Übersetzte Klassiker und gehobene Schätze

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Der Autor des »Dschungelbuchs« Rudyard Kipling wäre in diesem Herbst 150 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass erscheinen gleich sechs seiner klassischen Werke in neuem Gewand. Mit Hochspannung erwartet werden die Übertragungen der Erstlinge von Harper Lee und Truman Capote sowie Neu- und Erstübersetzungen der Schlüsselwerke von Laurence Sterne, Henry David Thoreau, Henry James und Charlotte Brontë. Arno-Schmidt-Liebhaber können sich auf seine Übersetzung von Edward George Bulwer-Lyttons Porträt des viktorianischen Londons freuen.

Suhrkamp Verlag. 1.400 Seiten. 48,- Euro.

Suhrkamp Verlag. 1.400 Seiten. 48,- Euro.

Nennt man heute den Namen Edward George Bulwer-Lytton, dann ist dieser nur noch Wenigen ein Begriff. Dabei hat der Freund von Charles Dickens, der als Politiker im britischen Unter- und Oberhaus und zeitweise sogar als Kolonialminister aktiv war, mit seinem Roman Die letzten Tage von Pompeji die Grundlagen für das Science-Fiction-Genre gelegt. Auch in Deutschland wurde Bulwer-Lytton viel gelesen, Richard Wagner vertonte seinen Roman Rienzi. Weniger bekannt, aber offenbar eine Wohltat für gestresste Intellektuellenseelen ist sein voluminöses Porträt der viktorianischen Gesellschaft in London. Die insgesamt sechs Bände seines quasidokumentarischen Romans Was wird er damit machen? – Nachrichten aus dem Leben eines Lords wurden von keinem Geringeren als Arno Schmidt aus dem Englischen übertragen und erscheinen nun in Halbleinen in einem edlen Schuber. Mit den Finstermännern aus Londons Unterwelt, den verlorenen Söhnen und verzeihenden Vätern, den halbgelehrten Handwerkern, stotternden Predigern, Wanderschauspielern, den zarten Kindsbräuten und verliebten Ladys, von denen Bulwer-Lytton schreibt, soll sich Schmidt von seinem Monumentalwerk Zettel’s Traum erholt haben, wie es in der Verlagsankündigung heißt. Darin geht es um den vermögenden Lord Darrell und die von ihm geliebte Lady Montfort, die ebenso Opfer hinterhältiger Intrigen werden wie die arme Schauspielerin Sophie und ihr Anbeter Lionel Haughton. Sie alle verzweifeln an dem hinterhältigen Tun des gewissenlosen Diebs und Erpressers Jasper Losely. »Hinter der rasanten Handlung steht für den zeitlebens politisch engagierten Autor die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten den Menschen im gesellschaftlichen Gefüge des 19. Jahrhunderts überhaupt bleiben. Die Armen, die Reichen, die Findigen und die Demütigen – was werden sie aus ihrem Leben machen?« Die Neuedition von Arno Schmidts Übersetzung dieses epochalen Romans – zuvor als Taschenbuchausgabe im S. Fischer-Verlag erschienen – berücksichtigt erstmals bislang unveröffentlichte Randglossen des Übersetzers, die in die Tiefe des Werks und seiner Übertragung führen.

Verlag Galiani Berlin. 850 Seiten. 24,99 Euro.

Verlag Galiani Berlin. 850 Seiten. 24,99 Euro.

Bleiben wir bei Arno Schmidt, zumindest ein wenig. Laurence Sternes Aufklärungsroman Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman soll er als eines der zehn größten Bücher gelobt haben, die jemals in englischer Sprache geschrieben worden sind. Mit dieser Ansicht ist Schmidt bei weitem nicht allein. Lessing beklagte nach Sternes Tuberkulosetod im Alter von nur 55 Jahren, dass er ihm gern fünf Jahre seines Lebens abtreten würde, »mit der Bedingung, dass er hätte schreiben müssen, gleich was, Leben und Ansichten, oder Predigten oder Reisen«. Friedrich Nietzsche bezeichnete nach der Lektüre des Romans seinen Autor als den »freiesten Schriftsteller aller Zeiten« und Thomas Mann frohlockte angesichts der »humoristischen Großartigkeit«. Die wohl eindrucksvollste, weil sprach- und literaturwissenschaftlich sowie rhetorisch fundierteste Lobeshymne schrieb aber Christoph Martin Wieland, der folgende Frage stellte: »Wo ist der Mann von Verstand und Geschmack, dessen Seele einen Sinn für die Launen des Genies, für Witz und Ironie, für attisches, britisches, Cervantisches, Rabelais’sches, und (was feiner und pikanter ist als alle vier übrigen Arten) für Yoricksches Salz hat; wo ist, sag ich, ein solcher Mann, in dessen Händen Tristram Shandy nicht schon wäre, der nicht lieber alle seine übrigen Bücher, und seinen Mantel und Kragen im Notfall dazu, verkaufen wollte, um dieses in seiner Art einzige, dieses mit allen seines Verfassers Wunderlichkeiten und Unarten dennoch unschätzbare Buch anzuschaffen, von Stund an zu seinem Leibbuch zu machen, und solange darin zu lesen, bis alle Seiten davon so abgegriffen und abgenutzt sind, dass er sich – zum größten Vergnügen des Verlegers – ein neues anschaffen muss?« Nun erscheint dieser »Ur-Roman der Moderne« (Galiani Verlag) in der lange Zeit vergriffenen Übersetzung von Michael Walter, in der dieser die »genialisch-kniffligen Feinheiten und hochverzwickten Zweideutigkeiten« aus dem Original hervorholt. Paul-Celan-Preisträger und Joyce-Übersetzer Friedhelm Rathjen rühmte Walters Übertragung als »absoluten Meilenstein der deutschen Übersetzungsgeschichte«. Parallel zur Neuerscheinung wird der Bayerische Rundfunk den Roman in einem neunteiligen Hörspiel präsentieren, das vom Hörverlag in einer neunbändigen Edition veröffentlicht wird.

Nord-Süd-Verlag. 240 Seiten. 33,90 Euro / Edition Büchergilde. 300 Seiten. 25,00 Euro / Mare Verlag. 768 Seiten. 48,00 Euro / C.H.Beck Verlag. 104 Seiten. 14,95 Euro / Hanser Verlag. 512 Seiten. 29,90 Euro / S. Fischer. 464 Seiten. 19,99 Euro.

Nord-Süd-Verlag. 240 Seiten. 33,90 Euro / Edition Büchergilde. 300 Seiten. 25,00 Euro / Mare Verlag. 768 Seiten. 48,00 Euro / C.H.Beck Verlag. 104 Seiten. 14,95 Euro / Hanser Verlag. 512 Seiten. 29,90 Euro / S. Fischer. 464 Seiten. 19,99 Euro.

Rudyard Kiplings 150. Geburtstag wird eines der großen Literaturereignisse des Bücherherbsts werden. Seine beiden Dschungelbücher gehören zu den weltweit bekanntesten Kinderbüchern weltweit. Die Mowgli-Geschichten aus dem Dschungelbuch erscheinen nun ungekürzt, illustriert von Aljoscha Blau und in der Übertragung von Wolf Harranth in einer wunderschönen Leinenausgabe im kleinen Nord-Süd-Verlag, mit der der Kinderliteraturverlag (gemeinsam mit Saids Sindbad und L. Frank Baums Der Zauberer von Oz) eine neue, reich illustrierte Klassikerreihe startet. Jubiläen wie Kiplings werden immer gern genutzt, um dem Gesamtwerk eines Autors mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Dies ist auch bei Kipling der Fall. So erscheint bereits im Frühjahr sein Indienroman Kim in der vibrierenden Übersetzung von Andreas Nohl, der zuletzt Robert Louis Stevensons Schatzinsel in famoser Manier die Seefahrersprache zurückgegeben hat. Kim ist jahrzehntelang als Kinderbuch gelesen worden, Nohls Übersetzung präsentiert ihn nun als Schlüsseltext der Weltliteratur. Salman Rushdie soll nach der Lektüre dieses großen Textes gesagt haben, dass kein anderer westlicher Schriftsteller Indien jemals so tief verstanden habe wie Kipling. Indien war Kiplings Zuhause, wie in seinen Reisebriefen und Reportagen, die nun erstmals vollständig in der Übersetzung von Alexander Pechmann unter dem Titel Von Ozean zu Ozean erscheinen, deutlich wird. Auf seinen Reisen zwischen den Handelszentren im Indischen Ozean und dem Herz des Wilden Westens in den Jahren 1887 bis 1889 wird er immer wieder von Heimweh eingeholt: »Ich will nach Hause! Ich will zurück nach Indien! Mir ist elend zumute«, schreibt er da. Mit spitzer Feder kehrt er das Groteske und Unerwartete aus seinen Alltagsbeobachtungen heraus und stellt seine eigenen kulturellen Vorurteile beherzt an den Pranger. Kipling wird uns hier als einer der »außergewöhnlichsten Reiseschriftsteller seiner Zeit« vorgestellt, der »seinem großen Vorbild Mark Twain in nichts nachsteht«. Seine Erfahrungen auf See hat Kipling in seinem »Dschungelbuch der Meere«, dem fulminanten Roman Über Bord, aufgegriffen. Er erzählt hier die Geschichte des Millionenerben Harvey Cheyne, der eines Tages von Bord eines Passagierdampfers und damit aus der verwöhnten Welt der Privilegierten fällt. Er findet sich auf einem Kabeljaufischerboot vor Neufundland wieder und taucht ein in das ihm bislang verborgen gebliebene Universum der Seefahrt, des Fischfangs und müder Knochen Arbeit. In der Edition Büchergilde erscheint Kiplings Gesellschafts- und Seefahrerroman in einer edlen, an ein Logbuch erinnernden Leinenausgabe, übersetzt von Gisbert Haefs und reich illustriert von Christian Schneider. Der Übersetzer von Sir Arthur Conan Doyle Gisbert Haefs hat für Kiplings Jubiläum noch eine weitere Übertragung beigesteuert, schon im Frühjahr sind Die späten Erzählungen des britischen Journalisten und Nobelpreisträgers in seiner Übersetzung erschienen. Darin verarbeitet Kipling den Tod seines Sohnes und lässt, durch die eigenen Schmerzen mäandernd, eine Welt der Erinnerung entstehen, um einen Umgang mit dem schweren Verlust zu finden. Dabei blickt er auch auf die Kindertage seines Sohnes John und dessen beiden Schwestern Josephine und Elsie zurück, denen er Geschichten zum Einschlafen vorgelesen hat. Einige davon, die Tierfabeln Wie der Leopard zu seinen Flecken kam – in denen er originell und mit Witz kindliche Fragen, wie etwa das Kamel zu seinem Höcker kam, warum der Elefant so einen langen Rüssel hat und wie das Alphabet entstand, beantwortet – erscheinen in der ursprünglichen Übersetzung von Sebastian Harms in der Klassikerreihe bei C. H. Beck.