Norbert Gstrein erzählt in seinem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman »Im ersten Licht« von einem Mann, der den Krieg nie gesehen hat und dennoch nicht von ihm loskommt. Die elegante Beiläufigkeit, mit der Gstrein hier durch ein Jahrhundert führt, erinnert an Autoren wie W.G. Sebald, Patrick Modiano oder Joseph Roth.
»Adrian war selbst nicht im Krieg gewesen, aber dreimal im Lauf seines Lebens hatte er mit jungen Männern zu tun, die im Krieg gewesen waren und die dann sein weiteres Leben jeweils für lange bestimmten.« Mit diesem Satz beginnt Norbert Gstreins neuer Roman »Im ersten Licht«, der nicht wenigen als Favorit für den Preis der Leipziger Buchmesse galt, für den Gstrein neben Anja Kampmann, Helene Bukowski, Katerina Poladjan und Elli Unruh nominiert war. Im Deutschlandfunk wurde der Roman schon kurz nach Erscheinen zum »Meilenstein der Antikriegsliteratur« ausgerufen wurde.
Es ist ein einziger Axthieb, der Adrian Reiters Leben für immer bestimmen wird. Während im Herbst 1917 der Erste Weltkrieg tobt, schreitet Adrians Vater – ein Postbote, der täglich die Meldungen von gefallenen Söhnen überbringen muss – zur Tat. Um seinen Sohn nicht auch noch an den Fleischwolf des Krieges zu verlieren, schlägt er ihm beim Holzhacken das Beil ins Bein. »Wenn man bluten muss wie eine abgestochene Sau, blutet man besser zu Hause und nicht irgendwo in der ukrainischen Steppe«, kommentiert der Pazifist seine Tat lakonisch.

Adrian wird die Schlachtfelder des Krieges nie sehen, nie die Panik während der Gasattacken, den Schreck nach dem Einschlag und den kalten Anblick des Todes im Schützengraben spüren. Und doch verbindet ihn fortan die Erscheinung mit seinen Altersgenossen, denen sich das Grauen des Krieges in den Körper geschrieben hat. Er hinkte wie einer der vom Krieg Versehrten, die immerzu in den Straßen zu sehen waren und um Almosen baten.
Während seine Altersgenossen einer nach dem anderen an der Front verheizt werden, bleibt er im Salzkammergut und findet in einem kleinen Hotel eine Anstellung. In diesem Haus setzt auch die Handlung ein, die in drei Teilen elegant und packend durch das 20. Jahrhundert gleitet. An einem sonnigen Tag im Jahr 1920 entdeckt Adrian auf der Terrasse des Hotels einen Kriegsrückkehrer, mit dessen Gesicht etwas nicht stimmt.
»Er saß in Hemd und Hose da und sah Adrian beim Bestellen nicht an, mit dem wilden Zickzack von Narben, die sich kreuz und quer durch sein Gesicht zogen und es in vier gegeneinander verschobene Quadranten zerlegten, der Mund wie halb ins Profil versetzt. Der Stacheldrahtverhau in seiner Fresse, so nannte der junge Herr es viel später einmal, und da war es nicht der «Stacheldrahtverhau», der schmerzte, es war die «Fresse», er hätte sich das Wort sparen sollen. Die Nase war offensichtlich rekonstruiert, aber immerhin war es eine Nase, wenn auch vielleicht nicht seine, doch die Augen mit den unruhigen Pupillen und dem einmal fahrigen, dann wieder beharrenden Blick konnten nur seine Augen sein, weil niemand Augen transplantierte.«
Norbert Gstrein: Im ersten Licht
Hinter dieser verzerrten Fratze verbirgt sich der Sohn einer einflussreichen Familien aus der Gegend. Ernest Eller – nicht Ernst, das zweite E hat seine britische Mutter in den Namen geschmuggelt – hat zwar den Krieg überlebt, aber sein gezeichneter Körper alle Zukunftspläne nichtig gemacht. Seine Eltern verstecken ihn mit einigen Leidensgenossen in einer abgelegenen Villa vor der Welt und erzählen, er sei in Belgrad gefallen. Der junge Mann hatte es selbst so gewollt, um seiner Verlobten nicht mehr unter die Augen treten zu müssen.
Adrian wird eine seltsame Obsession für den jungen Herrn und dessen Freunde entwickeln, die versehrt, verstümmelt und entstellt von der Front zurückkehrten. Adrian sucht fortan die Nähe zu diesen Gestalten mit ihren malträtierten Gesichtern, die meist nur wenige Jahre älter waren, zu dehnen er sich aber in einer paradoxen Sehnsucht hingezogen fühlt. Ob großflächige Verbrennungen, fehlende Körperteile oder sichtbare Metallplatten im Körper, »es gelang Adrian kaum, seinen Blick davon zu lösen«. Er wird im Auftrag der Familie zum Versorger dieser verzerrten Gestalten, die im Ort nicht gern gesehen sind. Schließlich will niemand so deutlich an das Grauen des Krieges erinnert werden.
Die Ellers werden es Adrian danken und ihn später nach Wien einladen, wo er studieren und die sozialistische Arbeiterbiografie seines Vaters hinter sich lassen kann. Der Kontakt zu der wohlhabenden Familie öffnet den Roman aber auch hin zu einem anderen Thema. Denn mit Ernest Eller sind auch die Söhne der jüdischen Familien Körmendy-Speiser und Wohlgemuth in den Krieg gezogen. Sie werden die Schlachtfelder des Krieges nicht lebendig verlassen, das Schicksal ihrer jüdischen Familien, deren Verlust bald nichts mehr zählen wird, wird im Roman immer wieder blitzlichtartig aufgegriffen.
Im Zentrum von Gstreins zehntem Roman aber bleibt Adrian, der nie in den Krieg musste und doch lebenslang von Krieg, Schuld und Mitläufertum besessen bleibt. Er ist eine Figur, in der sich Robert Musils »Mann ohne Eigenschaften«, Heinrich Manns »Untertan« und Thomas Manns Adrian Leverkühn spiegeln. Er ist genau ein Jahr jünger als das Jahrhundert, immer wieder wird im Roman darauf hingewiesen: »1925 das Jahr, er vierundzwanzig«, »Es war das Jahr 1933, Adrian 32 Jahre alt« und so weiter. So scheint dieser Mann eigentlich immer dem Weltgeschehen hinterherzulaufen und nie wirklich in seiner Zeit anzukommen. Wie winzig sein Beitrag im Mahlwerk der Geschichte ist, beweist nicht zuletzt der Umstand, dass die drei Teile von Gstreins Roman jeweils einen Namen, aber nie seinen tragen.
Seiner historisch-technischen Faszination für den Krieg folgt er im zweiten Teil als Geschichtslehrer. Adrian Reiter, »nicht viel geritten in seinem Leben«, wie es im Roman heißt, gibt sich in Salzburg als Experte der kaiserlichen und königlichen Kavallerie und wird zum Chronisten der Ereignisse, die er pedantisch auf Jahr und Zahl benennen kann. In Ermangelung der Erfahrung macht er seine Erzählungen vom Großen Krieg zu lebendigen Heldengeschichten, die mit Martin Baumgartner einen seiner Schüler für das Militär begeistern. Dessen Vater stellt Adrian daraufhin zur Rede:
»Ich war an der Front, Herr Professor, und weiß, warum ich das meinem Sohn in einem neuen Krieg ersparen möchte. Ohne Zweifel redet es sich leichter darüber, wenn man selbst nicht dort gewesen ist und alles bloß vom Hörensagen und aus Büchern kennt.«
Norbert Gstrein: Im ersten Licht
Adrian wird seinen Lieblingsschüler nicht davon abhalten, für den Führer in den Krieg zu ziehen. Bei seinen Heimatbesuchen wird Baumgartner seinen Lehrer immer wieder aufsuchen und mit schwammigen Geschichten von der Front verunsichern. Dabei beschleicht auch diesen ahnungslosen Kriegsbegeisterten, dass die Berichte aus dem Osten eine andere Geschichte erzählen als die, die er seinen Schülern vermittelt.
Romane von Norbert Gstrein










Doch den dämonischen Erzählungen seines Schülers kann und will er sich nicht entziehen. In einer alkoholdurchtränkten Nacht gesteht ihm Baumgartner, dass es in der Ukraine massenhafte Erschießungen gebe. Ob sein Schüler nur dabei oder beteiligt gewesen sei, daran kann sich Adrian im Nachhinein nicht mehr erinnern. Diese Geschichte verstört ihn, beschäftigt ihn, wirft Fragen auf. Aber Haltung beziehen wird er ihretwegen nicht. Stattdessen wird er weiterhin nichts sagen, nichts eingestehen, nichts zugeben und auch nichts ausplaudern. So mogelt er sich als stillschweigender Mitläufer durch die Jahre des Nazi-Terrors.
Auf seine berufliche Laufbahn hat das keine Auswirkungen, auf sein Privatleben schon. Seine Frau Elfriede, die er erst 1939 geheiratet hat, wird sich 1945 von ihm trennen. Während die einen zwischen 39 und 45 der Hölle des Krieges ausgeliefert waren, genoss Adrian den heimeligen Hafen der Ehe. Auch hier liegen wieder zwischen seinen Erfahrungen und denen seiner Generation.
Die Brutalität und Gewalt des Krieges, der Horror der Vernichtung und das allgegenwärtige Leid schimmern in Gstreins diskretem Roman immer nur im Halbdunkel auf. Es gibt keine Schilderungen von Schlachten oder Massakern, sondern immer nur verschwommene Andeutungen, die an das Wissen schließen, das wir alle in uns tragen. Selbst die an George-Grosz-Zeichnungen erinnernden Fratzen der Kriegsheimkehrer berichten nur indirekt vom Grauen des Krieges, das Gstrein aus der visuellen in die ethisch-moralische Ebene seines Romans verlagert hat. So bleibt auch vieles im Nebulösen, im Schatten des Bewusstseins, dort wo auch Adrian es hin auslagert.
Am Ende des Romans wird die Martin-Baumgartner-Geschichte noch einmal aufgegriffen, als Adrian der Vorstellung des literarischen Debüts des jungen Norbert Gstrein folgt, der 1988 in einer Salzburger Buchhandlung seine Erzählung »Einer« vorstellte. Damals tobte die Debatte um den österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim und dessen Verwicklung in die Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht. Die kommt nicht nur bei der Lesung zur Diskussion, sondern spätestens hier wird auch dem Letzten klar, dass Martin Baumgartner eine Kurt-Waldheim-Figur ist.

Es ist umwerfend, wie Norbert Gstrein hier in aller Detailliertheit aufzeigt, wie das Schweigen und Hinnehmen, das Mitlaufen und Nichtssagen im Dritten Reich die eigene Selbstachtung zersetzt. Wie Scham und Schuld Menschen, Familien und letztlich ganze Gesellschaften von innen heraus zerstören. Die langen Sätze, in denen die Möglichkeiten der Interpretation der Ereignisse hin- und hererwogen werden, versinnbildlichen das moralische Dilemma von Gstreins Anti-Helden.
Der Titel »Im ersten Licht« bezieht sich auf die Morgendämmerung, während der im Ersten Weltkrieg die Kämpfe wieder aufgenommen und im Zweiten Weltkrieg die Massaker verübt wurden. In diesem ersten Licht wurden auch die britischen Soldaten an die Wand gestellt, die von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs zu fliehen versuchten. Einem solchen ist der dritte Teil des Romans gewidmet, der Adrian an die britische Küste führt.
»Wir hätten das Meer nicht verlieren dürfen«, heißt es einmal schon früh in Gstreins Roman, der die Gewaltlandschaften des 20. Jahrhunderts von einem ungewöhnlichen Standpunkt aus in den Blick nimmt. Hier nun steht Adrian in den sechziger Jahren am Meer, noch einmal wird er sich mit dem Krieg aus der Distanz auseinandersetzen, diesmal wird es seine Perspektive radikal verändern. Und er wird endlich verstehen, was Glück und Unglück in seinem Leben war. Er wird erkennen, dass hinter seinem falsch verstandenen soldatischen Heroismus ein Todeskult steckt, dessen Zerstörungswut die Lektüre allein nicht ermessen kann.
Manchmal, heißt es am Ende des Roman, habe der Satz »Wir hätten das Meer nicht verlieren dürfen« gereicht, dass Adrian Tränen in den Augen hatte und wie im Refrain wiederholte: »Das Meer hätte uns zu sanfteren Menschen gemacht.« Es ist die vage Hoffnung eines Mannes, der sich, ohne jemals im Krieg gewesen zu sein, schuldig gemacht hat.

