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Schöne neue Welt?

Der Comic »Im Spiegelsaal« der schwedischen Feministin Liv Strömquist zeigt, warum wir so besessen von Körpernormen sind. Es ist die konsequente Fortsetzung von Strömquists spielerisch-punkigem Nachdenken über die weibliche Existenz in der kapitalistischen Welt.

»Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?« Welches Kind kennt sie nicht, die Frage der bösen Königin in »Schneewittchen«, die am Ende einen qualvollen Tod stirbt. Das Märchen soll Kinder lehren, wohin kranke Eitelkeit führen kann. Man könnte es aber auch anders lesen. Denn mit ihm werden Kinder von Kleinauf darauf getrimmt, Schönheit als lieb und teuer zu begreifen. Sie wird uns sogar als so wertvoll verkauft, dass ein Auftragsmord nicht übertrieben scheint.

Das fand auch Liv Strömquist, ihres Zeichens Comiczeichnerin und Radiomoderatorin, die sich in den vergangenen Jahren einen Namen als blitzgescheite und gewitzte Feministin gemacht hat. Margarete Stokowski gehört zu den bekennenden Strömquist-Fans, das Missy Magazin bejubelt begeistert die »Bombenlegerin«, die »radikal, konfrontativ und hemmungslos komisch« das Patriarchat hochgehen lasse. Vier Comics hat sie bislang vorgelegt: ein Band zur Kulturgeschichte der Vulva, zwei Comics über die Liebe in kapitalistischen Zeiten und ein Album, in dem sie den Mythos des männlichen Genies zerpflückt.

In ihrem neuen Comic »Im Spiegelsaal« widmet sie sich nun der Schönheit und hat Schneewittchens Mutter – jaja, es ist die Mutter, nicht die Stiefmutter – ein eigenes Kapitel gewidmet. Denn wenn man erst einmal die Perspektive der Mutter einnimmt, dann sei der Mordauftrag eine völlig normale Reaktion. Schön zu sein, sei nunmal das Ding, auf dem ihre ganze Existenz aufgebaut ist. Weil sie die Schönste ist, ist sie Königin, und wenn nun eine Schönere kommt, droht ihr unweigerlich der Abstieg. Oder um es mit den Worten zu sagen, die Strömquist der bösen Mutter in den Mund legt: »Alles, was ich hatte, wird mir eines Tages genommen, ich werde all das nicht länger HABEN, sondern – ich werde HÄSSLICH sein und Schneewittchen wird alles gehören – und diesen GROTESKEN VERLUST soll ich einfach – WAS? – AKZEPTIEREN??!! WAS IST DAS DENN FÜR EINE IRRE BEKLOPPTE FORDERUNG AN EINEN MENSCHEN?«

Bekloppte Forderungen und groteske Verluste, Schönheitswahn und Körperkult, Fuckability und Vergänglichkeit, Anbetung und fiese Blicke – das sind die Themen, um die sich die fünf Essays der Schwedin drehen. Es ist ein irrer Mix an Fakten und Thesen, Anekdoten und Erzählungen, Popkultur und Philosophie, mit dem sich Strömquist in Schleifen ihrem Thema nähert. Wir begegnen darin Celebrities wie den Kardashians, lesen vom Schicksal der Nofretete oder Kaiserin Sisi, folgen den Theorien von Susan Sontag, Simone Weil oder Eva Illouz und erfahren von vier in die Jahre gekommenen Königinnen, warum der gegenwärtige Körperkult vor allem Frauen den Lebensabend versaut.

Während der Buchmesse treffen wir uns – nicht in Frankfurt, sondern pandemiekonform per Videokonferenz. Im blauen Wohlfühl-Pullunder liegt sie auf einem Tagesbett in ihrem Atelier in Malmö, ihre Augen sehen müde aus. Ihr deutscher Verlag hat ein Dutzend Interviews organisiert. Den ganzen Tag vor der Kamera, das schlaucht. Also legen wir gleich los, sprechen über Insta und guilty pleasures, denn nirgendwo geht der Schönheitshype so ab wie in dort.

Für ihren neuen Comic hat sie die Social-Media-Aktivitäten der Kardashians beobachtet. Warum folgen dieser künstlichen Welt so viele Menschen? Weil die den Traum vieler Menschen leben, erklärt Strömquist. »Wir träumen uns in eine andere Welt und stellen uns dann vor, wie es wäre, so schön zu sein wie Kylie Jenner. Oder so viel Geld zu verdienen und sich all die Dinge leisten zu können, die sie sich leisten kann.« Diese Beobachtung entspricht exakt dem, was der französische Philosoph René Girard in seiner mimetischen Theorie behauptet. »Menschen begehren das, was andere Menschen begehren.« Die Kardashians haben daraus ein Geschäft gemacht, mit ihren Beauty-Linien verdienen sie Millionen. Das britische Wirtschaftsmagazin Forbes hatte Kylie Jenner vor Kurzem zur jüngsten Selfmade-Milliardärin aller Zeiten erklärt.

Kim, Kylie und Khloé haben die Vorstellung davon, was als sexy gilt, massiv geändert, führt Strömquist aus. Die Körper der Kardashians seien »maßgeblich für das Schönheitsideal dieser Tage«. Sei noch vor wenigen Jahren angesagt gewesen, groß und skinny zu sein, gelte jetzt als schön, wer einen ausladenden Hintern und schmale Hüften hat. Das sei der Standard, dem alle Welt hinterher läuft. Selbst in China ziehen Frauen für eine schlanke Taille zu Technobeats den Bauch ein. Natürlich vor dem Handy, damit alle Welt daran teilhaben kann.

Die Frage nach der Schönsten im Land wird in der liberalen Weltgesellschaft nicht dem Spiegel, sondern per Selfie gleich der ganzen Welt gestellt. Die Körpernorm der Gegenwart ist der Spiegel, vor den sich Millionen Mütter täglich stellen. Und der Spiegel antwortet wie im Märchen gnadenlos ehrlich zurück. Oberflächlichkeiten und Äußerlichkeiten gewinnen so enorm an Bedeutung. Einerseits würden Frauen davon profitieren, weil Schönheit Aufstiegschancen verspricht und sie mehr Möglichkeiten haben, ihr Aussehen zu verändern. Andererseits erhöhe das aber auch den Druck, etwas im wahrsten Sinne des Wortes aus sich zu machen. Ganz unschuldig seien sie daran aber nicht, sagt Strömquist. »Frauen legen außerordentlich viel Wert auf Aussehen, wollen sich und anderen ständig beweisen, wie schön sie sind. Diese Fixierung auf das Aussehen scheint mir ein exklusiv weibliches Hobby«, so Strömquist.

Bei solchen Aussagen meint man schon das Grummeln in den feministischen Kreisen zu vernehmen. Zumal sie von einer kommen, die sich zu inszenieren weiß. Auf den Covern ihrer Comics gibt sie den intellektuellen Punk, die verführerische Madonna oder die kühle Stilikone – natürlich immer mit Augenzwinkern. Dennoch: Sie weiß um ihre Wirkung. Dass Feministinnen, die nicht hässlich sind, besser dastehen, »ist zwar absolut abgefucked, aber entspricht nun mal der Realität.«

Als 17-jährige besuchte die Tochter einer Bibliothekarin und eines Künstlers ihre ältere Schwester in Stockholm und dort einen Vortrag über Geschlechterbeziehungen. Seitdem interessiert sie sich für Feminismus. Sie liest viel, hört Punk, sucht eine eigene Position. In ihren Zwanzigern besucht sie dann zwei Workshops. In dem einen geht es um männliche Gewalt und Unterdrückung, in dem anderen um Popkultur, Partizipation und Lebenslust. In dem Moment weiß sie, das ihr Feminismus ein witziger, ironischer, weniger schwerfälliger sein soll.

Während ihres Politikstudiums macht sie erste DIY-Comics und macht beim Uniradio mit. Schon damals ging es um Körpernormen und feministische Positionen. Ihren Durchbruch hat sie mit »Der Ursprung der Welt«, einer Kulturgeschichte der Vulva und der Menstruation. Eine Zeichnung aus dem Comic, eine im Schritt blutende Eiskunstläuferin, wird ein Jahr lang in der Stockholmer U-Bahn gezeigt. Für viele eine gelungene Kunstaktion, für andere ein Skandal. Von den rechtspopulistischen Schwedendemokraten bis hin zum liberalen Guardian wurde über Strömquists public menstrual art diskutiert. Für Strömquist war es kein Tabubruch, sondern ein Beitrag, die Menstruation raus aus dem Tabu rein in die Normalität zu holen.

Irritiert hat nicht wenige Feminist:innen ihr letzter Comic »Ich fühl’s nicht«, ein Plädoyer für die Liebe und damit ein Gegenentwurf zu ihrer kritischen Analyse von Rollenmustern und Liebesfallen in »Der Ursprung der Liebe«. Beide Comics untersuchen die romantische Liebe in postkapitalistischen Zeiten aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Widersprüche, die dabei auftreten, sind intendiert, denn Strömquist liebt Widersprüche. Unter anderem das macht ihre Comics so lesenswert. Denn diese Widersprüche konfrontieren ihre Leser:innen, die sich gerade noch bestätigt sahen, im nächsten Moment mit den eigenen Werten, Ansichten und Vorurteilen und fordert so zum Nach- und Überdenken der eigenen Weltanschauungen hinaus.

Mit dem Siegeszug des Kapitalismus wurde auch der Liebesmarkt dereguliert. Je schöner ein Mensch ist, desto aussichtsreicher sind die Erfolgsaussichten bei der Partner:innensuche. Schönheitsideale, Körpernormen und Sexappeal sind deshalb enorm wichtig geworden. »Sie haben sich in eine Art Status verwandelt, in dem sich der Wert eines Menschen ausdrückt«, erklärt Strömquist und spricht über eine Studie, die sie kürzlich gelesen hat. Darin habe die Mehrheit der befragten Männer erklärt, dass sie keine Probleme hätten, mit einer übergewichtigen Frau Sex zu haben, mit ihr aber nicht in der Öffentlichkeit gesehen werden wollen. Das schade ihrem Ansehen und Status. »Ein Mann kann also durchaus eine übergewichtige Frau schön oder attraktiv finden, als Statussymbol ist sie aber weniger wert als eine schlanke Frau«, so Strömquist. »Das ist die brutale Wahrheit hinter den Schönheitsidealen, die uns überall begegnen.«

Davon betroffen seien aber auch Männer. Auf Tinder würden vier von fünf Männern bei Frauen durchfallen, so dass jene, die nicht schön, groß und muskulös sind, erst gar keine Chance hätten. Sie glaube, dass die Erfahrung, wegen des Aussehens abgelehnt zu werden, eher von Männern gemacht werde. Einige der Typen werden dann zu frauenverachtenden Incels.

In ihrer vielschichtigen Analyse zeigt Strömquist auch, wie der Körperkult vor Altersgrenzen nicht Halt macht. Egal wohin man schaut, greife eine Sehnsucht nach ewiger Jugend um sich, die wie ein kindischer Protest gegen die Sterblichkeit wirkt. »Es gab mal eine Zeit, da mussten Mütter und Großmütter nicht auch noch sexy sein, um als Frau akzeptiert zu werden«, klagt Strömquist. Das sei heute leider nicht mehr der Fall.

Den Kampf mit dem Alter veranschaulicht sie im Comic mit fünf Königinnen. Eine hadert stark mit ihrem Alter, eine andere ist froh, dem männlich bewertenden Blick nicht mehr ausgesetzt zu sein, und eine dritte freut sich, dass in der lesbischen Community Alter kaum eine Rolle spiele. Eine der wenigen Momente, in denen queere Perspektiven in den Comic kommen. Dass die Schwedin aber offen für queerfeministische Ansätze ist und grundsätzlich an der binären Geschlechterordnung zweifelt, hat sie in ihren vorangegangenen Werken ausführlich beweisen.

Erkenne dich selbst, das sei ihre Maxime. »Ich will verstehen, wie der Mensch funktioniert. Oder zumindest wie ich funktioniere.« Erst dann könne man etwas ändern. »Und selbst wenn das nicht klappt, dann hat mich das Ganze doch wenigstens gut unterhalten.«

Liv Strömquist: Im Spiegelsaal. Aus dem Schwedischen von Katharina Erben. avant-verlag 2021. 168 Seiten, 20,- Euro. Hier bestellen

Liv Strömquist: Ich fühl’s nicht. Aus dem Schwedischen von Katharina Erben. avant-verlag 2020. 176 Seiten, 20,- Euro. Hier bestellen

Liv Strömquist: I’m Every Woman. Aus dem Schwedischen von Katharina Erben. avant-verlag 2019. 112 Seiten, 20,- Euro. Hier bestellen

Liv Strömquist: Der Ursprung der Liebe. Aus dem Schwedischen von Katharina Erben. avant-verlag 2018. 136 Seiten, 20,- Euro. Hier bestellen

Liv Strömquist: Der Ursprung der Welt. Aus dem Schwedischen von Katharina Erben. avant-verlag 2017. 140 Seiten, 20,- Euro. Hier bestellen

Dieser Beitrag ist bereits in etwas kürzerer Form in der Freitag 44/2021 erschienen.