Konstantin Richter hat für seine Analyse »Dreihundert Männer« die eigene Biografie mit dem Aufstieg und Fall der Deutschland AG verwoben. Mit wirtschaftspolitischer Expertise und erzählerischem Drive führt er durch zwei Jahrhunderte deutscher Industriegeschichte.
Es ist ein sehr persönliches Buch, das Konstantin Richter verfasst hat, um den Aufstieg und Fall der Deutschland AG in den Blick zu nehmen. Er hat ein Sachbuch gewählt, dabei hätte er auch auf seine Erfahrung als Romancier zugreifen können, der bereits Romane wie »Die Kanzlerin. Eine Fiktion« oder »Bettermann« verfasst hat. Richter ist auch Journalist, der für namhafte für deutsch- und englischsprachige Medien geschrieben hat. Das Wall Street Journal, der Guardian und Politico zählen ebenso dazu wie die New York Times, Columbia Journalism Review, Cambodia Daily oder die Zeit.
Richter, Jahrgang 1971, begann seine journalistische Laufbahn Ende der 1990er Jahre als Reporter für das Wall Street Journal in Brüssel. Die Zeitung versuchte damals, so schreibt er, in Europa Fuß zu fassen. Ihr US-amerikanischer Zugriff auf wirtschaftspolitische Themen versprühte einen eigenen, ungewohnten Spirit auf dem alten Kontinent. Dieser Spirit führte etwa dazu, dass es für die Vorstandsvorsitzenden deutscher Unternehmen Pflicht und Ehre war, dem Hausblatt der amerikanischen Kapitalmärkte Interviews gaben. Die deutschen Manager im besten Alter trafen auf junge – vielleicht auch unreife – Journalisten. Jahrgang 1971 eben.

Die Schreiber und Macher des Wall Street Journals waren aber nicht nur Chronisten der späten 90er und der Nuller-Jahre, sie schrieben, so gesteht Richter, aktiv das Ende der Deutschland AG herbei. Sie blickten abschätzig auf die spezifisch deutsche Wirtschaftskultur herab, die noch stolz das Label »Rheinischer Kapitalismus« trug. In Deutschland entstand in diesen Jahren nun eine neue Wirtschaft, marketinggerecht als New Economy gelabelt. Die Firmen der »Old Economy« brachen mit der Kultur der Deutschland AG, einem ökonomischen Modell, das in den Tiefen des 19. Jahrhunderts entstanden war. Dessen Konsensbereitschaft, die Orientierung an langfristigen Zielen, der Blick fürs große Ganze galt nun als old-fashioned, als aus der Zeit gefallen. Rückblickend war dieses Ende wohl nicht nur eine Erfolgsgeschichte, wie Richter mutmaßt.
»Dreihundert Männer« entstand aus dem Wunsch, diese Ambivalenz, diesen Zwiespalt darzustellen und auch sein eigenes Handeln zu reflektieren. Herausgekommen ist ein brillantes, ein klug komponiertes, ein spannend geschriebenes, ein fesselndes Buch, das die Unternehmensgeschichte mit politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen verknüpft und andersherum. In der Geschichte Deutschlands spiegeln sich die Schicksale der großen nationalen Konzerne wider. Diese haben die Politik und Kultur stark geprägt – über die Gründerzeit, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und bis zum Wirtschaftswunder. Sich dieser Historie zu erinnern, ist gerade in diesen Zeiten wichtig, in denen die deutsche Wirtschaft vor der Herausforderung steht, sich neu zu erfinden.
Deutschland ist in vielem eine verspätete Nation, so auch bei der der Industriellen Revolution. In Großbritannien etablierte sich die Industrialisierung deutlicher früher als auf dem Kontinent und entwickelte sich dort kontinuierlich und evolutionär. Zugute kamen ihr die fortgeschrittene britische Staatlichkeit mit einem stabilen Parlamentarismus und ein einheitlicher Binnenmarkt. Zu dieser Zeit war Deutschland noch ein Flickenteppich unterschiedlichster Einzelstaaten mit einer Vielzahl von Handelsbarrieren. Erst die Gründung des Zollvereins ab 1834 sorgte für eine Vereinheitlichung der Handelsbedingungen. Dieses Wirtschaftsbündnis und die Einführung der Eisenbahn legten die Grundlagen der Industrialisierung im Deutschen Reich.
Der Booster der Industrialisierung war die Reichsgründung 1871, die eine einheitliche Wirtschaftspolitik im Kaiserreich möglich machte. So ist das typisch deutsche Unternehmen eng mit der Gründerzeit und vor allem mit den Jahren nach dem Gründerkrach verbunden. In dieser Zeit bildeten sich, so Richter, jene Merkmale heraus, die die deutsche Unternehmenskultur prägen und die das 19. Jahrhundert überdauern sollten. Nach dem Schock des Gründerbooms und -krachs verlangten die deutschen Unternehmer nach Ordnung, Sicherheit und Planbarkeit, nach Abschottung und Ausgrenzung. Dieser Wunsch nach einem organisierten Kapitalismus schlug sich in der Wirtschaftspolitik des Kaiserreichs nieder, aber noch mehr in der Art und Weise, wie sich die Firmen, die den Börsenkrach überlebten, neu aufstellten. »Die Antwort auf das wilde Treiben der Boomjahre war das, was manche Ökonomen später als den Organisierten Kapitalismus bezeichnet haben: Alles muss stets in Ordnung sein.«
Es gab noch einen eklatanten Unterschied bei der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich. Der Kapitalismus ist in Großbritannien zufällig, ungeplant, aber mit großer Improvisationskraft und viel Tüftelei entstanden. Maschinen wurden vor allem deshalb entwickelt und eingesetzt, weil die Arbeitskraft dort so teuer war. So entstand die Spinning Jenny, die die Textilindustrie so stark veränderte, oder die Dampfmaschine, die vor allem ein praktisches Problem im Bergbau lösen sollte: Sie sollte die ständig überfluteten Bergwerksstollen in der Tiefe trockenlegen. Es bestand ein enormer Bedarf an mechanischen und leistungsstarken Pumpen, die billiger war als Muskelkraft und effektiver als Pferdegöpel. Die atmosphärische Dampfmaschine, die Thomas Newcomen 1712 erfand, pumpte erstmals zuverlässig Wasser aus den Tiefen der Minen. James Watt gelang ein halbes Jahrhundert später eine Effizienzrevolution, sein Name ist daher eng mit dem Beginn des Industriezeitalters verbunden.
Lagen die britischen Stärken zunächst im Tüfteln und Werkeln, so setzte Deutschland auf bildungs- und wissensintensive Branchen wie Chemie, Elektrotechnik und Maschinenbau. Durch diese wissenschaftsorientierten Industrien gab es bereits früh eine enge Verknüpfung von Unternehmen und Universitäten. Für wirtschaftlichen Erfolg reichte Tüfteln allein nicht mehr aus.
Die Verwissenschaftlichung der Produktion brachte neue Institutionen mit sich, nicht nur die bestens ausgestatteten und effizient geplanten Großlabors etwa der Farbenfabriken. Gegründet wurden die Kaiser-Wilhelm-Institute und die Physikalisch-Technische Reichsanstalt, in denen an den chemischen und physikalischen Grundlagen geforscht wurden. Finanziert wurden sie von Privatwirtschaft und Staat gleichermaßen. »Nie wieder sollte Deutschland so viele brillante Wissenschaftler hervorbringen wie in dieser Zeit, und diese Wissenschaftler waren keine Elfenbeinturmbewohner. Bereitwillig stellten sie sich in den Dienst der Industrie.«
Diese Errungenschaften der Kaiserzeit bildeten noch hundert Jahre später die Geschäftsgrundlage etlicher Unternehmen. Und noch etwas reichte nicht mehr aus: die finanzielle Unterfütterung der Industrialisierung. Der Staat spielte im Deutschen Reich eine wesentlich wichtigere Rolle als in Großbritannien. Die großen, kapitalstarken Aktiengesellschaften wie etwa Krupp waren auf das Zusammenspiel von Staat, Banken und Industrie. Nicht umsonst beginnt Konstantin Richter sein Buch mit den Anfängen der Deutschen Bank. Diese Universalbank wird bis zum Ende seiner Analyse eine tragende Rolle spielen. In diesen Jahrzehnten bereits entwickelte sich die wirtschaftliche und personelle Verflechtung zwischen den Banken und den Industrieunternehmen, die die Deutschland AG bis ins späte 20. Jahrhundert prägen sollte.
Das spezifisch deutsche Modell machte Schwerindustrie und Großprojekte möglich, die wiederum neue Anforderungen an die Mitarbeitenden stellten. Die Komplexität dieser Form von Wirtschaft stieg enorm. Daher wuchs in den Betrieben eine neue Klasse von Beschäftigten heran, die sich mit der Verwaltung des immer größer werdenden Apparats beschäftigten. Nicht der Gründer ist die maßgebliche Person im deutschen Wirtschaftssystem, sondern der angestellte Unternehmer, betriebswirtschaftlich geschult und kühl kalkulierend. Er lenkt das Unternehmen, ist aber an diesem finanziell selbst nicht beteiligt. Manager schufen Ordnung, entwickelten eine klare Strategie, verschriftlichten Prozesse und standardisierten Abläufe. Diese homines oeconomici professionalisierten die Führung von Unternehmen.
Die neue Klasse der Wirtschaft setzte sich aus Unternehmern, Managern, Bankern, Investoren und Verbandsvertretern zusammen. Sie entschieden in der Kaiserzeit über die Ausrichtung der Unternehmen und damit über die der deutschen Volkswirtschaft, der Nation, des gesellschaftlichen Gemeinwohls. Es bildete sich eine Elite von größtenteils alten Männern, die einander vertrauten und ähnliche Vorstellungen von der Welt und der Wirtschaft hatten. Diese Elite sollte dem Buch den Titel geben: Dreihundert Männer.
Richter zitiert damit Walther Rathenau, der als Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau selbst dazugehörte. Walther traf 1909 die Aussage, dass dreihundert Männer, die sich alle kennen, über die Geschicke der Wirtschaft bestimmen. Er meinte damit das enge Geflecht aus Bankiers, Industriekapitänen und Lobbyisten, das sich mit dem Aufstieg von Firmen wie der Allianz, Deutsche Bank, Krupp oder Siemens herausgebildet hatte. Man kannte einander, man sprach miteinander – und man sprach sich ab. Eine Paradoxie: Während die Unternehmen der Kaiserzeit rasant wachsen, scheint der Kreis derer, die über sie verfügen, immer kleiner zu werden.
Diese dreihundert Männer haben die Politik und Kultur Deutschlands stark geprägt, Konstantin Richter zeigt, dass die deutsche Geschichte sich ohne deren Zutun nicht erzählen lässt. Ihr Wirken reicht von der Gründerzeit über die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus bis zum Wirtschaftswunder. Und Richter erzählt auch, wie sich diese Manager und Unternehmenslenker moralisch blamiert und wie sie am Krieg wie am Mord an den Juden verdient haben. Der französische Schriftsteller Éric Vuillard hatte in seinem Kurzroman »Die Tagesordnung« ebenfalls von diesem dunklen Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte erzählt.
Die vielen Höhen, etlichen Tiefen und beschämenden Kapitel der Deutschland AG endet mit der Auflösung der alten Ordnung der deutschen Wirtschaft Ende des 20. Jahrhunderts. Der Kern des deutschen Kapitalismus lag in den Aktienbeteiligungen. Die Unternehmen waren miteinander verbunden, vor allem über die Universalbanken und die Allianz, die Anteile an den berühmten Industriekonzernen Deutschlands hielten. Dieses Geflecht, das die deutsche Wirtschaft stets vor fremdem Einfluss geschützt hatte, wurde bereits in den 1970er Jahren hinterfragt, es galt als nicht mehr zeitgemäß. Es begann ein schleichender Prozess, der sich über mehrere Jahrzehnte erstreckte, dessen Ende die rot-grüne Regierung mit ihrer Steuerreform im Dezember 1999 besiegelte. Es war ein unspektakulärer Satz mit enormer Wirkung: »Gewinne aus der Veräußerung von Anteilen, die eine Kapitalgesellschaft an einer anderen Kapitalgesellschaft hält, sind nicht steuerpflichtig.«
Die Allianz und die Deutsche Bank verkauften daraufhin ihre Anteile an Karstadt, Südzucker und Heidelberger Zement, an BASF, MAN und RWE. Heute sind die großen deutschen Unternehmen zwar groß, aber nicht mehr wirklich deutsch. Sie gehören nun mehrheitlich ausländischen Investoren, Vermögensverwaltern, internationalen Pensions- und nationalen Staatsfonds. »Das Profil der deutschen Großkonzerns«, so Konstantin Richter, »ist seltsam unscharf geworden«. Achtzig Prozent ihrer Umsätze machen die Unternehmen außerhalb Deutschlands. Klar ist: ihre Strategie orientiert sich an den globalen Kapitalmärkten, vom Auf und Ab der deutschen Konjunktur haben sie sich weitgehend abgekoppelt.
Und was hat das mit der aktuellen Krise zu tun? Eigentlich nicht viel und doch jede Menge. Richter gibt zu, dass es ihn überrascht habe, wie oft vor einem Niedergang der bundesrepublikanischen Wirtschaft gewarnt wurde, selbst während des Wirtschaftswunders. Mangelnde Investitionen in Zukunftsindustrien, der Vorsprung der USA in Forschung und Entwicklung, die Abwanderung qualifizierter Kräfte und die Abhängigkeit von der Autoindustrie. Die Klagen, die auch heute wieder zu hören sind, durchziehen die deutsche Wirtschaftsgeschichte. Nichtsdestotrotz ist es Fakt, so konstatiert es auch der Verfasser dieser bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte, dass die bestehenden Geschäftsmodelle unter Druck stehen. Zu sehr setze die gegenwärtige deutsche Unternehmenskultur auf das Bewahren, ihr fehle es am Mut zur Disruption.
Und noch etwas fehlt: die Fantasie dafür, was mit ihnen in Zukunft geschehen soll. Um einer drohenden Deindustrialisierung und einem schleichenden ökonomischen Niedergang zu entgehen, müssten Wirtschaft, Politik und Gesellschaft dringend Ideen und Vorstellungen entwickeln, wie sie zu den Unternehmen stehen. Mit der Deutschland AG hat sich – und das ist offensichtlich – auch das strategische Zentrum der deutschen Wirtschaft aufgelöst. Die aktuelle ökonomische Inkompetenz selbst und gerade bei der Union spricht Bände.
Und so stellt Richter am Ende seines Buches die Fragen, ob eine Rückkehr zu einem neuen organisierten Kapitalismus nicht sinnvoll wäre, um die Großkonzerne wieder zu Instrumenten einer langfristig ausgerichteten Industriepolitik zu machen – sei es auf deutscher oder gar europäischer Ebene. Allein auf die Hoffnung zu setzen, dass die Deutschen in der Vergangenheit immer wieder mit schweren Krisen fertiggeworden und oft sogar gestärkt aus ihnen hervorgegangen seien, scheint eine fahrlässige Strategie zu sein. In einer wild gewordenen Welt liegt die Hoffnung der deutschen Industrie in einem strategischen, koordinierten europäischen Vorgehen, um den ökonomischen Strukturen eine Zukunft zu geben und den Wohlstand des Kontinents zu halten. Eines kann man aus Richters Buch vor allem lernen: Provinzielles Denken und kleinstaatliches Handeln zählen nicht zu den Bedingungen ökonomischen Erfolgs.

