Literatur, Roman

Felix Magath der Literatur

Zu Lebzeiten als unkultivierter Schreiberling verkannt, kann man 35 Jahre nach seinem mysteriösen Tod den großen Erzähler Jörg Fauser und seine schonungslos ehrliche Kriminalprosa entdecken. Porträt eines engagierten Arbeiters, Autors und Kritikers.

Als der Schriftsteller und Übersetzer Rolf Dieter Brinkmann 1975 posthum den Petrarca-Preis verliehen bekam, klagte ein damals kaum bekannter deutscher Autor: »Auch das letzten Endes nur ein Zeichen dafür, dass man bei uns noch mehr als anderswo auf der Hut sein muss vor den Kulturverwertern, diesen Schakalen der total medialisierten Welt … Nicht mal sterben kann man, ohne Angst zu haben, verschaukelt und verscheißert zu werden.«

Der Verfasser dieser Zeilen war Jörg Fauser, ein manischer Vielschreiber, dessen Romane, Reportagen und (Kriminal)Geschichten meist am Ende der sozialen Hierarchie angesiedelt sind. Säufer, Prostituierte und Dealer, Spieler, Gelegenheitsganoven und Schichtarbeiter bewohnen seine Bücher. »Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Party-Service anheuern«, so der 1944 in Bad Schwalbach im Taunus geborene Fauser. Diesen sozialkritischen Aspekt, das Schreiben für die ganz unten, hat er sich bei dem Harlems Kriminologen Chester Himes abgeschaut.

Jörg Fauser, Dubrovnik, 1986. | Wikimedia Commons

Man mag es Ironie der Geschichte nennen, dass dem Pfälzer Fauser, der in Frankfurt, München, Istanbul, London und Berlin mehr über- als gelebt hat, ein ähnliches Schicksal vorbehalten war wie Rolf Dieter Brinkmann. Ein Jahr nach seinem überraschenden Tod 1987 wurde Fauser, der Zeit seines Lebens von der Kritik bestenfalls ignoriert, schlimmstenfalls zur Schnecke gemacht wurde, posthum der Friedrich-Glauser-Preis verliehen. Man ist geneigt, dies mit seinen eigenen Worten zu kommentieren. »Nicht mal sterben kann man, ohne Angst zu haben, verschaukelt und verscheißert zu werden.«

Jörg Fauser war ein Rebell, für den der Literaturzirkus der alten Bundesrepublik keinen Platz hatte. Und so richtig wollte er auch keinen Platz für sich beanspruchen. Fauser gefiel sich als Außenseiter, ausgegrenzt allerdings wollte er nie werden. Auch wenn er sich nie in der Rolle des Künstlers sah. Er sei Geschäftsmann, kein Schriftsteller. Der Satz »Writing is my business!« spiegelt sein Selbstverständnis als Schreiber. Das Gespräch im legendären Autor-Scooter mit Hellmuth Karasek und Jürgen Tomm, in dem er diesen Satz fallen ließ, zeigt ihn als eine Art Felix Magath der Literaturszene. Raue Stimme, einfache Sprache, Lust zur Provokation. Und immer wieder die Betonung, dass man malochen muss, um durchzukommen.

Fauser ging es beim Schreiben immer um Zweierlei. Erstens: Existenzsicherung. Zweitens: Eintreten für die alternative Szene. Dabei ist er mit Phänomenen konfrontiert gewesen, die Autoren der Gegenwart ebenso kennen. Mit Brotjobs hat er sich lange Zeit sein Schreiben finanziert. Wenn er nicht als Gepäckarbeiter oder Nachtwächter gearbeitet hätte, »würde ich nicht für Rundfunk/TV/bürgerliche Feuilletons/Nackedeimagazine usw. schreiben, könnte ich mir die Alternativ-Szene gar nicht leisten«, schreibt er in einem Text zu seiner Lage als Literaturkritiker. Brauchbare Literatur ist es, der er seine Aufmerksamkeit widmet. »Und ob diese Literatur, die ästhetisch und menschlich engagiert ist und der Zeit einen ramponierten, aber immer noch intakten Spiegel vorhält, nun in einem Groß- oder Mittel- oder Kleinverlag, in Mizzis Mösen-Magazin oder in der Kreuzberger Kneipenzeitung erscheint, ist denen, die sie brauchen, Jacke wie Hose.«

Mit einer solchen Haltung macht man sich im Kulturbetrieb wenige Freunde. Seine Betonung, Schreiben sei weniger kulturelle Leistung als vielmehr Geschäft, gefiel den »Kulturknackis und Medienwichsern« im Betrieb nicht. Als er 1984 in Klagenfurt las, bekam er von Marcel Reich-Ranicki, Walter Jens und Peter Härtling eine Abreibung verpasst wie wenige vor ihm. »Mit Kunst hat das nichts zu tun«, ätzte Reich-Ranicki, Walter Jens sprach von erwartbarer »Computerliteratur« und Härtling meinte, dass die Figurenschilderung in Fausers billiger Unterhaltungsliteratur an »Denunziation« grenze. Wenn man sich die Jurydiskussion auf Youtube ansieht, springt einen die Selbstgefälligkeit und – ja, man muss es so nennen – Arroganz der Jurymitglieder förmlich an. Michael Köhlmeier sprach in seiner Klagenfurter Rede zur Lage der Literatur 2013 mahnend davon, dass Fauser der Literaturkritik damals in ihrer »hinterhältigsten und erbärmlichsten Gestalt« begegnet sei.

Nach seinem Tod war Fauser kurz in aller Munde, die posthume Glauser-Auszeichnung wirkt wie die peinliche Einsicht einer Szene, einen Großen nicht erkannt zu haben. Danach geriet der unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommene Fauser in Vergessenheit. Er kursierte im literarischen Zirkus als Geheimtipp. Inzwischen kann dieser kraftvolle Erzähler wiederentdeckt werden, Friedrich Ani, Benjamin von Stuckrad-Barre, Helene Hegemann und Clemens Meyer gehören zu seinen begeisterten Fans. Sie alle liefern begleitende Worte zur Werkausgabe, die im Diogenes-Verlag erscheint. Fauser hat nicht nur umwerfende Prosa und empfindsame Lyrik verfasst, sondern auch überaus unterhaltsame und kluge Literaturkritiken und -reportagen. Die Sammlung »Der Klub, in dem wir alle spielen«, in der sich ein Outsider der Branche den Kopf über den Zustand der Literatur zerbricht, hat mich eine Nacht lang in ihren Bann gezogen und nicht schlafen lassen.

Statt mit den Kopfgeburten deutscher Literaten (»existenzieller Muckefuck«) beschäftigte er sich lieber mit der amerikanischen Literatur. Chester Himes, Raymond Chandler und Dashiell Hammett bilden Fausers »Parnass der Kriminalliteratur«. Er ist begeistert, wie in deren Werken »von einer verlorengegangenen Freiheit die Rede ist, der Freiheit, sich eine eigene Moral zurechtzumachen, wo Moral schon ein Witzwort ist, und für sie den Kopf hinzuhalten«, schreibt er in einem Text über Chandlers Marlowe-Krimis. Von den Beatniks um Jack Kerouac und William S. Burroughs schaut er sich den unwiderstehlichen Rhythmus ab, der seine Prosa prägt. Dem frühen Gonzo Journalism von Charles Bukowski entnimmt er die direkte (und oft Frauen gegenüber abwertende) Sprache. Wie sehr sich Fauser für die Stilmittel der amerikanischen Beat- und Undergroundszene interessierte, geht aus dem Briefwechsel mit dem Übersetzer Carl Weissner hervor, mit dem er sich jahrelang über die amerikanische Literatur und das eigene literarische Schaffen austauschte. Denn während die Beatniks die Literatur auf den Kopf stellten, schuf Fauser mit seinen Krimis eine deutsche Marlowe-Welt, in der Männer ums Überleben kämpfen und Frauen mehr Deko als Inventar sind.

Jörg Fauser: Der Klub, in dem wir alle spielen. Diogenes Verlag 2020. 400 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen

Zweifelsohne hätte Fauser mit dem Kampf gegen Sexismus und für Geschlechtergerechtigkeit und Gender Mainstreaming nicht nur Probleme, sie wäre ihm wohl zuwider. Ob aus prinzipiellen Gründen – »Man muss sich der Rohheit zuwenden, wie sie immer war« –, aufgrund seiner Herkunft oder anderen Gründen, mag jeder selbst entscheiden. Der Kampf gegen den grassierenden Rassismus hingegen würde er zweifelsohne unterstützen, auch wenn er die Debatte um kulturelle Aneignung wiederum gnadenlos als Nonsens canceln würde.

Ob man zu »Der Schneemann«, »Das Schlangenmaul« oder dem jüngst wieder aufgelegten München-Krimi »Kant« greift – stets wird deutlich, dass es Fauser nicht um wilde Aktion, sondern um die Geschichte eines Verbrechens geht. Unterhaltung ja, aber nicht um der Hoffnung auf eine bessere Welt Willen. »Man muss den Menschen fassen, wie er ist, gart und unerlöst. Man darf ihm aber nicht erlauben, sich an der Hoffnung zu vergreifen.« Wie Chester Himes ging es Fauser nicht um spektakuläre Fälle und deren Aufklärung, sondern »um Menschen und die Desaster, in die sie taumeln«.

So auch in »Kant«, einer ebenso mitreißenden wie atmosphärischen Kriminalerzählung, die 1986 als Fortsetzungsroman erschienen ist; eine Auftragsarbeit für den Wiener. Im Mittelpunkt steht Privatermittler Hezekiel Kant, geboren 1942 in Ostpreußen. Wenngleich er mit dem Königsberger Philosophen nicht verwandt ist, gelten für ihn dieselben Prinzipien: »Ich übernehme alles mit einem kategorischen Imperativ«, heißt es gleich zu Beginn. Dieser Vorsatz ist auf der nächsten Seite schon Schall und Rauch. Denn Dr. Eduard Kopmann, Generaldirektor der Großhandelskette SPUMEX, setzt Kant auf seine deutlich jüngere Gattin Lisa an. Am nächsten Tag wacht er vermöbelt in der Abstellkammer einer zwielichtigen Bar auf, in der die attraktive Frau seines Auftraggebers verschwunden ist. Ein Test, wie sich herausstellt, denn die Kopmanns haben ein ganz anderes Problem. Ihre Tochter Tutti ist verschwunden, Kant soll sie auftreiben. Nun schlagen Teenager ja ganz gern mal über die Stränge, aber als ein Erpresserschreiben auftaucht, ist klar, dass es in der Welt der Münchener Schickeria um mehr geht.

Fauser beherrscht sein Handwerk meisterhaft. Die Erzählung hat Punch und ist großartig gebaut. Licht, Schatten und Dekor, das Granteln und Mosern sind perfekt aufeinander abgestimmt und schaffen eine unverwechselbare Schickeria-Atmosphäre. Dabei folgt er Burroughs’ Ansatz, dass jedes Bild alles enthalten muss, »was zu seinem Verständnis nötig, und alles verbergen, was für sein Geheimnis unabdingbar ist.«

Fausers Krimis haben in ihrer sozialkritischen Ausrichtung die Wirkung eines Uppercuts. Stets gönnt er seinen unverstellten Figuren eine eigene Moral, die ihrer Erfahrung als Abgehängte und Abgestempelte entspricht. Wer immer Dreck am Stecken hat, kann sich keine schmutzigen Finger holen. Das wusste Fauser aus eigener Erfahrung. In seinem autobiografischen Roman »Rohstoff« erzählt er, wie er – alkohol- und drogenabhängig, immer abgebrannt und am Limit – unter Suffies und Druffies lebte und sich mit Brotjobs über Wasser hielt. Alkoholismus, heißt es dort, ist der Imperialismus der kleinen Leute.

»Ein Schriftsteller, der über Dinge schreibt, die er nicht kennt, ist wie ein Stierkämpfer, der die Bewegungen macht, ohne dass ein Stier da ist.« Auf dieser Erfahrung baute er dann sein Werk auf. Fauser war ein furchtloser Torero, der dem Bullen immer direkt ins Auge gesehen hat.

  • Jörg Fauser: Kant. Diogenes Verlag 2021. 128 Seiten. 20,- Euro. Hier bestellen
  • Jörg Fauser: Der Schneemann. Diogenes Verlag 2020. 304 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen
  • Jörg Fauser: Das Schlangenmaul. Diogenes Verlag 2019. 320 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen
  • Jörg Fauser: Rohstoff. Diogenes Verlag 2019. 352 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen
  • Jörg Fauser: Der Klub, in dem wir alle spielen. Diogenes Verlag 2020. 400 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen
  • Jörg Fauser/Carl Weissner: Eine Freundschaft. Diogenes Verlag 2021. 368 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen

Eine kürzere Fassung des Fauser-Porträts ist im November 2021 im Freitag erschienen.