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Sexualität: »Viele haben das Bedürfnis, zum Objekt zu werden«

© Thomas Hummitzsch

Eva Tepest, Berliner Autor:in, Theatermacher:in und queer-lesbische Aktivist:in, wurde vom Berliner Stadtmagazin tip zu einer der 25 wichtigsten Newcomer:innen für 2023 angekündigt. In ihrem Debüt »Power Bottom« begibt sie sich selbstlos in die Echokammern der Lust und fragt nach dem Potenzial der unterlegenen Position. Ich konnte mit Tepest an einem sonnigen Berliner Nachmittag über die Faszination des Sexuellen, die Gefahr von Fantasien und queeren Aktivismus sprechen.

Eva, wenn man über Sex schreibt, hat man dann noch welchen oder vergeht einem die Lust?
Ich schreibe in dem ersten Essay schon süffisant, dass ich mehr über Sex nachdenke als Sex habe. Das gilt vermutlich nicht nur für mich, sondern für alle Menschen. Das Thema ist so aufgeladen, dass sich einfach viel von unserem Gedanken- und Gefühlsapparat um Sex im erweiterten Sinne dreht. Sex ist ja nicht nur ein Akt von zwei oder mehr Körpern, sondern auch Flirt und Verführung, wozu ich auch den Akt des Schreibens bis zu einem gewissen Grad zählen würde. In der Zeit, in der ich die Essays geschrieben habe, habe ich ein entspannteres Verhältnis zu Sex gefunden – sonst hätte ich diese persönlichen Essays auch nicht so schreiben können. Wenn man noch mitten in den Denkprozessen steckt und keinen Abstand dazu hat, stellt sich kein Flow ein. Damit ein Text funktioniert, muss er ästhetische Prozesse durchlaufen. Aber im Großen und Ganzen hat sich mein Sexleben gar nicht verändert. Das steht dann doch auf einem anderen Blatt.

»Mir ging es darum, Begehren in Sprache zu übersetzen beziehungsweise herauszufinden, was in diesem Spannungsverhältnis vor sich geht.«

Eva Tepest

Wird man, wenn man in diesen Denkprozessen steckt, distanzloser gegenüber anderen?
Natürlich gab es solche Momente, aber die hatte ich eher mit mir selber. Es ist ja nicht unproblematisch, jemanden nicht nur zur Muse des eigenen Schreibens, sondern zum sexuellen Versuchsobjekt zu machen und dann auch noch darüber schreiben zu wollen. Ich würde dann beim Sex auch schneller in einen Reflexionsmodus verfallen, in so eine unmittelbare Sex-Kritik. Wie war das jetzt? Wie hast du dich gefühlt? Wie habe ich mich gefühlt? Ich hatte Anfangs sogar überlegt, einen Schritt weiterzugehen und eine Art Versuchsanordnung zu schaffen, etwa noch einmal den Versuch zu machen, mit einem Cis-Mann zu schlafen. Ich wollte aber keine Entdeckungsreise dokumentieren, auch wenn das grundsätzlich eine interessante Form ist, man denke nur an Autor:innen wie Sophie Calle. Mir ging es darum, Begehren in Sprache zu übersetzen beziehungsweise herauszufinden, was in diesem Spannungsverhältnis vor sich geht. Ich habe mich auf das konzentriert, was am Schreibtisch passiert und was sich da mit Bezug auf Sex gefährlich oder lustvoll anfühlt.

Eva Tepest: Power Bottom. Essays über Sprache, Sex und Community. März Verlag 2023. 165 Seiten. 18,00 Euro. Hier bestellen.

Wie bist Du dabei vorgegangen?
Ich habe viel gelesen, mich viel unterhalten und eigene Erfahrungen gemacht – in diesem Dreieck bewegen sich auch meine Texte. Ich bin viel in den Intimbereich von Kindheit und Jugend zurückgegangen. Also ich habe mich an Dinge, die ich schon mal gedacht oder erfahren habe, erinnert und festgestellt, dass seither eine leichte Verschiebung stattgefunden hat. Und diese kleine Verschiebung ermöglicht einen neuen Blick. Es ging mir um lustvollerer und ironischere Perspektiven.

Subjektives Begehren und gesellschaftliche Normen stehen in einem enormen Spannungsverhältnis. Kann man denn gesellschaftliche Verhältnisse in sexuellen Begegnungen wirklich auflösen?
Ich würde nicht von auflösen sprechen, aber davon, dass man sie verschieben oder ironisieren kann. Und das ist wichtig, denn wenn es mehr Nachsicht und Akzeptanz dafür gibt, dass wir nicht eindeutig begehren und keine eindeutigen Geschlechtsidentitäten haben, kann das meines Erachtens vielen Menschen helfen. Marginalisierte Personen, die Transfeindlichkeit, Queerfeindlichkeit oder Lesbenfeindlichkeit erleben, stellen offenbar eine Bedrohung dar, sonst würden sie nicht angefeindet.

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Nymphomaniac | © Christian Geisnaes