, in »Die Kriegerin« geht es um Frauen im Militär. In ihrem neuen Roman steht ein ganz anderer Drill im Fokus, nämlich der der Eliten- und Leistungsförderung in der DDR.
Um das Material kreisend nähert sich die 1993 geborene Autorin vorsichtig dem Leben ihrer Protagonistin an. Immer wieder blättert sie in den Ordnern und Fotoalben oder hört die Kassetten, die in ihren Besitz geraten sind, um dieses historische Material in eine Erzählung zu verwandeln. Dabei stellt sie sich selbst in den Roman hinein, als eine Art guter Geist, der noch einmal mit Christina durch dieses Leben geht, um sich einzufühlen in diese junge Frau, die mit gerade einmal Mitte 20 ihrem Leben ein Ende macht.
Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 in der Kategorie Belletristik





Es ist diese verblüffende Perspektive eines um diese fragile Figur kreisenden guten Geistes, die diese Nacherzählung eines dem Leistungsprinzip unterworfenen Lebens so besonders macht. Denn in der Musik lief es nicht anders als im Leistungssport, die Auswahl der Besten war einem gnadenlosen Drill unterworfen. Im Erfolg lag ein Versprechen, das nur hinter vorgehaltener Hand geäußert werden durfte. »Üben, üben, üben, dann geht’s auch nach drüben.«
Talent allein reicht da nicht aus, es braucht Fleiß und Beharrlichkeit, um an die Spitze zu gelangen. Christinas Vater erzieht sie dazu. Für eine unbeschwerte Kindheit war da nicht genug Platz, schon als Kind wird die angehende Klavierspielerin keine freien Wochenenden haben. Jede Lücke füllt ihr Vater mit einem Auftritt. Bukowski erzählt von diesem Drill immer nur nebenbei, sie erklärt oder dämonisiert nicht, sondern schafft atmosphärische Momente, die ein Gefühl dafür entstehen lassen, wie sich diese Welt für die angehende Klaviervirtuosin angefühlt haben mag.
»Gekämmt und zurechtgemacht sitzen deine Puppen auf deinem Bett und blinzeln nicht. Gekämmt und zurechtgemacht sitzt du am Klavier und blinzelst nicht.«
Helene Bukowski: Wer möchte nicht im Leben bleiben
Als Kind, so erfahren wir, sammelte Christina gern Äste und Stöcker im Wald, beim Lampionumzug bewunderte sie das Leuchten ihres papiernen Mondes, der sie anstrahlte. Rare Momente des Glücks, die in der ebenso nüchternen wie rationalen Welt der Erwachsenen wohl nicht genug Platz hatten.
»Wie deine Stöcke wanderte auch der Mond eines Tages in den Kachelofen. Du schläfst schon, als dein Vater ihn hineinschiebt, das Feuer an ihm leckt, er sich knisternd aufbäumt und dann mit einem Schlag entzündet. Ich will ihn für dich retten, herausziehen, wenigstens ein kleines Stück bewahren, aber er brennt schon lichterloh.«
Helene Bukowski: Wer möchte nicht im Leben bleiben
Dieser erzählerische Geist, in dem man getrost Helene Bukowski lesen kann, will sich immer wieder schützend vor dieses Mädchen stellen, dessen Verletzlichkeit und Fragilität von Beginn an bekannt ist. Wenigstens in der Nacherzählung soll jemand an Christinas Seite stehen und ihre Perspektive stützen. Deshalb kann dieser Geist auch einiges. Er kann Krankenschwestern schicken und Kuscheltiere aus dem Müllschlucker bergen, böse Blicke werfen, Freundschaften erhalten und die Zeit zurückdrehen, um etwas von dieser Kindheit zu retten, was in der Disziplinierung dieses Mädchens unterging:
»Ich dehne die Zeit aus, in der du in Bäume kletterst, lasse sie in der Musikschule wachsen, im Scheibenhochhaus, in der Schule, baue die Klaviere und Flügel zurück, an denen du sitzt, zerlege sie in ihre verschiedenen Hölzer, bis an ihrer Stelle wieder Ahorn, Fichten, Weiß- und Rotbuchen, Birken, Linden, Pappeln, Ebenholz-, Mahagoni- und Walnussbäume stehen.«
Helene Bukowski: Wer möchte nicht im Leben bleiben
Romane von Helene Bukowski



Diese Rückkehr in die Natur wird zu einem immer wiederkehrenden Motiv in diesem Roman. Christina holt aus dem Tasteninstrument in der Imagination von Bukowski nicht einfach nur Klänge und Harmonien heraus, sondern ganze Landschaften. Die Erzählung der Musik bekommt in diesem Roman in überwältigenden Naturerlebnissen eine ganz eigene Bildhaftigkeit, die die Figur wieder zurück in die Natur führt, den Hort der kindlichen Unbeschwertheit:
»Dein Vater gibt dir ein Zeichen. Ohne dich noch einmal umzudrehen, rennst du in einen abgelegenen Mischwald. Du greifst nach den Händen der Anwesenden, ziehst sie in den Schatten zwischen Bäumen. Eure Schritte federn auf dem Moos, versinken in Farnen, kreiselnd treibt ihr in die Tiefe, wuchert in Mulden, perlt von hochstehenden Halmen. Zwischen den Wurzeln sammelt sich der Applaus. Laut knistert unter den Füßen des Publikums und in ihren Haaren Laub. Es müssen diese Momente gewesen sein, in denen du dich erkannt gefühlt hast, verbunden mit der Welt, verbunden mit den Menschen.«
Helene Bukowski: Wer möchte nicht im Leben bleiben
Helene Bukowski schafft in ihrem Roman das eindringliche psychologische Porträt einer jungen Frau, die in einer auf Leistung und Optimierung getrimmten Umgebung sich selbst verliert. Sie erzählt das weitgehend linear, erlaubt sich aber Vorgriffe und Rückblicke, indem sie diese Nacherzählung mit Informationen aus den Tagebüchern, Akten und Berichten verschneidet und überklebt. Dabei schafft sie eine emphatische Nähe, wenn sie den hässlichen Drill im heruntergekommenen Musikinternat schildert oder die Moskauer Jahre als Abenteuer und Aufbruch schildert.
Bukowski betritt dieses Leben als solidarischer Gast, schaut es an und sich darin um, füllt die Leerstellen mit schwebender Materie, um Christinas fragile Existenz von Christina zu stützen. Dabei wendet sie sich immer wieder direkt an sie, um Motive, Beweggründe und emotionalen Lagen zu ergründen.
So zieht Bukowski eine Meta-Ebene in den Roman, in der sie den Erzähl- und Schreibprozess aufgreift. Sie macht transparent, wo sie zweifelt und hadert, wo vergeblich recherchiert oder über Formulierungen in den Dokumenten stolpert und wo sie sich selbst in Christina sieht. »Pass auf, dass Du nicht Deine eigene Geschichte draus machst«, flüstert eine Erzieherin der Ich-Erzählerin augenzwinkernd zu. Was Bukowski aber nicht davon abhält, Christinas Erschöpfung in ihrer eigenen Erschöpfung beim Schreiben dieses Romans gespiegelt zu sehen oder der Pianistin das zärtlich-tastende erste Mal in den Roman zu schreiben, das sie selbst nie hatte.
Diese Bezüge machen diesen Roman so besonders in seinem Zugang, auch weil er dabei Optionen aufmacht, die das stille Leid von Christina als eines darstellen, das viele Frauen teilen. Vermutlich litt die Pianistin seit ihrer Jugend unter einer prämenstruellen dysphorischen Störung. Ein Symptom, das damals vollkommen unbekannt war, »selbst in meiner Zeit ist eine Diagnose nur schwer zu bekommen«, kommentiert Bukowskis Alter Ego lakonisch.
Ist es übergriffig, eine echte Biografie selbst so subjektiv auszudeuten? Ist das noch Annäherung oder schon Aneignung? Darf eine 1993 geborene Autorin derart die DDR-Wirklichkeit ausleuchten? Die Fragen kann man stellen, es führt nur nicht allzu weit. Bukowski nimmt sich schlicht die Freiheit, dreht die Perspektive, ohne sich von Autor:innen wie Brigitte Reimann, Christa Wolf oder Uwe Johnson abzuwenden. Sie sucht das Gespräch über die Jahre und Generationen hinweg.
»Wer möchte nicht im Leben bleiben« erzählt von einem Leben in der DDR, das von Druck und Disziplin, Wettbewerb und Konkurrenz, Prägung und Traumata geprägt war. Das ist schwermütig, schön und wagemutig. Und klingt lange nach.

