Die Finsternis zwischen Skylla und Charybdis

2015-03-14-15.08.29

Stefano d’Arrigos zeitloses Epos »Horcynus Orca« gehört zu den ganz großen Romanen des 20. Jahrhunderts. Auf fast 1.500 Seiten lässt uns der italienische Autor an den letzten Tagen des desertierten Marinebootsmanns `Ndrja Cambrìa und seiner Odyssee an der vom Krieg zerstörten italienischen Küste und in Sizilien teilhaben. Moshe Kahn hat für diesen Solitär der italienischen Literatur eine Sprache gefunden, die deutsch und zugleich nach fernen Welten klingt. Eine übersetzerische Höchstleistung!

»…mein Verstand …vielleicht wird er nie wieder Verstand sein … ich möchte nur, dass er noch durchhält … gerade so lange, um Ordnung in die letzten Seiten meines Buches zu bringen und es abzuschließen«, schreibt der italienische Schriftsteller Stefano d’Arrigo 1966 an einen Freund. Zuvor sind zehn Jahre Arbeit in sein Lebenswerk geflossen. 1956 schrieb d’Arrigo den ersten Satz für seinen Horcynus Orca. Dann kamen ein Literaturpreis auf der Basis eines Auszugs, der die komplette Aufmerksamkeit der italienischen Intellektuellen auf den entstehenden Roman lenkte, sowie eine etwa 600 Seiten umfassende Erstfassung. Die erste Korrekturfahne dieses Romans wurde dann zum Ausgangspunkt einer Sisyphosarbeit, die in der Welt der Literatur wohl nur in Arno Schmidts Monumentalwerk Zettel’s Traum ein Vorbild findet. D’Arrigo befindet sich noch mitten in diesem Prozess, als er an seinen Freund schreibt. Es werden fast zehn weitere Jahre dahinfließen, bevor der Italiener das endgültige, um mehrere hundert Seiten angewachsene Manuskript ein zweites Mal bei seinem Verlag Mondadori abgeben und bei Schriftstellerkollegen wie Italo Calvino und Pier Paolo Pasolini Begeisterungsstürme auslösen wird.

1961 begann er gemeinsam mit seiner Frau Jutta Bruto, die Druckvorlagen zu überarbeiten. Anfangs machte er nur Notizen am Rand, als diese aber zu langen Einschüben und ganzen Kapiteln anwuchsen, klebte er neue Blätter an die bereits existierenden Seiten. Als auch das nicht mehr ausreichte, spannte er Wäscheleinen durch seine Wohnung und klammerte die zusätzlichen Seiten an die Leinen, bis er umgeben war von einem selbst geschaffenen, singenden und klingenden Literaturlabyrinth.

Mit diesem Wissen stellt man sich den italienischen Autor am Schreibtisch sitzend vor, seine Erzählung einer Heimkehr weiterdenkend und fortschreibend, während der Wind von der Meerenge zwischen Skylla und Charybdis aus dem Roman und durch die weißen Seitenleporellos fährt. Seine Frau tritt in die Szenerie und hilft ihm, die in dem Brief an den Freund beschriebene »Ordnung« zu schaffen. Ohne sie hätte er den Roman wohl nie zu einem Abschluss gebracht, deshalb seine vorangestellte Widmung: »Für Jutta, die es verdienen würde, auf der Titelseite zu stehen, mit ihrem Stefano«. Moshe Kahn hat dieses Stück Weltliteratur ins Deutsche und das Deutsche ein nicht geringes Stück näher zu diesem Ungetüm namens Horcynus Orca getragen.

Stefano d'Arrigos Zettelwirtschaft | © Gabinetto G.P. Vieusseux, Firenze

Stefano d’Arrigos Zettelwirtschaft | © Gabinetto G.P. Vieusseux, Firenze

Der Roman erzählt schwappend, rollend, gurgelnd, blubbernd und gluckernd von den letzten Tagen des Oberbootsmanns ´Ndrja Cambrìa, der am 1. Oktober 1943 aus der italienischen Marine desertiert und am 8. Oktober stirbt. Dazwischen liegt eine Reise, die erzählerisch in vielerlei Hinsicht Homers Odyssee, Joyce’ Ulysses und Prousts Suche nach der verlorenen Zeit gleicht. Stilistisch folgt die Erzählung dem Rhythmus der Gezeiten, denen sich Cambrìa ausgesetzt sieht, sie drängt mal seitenlang nach vorn, um sich dann über mindestens ebenso viele Seiten wieder zurückzuziehen in die Höhlen und Vertiefungen, über die sie zuvor hinweggespült ist. In diesem Rhythmus des Kommens und Gehens folgen wir über fast 1.500 Seiten dem traumwandelnden Matrosen bei seinem Versuch, vom italienischen Festland nach Sizilien überzusetzen und in den Kriegstrümmern seine Heimat wiederzufinden. Wenn wir uns auf dieses sprachliche Wunderwerk einlassen! Denn wer nicht bereit ist, sich vollkommen in diese Geschichte zu begeben, der wird über die ersten einhundert Seiten kaum hinauskommen. (Im Gespräch mit Gisela Trahms verweist Kahn auf Hans Henny Jahnn, der mit seinem Riesenwerk Fluss ohne Ufer ähnlich wie Stefano d’Arrigo mit Horcynus Orca immer noch nicht genügend geschätzt werde für seine eigenwillige, überbordende Sprache.)

Es ist eine Reise durch Raum und Zeit, bei der »Vomhörengesagtes« und »Mitdenaugengesehenes« eine nie dagewesene mythische Realität des Grauens schaffen. Im ersten Teil muss sich `Ndrja Cambrìa mit Blick auf die heimatlichen Gefilde zunächst den Verlockungen zahlreicher »tausendundeinnächtiger« Frauen erwehren, die wie Homers Sirenen einen Klage- und Lockgesang anstimmen, um den Matrosen in ihr feuchtes Bett zu locken. Diese Frauen vom Landstrich der Feminoten berichten ihm, dass die Fähren nach Sizilien nicht mehr fahren, weil sie von den Amerikanern versenkt worden sind. So irrt der Matrose durch die Ortschaft der »Frauen, die über den Mann herrschen«, bis er der sirenengleichen Hure Ciccina Circé begegnet, mit der er in einer Barke das »purgatorische Wasser« zwischen Italien und Sizilien überquert.

Dort begegnet er seinem Vater, dem Pellisquadre (Fischer) Caitanello Cambrìa, der seit dem verheerenden Angriff der amerikanischen Truppen auf die italienische Marine in der Nacht zum 1. September seinen Sohn unter den Toten vermutet. Aus Furcht vor dem vermeintlich Untoten verstößt er ihn, so dass der Matrose nun durch das vom Krieg zerstörte Fischerdorf irrt und dabei den harten Alltag der Pellisquadre rekonstruiert. Diese Rekonstruktion klingt wie ein Klagelied aus der Unterwelt, das den ewigwährenden Kampf des Menschen gegen die Feren besingt. Diese mordenden Delfine machen die Meerenge von Messina zu einem Todespfuhl. Über hunderte von Seiten wird dem Lesenden das teuflische Wesen dieser »Tiere mit mandolinenförmigen Hintern« geschildert. Den lokalen Mythen zufolge locken sie dreißig Jahre lang die Fischer auf den Meeresgrund, bevor sie sich zu einem mysteriösen Vulkan aufmachen, um dort durch dessen Feuer ins Jenseits zu springen und an den schwarzen Küsten als weiß strahlender Knochenhaufen zu enden. 30 Jahre lang aber sind diese Wesen die unheilvollen Boten des Todes, die im Moment der explosiven Fischerzüge der Pellisquadre – in den Küstendörfern ernährt man sich nahezu ausschließlich von dem vor Fischtran tropfenden und stinkenden Ferenfleisch – menschenähnliche Eigenschaften gewinnen und den »Feminotinnen« immer ähnlicher werden. Beide haben es auf die Christenmenschen abgesehen, beide sind »hurerischen Charakters«, beide sind todbringende »Wesen der Nacht«.

2 Gedanken zu “Die Finsternis zwischen Skylla und Charybdis

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