Dialoge zwischen Realität und Imagination

Titelbild Joann Sfar

In all Ihren Comics gibt es einen musikalischen Aspekt. Was bedeutet Ihnen die Musik?

Ich habe immer davon geträumt, Musiker zu werden. Mein Vater war Musiker, meine Mutter Sängerin, aber sie haben mir kaum etwas beigebracht. Der Zeichner Sempé hat mich einmal gefragt, warum ich mit so viel Hingabe und Freude Musiker zeichne. Da habe ich ihm gesagt, weil ich keine Ahnung vom Musizieren habe. In meinen Zeichnungen steckt oft die Idee einer Lust, einer Sehnsucht. In dem Fall ist es die, dass ich selbst gern Musiker geworden wäre.

In Ihrer cineastischen Hommage an die Lügen des Serge Gainsbourg gibt es eine Szene, in der der junge Gainsbourg mit Kindern von Holocaust-Überlebenden Musik macht und ihnen eine verlorene Freude zurückgibt. Kann Musik alles heilen?

Zunächst muss ich sagen, dass diese Geschichte wahr ist. Sie spielt in einer Montessori-Schule. Und in dieser Schule ist aus Lucien (Ginsburg) Serge geworden. Er ist Musiker geworden, nicht weil er den Kindern etwas zurückgeben konnte, sondern weil er sich selbst an der Musik und dem, was er mit ihr weitergeben konnte, geheilt hat. Ich glaube tatsächlich, dass Musik eine Menge geben kann, aber hier ging es mir vor allem darum zu zeigen, dass er selbst durch das, was er macht, gerettet wird.

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In Deutschland ist von Ihnen im April 2014 der Comic »Vampir« erschienen, die Geschichte des friedlichen Vampirs Ferdinand. Ich habe gelesen, dass Sie schon Mitte der 1980er Jahre die ersten Skizzen Ihrer Vampirgeschichten angefertigt haben. Wie kommt es, dass Sie diese Figur schon so lange begleitet?

Als ich in Nizza studiert habe, war ich jede Woche im Kino und habe die alten UFA-Filme entdeckt. Wie für die meisten Heranwachsenden war das auch für mich wie ein Schock, vor allem »Nosferatu« von Friedrich Wilhelm Murnau. Ich fing an, diese Vampirfigur zu zeichnen – zuerst ganz ernsthaft und dann, als ich anfing, mit dieser Figur zu sprechen, wurde sie witziger. Parallel begann ich, die Komödien amerikanischer Filmemacher wie Ernst Lubitsch und die Marx Brothers zu entdecken. Ich begann unbewusst, eine Mischung aus Friedrich Wilhelm Murnaus »Nosferatu« und den Marx Brothers zu zeichnen. Das Tragische an der Geschichte ist, dass Tim Burton vor mir im Geschäft war, ich meinen Vampir aber vor ihm gezeichnet habe. Als »Nightmare before Christmas« herauskam, dachte ich, mein Vampir war aber vorher da. Es gibt übrigens eine Gemeinsamkeit zwischen Tim Burton und mir: Wir sind beide in sehr sonnigen Gegenden groß geworden. Er ist an der Westküste der Vereinigten Staaten aufgewachsen, ich an der Côte d’Azur in Nizza.

Wahrscheinlich braucht es einfach viel Sonne, um diesen Humor aufzubringen, der Burtons und Ihre Werke auszeichnet.

Das kann sein. Aber Nizza war auch immer eine sehr russische Stadt. Als ich Kind war, kamen viele Russen und Polen nach Nizza. Die Muttersprache meines Großvaters war Deutsch, er sprach aber auch fließend russisch und polnisch. Und er wollte immer in Kontakt mit den Russen und Polen sein, um seine Sprachkenntnisse zu trainieren. Ich war da oft dabei, bin also in einer sonnigen, aber auch sehr russischen Atmosphäre aufgewachsen.

Das Lebensmotto von Michael Douffon, einer der ausgebufftesten Figuren in »Vampir«, lautet: »Wenn dich etwas glücklich macht, solltest du nicht fragen, ob es gut oder schlecht ist. Mach’s einfach! Denn man weiß nie, wie viele schöne Augenblicke einem das Leben schenkt.« Wie sehr spricht hier aus Michael Douffon der Zeichner Joann Sfar?

Wenn ich es mir wünschen würde, dann gar nicht. Denn Douffons Lebensmotto ist das eines jungen Mannes, der nicht erwachsen werden will. Ich habe aber auch nicht viel Selbstkontrolle oder Selbstdisziplin, was Auswirkungen auf meine Arbeit hat. Manchmal kommen Dinge auf mich zu, da wäre es besser, diese nicht sofort zu machen, sondern erst einmal etwas anderes zu tun. Ich tue mich zum Beispiel sehr schwer damit, einen Comic abzuschließen. Denn um eine Geschichte zu beenden, braucht es meines Erachtens mindestens 500 Seiten. Deshalb habe ich angefangen, Romane zu schreiben. Da habe ich die 500 Seiten, die ich brauche. Ich habe grundsätzlich keine Kontrolle über die Dinge, an denen ich gerade arbeite. Ich nenne Ihnen zwei Beispiele. Ich habe fünf Jahre lang nicht mehr an »Die Katze des Rabbiners« gearbeitet, habe zwischendurch den Film gemacht, aber jetzt merke ich, dass nach den fünf Teilen noch etwas kommen muss. Von »Klezmer« habe ich nach den ersten vier Bänden im letzten Jahr etwa 80 Seiten des fünften Teils gezeichnet und mittendrin aufgehört, und jetzt habe ich es wieder rausgeholt und mich daran gemacht, es zu beenden. In den kommenden Tagen werde ich die letzten zehn Seiten zeichnen und meinen Verleger glücklich machen, denn er hat schon nicht mehr daran geglaubt, dass ich die Geschichte beenden werde. Das ist ein Schema, das man mit mir oft erlebt. Ich bin fast fertig und dann lege ich die Dinge für ein Jahr oder zwei beiseite, um es dann irgendwann doch zu beenden.

In Ihren Comics wimmelt es von rätsel- und zweifelhaften Dingen: Philosophie, Religion, Aberglaube, Vampirismus, der Zauber der Musik, sprechende Tiere. Fühlen Sie sich vom Mythologischen angezogen?

Absolut. Und zwar, weil ich weder an die Originalität glaube noch an die Gabe, Dinge zu erfinden. Wir Menschen haben viele Dinge gemeinsam und ich versuche, diese gemeinsamen Dinge zu nutzen. Wir kennen alle die Vampirsagen, die Erzählungen der Musketiere, die Märchen der Poeten.

Ein Gedanke zu “Dialoge zwischen Realität und Imagination

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