Comic

Cowboy mit Heiligenschein

Lucky Comics ©2026/Story House Egmont

Seit 80 Jahren bringt Lucky Luke zum Staunen. Er zieht schneller als sein Schatten, spricht mit seinem Pferd und ist ein selbstloser Helfer in der Not. In seinem neuesten Abenteuer »Heiliger Lucky« wird der berühmteste Cowboy der Welt zur religiösen Ikone. Seinen Kultstatus bestätigen zudem eine Filmbox und ein Interviewband mit Zeichner Achdé, die zeitgleich zum Jubiläum erscheinen.

»Du sollst nicht stehlen«, lautet das siebente biblische Gebot und bei Lucky Luke denkt man dann erst einmal sofort an die Dalton-Brüder, diese trottelig-trampelige Bande, die immer wieder am großen Coup drehen und dann doch an den cholerischen Anfällen von Joe Dalton, der Nonchalance seines Bruders William, der Naivität von Jack oder dem Ungeschick von Vielfraß Averall scheitern. Im neuesten Band »Heiliger Lucky« tauchen die Daltons nur kurz auf, in Mittelpunkt der Geschichte stehen andere Ganoven. Aber auch die können mit 2-Mose-20-15 nichts anfangen. Mit vorgehaltener Waffe pressen Sie Reverend Damien Watine das Geheimnis hinter dem kryptischen Kürzel raus, bis eben Lucky Luke und Jolly Jumper in Szene treten, um dem Geistlichen beizuspringen.

Lucky Comics ©2026/Story House Egmont
Damien Watine und sein Privatheiliger | Lucky Comics ©2026/Story House Egmont

Der »lonesome cowboy« weiß in dem Moment allerdings noch nicht, mit wem er es da zu tun hat. Watine steht der Kirche im idyllischen Örtchen Faith vor, nachdem er jahrelang wegen Betrugs selbst hinter Gittern gesessen hat. Nun will er den Menschen – gegen Spende! – »eine wahre Western-Religion« bringen und mit Lucky Luke schneit ihm da der perfekte Heilige ins Haus. Der enthusiastische Prediger erkennt sofort, dass man aus dem Cowboy einen Heiligen machen kann. »Als die Gemeindemitglieder hörten, wie sie die Banditen entwaffnet haben, war allen sofort klar, dass Sie derjenige sind, den wir erwarten«, begrüßt er ihn am nächsten Tag, um den berühmten Cowboy zur Kultfigur zu machen und seine Kirche fortan dem »Lukismus« zu widmen.

Jul/Achdé: Heiliger Lucky. Aus dem Französischen von Klaus Jöken. Story House Egmont 2026. 48 Seiten. 15,- Euro (gebunden). Hier bestellen https://www.egmont-shop.de/lucky-luke-nr-103-gebundene-ausgabe/
Jul/Achdé: Heiliger Lucky. Aus dem Französischen von Klaus Jöken. Story House Egmont 2026. 48 Seiten. 15,- Euro (gebunden). Hier bestellen https://www.egmont-shop.de/lucky-luke-nr-103-gebundene-ausgabe/

»Heiliger Lucky!« ist das insgesamt 103. Lucky-Luke-Album und das sechste, dass das französische Duo Jul (Julien Lucien Berjeaut) und Achdé (Hervé Darmenton) verantwortet haben. Seit zehn Jahren schreiben sie gemeinsam die legendäre Serie fort, nachdem Achdé 2001 das Erbe von Morris angetreten hat. Für ihn ist es bereits das 13. Album – abgesehen von den Kid-Lucky-Abenteuern – , bis 2014 arbeitete er mit unterschiedlichen Szenaristen zusammen.

Der neuen Band zeigt wie keiner zuvor, dass der Wilde Westen ein Raum ist, der »with the bible and the rifle« erobert wurde. Die große Neigung zum (Aber)Glaube hat zwei Gründe. Zum einen waren es vor allem in Europa verfolgte religiöse Minderheiten, die in die USA ausgewandert sind, zum anderen lauerte im Wilden Westen hinter jeder Ecke der Tod. Umweltkatastrophen, Krankheiten, Insektenplagen – alles hatte biblische Ausmaße. Und all das fließt in den neuen Comic ein. Der Telegraf ist zudem die technische Innovation, die all die Erzählungen und Gerüchte als verschwörerische Suppe von Dort zu Dorf trugen.

Lucky Luke by Jul und Achdé

Wie auch immer, Lucky Luke flieht aus Faith nach Beliefs Junction, wo ein seltsamer Apotheker Abscheuliches plant, weil er den Ureinwohnern ihr Land entreißen will. Doch bevor es dazu kommt, fallen Millionen Heuschrecken über den Wilden Westen her und wir erfahren, dass der Held der Serie durchaus auch Ängste besitzt. Kein Wunder, denn der Klimawandel ist hier ebenso anwesend wie die Gefahr einer Pandemie.

Überhaupt ist das ein Coup der Geschichten, die Jul und Achdé verfasst haben. Sie haben die Serien nicht nur weitergeschrieben, sondern den Figuren Leib und Seele verpasst. Der einsame Cowboy musste, seit sie übernommen haben, schon mal auf sein Gewicht aufpassen, litt auf seiner Reise nach Europa und frei von Phobien ist er halt auch nicht.

Zeichner Achdé und Szenarst Jul (v.l.n.r.) |  ©2026/Story House Egmont
Zeichner Achdé und Szenarst Jul (v.l.n.r.) | ©2026/Story House Egmont

Aus der seriösen Western-Parodie von Morris und Uderzo haben sie eine Erzählung gemacht, die den Figuren Leben einhaucht. Dass Jolly Jumper sich dabei als Gewissen von Lucky Luke entpuppt – der Cowboy kann zwar sein Pferd ansprechen, aber dessen Antworten versteht er nicht – ist nur ein Aspekt von vielen, mit denen sie die Serie vorsichtig modernisieren.

Wer die letzten Alben gelesen hat, stellt auch fest, dass sie die Serie behutsam politisiert haben. Jüdische Einwanderung, die Geschichte der Schwarzen in den USA, die Situation der Arbeiter während der Industrialisierung, postkoloniale Debatten und selbst die Tierrechte haben es in die Alben geschafft. Im vorangegangenen Album »Letze Runde für die Daltons« hatte ein Vorfahr von Donald Trump seinen Auftritt als Besitzer eines »Pussy Saloons«, im Band »Fackeln im Baumwollfeld« der erste Schwarze Sheriff Bass Reeves, in dem Europa-Abenteuer »Cowboy in Paris« begegnet er Madame Bovary, Rimbaud und Verlaine. Kurzum: Juls Szenarien sind immer für eine Überraschung gut, das gilt auch für den neuen Band.

Lucky Comics ©2026/Story House Egmont
Lucky Comics ©2026/Story House Egmont

Hier nun greifen sie den hässlichen Cocktail aus Religion, Gläubigkeit und Kapital auf, diese brandgefährliche Aneignung und Privatisierung des Glaubens durch die Politik und die Wirtschaft, wie sie in den USA unter Donald Trump herrscht. »Heiliger Lucky« ist so auch eine gelungene Persiflage auf die Gegenwart des Wilden Westens in den USA unserer Zeit.

Das liegt natürlich am anspielungsreichen und klugen Szenario von Jul, aber in der deutschen Übersetzung vor allem an Klaus Jöken, der noch für jeden französischen Witz auf engstem Raum eine deutsche Entsprechung findet. Jöken, der auch die Asterix-Comics übersetzt, ist ein Meister seines Fachs. Es gibt nur wenige, die so viel Geist, Esprit und Humor auf so wenig Raum zum Strahlen bringen können. Jöken gehört zu jenen, die die Comic-Übersetzung zu einer Kunst machen.

Hommage-Alben verschiedener Künstler

»Heiliger Lucky« ist ein ideales Album zum 80-jährigen Jubiläum der Serie, die der belgische Zeichner Morris 1946 aus der Taufe gehoben und die längst ihren eigenen Weg gefunden hat. Achdé hat sie mit der Kinderserie über Kid-Lucky erweitert, Zeichner wie Mawil, Flix, Reinhard Kleist, Ralf König, Brüno, Blutch, Apollo oder Matthieu Bonhomme haben ihr mit ihren Hommage-Alben einen ganz eigenen Strich gegeben. Und doch bleibt der Cowboy, der die belgischen Farben am Körper trägt, immer unverkennbar der, der er schon immer war.

Zum Jubiläum lässt es der Verlag krachen. Lesenswert – nicht nur für Fans – ist der Interviewband »WANTED – Ein Zeichner für Lucky Luke«, in dem Achdé über seinen Werdegang, sein Dasein als Lucky-Luke-Zeichner, aber auch seine Liebe zu Jazz spricht.

Achdé, Alex Jakubowski: WANTED - Ein Zeichner für Lucky Luke. Egmont Comic Collection 2026. 144 Seiten. 35,- Euro. Hier bestellen https://www.egmont-shop.de/auf-den-spuren-von-achde/
Achdé, Alex Jakubowski: WANTED – Ein Zeichner für Lucky Luke. Egmont Comic Collection 2026. 144 Seiten. 35,- Euro. Hier bestellen.

Seit er fünf Jahre alt ist, wusste Achdé, dass er Comics machen wollte. Und Lucky Luke gehörte schon immer zu seinen Favoriten. Mit dem Band »Der Richter« lernt er als Knirps, bis 50 zu zählen, weil es darin ein Bild von einem Boxring gibt, auf das dutzende Cowboys starren. Man sieht sie nur von oben, also nur ihre Cowboyhüte. Es sind 50, wie Achdé gezählt hat.

In dem Interviewband erfährt man, wie diszipliniert er arbeitet. Dass er »pünktlich wie ein Uhrwerk« morgens um neun mit der Arbeit beginnt und bis abends durchzeichnet, unterbrochen nur durch ein Mittagessen und eine kleine Siesta.

Lucky Comics ©2026/Story House Egmont
Lucky Comics ©2026/Story House Egmont

»Mit Pferden habe ich mich gequält, seitdem ich begonnen habe, sie zu zeichnen«, räumt er im Gespräch mit Alex Jakubowski ein. Und reagiert damit augenzwinkernd auf den belgischen Erfinder von »Spirou und Fantasio«, »Gaston« und dem »Marsupilami« Franquin, der immer gesagt hat, dass meinen guten Zeichner daran erkenne, dass er »Hände, Füße und Pferde« gut zeichnen könne.

»Comics sind eine schwierige, zeitaufwändige Kunst, die am Anfang oft undankbar ist. Man kann noch so talentiert sein, wenn man nicht an seinen Zeichnungen arbeitet, wenn man sich nie Fragen stellt, wenn man sich keine Fristen setzt, wird man nicht durchhalten. Man muss permanent Papier, Bleistifte und Radiergummis abnutzen, um es zu schaffen.»

Lucky Luke hat es aus dem Comic aber längst auch in die Kinos geschafft. Seit acht Jahrzehnten reitet der Mann, der schneller zieht als sein Schatten, auf seinem Pferd Jolly Jumper durch ein Amerika, das es so vermutlich nie gegeben hat. 1971 erschien der erste von insgesamt vier Zeichentrickfilmen, die nun zum Jubiläum in einer Sammeledition erschienen sind. Es ist eine kleine Archäologie des gezeichneten Westerns, bevölkert von größenwahnsinnigen Ganoven, hoffnungslos rückfälligen Daltons, einem trotteligen Gefängnishund und einem Pferd, das seinen Reiter bisweilen mit bemerkenswerter Skepsis betrachtet, die man in »Daisy Town«, »Sein größter Trick«, »Das große Abenteuer« und »Auf in den Wilden Westen« durchlebt.

Henri Gruel, Morris, Pierre Watrin, René Goscinny: Lucky Luke: Die große Spielfilm-Collection (4 DVDs). Studiocanal 2026. 314 Minuten. 24,99 Euro. Hier bestellen https://shop.plaionpictures.com/lucky-luke-die-grosse-spielfilm-collection-4-dvds
Henri Gruel, Morris, Pierre Watrin, René Goscinny: Lucky Luke: Die große Spielfilm-Collection (4 DVDs). Studiocanal 2026. 314 Minuten. 24,99 Euro. Hier bestellen.

Vielleicht funktioniert Lucky Luke deshalb noch immer: weil diese Geschichten den Mythos des Wilden Westens lieben und ihm gleichzeitig misstrauen. Am Ende ist die Ordnung wiederhergestellt, die Daltons sitzen im Gefängnis – und Lucky Luke verschwindet als »lonesome cowboy« Richtung Horizont.