Timea Tankós brillante Übersetzung von András Viskys Roman »Die Aussiedlung« wurde in diesem Jahr gleich mehrfach übersetzt. Nachdem Sie beim Preis der Leipziger Buchmesse noch leer ausging, wurde sie Anfang Juli gemeinsam mit András Visky mit dem Internationalen Literaturpreis ausgezeichnet. Kurz danach wurde ihr zudem der Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis zugesprochen.
»Ich gehe mit dir, sagte unsere Mutter, am Ende verschwindest du mir spurlos und kommst nie zurück«, sagt die Ehefrau von Pfarrer Ferenc Visky, als dieser 1958 von den rumänischen Stalinisten zur Befragung mitgenommen wird. Die Vehemenz, die hier aus den Worten von Julia Visky spricht, nutzt ihr am Ende nichts. Ihr Mann Ferenc wird zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt. Sie selbst wird mit ihren sieben Kindern und einer Frau, die in der Familie freundlich Aufnahme findet, in ein Arbeitslager in der südöstlichen Donau-Tiefebene Rumäniens, ins Bărăgan, deportiert.

»Die Aussiedlung« handelt von der Vertreibung einer ungarischen Pfarrersfamilie in den rumänischen Gulag, nachdem der religiöse Vater inhaftiert wurde. Aus kindlicher Perspektive wird in 822 Vignetten vom mörderischen Dasein unter menschenunwürdigen Bedingungen erzählt. Der ungarische Autor András Visky, der damals zwei Jahre alt war, erzählt erzählt von den Unmenschlichkeiten des Lagers, den Widrigkeiten der Jahreszeiten, vom Hausen in Erdhöhlen, dem ständigen Hunger und der alltäglichen Erniedrigung, von Zwangsarbeit und Grausamkeit. Die einen treibt all das in den Wahnsinn, die anderen in die Donau.
»Die Aussiedlung« reiht sich ein in die Lagerliteratur und erzählt doch ganz anders, als wir es von Imre Kertesz oder Warlam Schalamow kennen. Die Erzählung setzt Visky wie ein Puzzle zusammen, ein Mosaik zugespitzter Szenen, die mal sarkastisch bitter, dann wieder verspielt witzig sind. Meist haben sie ihren Ursprung im Alltag des Lagers, um dann abzuheben in die Sphären der biblischen Geschichten, die der Erzähler von seinen Eltern kennt.
In Leipzig begründete die Jury die Nominierung des Romans damit, dass Tankó den besonderen Rhythmus dieser Lagererzählung bewahre. Dabei habe sie der Roman vor eine große Herausforderung gestellt, weil die Familie Halt in der gemeinsamen Sprache finde, die das heimische Ungarisch mit dem fremden Rumänisch und den Versen der Bibel verbindee.
»Timea Tankó bewältigt diese Aufgabe glänzend. Sie bewahrt die besondere Gestalt dieser Sprache und erschafft die kindliche Perspektive des erinnernden Erzählers so glaubhaft neu, dass sich die bedrückende Erfahrung ebenso überträgt wie die Hoffnung auf Erlösung.«
Jurybegründung Preis der Leipziger Buchmesse
Die Jury für den Internationalen Literaturpreis 2026 vom Haus der Kulturen der Welt war schon von der Form des Romans begeistert und schwärmte davon, das Visky für das Schicksal seiner Familie im Rumänien der 1950er Jahre nach Jahrzehnten der Suche mit dem Fragment die vollkommene Form gefunden habe. In 822 Sätzen ohne Punkt verwandelt Visky Jahre des Zwangs und der Entbehrung »im Lagernichts« in ein Hohelied der Liebe und Freiheit. Immer im Zentrum dabei die Bibel (»unser einziges Zuhause«), aus der die Mutter täglich vorliest und deren vierfachen Schriftsinn die kindliche Fantasie um einen fünften erweitert.
»In Timea Tankós pfingstwunderbar flüssiger, souverän stimmlagensicherer Übersetzung steht und schwingt »Die Aussiedlung« von der knatternden Behördensprache bis ins Schweigen zwischen den Herztönen«.
Jury Internationaler Literaturpreis 2026
Das Mosaik pointierter Szenen, aufeinander bezogen und eigenständig, manche bitter, andere witzig, viele alltäglich und alle latent durchzogen von der biblischen Sprache des Elternhauses, ist ein literarisches Denkmal und bildet den Auftakt einer geplanten Trilogie. In dem Roman behält Visky die kindliche Perspektive bei. Die Familie findet Halt in ihrer gemeinsamen Sprache, die das heimische Ungarisch mit dem fremden Rumänisch und mit Sprüchen aus der Bibel verbindet.
Timea Tankó, die für ihre Übersetzung »Apropos Casanova« von Miklós Szentkuthy 2021 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt und eine der anerkanntesten und meistausgezeichneten Übersetzerinnen des Landes ist (und deren Auszeichnung mit dem Celan-Preis nur noch eine Frage der Zeit ist), hat das umwerfend mündlich übersetzt. Sie bewahrt Verständnisschwierigkeiten mit rumänischen Passagen und setzt souverän Akzente mit Formulierungen wie »kein himmelauferden Kommunismus«. Sie bewahrt die Doppeldeutigkeiten des Begriffs »Deo« und gibt gibt dem ganzen einen unvergesslichen Ton.
Die Braem-Jury, der die Übersetzer:innen Nicola Denis, Ina Kronenberger, Silke Kleemann, Maria Rajer und Jan Wilm angehören, war davon ebenso überzeugt. Tankós Übersetzung besteche durch eine ungeheure schöpferische Tiefe, heißt es in ihrer Begründung.
»Wie in einem einzigen Atemzug trägt sie uns durch das Werk, das äußerst poetisch von menschlicher Tragik und vom mutigen Überleben erzählt. An keiner Stelle erlöst uns das Buch mit einem Schlusspunkt, beflügelt uns jedoch – wie die brillante Übertragung – durch die lebendige, stilistisch schillernde Sprache. Durchdrungen von Assonanzen und Alliterationen lässt Timea Tankó, zwischen Pathos und Ironie, Weltverbundenheit und Metaphysik, perfekt rhythmisiert den Funken überspringen. Eine großartige übersetzerische Leistung!«
Jury Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis
Auch wenn er nie ein Gefängnis gesehen habe, könne er es sich beim Gedanken an seinen inhaftierten Vater gut vorstellen, wie es dort ist, räumt der kindliche Erzähler András Visky in seinem Roman ein. Vielleicht, so sagt er »weil wir mit diesem Wissen geboren werden und das Gefängnis schon immer in uns ist, in uns allen.«

