Sharon Dodua Otto gewinnt Bachmannpreis

40. Tage der deutschsprachigen Literatur

Britischer Triumph in Klagenfurt. Die Berliner Britin Sharon Dodua Otoo, der Zürcher Autor Dieter Zwicky, die Berlinerin Julia Wolf sowie die Wiener Schriftstellerin Stefanie Sargnagel sind die Gewinner beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2016. Damit gewannen beide Berliner Wettbewerbsteilnehmerinnen wie prophezeit einen Preis beim diesjährigen Wettsingen. Mit dem serbischen Autor Marko Dinić hat der Jahrgang 2016 auch einen viel gelobten tragischen Verlierer.

Die in London geborene Berlinerin Sharon Dodua Otoo gewinnt mit ihrem Text »Herr Gröttrup setzt sich hin« den vom 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis 2016. Sie setzte sich in der Stichwahl gegen Marko Dinić durch. In ihrem preisgekrönten Text erzählt sie gewitzt von einem an einem weichen Frühstücksei scheiternden Frühstück. Sie dreht dabei die erzählerische Perspektive und lässt den Leser das Geschehen aus Sicht des nicht hart werden wollenden Eis beobachten. Jurorin Hildegard Elisabeth Keller lobte in ihrer Kurzbegründung diese »Persiflage auf Loriots Ei-Nummer mit hintergründigem Charme«, mit dem sie zeige, »dass der Bachmannpreis auch im 40. Jahr noch neuen Stimmen eine Bühne verleihen kann«. FAZ-Literaturchefin Sandra Kegel, die Otoo nach Klagenfurt eingeladen hatte, lobte diese »unangestrengte Satire über einen typisch deutschen Alltag, in dem ein noch weiches Ei die Regie in der Küche übernimmt«. Es sei eine Ursprungsgeschichte, die die Spannung zwischen physikalischen und metaphysischen Wahrheiten vermesse, der mit einem »feinen Humor der Verunsicherung« von der Welt der Gröttrups erzählt, in dem noch alles an seinem Platz sein und doch nichts mehr stimme. Mit Sharon Dodua Otoo gewinnt eine der wenigen unter den Autoren, die noch nicht im Literaturbetrieb etabliert ist. Ihr Traum sei es, nun einen Roman zu schreiben, sagte sie nach der Verleihung.

Sharon Dodua Otoo folgt der Bamberger Lyrikerin Nora Domringer, die im vergangenen Jahr mit einer schwungvollen und witzigen Persiflage auf den Literaturbetrieb den preis gewann. Bei der Live-Abstimmung der Jury durften die Juroren in der ersten Abstimmungsrunde zum Bachmannpreis nicht für die Autoren stimmen, die sie eingeladen hatten. Ein Novum in der Wettbewerbsgeschichte.

40. Tage der deutschsprachigen LiteraturIn der Stichwahl für den mit 10.000 Euro Preisgeld verbundenen Kelag-Preis setzte sich der Schweizer Autor Dieter Zwicky mit vier zu drei Stimmen in der Stichwahl hauchdünn gegen Marko Dinić durch. Klaus Kastberger zeigte sich in seine Kurzbegründung für sein Votum bereits beeindruckt von der Akribie, die Zwicky beim Schreiben seines Textes »Los Alamos ist winzig« an den Tag gelegt habe. Der Text handelt von titelgebenden amerikanischen Kleinstadt, einer besiedelten Halde für radioaktiven Abfall, einem Mann, der gerade seinen Krebs besiegt hat, und dem ständig drohenden Weltuntergang. Jury Steiner sagte in seiner Laudatio, dass er mit Zwicky gern auf die berühmte einsame Insel wolle, weil es dieser verstehe, mit seiner Sprache eine Fantasiewelt aus Gedanken- und Assoziationsketten entstehen lassen könne. Er lobte den Züricher als »Zauberer und Magier, der die Illusion und die Schwerkraft miteinander verbinden kann«. »Wir sind nicht verdutzt, wir sind verzwickt«, schloss er seine Lobrede, die Zwicky mit dem Augenzwinkern des Inselbewohners beantwortete: »Ich sehe mich gezwungen, etwas gefasst zu sein.«

40. Tage der deutschsprachigen LiteraturDie Jury zeigte sich auch von der großen sprachlichen Finesse der Berliner Autorin Julia Wolf beeindruckt, die mit »Walter Nowak bleibt liegen« mit vier von sieben Jury-Stimmen den 3sat-Preis sowie 7.500 Euro Preisgeld gewann. Die Geschichte über eine durch das Wasser eines Schwimmbades kraulende »Mannmaschine« sei ein Text, der durch vielfache Lektüre tiefer wird, sagte der Jury-Vorsitzende Hubert Winkels. So habe er erst im Nachhinein festgestellt, dass er die ideale Gegenerzählung zu Ingeborg Bachmanns »Undine geht« sei. Die Namensgeberin des Preises hätte kurz vor dem Klagenfurter Wettsingen ihren 90. Geburtstag gefeiert. Der Text, den Julia Wolf las, ist ein Auszug aus ihrem Roman, der im Frühjahr 2017 erscheint. Nach dem Leipziger Buchpreis durch Jan Wagner, dem Deutschen Buchpreis durch Frank Witzel und dem Literaturnobelpreis an Swetlana Alixijewitsch bringt Julia Wolf der Elisabeth Ruge Agentur den ersten Klagenfurter Preis ein.

40. Tage der deutschsprachigen LiteraturDen mit 7.00 Euro dotierten Publikumspreis gewann die Wiener Autorin Stefanie Sargnagel mit ihrem Text »Penne von Kika«, in dem sie dem Publikum einen Einblick in das Leben einer Auftragsautorin (und damit in den Literaturbetrieb) ermöglichte. Während der Text in der Jury für Ambivalenzen sorgte – die Debatte schwankte zwischen Faust-Vergleichen und Quasselvorwurf – wusste Sargnagel offenbar ihre Netzwerke zu mobilisieren, um den Publikumspreis abzusahnen. Dass sie dabei die Lektion der (Selbst)Inszenierung perfekt gelernt hat, wurde auch noch einmal bei ihrem skurrilen Auftritt zur Preisverleihung in spiegelnder Sonnenbrille und Baskenmütze deutlich, bei dem sie die Zeit des »goldenen Matriarchats« ausrief und sich bei ihrer Burschenschaft Heil Hysteria bedankte. Diese hatte schon im Vorfeld jubiliert, dass die Nominierung von »Senior Sprenghilde« Ausdruck für das »gesamtgesellschaftliche Bedürfnis nach Neuausrichtung des Literaturbegriffes in unserem Sinne« sei und die »die dringende Notwendigkeit eines ultimativen Sieges unseres Bruders« zeige. Dieser Triumph erinnert in seiner schrillen Inszenierung als volksnaher Anti-Mainstream ein wenig an das Auftreten der #Brexiteers.

40. Tage der deutschsprachigen LiteraturDas Teilnehmerfeld beim diesjährigen Bachmannpreis war so international wie noch nie. Neben den Gewinnern lasen der in Salzburg lebende Serbe Marko Dinić, Ada Dorian aus Osnabrück, der in einem israelischen Kibbuz lebende Tomer Gardi, die beiden Leipziger Isabelle Lehn und Sascha Macht, der in Köln lebende türkische Autor Selim Özdogan, die Aachener Französin Sylvie Schenk, der Kölner Bastian Schneider, der Tübinger Jan Snela und die Hamburgerin Astrid Sozio. Auf der Shortlist für die drei Jurypreise standen neben den Gewinnern auch Isabelle Lehn, Selim Özdogan, Jan Snela und Marko Dinić. Der Serbe ist der große Verlierer unter den Juryfavoriten, in zwei von drei Abstimmungen unterlag er erst in der Stichwahl, in der Abstimmung zum 3sat-Preis erhielt er die zweitmeisten Stimmen.

Zur von Hubert Winkels geleiteten Jury gehören die freie Kritikerin Meike Feßmann, Standard-Literaturredakteur Stefan Gmünder, FAZ-Feuilletonistin Sandra Kegel, SRF-Kritikerin Hildegard Elisabeth Keller, der Leiter des Grazer Literaturhauses Klaus Kastberger und der freie Kurator Juri Steiner.

Wer übrigens meint, die Literatur eroberte hier das Fernsehen, erliegt einem Irrtum. Vielmehr ist es so, dass das Fernsehen hier die Literatur inszeniert und ihr seinen Rhythmus aufdrückt. Wie lange das noch gut geht (und nicht allzu sehr auf das Portemonnaie von Hauptsponsor ORF drückt, ist abzuwarten. Während die meisten Medien sachlich nüchtern über das Wettlesen berichteten, sang Tobias Rapp auf SPON das Grablied auf das Prinzip des Wettlesens. »Wie Schüler müssen die Autorinnen und Autoren vortreten und ihren Text lesen, um dann schweigend zu ertragen, was die eigentlichen Herrinnen und Herren des Verfahrens über diesen Text zu sagen haben. Literatur als Häschenschule.« In der »verstaubten Inszenierung des Klagenfurter Wettbewerbs« finde sich nichts von dem lebendigen Miteinander von Lesenden und Schreibenden, so Rapp. Stattdessen werde in Klagenfurt immer noch behauptet, »eine Handvoll Professoren und Kritiker könnten sich wie Oberlehrer hinstellen und dem zum Schweigen verdammten Autoren erklären, was ein gutes Buch oder ein gelungener Text ist. Was für eine Hybris.«

Der Juryvorsitzende Hubert Winkels reagierte in seinem Schlusswort nicht direkt darauf, sagte aber, dass man natürlich meinen könne, auf »diese alte hermeneutische Kritik« verzichten zu wollen. Er aber sehe nach den drei Tagen intensiver und seriöser Kritik eine Berechtigung für diese Literaturbewertung, betonte zugleich die Vielstimmigkeit der neuen Literaturkritik in Blogs und Onlineforen. »Man kann ja das eine tun ohne das andere zu lassen«, schloss er in der Manier eines in die Enge getriebenen Diplomaten.