»So viel geiles Zeug«

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Am Freitagabend sind im ehrwürdigen Erlanger Markgrafentheater die Max und Moritz-Preise für die besten Publikationen der Neunten Kunst vergeben worden. Dabei gab es einige Überraschungen und ein »Starlett« namens Ralf König, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Mit Ulli Lust traf die Jury die perfekte Wahl für die beste deutschsprachige Comic-Künstlerin, Mawils »Kinderland« wurde als bester deutschsprachiger Comic ausgezeichnet.

Natürlich ist die Comicszene eine große Familie, mit allem was dazugehört. Entsprechend wurde zur Eröffnung der Verleihung der wichtigsten Auszeichnungen für Comic-Kunst und grafische Literatur im deutschsprachigen Raum We are family von den Sister Sledge intoniert. Dabei gab es zuvor innerhalb dieser Familie, die von außen betrachtet manchmal so enerviert und neurotisch wie die Osbourne-Familie wirkt, einiges Stirnrunzeln und Rumoren nach Bekanntwerden der Nominierungen für die Preise: zu viele so genannte Graphic Novels, zu wenige Mangas und Alben.

Vielleicht auch um die vorher erregten Gemüter etwas zu beruhigen, hielt der Oberbürgermeister der Stadt Erlangen Florian Janik eingangs ein Loblied auf die Neunte Kunst, die »Hochkultur und Subkultur, Nischenkultur und Breitenkultur« sei und mehr Anerkennung verdient habe. Nun ja, zumindest an diesem Abend galt dieser Kunst die gesamte Aufmerksamkeit der anwesenden Gäste.

Moderiert wurde die Gala in bewährt souveräner, selbstironisch-flapsiger Art von der unvergleichlichen »Comicfanin« Hella von Sinnen und dem Schweizer Comicexperten Christian Gasser (von dem man angesichts des parallel stattfindenden WM-Spiels zwischen Frankreich und der Schweiz erfuhr, dass er zur hälfte auch Franzose sei). Auch wenn es »so viel geiles Zeug« in den vergangenen zwei Jahren gegeben hat, wurde der Max und Moritz-Preis, Deutschlands wichtigste Comicauszeichnung, weiterhin nur in lediglich neun Kategorien vergeben.

Die in Österreich geborene Wahlberlinern Ulli Lust wurde als beste deutschsprachige Comic-Künstlerin ausgezeichnet und erhielt vier Jahre nach dem Publikumspreis — die Jury hatte damals ihren fulminanten autobiografischen Comic Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens schlichtweg verschlafmützt — nun endlich die ihr gebührende Anerkennung (und 5.000 Euro Preisgeld) einer deutschen Fachjury. Lusts Erstlingswerk ist ein Topseller was ausländische Lizenzen angeht. Ob in Frankreich oder in den USA, die fast 500 Seiten umfassende Geschichte einer Emanzipation erntet begeisterte Kritiken und ist bereits mit zahlreichen Preisen bedacht. Im Juli könnten zwei weitere Eisner-Awards hinzukommen. Als beste und wichtigste Botschafterin des deutschen Comics im Ausland lobte Laudator Lars von Törne die Zeichnerin. Zumindest was den amerikanischen Sprachraum betrifft, hat er da zweifellos recht, in Frankreich müsste man zumindest Reinhard Kleist, der von der Jury komplett ignoriert wurde, zumindest mit hinzuzählen. Von Ulli Lust erschien zuletzt eine Adaption von Marcel Beyers Roman Flughunde, ein Meisterwerk der Onomatopoesie. Lust hat einen ganz eigenen, subversiven Stil, der ihre werke Wiedererkennbarkeit macht. Sie gräbt nach Stoffen abseits der ausgetretenen Wege, besucht dafür auch schon einmal das Mekka des Berliner Hedonismus, den Kit Kat Club und zeigt sich dort — glaubt man ihrem entsprechenden Webcomic — aufgeschlossen der Dinge, die sich dort vollziehen. Mit ihrer Website electrocomics hat sie außerdem eine Plattform geschaffen, auf der sie Nachwuchskünstlern ein Forum gibt.

Als bester deutschsprachiger Comic wurde Mawils Tischtennis-DDR-Endzeit-Comic Kinderland ausgezeichnet. Der Berliner erzählt darin die Geschichte des schüchternen 14-jährigen Brillenträgers Mirco Watzke, für den die Wende alles andere als zu spät kommt. Vielmehr kommt sie zu früh, nämlich am Tag des großen Ping-Pong-Freundschaftsturniers, dass er an seiner Schule gegen einigen Widerstand durchgesetzt hat. Mawil erzählt in warmen Farben und aus dem Blickwinkel seines hochsympathischen Antihelden vom letzten Sommer in der DDR, der hier ganz im Zeichen des Tischtennis steht. Fast sieben Jahre waren seit seinem letzten Comic Action Sorgenkind vergangen, mit diesem Erfolg für Kinderland hat sich Mawil, der die Auszeichnung sichtlich bewegt entgegennahm, nun fulminant zurückgemeldet (hier geht es zum Interview an der Platte).

Bei der Auszeichnung des besten internationalen Comics wusste die Jury zu überraschen (und wollte wohl auch so manchen Kritiker zum Schweigen bringen). Ausgezeichnet wurde die bislang in sieben Bänden vorliegende Manga-im-Manga-Geschichte Billy Bat von Naoki Urasawa und Takashi Nagasaki (übersetzt von Yvonne Gerstheimer). Nicht nur, dass mit Urasawa und Nagasaki zwei der Post-Tezuka-Generation – dessen auf zehn Bände angelegte Buddha-Biografie ebenfalls nominiert war – gegen einen der Altmeister der Manga-Literatur durchsetzen. Sie ließen auch Rutu Modans national wie international erfolgreichen Comic Das Erbe, Chris Wares Jimmy Corrigan oder Chris Vaughn und Fiona Staples gefeierte und vom Publikum nominierte Serie Saga hinter sich. Laudator Christian Gasser lobte Billy Batt als »Page-Turner der allerfeinsten Art« und im weiteren Verlauf des weiteren Abends erntete die Jury für diese Entscheidung einiges anerkennendes Schulterklopfen für diese Entscheidung.

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Ulli Lust

Zwiespältig waren die Reaktionen wiederum bei der Auszeichnung für den besten deutschsprachigen Comicstrip. Erstmals wurde der Preis auf den deutschsprachigen Raum begrenzt, weil es dort genügend »Juwelen« der kurzen Bildgeschichte gebe. Gewonnen hat den Preis der Kölner Zeichner Olav Korth alias 18 Metzger für seine Bildgeschichten Totes Meer, die regelmäßig in der Jungle World erscheinen. Nun ist der Zeichner aus der Metzgerstraße 18 in Köln – 18 Metzger ist also kein Zeichnerkollektiv – keineswegs eine schlechter Zeichner, ganz und gar nicht. Vielmehr zeige der »dadaistische Nonsens«, was der deutsche Comic alles vermag, wie es in der Laudatio heißt. Im Publikum sah man das etwas anderes, die größte Begeisterung gab es bei der Vorstellung von Fils Diddi & Stulle-Geschichten. Selbst Moderatorin Hella von Sinnen rief die Jury nach der Preisvergabe auf, den leer ausgegangenen Fil doch endlich einmal dessen Strips auszuzeichnen, weil er einer der »subversivsten und genialsten Künstler« Deutschland sei.

Bei den Kindercomics hat sich der Favorit durchgesetzt. Nachdem Emmanuel Guiberts Ariol erst gar nicht nominiert wurde, war die Auszeichnung von Luke Pearsons Kindercomic Hilda und der Mitternachtsriese (Übersetzung von Matthias Wieland) naheliegend. Die von Tuve Jansons Mummins (denen in Erlangen eine kleine Ausstellung gewidmet ist) und Hergés Tintin inspirierte Geschichte von Hilda, deren Haus inmitten eines von Elfen und Trollen bewohnten Hügels steht, sei ein Fest für Auge und Geist für junge Leser zwischen »dreieinhalb und einhundertdrei«, lobte Christian Gasser in der Hoffnung, als Methusalem von seinen Kindeskindern den fünfzigsten Band entgegennehmen zu können. Bislang liegen allerdings erst zwei vor, Pearson hat also noch einiges zu tun.

Um Chris Wares »Jahrhundertwerk« Jimmy Corrigan Der klügste Junge der Welt nicht zu übergehen, griff die Jury auf den Spezialpreis zurück, den sie an die Übersetzer Tina Hohl und Heinrich Anders vergab. Es sei ihnen hervorragend gelungen, Wares komplexe Texte in die kleinen, »briefmarkengroßen« (Hella von Sinnen) Texträume zu übertragen, die der Amerikaner gelassen habe, begründete der Nürnberger Medienwissenschaftler Herbert Heinzelmann. Da runzelt man gleich aus zweierlei Gründen die Stirn. Zum Einen ist das die Herausforderung einer jeden Comicpublikation mit vorgegebenen Texträumen, die nicht allein in der Übersetzung, sondern auch beim Lettering bewältigt werden muss. Viel mehr noch aber ärgert die mit Platzhalten gefüllte Laudatio, in der Heinzelmann nicht ein Beispiel dieser preiswürdigen Übersetzung nennt, sondern es bei einer Umschreibung der zu bewältigenden Herausforderungen belässt. So wurde eine Leistung ausgezeichnet, die konkret keine Erwähnung fand. Die exakte Übersetzungsarbeit aber hätte man loben und rühmen sollen, wie dies beim Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse der Fall ist. Und man hätte sie vielleicht sogar honorieren sollen, denn die meist ohnehin schon unter prekären Verhältnissen arbeitenden Übersetzer erfahren in der Comicszene noch einmal eine Steigerung ihres Prekariats.

Zum dritten Mal vergab der Comicsalon Erlangen einen honorierten Preis an die beste studentische Comicpublikation. Die kam in diesem Jahr aus Kassel, die dortige Kunsthochschule überzeugte die Jury mit dem aktuellen, überaus sehenswerten Jahrgangsheft mit Comicepisoden Triebwerk.

Der Publikumspreis ging an die aus dem Alltag des Erzählers berichtende Online-Publikation Schisslaweng (www.schisslaweng.net) von Marvin Clifford (Heimbach), der quirlig-überdreht seinen Preis entgegennahm und versuchte, an Chrazyness mit Hella von Sinnen mitzuhalten.

Gewinner des Abends unter den Verlagen war der Berliner Reprodukt Verlag, der drei Preise gewann. Der avant-verlag teilt sich mit dem Suhrkamp-Verlag die Rolle des Herausgebers der Werke der besten deutschen Comickünstlerin Ulli Lust. Außerdem gewannen auch der Ventil-Verlag sowie Carlsen Manga zu den Herausgebern der Preisträger.

Den Auftritt des Abends legte aber Ralf König hin, der den Sonderpreis für sein herausragendes Lebenswerk erhielt. Er trat im selben Paillettenkleid auf wie vor 22 Jahren, als er in Erlangen als beste deutscher Comickünstlerin ausgezeichnet wurde. Er erinnerte sich auf der Bühne, als er 1986 aus dem Publikum heraus der Auszeichnung von Matthias Schultheiß beigewohnt und damals schon beschlossen habe, dass er besser aussehen werde als Schultheiß, wenn er den Preis eines Tages entgegennehmen werde. Und so stand er goldglänzend auf der Bühne, statt roter Rosen regnete es güldenes Lametta und der König des schwulen Comics ließ sich mit stehenden Ovationen feiern.

2 Gedanken zu “»So viel geiles Zeug«

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