Literatur, Roman

Böses Erwachen

Raphaela Edelbauers »Die Inkommensurablen« ist ein Vorkriegs- und Post-Corona-Roman in einem. Das lässt an die Ukraine denken, führt aber ins k.u.k.-Österreich anno 1914.

Vor zehn Jahren erschien das Buch »Die Schlafwandler«, in dem der australische Historiker Christopher Clark darlegte, wie die Welt infolge einer Kette verhängnisvoller Entscheidungen und Prozesse wie schlaftrunken in den Ersten Weltkrieg taumelte. Dieses Motiv des Schlafwandels greift die österreichische Schriftstellerin Raphaela Edelbauer nun in ihrem neuen Roman »Die Inkommensurablen« auf, um aus der Perspektive von drei jungen Österreicher:innen von den letzten Stunden vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu erzählen.

Einer von ihnen ist der 17-jährige Pferdeknecht Hans Ranftler, der aus einfachen Verhältnissen kommt und seit seinem zehnten Geburtstag auf einem Tiroler Bauernhof rackert. Eigentlich wollte Hans mal das Gymnasium besuchen, doch der frühe Tod seines Vaters zwang ihn zur Arbeit und die Schule war passé. Ein Pfarrer nahm den Jungen später unter seine Fittiche und versorgte ihn heimlich mit Büchern, Zeitungen und politischen Gazetten, die Hans eifrig studierte, während alle anderen auf dem Hof schliefen. In einer Nacht- und Nebelaktion packt er nun seine Siebensachen und entflieht den ausbeuterischen Verhältnissen auf dem Land. Er macht sich auf nach Wien, mit einem Zeitungsfetzen in der Tasche, auf der die Adresse der Psychoanalytikerin Helene Cheresch steht.

Raphaela Edelbauer: Die Inkommensurablen. Klett-Cotta Verlag 2023, 352 Seiten. 25 Euro. Hier bestellen.

Ein Bauer auf dem Weg zu einer Psychiaterin und das zu Beginn des 20. Jahrhunderts – daran merkt man schon, dass das Gewöhnliche nicht die favorisierte Spielfläche der 1990 in Wien geborenen Autorin ist. Ihr für den Deutschen Buchpreis nominiertes Debüt »Das flüssige Land« führt surreal unter das Gras, das über die österreichische Geschichte gewachsen ist und betreibt in fantastisch-spielerischer, aber immer ernster Weise Aufarbeitung. Vor zwei Jahren erschien ihr KI-Roman »Dave«, eine ebenso erschütternde wie hellwache Dystopie über unsere Technikgläubigkeit, die mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet wurde.

Ihr neues Werk kann man wohl als historischen Roman bezeichnen, auch wenn er zeitlich gesehen nur das kurze Aufleuchten von Stroboskoplichtern in den Zeitläuften abbildet. Angesichts der wegweisenden Epochentexte von Robert Musil, Joseph Roth oder Stefan Zweig sicher eine bewusst getroffene Entscheidung, denn ein breit angelegtes Panorama kann an Vorlagen wie »Der Mann ohne Eigenschaften«, »Radetzkymarsch« oder »Die Welt von Gestern« nur zerschellen.

Hans kommt in einem Wien an, das unter Strom steht. Österreich-Ungarn hat den Einmarsch in Serbien schon erklärt, noch ist unklar, ob das Deutsche Kaiserreich tatsächlich an seiner Seite stehen wird. In der k.u.k.-Metropole tobt schon der Lärm der Mobilmachung. Die national-konservativen Kräfte trommeln bereits mit allen Mitteln zum Kampf und liefern sich Scharmützel mit den letzten Kriegsgegner:innen. Die, die ihr Leben für die Monarchie begeistert aufs Spiel setzen wollen, und jene, die ihr Leben für sich in den Griff bekommen wollen, bilden in Edelbauers Roman die zwei Seiten einer Stadt.

Hans, der Dinge denkt, die andere kurz darauf aussprechen, wird bei Cheresch erst einen Termin am nächsten Tag bekommen. Bis dahin muss er die Zeit herumbringen. Er ist daher dankbar, als er auf die Mathematikstudentin Klara Nemec und den Adelsspross Adam Jesensky trifft. Klara und Adam sind Teil des »Säkulumclusters«, einem Traum, den hunderte Menschen träumen und deshalb von Cheresch befragt werden. Hier schreibt Edelbauer eine Traumnovelle in den Roman, die die Anfälligkeit einer aufgestachelten Gesellschaft für Täuschung und Manipulation thematisiert. Angesichts der Tatsache, dass sich auch Edelbauers Landsmann Clemens J. Setz in seinem neuen Roman »Monde vor der Landung« mit einem egozentrischen Querdenker befasst, liegt darin vielleicht auch ein Stück »post-coronale« Aufarbeitung. Dass nun beide für den Deutschen Buchpreis nominiert waren, ist doch eine hübsche Volte.

Allein das wäre schon Gesprächsstoff genug, aber Klara und Adam sind selbst Getriebene ihrer Zeit, aufgestachelt von der um sich greifenden Kriegseuphorie, der sie mit unterschiedlichem Vorbehalt begegnen. Während Klara grundsätzliche ethische, moralische und politische Bedenken hat, fürchtet Adam um seine Existenz, denn er muss am nächsten Tag in den Krieg ziehen. Ob gewollt oder nicht kann man hier nun noch Parallelen zum Ukraine-Krieg ziehen.

Auf der Handlungsebene entwickelt der Roman einen faszinierenden Sog. In den nächsten Stunden wird Hans von Klara und Adam zu den Proben von Schönbergs atonalem 2. Streichquartett, zu einem Abendessen der oberen Generalität, in einen sündigen Nachtclub und ein öffentliches Badehaus entführt. Sie werden über Kunst und Kultur, Wissenschaft und Esoterik philosophieren und dabei noch einmal ausgelassen auf dem brodelnden Vulkan tanzen, der am nächsten Tag mit dem Krieg ausbricht. Mit Neugier folgt man dem Trio, weiß man doch, wohin die nationalistische Euphorie um sie herum, die sie nicht kalt lässt, führen wird. Die Reise in den Untergrund der Stadt stellt dabei eine willkommene und reichhaltig ausstaffierte Abwechslung zu den herkömmlichen Epochenbildern dar.

Wäre da nur nicht diese sperrige Sprache. Immer wieder stolpert man, erst nur über einzelne Wörter, die man noch großzügig als Austriazismen deuten könnte. Da ist von »cisleithanischem« Pack und »sykophantischem« Lächeln die Rede, später wird »anghiaslt«, »ausgedibbert« und »angflaschelt«. Im Laufe des Romans aber kippen ganze Dialoge in eine manierierte Künstlichkeit, die man nur mit großem Wohlwollen noch als (wenig glaubwürdige) Figurenrede durchgehen lassen kann. Etwa wenn ein General mit Worten wie »Die Distinktion ist, dass unsere Kultur aus einem heiligen Pflichtbewusstsein heraus entsteht, versus eine Zivilisation griechisch-römischen Typus, der um seiner selbst willen den Fortschritt fetischisiert…« die Jugend für den Krieg begeistern will.

Dieser Duktus ermüdet die Leser:innen ungefähr so wie Hans die 24-stündige Tour de Force durch die Stadt, die ihn zum Schlafwandler im wahrsten Sinne des Wortes macht. Zu einem ent-täuschten Traumtänzer, für den es am Ende auch nur ein böses Erwachen gibt.

1 Kommentare

Kommentare sind geschlossen.