Ein Blick in die Gegenwartsliteratur zeigt, wie Frauen von Erwartungsdruck, Ausbeutungsfantasien und sexualisierter Gewalt an den Rand des Wahnsinns und darüber hinaus getrieben werden. Literatur, die weibliche Lebenswelten präsentiert, ist vielfältig und lesenswert. Wer sie betritt, begibt sich nicht selten in die Gefahrenzone der Töchter dieses Landes.
Eine Frau zeigt ihren Mann ein, weil er unter ihrer Identität Fake-Profile mit pornografischen Inhalten erstellt und sie jahrelang »virtuell vergewaltigt« hat. Der Fall von Collien Fernandes und Christian Ulmen zeigt, dass sexualisierte Gewalt und toxische Männlichkeit keine Frage von Klasse und Status sind.
Ganz im Gegenteil, die Incels dieser Welt machen sich die Anonymität in der digitalen Gesellschaft zu Nutze, um mit äußerster Skrupellosigkeit und Brutalität jeden aufklärerischen Fortschritt in Richtung einer gleichberechtigten Gesellschaft niederzuschlagen. Unterstützt werden sie dabei von den politischen Vertretern des Patriarchats, die männliche Gewalt zum ethnischen Herkunftsproblem erklären, während sich die Dietmars, Christians und Friedrichs dieser Welt in ihrem Fremdenhass bestätigt fühlen und selbstzufrieden grinsend ihre misogynen Gewalt- und Mordfantasien weiter ins Internet rotzen dürfen.








Der weibliche Körper ist zum idealisierten Objekt der Begierde und der Fantasie, der Unterwerfung und Ausbeutung geworden. Kritischer Feminismus, der diese Konstellation anklagt und ihre Logiken offenlegt, ist in der Manosphere eine verachtenswerte Geisteshaltung. Menschen, die ihn betreiben, werden zu legitimen Zielen männlicher Gewalt erklärt. Der weibliche Körper steht gleichermaßen unter Druck wie unter Vorbehalt, zu den Facetten der toxischen Männlichkeit gesellen sich Elemente gesellschaftlicher Erwartungshaltung, der Schicksalsschläge und der Selbstausbeutung.
Die multiple Bedrohung und fragile Existenz von Frauen erobert zunehmend die Gegenwartsliteratur. Es sind die viel zitierten Töchter, die hier schreiben, nicht die radikalen, sondern die, auf die sich Fritze Merz so gern bezieht. Und oh Wunder, die bösen Ausländer kommen hier nicht vor. Die Täter in diesen Romanen tragen Namen wie Andi, Frank oder Valentin.
Dass die Töchter überhaupt über ihr Befinden schreiben, finden nicht alle gut, wie die Debatte um Denis Scheck beweist. Der Kritiker wird nun von betroffenen Autorinnen, aber auch von Kritikerin Elke Heidenreich zurückkritisiert. Er hatte zuvor die aktuellen Bestseller von Ildikó von Kürthy und Sophie Passmann, die weibliche Lebenswelten präsentieren, als Ausflüge in die »Desasterzone« und »Schnatterzone« wortwörtlich in die Tonne geworfen.
Nun mag die Gegenwartsliteratur nicht immer den höchsten Ansprüchen genügen, das mag jede:r für sich selbst bewerten. Aber sie beweist doch eindrucksvoll und facettenreich, wie Frauen von Erwartungsdruck, Ausbeutungsfantasien und sexualisierter Gewalt an den Rand des Wahnsinns und weit darüber hinaus getrieben werden.
Verinnerlichte Zwangsstörungen
Die junge Ich-Erzählerin in Elisabeth Papes Debütroman »Halbe Portion« schleppt sich durch ihr junges Leben. Jeder Wohltat verweigert sie sich, weil sie Geld kosten oder zur Gewichtszunahme führen könnte. Die Ursache dieser bis zur Zwangsstörung betriebenen Selbstkasteiung, so erfährt man in dem mit Rückblenden erzählten Roman, liegt in der Kindheit der Ich-Erzählerin. Ihre alleinerziehende Mutter, eine inzwischen in Deutschland lebende Ukrainerin, hat ihre Körperideale an die Einkommenssituation angeglichen. Ein schlankes Portemonnaie führt in einen von Kinderbeinen an eingeübten Schlankheitswahn, dem sich die Ich-Erzählerin nicht entziehen kann.

Die Gegenwartserzählung einer jungen Frau, die sich selbst jeden Genuss verbietet, wechselt sich in dieser Klassenerzählung mit den Rückblenden in die Vergangenheit ab. So wird deutlich, dass die Probleme, die die Protagonistin als Erwachsene hat, auf ihre Prägung als Kind zurückzuführen sind.
Auf diesem Weg findet auch die selbst auferlegte Strenge Einzug in die stilistische Herangehensweise. Denn dem Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit wird ein Changieren zwischen Ich- und Du-Perspektive an die Seite gestellt. Das ermöglicht der Ich-Erzählerin (eine Version der Autorin, wie Pape im Verlagsinterview einräumt), mit der Seite von sich selbst zu kommunizieren, mit der sie immer wieder in Konflikt gerät. »Mit mir oder mit Dir« lautet auch das Motto des Textes, an dem sich diese zerrissene Figur die ganze Zeit arbeitet.
»Halbe Portion« ist eine poetisch dichte, in ihren Motiven erschütternde Erzählung eines brutalen Mutter-Tochter-Verhältnisses, das sich in den Körper seiner Hauptfigur schreibt. Es ist auch das schmerzhafte Spiegelbild einer weiblichen Existenz, die die Restriktionen von außen verinnerlicht hat und sich permanent selbst beschneidet. Elisabeth Papes Roman ist ein Stück Klassenliteratur und macht deutlich, wie komplex die Zusammenhänge von Armut, Gesundheit und Vermögen (letzteres auch im doppelten Wortsinn) sind.
Fatale Abhängigkeit
Die weibliche Ich-Erzählerin in Rina Schmellers eindrucksvollem Debüt »Co« findet sich nach anfänglicher Verliebtheit plötzlich an der Seite eines alkoholkranken Mannes wieder. Dessen fragile und unstetige Existenz sorgt dafür, dass ihr an seiner Seite mehr und mehr der Alltag entgleitet. Denn Ausnahmezustände und Gewaltausbrüche werden zu immer wiederkehrenden Mustern in dieser Beziehung. Weicht die Ich-Erzählerin den Abstürzen ihres Partners zunächst nur stundenweise aus, flieht sie bald tagelang auf die Sofas von Freunden, bis sie irgendwann dauerhaft in eine WG zieht. Doch emotionale Abhängigkeit ist wie jede andere Sucht ein schlechter Ratgeber. Immer wieder zieht es die Protagonistin zurück in die gemeinsame Wohnung, die mehr und mehr von den Alkoholexzessen ihres Partners gezeichnet ist.

Die 1986 geborene Rina Schmeller erzählt von dem aufreibenden Prozess, aus der Co-Abhängigkeit rauszukommen. Dabei greift sie auch auf eigene Erfahrungen zurück, wie sie 2024 in ihrem Essay »Bedeutung erleben« einräumte. Das merkt man ihrem schonungslosen Text an, der Einblick in die schleichende Selbstsabotage einer Frau gibt, die nicht fassen kann, in was für einer Situation sie sich befindet. Dabei zeigt die Ich-Erzählerin nicht nur die vielfältige Verstrickung in die Abhängigkeit ihres Partners auf (hier erinnert die Figur in fataler Weise an Adelheid Duvanel), sondern taucht auch in die lückenhafte und fehleranfällige Welt der Hilfe- und Anlaufstellen ein, um zu zeigen, wie schwer es ist, strukturelle Unterstützung zu bekommen.
»Co« führt vor Augen, wie viel Kraft und Entschiedenheit notwendig sind, um die Geister der Co-Abhängigkeit abzuschütteln. Was es kostet, sich aufzumachen und das eigene Leben zurückzuerobern. Dabei bildet Rina Schmellers Roman ein Spiegelbild zu Christoph Peters Bericht über den eigenen »Entzug«; beide Roman erzählen jeweils von der anderen Seite der Alkoholabhängigkeit. Schmeller hat ihren poetischen Text bewusst gestaltet, die Kapitel bestehen oft nur aus wenigen Zeilen, in denen die Sprache wiederum auf das Notwendigste reduziert ist. Dabei drücken der Lärm der Traumatisierung und die Stille der Müdigkeit der Erzählung, aus der sich Stück für Stück die Komplexität dieser toxischen Beziehung herausschält, ihren Rhythmus auf.
Schmeller fällt kein Urteil, sondern überlässt die Bewertung ihren Leser:innen. Sie will sprachlich den Kern der Erfahrung fassen und erlaubt sich (und uns) Atempausen, um Dinge sacken und begreifen zu lassen. Die Aus- und Abschweifung sei Teil der Abhängigkeit, heißt es an einer Stelle, ihr Roman setzt dem eine enorme Konzentration auf das Wesentliche entgegen. Die Kunst dieses intensiven und schonungslosen Textes liegt in seiner Lakonie, in seiner Reduziertheit, die einen von der ersten bis zur letzten Seite nicht loslässt. Schmellers Protagonistin schweift nicht ab, sondern schaut permanent in den Abgrund. Denn erst wer das Unausweichliche als Teil der Wirklichkeit akzeptiert, hat eine echte Überlebenschance.
Seelische Verletzungen
Anna, die Hauptfigur in Anna Prizkaus Romandebüt »Frauen im Sanatorium«, hat bei dem Versuch, sich das Leben zu nehmen, einen schweren Unfall verursacht. Nach ihrer körperlichen Genesung wendet sie sich nun ihren seelischen Wunden zu. In einer psychiatrischen Klinik versucht sie wieder zu sich selbst zu finden. Dabei lernt sie Elif kennen, die kurz vor ihrer Hochzeit ihren Mann auf tragische Weise verlor. Und Marija, deren Mutter, eine alte russische Dichterin, im Gulag verschwand. Die schönen und schrecklichen Erinnerungen dieser drei Frauen bilden neben den Erlebnissen in der Klinik das Zentrum dieser an den Rändern latent ins Rätselhafte ausfransenden Erzählung.

Aus der Perspektive von Anna und in einem etwas neben der Norm stehenden Deutsch taucht man hier in den Alltag von »Frauen im Sanatorium« ein. Es wird heftig geraucht, heimlich getrunken und mit den anwesenden Männern geflirtet, bis man einen ins Bett bekommen hat. Irgendwie herrscht bei aller Belastung so etwas wie Ferienlager-Atmosphäre. Nur dass der Anlass der Zusammenkunft der drei Frauen ein wenig erfreulicher ist. Doch dem sollen die Frauen seltsamerweise nicht auf den Grund gehen, die Frage nach dem Warum ist in diesem Sanatorium tabu. Also weicht Anna an den kleinen Teich im Klinikpark aus, wo sie den im Wasser stehenden Flamingos aus ihrer Kindheit erzählt.
»Frauen im Sanatorium« basiert auf dem Text, den Prizkau 2021 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt gelesen hat. Im Jahr zuvor war ihr literarisches Debüt mit dem Erzählband »Fast ein neues Leben« erschienen. In ihrem Roman entpuppen sich die einzelnen Figuren als recht unzuverlässige Erzählerinnen – sie sind ja nicht umsonst in der Klinik, könnte man schlussfolgern. In ihren Berichten spielen die glücklichen und unglücklichen Episoden der Liebe eine ähnlich große Rolle wie die traumatischen Erfahrungen, die sie gemacht haben.
Anna betäubt den Schmerz mit dem zunehmenden Konsum von Tabletten und Alkohol. Psychosen, Halluzinationen und schizophrene Anfälle verschieben zudem die Grenze zwischen Einbildung und Wirklichkeit. Anna Prizkau weitet diesen Roman über Frauen im Ausnahmezustand zu einer Erzählung von den Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen. Die von den kleinen Lügen und großen Wahrheiten handelt, mit denen wir uns die Welt zu einem Ort machen, in dem ein individuelles Leben möglich ist.
Gesellschaftlicher Erwartungsdruck
Der namenlosen Ich-Erzählerin von Yade Yasemin Önder, die für ihren Debütroman »Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron« 2022 den Debütpreis der lit.Cologne gewonnen hat, läuft die Zeit davon. Der in der Kulturwelt aufstrebende Karl Kauz hat sie gerade verlassen und nun tickt ihre biologische Uhr. Aber sie will den inneren Countdown nicht tatenlos verstreichen lassen und stürzt sich in die Welt des Datings, um dem eigenen Kinderwunsch Nachdruck zu verleihen. Einer der Kandidaten nennt sich Andi Müller. Weil sich dieser Typ aber schließlich selbst aus dem Rennen kegelt, trägt der Roman mit dem geisterhaften Coverbild seinen Titel.

Parallel zu ihrer manischen Tinder-, Bumble- und okCupid-Suche nach einem potenziellen Vater ihrer Kinder in der Berliner Intellektuellen- und Künstlerszene schreibt die 37-Jährige ihren ersten Roman. Ihre Welt und die des Buchs bilden zwei hochexplosive Tonspuren. Ihr literarisches Werk erscheint im Laufe der Handlung und sorgt für einige Aufmerksamkeit. Die Ich-Erzählerin macht sich Preishoffnungen, doch auf die »Leipziger Shortlist« schafft sie es mit ihrem Debüt dann doch nicht. Das ging Önder mit dem eigenen Debüt nicht anders – es ist nicht der einzige Hinweis, der in »Anti Müller« zumindest den Verdacht auf Autofiktion aufkommen lässt.
Die Auseinandersetzung von Önders Protagonistin mit den eigenen Ängsten ist ziemlich schonungslos, aber darin zuweilen auch recht vorhersehbar. Die Spannung entsteht aber weniger auf der erzählerischen Ebene, als vielmehr im Bereich des Spiels mit Wirklichkeit und Fiktion. Über PartizipMialkonstruktionen greift Önder all die Rollen auf, in denen ihre Figur steckt, die mit jeder Seite mehr gegen die Welt rebelliert, die sie in diese Rollen zwingt. »Von den Männern dieser Welt habe ich genug! Die Frauen dieser Welt müssen den Männern endlich den Zugang verwehren! Erst dann können sich die Männer dieser Welt endlich selbst ficken, ins Knie und überhaupt!«
»Anti Müller« ist auf der Metaebene ein Schlüsselroman, Önder spielt famos mit den Erwartungen ihrer Leser:innen (und dem inneren Therapeuten ihrer Protagonistin). Dabei greift sie der möglichen Kritik an diesem die inneren Befindlichkeiten seiner Hauptfigur bewegenden Buch in der fiktionalen Kritik des literarischen Debüts ihrer Protagonistin vor. Das ist derart gut gemacht, dass es schon fast entwaffnend ist. Ob dieses Buch »ein feministischer Klassiker« werde, wie es Daniela Dröscher zu prophezeien wagt, bleibt abzuwarten. Aber ein starkes Buch über die Zwangslagen von Frauen in der Gegenwart ist Önders neuer Roman allemal.
Kollektive Schmerzen
Die 1988 geborene Son Lewandowski seziert in ihrem Debütroman »Die Routinen« die erbarmungslose Welt des Leistungssports. Amik kennt diese Welt aus eigener Erfahrung, als Turnerin hat sie einst Erfolge gefeiert. In der Gegenwart des Romans beobachtet sie die Europameisterschaften von der Tribüne aus. Und sieht einen fatalen Sturz, der die Handlung ins Rollen bringt. Während die Kampfrichter davon vollkommen unberührt bleiben, löst er bei Amik einen Erinnerungsstrom aus, der keinen Bogen um die Torturen des Sports macht. »Wie oft ich mit dem Schambein auf den Schwebebalken stürzen konnte, ohne dass es brach.« Mit diesem Satz beginnt der Roman, mit ihm fährt auch der Schmerz beim Lesen in die Glieder.

Amiks in die Vergangenheit führende Erzählung ermöglicht den Blick in einen Mikrokosmos, den nur die kennen, die sich in ihm bewegen. »Die Routinen« ist eine atemlose Erzählung über eine Turnerin, die sich den Wettbewerbsprinzipien des Sports beugt und sich mit jedem Schritt gen Podest weiter von den Mädchen außerhalb des Leistungssports entfernt. Dabei beginnt ihr Weg in die Weltspitze ganz unauffällig. Doch das kindliche Spiel entlarvte ein Talent, das fortan mit Drill und Disziplin gefördert werden sollte. Im Leben von Lewandowksis Spitzensportlerin zeigen sich einige Parallelen zu der Pianistin Christina, um die Helene Bukowskis für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierter Roman »Wer möchte nicht im Leben bleiben« kreist. Beide Romane führen vor Augen, wie aus dem Drill eine Selbstdisziplinierung hervorgeht, wie sich das Rampenlicht in den Verzierungen der Garderobe spiegelt, wie aus einem unbeschwerten Kind eine junge Frau wird, auf deren Schultern mehr ruht, als sie tragen kann.
Lewandowksi gelingt es dabei eindrucksvoll, die titelgebenden Routinen zum stilistischen Taktgeber ihrer Romans zu machen. Die unendlichen Wiederholungen der Übungen und Kommandos werden hier in Sprache überführt, die Räder und Salti schlägt, die sich durch die Erfahrungen balanciert, ohne selbst zu Schaden zu kommen. So wie bei jeder Turnübung ist auch hier das kleinste Detail von Bedeutung. Etwa dass sich das erzählerische Ich mehr und mehr in dem kollektiven Wir der routinierten Leidensgenossinnen auflöst. Dieses Kollektiv schreibt sich aus der Wirklichkeit in diesen Roman.
Lewandowski erzählt in ihrem Roman auch vom echten Leid der rumänischen Turnerin Nadia Comanecis, von den Quälereien des Trainerduos Béla und Márta Károlyi, dem Leiden der Simon Biles und dem Missbrauch in den Leistungszentren. Man müsse sich die Turnerin »als einen verunglückten Menschen« vorstellen, heißt es im Roman, der schonungslos die Abgründe dieses Sports aufgreift. Der zeigt, wie Frauen in diesem System von innen und von außen kaputt gemacht werden. Und der die Opfer zu einer Gemeinschaft formt, die den Sport, die Erfolge und die Niederlagen überdauert. »So viele Mädchen sind gegangen, aber das Wir ist geblieben. Und jedes Wir, das erinnert wird, hat dieselbe Farbe, ist ein gelbes Gold, das uns warm um den Hals hängt.«
Blaue Flecken
Esther Schüttpelz porträtierte in ihrem viel beachteten und 2023 mit dem Debütpreis der LitCologne ausgezeichneten Erstling »Ohne mich« eine Frau, deren erste große Liebe krachend gescheitert ist. Ihr neuer Roman macht jetzt einen Schritt zurück. Amy, eine junge Künstlerin, geht einmal im Monat mit ihrer besten Freundin ins Kino. Es ist eine Art Ritual, nach dem sie sich ins Auto setzt, um zu ihrem wohlhabenden Freund zurückzukehren. Doch diesmal bringt sie eine Umleitung im wahrsten Sinne des Wortes vom Weg ab. Plötzlich findet sie sich auf dem Autobahnzubringer wieder, auf dem die Provinzler nach Berlin hineinfahren. Schüttpelz Protagonistin ist aber auf der Gegenspur unterwegs, Ein Ziel hat sie nicht. Sie wird fast 24 Stunden lang durch die norddeutsche Provinz fahren und dabei einen Unfall mit einem Reh verursachen, zwei junge Tramperinnen mitnehmen und im Kopf ihr Leben auf den Prüfstand stellen.

»Grüne Welle« deshalb als eine Road-Novel zu bezeichnen, trifft es nicht so ganz, wenngleich in diesem Roman alles in Bewegung ist. Schüttpelz gelingt es in ihrem zweiten Roman auf engstem Raum, ein Leben in Unruhe nachzuzeichnen. Viel bleibt dabei im Ungefähren und Nebulösen, wenig wird konkret ausgesprochen. Die Rat- und Sprachlosigkeit ihrer Protagonistin wird dabei in Sprache übersetzt, die Bewegung raus aus dem Alltag wird Rad, das die Handlung vorantreibt. Lange Zeit bleibt unklar, warum Amy nicht einfach umdreht, zumal sie irgendwann feststellt, dass sie die Umleitung nur weiter weg von ihrem Leben führt. Das spielt aber keine Rolle, denn in den Andeutungen wird auch sichtbar, dass in diesem Lebensumweg auch eine Chance liegt. Denn irgendetwas stimmt mit ihrer Beziehung nicht, die blauen Flecken auf ihrem Arm deuten das an. Und so beschleicht einen der Verdacht, dass es vielleicht sogar besser wäre, wenn Amy nie wieder in das Haus zurückkehrt, wo ihr Mann auf sie wartet.
Die allwissende Erzählerin wahrt Distanz zu ihrer Hauptfigur und den anderen Protagonist:innen der Nebenhandlungen. Dies sind zum Einen die beiden jungen Anhalterinnen, deren Absichten rätselhaft bleiben. Zum anderen ist das Amys Mann, der, während seine Frau durch die norddeutsche Pampa irrt, deren bester Freundin schöne Augen macht.
Besonders schmeichelhaft ist das Licht nicht, in dem Schüttpelz ihre Figuren hier stellt, aber sprachlich wie konzeptionell wird hier ebenso sorgsam wie souverän ein Leben eingefangen, das noch nicht gescheitert, aber auch weit entfernt von gelungen ist. Wie stark Amy der toxischen Männlichkeit ihres Partners ausgeliefert ist, kann man nur zwischen den Zeilen erahnen, aber die Fahrt ins Ungewisse ist auch eine Flucht vor einer ungewissen Gewalt. Das Amy am Ende doch wieder nach Berlin fährt, zeigt konsequent, wie schwer es ist, sich aus belasteten Beziehungen zu lösen.
Tödliche Gewalt
Die Biologin Jasmin Schreiber, die mit ihrem Debüt »Mariannengraben« viel Aufmerksamkeit erhielt, wendet sich mit ihrem neuen Roman der Gewalt gegen Frauen zu und schreibt über die Verletzungen, die bleiben. Emma, die Mutter der neunjährigen Maja, wird von ihrem Ehemann Frank terrorisiert. Aus Herablassung wird schnell Bedrohung, aus Gewalt schließlich Mord. Zurück bleiben Maja, Emmas beste Freundin Liv sowie Emmas Eltern Per und Brigitte. Aus den Perspektiven dieser vier Figuren rekonstruiert Schreiber in »Da, wo ich dich sehen kann« die bedrückende Vor- und Nachgeschichte eines Femizids.

Nach Angaben von Schreiber hat sich in ihrer Hamburger Nachbarschaft ein solcher Fall zugetragen. Dem ist sie nachgegangen, hat Akten gewälzt, Prozesse verfolgt und Gespräche mit Anlaufstellen geführt. Mit Rückgriff auf Telefonprotokolle, Obduktionsgutachten und Medienberichten schildert Schreiber in diesem bedrückenden Roman nicht nur lebensecht, wie es zu dem brutalen Mord kommen konnte, sondern was er mit den Menschen macht, die bleiben.
Die Vielstimmigkeit und Multiperspektivität, mit denen die Ereignisse hier Stück für Stück zusammengesetzt werden, macht nicht nur die langsame Eskalation einer Beziehungstat greifbar, sondern auch die lähmende Ambivalenz von Emma und ihres Umfelds. So zeigt »Da, wo ich dich sehen kann« nicht nur, wie sich das Gift der Gewalt langsam in eine Beziehung frisst, sondern auch, wie betretenes Schweigen und Tatenlosigkeit in fataler Weise um sich greifen.
Schreiber setzt auf starke Emotionen und große Bilder, die sich leider immer wieder nah am Kitsch oder im Bereich von gut gemeinten Plattitüden bewegen. »Menschen hinterlassen mehr als Erinnerungen, sie hinterlassen schwarze Löcher, die dich gnadenlos anziehen und in den Abgrund reißen, wenn du ihnen zu nahe kommst. Wenn jemand geht, fehlt nicht nur die Person, sondern auch ein Stück von jedem, der bleibt.«
Man würde sich mehr Wut und mehr Widerstand wünschen, also genau das, was in diesem Roman auch den Hinterbliebenen fehlt. Unbenommen dessen wendet sich Jasmin Schreiber in ihrem Roman einem Thema zu, das gesellschaftlich entweder tabuisiert oder zweckentfremdet wird. Männliche Gewalt und ihre traumatischen Folgen werden hier nicht hinter poetischen Metaphern verborgen, sondern ungeschönt ans Licht gezerrt. In einen öffentlichen Raum, wo man sie sehen kann.
Weibliche Wut
Charlie alias Charlotte ist bei ihrer Freundin Ella eingezogen. Denn ihre eigene Wohnung hat sie in Trümmer gelegt, Geschirr, Möbel, Bilderrahmen – einfach alles ist kurz und klein geschlagen, wie man am Ende des literarischen Debüts von Clara Leinemann erfährt. Bei Ella findet sie nur unter der Bedingung Aufnahme, dass sie an einem Anti-Aggressionstraining für Frauen teilnimmt. Dort trifft sie auf andere junge Frauen, die aus verschiedensten Gründen die Kontrolle über sich verloren haben. Im Gegensatz zu Prizkaus »Frauen im Sanatorium« müssen sich diese Frauen in einer Sitzung mit ihrer Tat konfrontieren. Sie sollen Schritt für Schritt offenlegen, was genau passiert ist und wie es dazu kommen konnte.

»Gelbe Monster« ist beeindruckender Roman über weibliche Wut und ihre Ursachen. Clara Leinemann nähert sich dieser Wut aus zwei unterschiedlichen Richtungen an. Sie erzählt einerseits von der Therapiegruppe und fächert so die verschiedenen Gründe auf, warum Frauen in dieser Gegenwart den Boden unter den Füßen verlieren. Und andererseits rekonstruiert sie die Beziehung von Charlie und Valentin, die ausschlaggebend für Charlies Zusammenbruch ist.
Leinemann gelingt es dabei eindrucksvoll, das Zerstörerische an der Beziehung von Charlie und Valentin herauszuarbeiten und zu zeigen, wie sich all die toxischen Momente in Charlies Körper und Seele fressen. Dabei arbeitet der Roman nie mit simplen Erklärungsmustern, sondern zeigt schonungslos auf, dass Gewalt selten eindimensional ist. Mitte März wurde die Berliner Autorin dafür mit dem Debütpreis der LitCologne ausgezeichnet.
Die ambivalenten Beziehungsdynamiken beginnen dabei nicht mit der physischen Auseinandersetzung. Diese ist nur ein Teil der ungesunden Verbindung, die von emotionale Abhängigkeiten, Machtspielen und eigenen Traumata geprägt ist. Und auch die Frage nach Opfer und Täter ist nicht immer so leicht zu beantworten, wie man anfangs meint. Clara Leinemanns Debütroman hat einen aufreibenden Vibe und demonstriert eindringlich, was Frauen in diesen Zeiten über den Rand der Selbstbeherrschung treibt. Und am Ende ist man sich sicher, dass niemand vor den gelben Monstern sicher ist, die in den dunklen Ecken unserer Seele darauf warten, geweckt zu werden.

