Die Zeit der großen Gebildeten ist vorbei

© Karin Rocholl

Wie riskant ist es heute eigentlich, einen Roman zu veröffentlichen, in dem nicht nur ein antiquiertes Deutsch, sondern auch Englisch und Latein gesprochen wird? Brauchten Sie viel Überzeugungskraft gegenüber ihrem Verleger?

Ich habe das Glück, dass ich meinen Verleger seit meinem ersten Buch »Berliner Aufklärung«, also seit über 20 Jahren, kenne. In all den Jahren ist zwischen uns ein großes Vertrauen gewachsen. Natürlich hat sich der Verlag ab und an Sorgen gemacht, ob ich den Leser nicht überfordere, wenn der Teufel immer wieder den Erzählfluss unterbricht, um seinen Senf dazuzugeben, oder wenn Ritter so eine eigentümliche Sprache spricht. Aber letzten Endes war die Haltung von Seiten des Verlags immer: »Es ist dein Buch. Du musst es so schreiben, wie du musst.« Nach circa 50 Lesungen habe ich mittlerweile die Erfahrung gemacht, dass es im Publikum drei Fraktionen gibt: Diejenigen, die entzückt sind, dass ein Roman, sowohl was die Tonart, als auch was die Erzählweise angeht, aus dem Zeitgeist ausschert. Dann gibt es die, die sich vor allem mit den Versmaß-Passagen und der alten Sprache zunächst schwertun, aber nach den Lesungen mit leuchtenden Augen zu mir kommen und sagen, dass sie nun, durchs Zuhören, begriffen hätten, dass diese Sprache wie Musik sei, die zum Klingen gebracht werden muss. Und natürlich gibt es auch diejenigen, die mit meiner barocken, überbordenden und zum Teil auch sehr emotionalen Schreibweise tatsächlich nichts anfangen können. Zu denen kann ich nur sagen: Schade. Ihr bringt euch um ein Erlebnis.

Nicht ganz einfach ist auch die Erzählperspektive des Romans. Da ist zum einen der vermeintlich allwissende Kommentator, ein allzu bekannter Zaungast und vielleicht der Spiritus Rector hinter allem, zum anderen die mal auktoriale, mal personale Erzählsituation, wenn die Geschichte von Johann und Johanna vorangetrieben wird. Überfordert das nicht einige Leser?

Vermutlich. Trotzdem halte ich überhaupt nichts davon, als Schriftstellerin ständig die Schere im Kopf zu haben und mir alles zu verbieten, was eine – in der Tat zunehmend ungeduldige – Leserschaft vergraulen könnte. Wie soll denn auf solche Weise noch Literatur entstehen? Ist es nicht schlimm genug, wenn im Fernsehen, bei den Zeitungen und leider auch an den Schulen das Niveau permanent gesenkt wird, um bloß niemanden zu überfordern? Das einzige Genre, das sich derzeit von solchen Ängsten freimacht und dennoch als Mainstream funktioniert, ist interessanterweise die avancierte Fernsehserie. »Breaking Bad« etwa ist erzähltechnisch ungemein mutig. Einer meiner absoluten Lieblingsmomente: Wenn Walter White plötzlich aus der Handlung aussteigt, sich als Mexikaner verkleidet, zur Klampfe greift und eine Ballade auf sein eigenes Ableben singt. Da stellt doch auch kein Zuschauer die kleinkarierte Frage: »Wo kommt jetzt das her? Wieso wird da die Handlung durch so ein albernes Lied unterbrochen?« Sondern er freut sich über diese Verrücktheit. Die Krux mit dem gegenwärtigen Leser scheint zu sein: Für solche Scherze ist er zu konservativ. Auf der anderen Seite ist er nicht mehr konservativ genug, als dass er seine Freude an komplizierten, langen Sätzen oder einem entlegenen Vokabular hätte.

Die deutsche Seele von Thea DornWobei ich mir vorstellen könnte, dass eine Schwierigkeit des Textes durch die Montage mit anderen Texten zustande kommt. Briefe, Traktate, Lieder, Verse oder Comicpassagen finden sich in Ihrem Roman. Ist diese Montage eine bewusste Anlehnung an die experimentierfreudige Universalpoetik der Romantiker und des Romans des 18. Jahrhunderts?

Absolut. Und es ist, wie eben schon angedeutet, auch der Versuch, erzählerische Mittel, die heutzutage sonst eher Fernsehserien anwenden, auf den Roman zu übertragen. Denn auch mein oberstes Gebot ist: Die Handlung, die Charaktere müssen es tragen! Experimentelle Avantgarde-Prosa ohne starke Figuren, ohne starken Plot langweilt mich ungemein. Nehmen Sie z.B. den Hirsch-Comic, den ich an einer Stelle in die Erzählung einbaue. Johanna fleht insgeheim zu wem auch immer, dass der Kollege, der dabei ist, ihrem geheimen Treiben auf die Spur zu kommen, einfach weg sein möge. Vorher hofft sie noch, ihn mit einem Blowjob so zu besänftigen, dass er vergisst, weiter unangenehme Frage zu stellen. Doch dann stolpert Ritter in die gute Stube und prügelt den armen Kerl grün und blau. Natürlich hätte ich jetzt einfach brav erzählen können, wie der Kollege auf sein Motorrad steigt und nachts die Alpenstraße hinunterrast, bis er mit einem Hirsch zusammenkracht. Aber ist es nicht viel abgründiger und auch lustiger, wenn da plötzlich ein Hirsch auftaucht, der uns an seinen Gedanken teilhaben lässt, und wir also erfahren, dass auch er gerade von einem Nebenbuhler gedemütigt worden ist, weshalb er jetzt Ausschau nach jemand anderem hält, an dem er seinen Frust ablassen kann? Und nochmals: Faust ist Alchemist! Wer an literarischer Alchemie keinen Spaß hatte, sollte von diesem Stoff die Finger lassen.

Nach Klinger, Goethe, Grabbe, den Manns, Dürrenmatt und Frisch sind Sie – zumindest hierzulande – die erste Frau, die sich dem Fauststoff stellt. War Ihnen das beim Schreiben bewusst? Hat sie das vielleicht sogar angespornt oder beeinflusst?

In den schlimmsten Momenten des Zweifels habe ich mich in der Tat bei dem scheußlichen Gedanken ertappt: Es wird schon einen Grund geben, warum sich – abgesehen von Dorothy Sayers – bislang keine Frau an den »Faust« herangewagt hat. Braucht man vielleicht ein übersteigertes Männerego, um mit diesem Monsterstoff zurande zu kommen? Kann man als Frau, die ohnehin viel mehr Zweifel mit sich herumschleppt, daran nur scheitern? Gottseidank war es mir eine solche Lust, dieses Buch zu schreiben, dass die Zweifel zwischendurch immer wieder verstummt sind.

Sie haben vor Jahren in »Die neue F-Klasse« den vermeintlichen Siegeszug des Feminismus als Irrtum bezeichnet. Schaut man in die deutsche Literaturlandschaft, dann kann man Zweifel an dem Aufholen der Chancen von Autorinnen haben. Beim Leipziger Buchpreis war in diesem Jahr nur eine Frau nominiert, die großen Romane von Ihnen oder Juli Zeh sowie Ann Cottens kühnes Versepos wurden links liegen gelassen. Hat sich der Literaturbetrieb seinen Chauvinismus bewahrt?

Auf eine sehr perfide Weise hat er das – und würde es natürlich meilenweit von sich weisen, dass dem so ist. In den 90ern, als ich meine ersten Kriminalromane veröffentlicht habe, durfte ich immer wieder von pseudobesorgten – männlichen wie weiblichen – Rezensenten lesen: »Diese Frau ist so kalt, die gehört in Behandlung.« Können Sie sich vorstellen, dass einem männlichen Krimi-Kollegen »Seelenkälte« vorgehalten wird? Ein Scherzkeks hat dieses alte Totschlag-Argument wieder aufgewärmt, um jetzt auch »Die Unglückseligen« zu diffamieren. Natürlich gibt es großartige Kolleginnen wie Felicitas Hoppe, die sich dem Bild des weiblich empfindsamen Schreibfräuleins radikal entziehen und damit im Betrieb trotzdem äußerst erfolgreich sind. Aber mein Verleger hat mir neulich den Artikel einer jungen britischen Journalistin geschickt, die sich die Mühe gemacht hat, einmal durchzuzählen, welche Bücher aus dem Deutschen ins Englische übersetzt werden: Abgesehen davon, dass es ohnehin erbärmlich wenige sind, waren es fast ausschließlich Bücher von männlichen Autoren. Außerdem muss man leider feststellen, dass der literarische Zeitgeist insgesamt sehr auf Bücher vom Schlage »(vermeintlich) authentische Lebensberichte« fixiert ist. Ich kann diese ganze Knausgård-Manie nicht verstehen. Mich fasziniert es viel mehr, einem Autor dabei zuzuschauen, wie er mit einem echten Stoff ringt. In unserem eigenen, kleinen Leben stecken wir doch ohnehin die ganze Zeit fest. Und einer Frau will man es offensichtlich schon gleich gar nicht zugestehen, dass sie in ihrem Werk von den eigenen Alltagsbefindlichkeiten abstrahiert. Aber was soll’s? Als Schriftsteller muss man so oder so ein ziemlicher Häutungskünstler sein: Solange man am Schreibtisch sitzt, dünnhäutig bis zur Dauerverletzlichkeit. Und sobald das Werk draußen in der Welt ist, gilt’s, sich so schnell wie möglich das dickste aller Felle zuzulegen. Sonst wird man verrückt.

Frau Dorn, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch wurde von Dr. Sabine Blackmore von litdocs.de & Thomas Hummitzsch geführt.