Steffen Mau bezeichnete Ostdeutschland kürzlich als Laboratorium der Demokratie. Angesichts der anstehenden Wahlen in diesem Jahr lohnt es sich, auf das gesellschaftliche Klima zu schauen. Der Sammelband »Extremwetterlagen« versucht das als offene Feldforschung im Osten Deutschlands, der Essay »Mentalitäten« in der Etablierung eines vagen Begriffs.
2024 war das so genannte Superwahljahr, in dem neben der Wahl zum Europäischen Parlament auch Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen sowie Kommunalwahlen in Baden-Württemberg, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen und Sachsen-Anhalt stattfanden. Nach der Bundestagswahl im vergangenen Jahr stehen auch in diesem Jahr mehrere Urnengänge an. In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin werden die jeweiligen Landesparlamente gewählt, in Bayern, Hessen und Niedersachsen die kommunalen Volksvertretungen.
Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, die letzten Urnengänge noch einmal in den Blick zu nehmen, insbesondere mit Blick in den Osten Deutschlands, der insbesondere mit Blick auf den Rechtsruck und dem Vertrauensverlust in die Demokratie als Labor für die kommenden Entwicklungen in den anderen Bundesländern gilt. Hier bietet sich der schmale, aber überaus dichte Band »Extremwetterlagen. Reportagen aus einem neuen Deutschland« des Historikers Alexander Leistner, der Autorinnen Manja Praekels und Tina Pruschmann sowie der Soziologin Barbara Thériault. Als Überlandschreiber sind sie 2024 durch die ostdeutsche Provinz gefahren, um zu erfahren, wie es um die Stimmung, das Bewusstsein und die Demokratie steht.

Der Titel des Bandes, der das gesellschaftliche Klima in den bereisten und betrachteten, Regionen aufgreift, versammelt Texte, die in Auszügen bereits in Zeitungen, Magazinen oder anderen Publikationen erschienen sind. Dennoch lohnt sich die Lektüre der hier zusammengeführten Texte, weil sie bei ihren Recherchereisen nicht den Anlass der großen Schlagzeile gesucht haben, sondern weil sie sich in die Niederungen des Alltags begeben und den Menschen auf den Markplätzen und Straßen – den Unmutigen und den Mutigen, wie sie Juliane Stückrad nennt – zugehört haben. Sie befragen die Landschaft, die sie bereisen, die Geschichte, die vielerorts vergessen oder verdrängt ist, und nicht zuletzt sich selbst. Indem sie dem oft Unausgesprochenen, dem Verschwiegenen und Geraunten, Raum geben, schaffen Sie mehr als eine Momentaufnahme. Die offene Herangehensweise führt zu einem vielschichtigen Mosaik der politischen Atmosphäre in den besuchten Regionen.
Dabei wird das greifbar, was Peter Neumann »Mentalitäten« nennt. In seinem gleichnamigen Essay versucht der 1987 geborene und in Neubrandenburg aufgewachsene Philosoph, die Ursachen für die aktuellen Spaltungstendenzen in der Gesellschaft auszumachen. Dies seien, entgegen aller Behauptungen, nicht die oft angeführten Identitäten, sondern Mentalitäten. Was er damit meint, kann er jedoch selbst nicht so genau sagen. Mal seien es Haltungen und Neigungen, dann wieder Gefühlslagen und Denkweisen, an anderer Stelle spricht er von Prägungen und Atmosphären. Mentalitäten seien »feine Unterschiede, die sich erspüren lassen, aber schwer auf den Begriff zu bringen sind«, schreibt er in seinem Band.

Es ist jedoch schwierig, wenn der Begriff der Mentalität, mit dem die gesellschaftliche Spaltung erklärt werden soll, genauso schwammig, flüchtig und fließend bleibt wie die Argumente der zerstörungslustigen Autoritären. Neumann muss sich vorwerfen lassen, dass er seinen Gegenstand trotz zahlreicher Verweise in Philosophie, Geschichte und Realpolitik (er bezieht sich auf Thomas Jefferson, Alexis de Tocqueville, Antonio Gramsci, Ernst Bloch, Samuel Beckett oder Jürgen Habermas, um nur einige zu nennen) nicht zu greifen bekommt. Er rührt anspielungsreich in der Komplexität der Gegenwart und ruft einige der von Steffen Mau und seinem Team im Diskurs etablierten Begriffe wie »Triggerpunkte« und »Sortiermaschinen« auf, ohne jedoch näher darauf einzugehen.
»Während Identitäten zu Lagerbildung und Abgrenzung tendieren, eröffnen Mentalitäten die Möglichkeit zum Perspektivwechsel – und damit zu einem Rückgang in sich selbsr. […] Mentalitäten wirken subtiler, untergründiger als Identitäten, unabhämngig davon, als wen oder was man sich versteht. Wer solche Prägungen und ihre unbewussten Reaktionsmuster sichtbar macht, kann Verbindungen schaffen, die im hitzigen Streit verborgen bleiben«
Peter Neumann
Klingt gut, aber bis zum Schluss bleibt unklar, was Neumann genau unter dem Konzept der Mentalitäten versteht und wie diese dynamischen und subkutanen Gefühlslagen produktiv wirken, wenn es darum geht, Spaltung zu überwinden.
Neumann greift neben den eigenen Erfahrungen, in Ostdeutschland aufzuwachsen, auch auf Johann Gottfried Herders Formulierung der »Klimazonen der Gesellschaft« zurück, was wiederum zu den »Extremwetterlagen« von Leistner, Praekels, Pruschmann und Thériault führt, die gar nicht erst versuchen, die gesellschaftlichen Spaltungstendenzen auf der Straße in einen übergreifenden Begriff zu überführen, sondern an ihrer offenen und neugierigen »Feldforschung auf Basis literarischer Reportagen« festhalten.
Alexander Leistner folgte dabei mentalen Entwicklungslinien, die oft unter dem Radar liegen; auf die Stimmung auf den Straßen und Plätzen der oft leergefegten Provinz. Wo Gefühle zu »Strukturen gerinnen konnten, die sich manchmal beklemmend, zementiert und ausweglos anfühlen können« und »tief hineinragen in das Denken und die Wahrnehmung von Politik«. Tina Pruschmann beradelte das sächsische Erzgebirge, um dort mit Menschen zu sprechen und festzustellen, dass viele in Biografien hausen, die »in ein Zwielicht geraten sind« und eine ständige Positionierung erfordern. »Die gemeinsame Barkas-Heimat ist eine verminte«, heißt es da.
Manja Präkels traf in der Brandenburger Pampa vor allem Menschen als »Vergessmaschinen«, die von all den »Geschichten von Suff, Kloppe, Nutten, Koks und Randale« nicht mehr wissen wollen. Das kannte sie schon aus der Auseinandersetzung mit den Baseballschlägerjahren in ihrer Heimatstadt Zehdenick, die zu ihrem autofiktionalen Debütroman »Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß« geführt hat. Aber auch der Rest der Republik ist vergesslich, die Täter von damals sind die Väter von heute. Sie haben ihre Kinder mit dem jahrzehntelang gepflegten Hass auf Alles und Jeden infiziert, so dass die nun neues Öl in alte Feuer gießen und sich freuen, wie schön das brennt. Und so greift eine erschreckende Normalisierung um sich. »Überfall auf Museumsleiter. Hakenkreuze am Uferweg. Prügeleien im Neubauviertel. Normal. Das guckt sich weg. Ein Ort wie andere. Rheinsberg ist nur schöner.«
Zugleich werfen sie Anker in die Zukunft, indem sie mit Initiativen sprechen, die unter schwierigen Bedingungen gegen den verschwurbelten und geschichtsvergessen Rechtsruck aktiv sind. Etwa wenn Barbara Thériault in der Rolle der Lokaljournalistin einer thüringischen Zeitung neben Meckerern und Miesmachern auch mit Menschen spricht, die etwas bewegen wollen und weißt dabei darauf hin, dass sich dieses Engagement lohnt. »Was kleinteilig aussieht, hat die subversive Kraft, das Ressentiment zu unterminieren. Sie steckt in der Hartnäckigkeit, sich die Offenheit gegenüber der Welt zu bewahren, ohne den Blick vor der Realität zu verschließen. Sie steckt in der unermüdlich vorgetragenen Einladung, ins Offene zu treten, sich zu zeigen, zu beteiligen.«
Dem will man sich gern anschließen, aber es überwiegt am Ende der Eindruck, dass die demokratischen Institutionen und Parteien, die zivilgesellschaftlichen und eine offene Gesellschaft Akteure in der ostdeutschen Provinz enorm unter Beschuss oder bereits verdrängt sind. »Rechts sein ist populär«, so Praekels deprimierendes Fazit. Das allgemeine Nichtgemeintsein, die Geht-mich-nichts-an-Mentalität, bildet den Nährboden für die ostdeutschen Angstlandschaften. »In Zeiten der Niedertracht will keiner auf Seiten der Schwächeren stehen.«
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Die Beobachtungen in »Extremwetterlagen« sind am Ende mehr als die Summe der einzelnen Teile. Die Texte wirken über sich selbst hinaus, greifen lose ineinander über und schaffen in ihrer kaleidoskopischen Zusammenstellung einen ernüchternden Eindruck der Normalisierung der fortschreitenden kollektiven Radikalisierung, der Demokratie- und Menschenfeindlichkeit sowie der Kärrnerarbeit, ohne die eine offene Gegenbewegung nicht möglich ist.
Der Soziologe Steffen Mau sprach einmal davon, dass man Ostdeutschland »viel stärker zu einem Laboratorium der Demokratie« machen müsse, in seinem Essay »Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt« spricht er davon, die neuen Länder ergänzend zum bestehenden System »zu einem Labor für Experimente mit neuen demokratischen Partizipationsformen« zu machen.
Ob das gesellschaftliche Extremwetter, das Leistner, Praekels, Pruschmann und Thériault attestieren, tatsächlich geeignet ist, derlei Experimente zu veranstalten? Man weiß es nicht genau. Sich im tobenden Sturm der Umwertung aller Werte in die eigenen vier Wände zurückzuziehen und so zu tun, als wäre nichts, wird aber keine Lösung sein. Das wird sich spätestens bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zeigen.

