Comic

»Ohne Hoffnung zu leben bedeutet aufzuhören zu leben«

Bildausschnitt aus »Persepolis« von Marjane Satrapi

Die 1969 in Teheran geborene Künstlerin Marjane Satrapi ist am 4. Juni 2026 im Alter von nur 56 Jahren verstorben. Sie gehörte zu den bekanntesten und einflussreichsten Comicschaffenden der letzten Jahrzehnte. Vor 20 Jahren veränderte sie mit ihrem Comic-Memoir »Persepolis« die Welt. Zuletzt kämpfte sie im Kino gegen Vorurteile. In Erinnerung an Marjane Satrapi und ihr Werk wird an dieser Stelle ein Gespräch veröffentlicht, dass ich 2021 mit ihr führen konnte.

Marjane Satrapi, vor zwanzig Jahren eroberte »Persepolis« von Frankreich aus die Welt. Was hat Sie damals dazu bewegt, den Comic zu machen?

Ich weiß es nicht. Als ich Mitte der Neunziger nach Frankreich kam, dachte ich, die Leute wüssten mehr über den Iran und meine Jugend in Österreich. Das war aber nicht der Fall. Die Menschen trugen viele Vorurteile mit sich herum und ich musste immer wieder meine Geschichte erzählen. Irgendwann sagte ich mir: Marjane, vielleicht solltest Du daraus etwas machen, und wenn es nur dafür gut ist, dass Du Dich nicht ständig wiederholen musst. Also begann ich, an dem Comic zu arbeiten, immer im Glauben, dass das sowieso niemand veröffentlichen würde. Als sich dann mit L’Association ein unabhängiger Verlag fand, der meinen Comic herausbringen wollte, war ich felsenfest davon überzeugt, dass ihn niemand lesen würde. Dass »Persepolis« so ein großer Erfolg wurde, hat mich damals überrascht und überrascht mich bis heute.

Marjane Satrapi: Persepolis. Aus dem Französischen von Stephan Pörtner. Edition Moderne 2025. 356 Seiten. 28,- Euro. Hier bestellen https://www.editionmoderne.ch/buch/persepolis/
Marjane Satrapi: Persepolis. Aus dem Französischen von Stephan Pörtner. Edition Moderne 2025. 356 Seiten. 28,- Euro. Hier bestellen.

Über eine Millionen verkaufte Exemplare weltweit sind für einen Comic auch wirklich ungewöhnlich. Wie kamen Sie auf die Idee, Ihre Geschichte als Comic zu erzählen? Sie hätten ja auch ein Buch schreiben können.

Meiner Erfahrung nach wiegt das Bild schwerer als die Schrift. Menschen haben Vorstellungen und Überzeugungen, über die sie nur sehr schwer hinwegkommen. Wenn ich ein Buch darüber geschrieben hätte, dass wir eine ganz normale Familie waren, meine Mutter nie Kopftuch getragen und mein Vater keine 55 Nebenfrauen gehabt hat, hätte das wahrscheinlich nur bei wenigen einen Eindruck hinterlassen. Denn bei den meisten ist es so: man sagt ihnen das eine, sie stellen sich aber etwas völlig anderes vor. Weil es das ist, was sie kennen. Das ändert sich erst, wenn sie sehen, dass die Wirklichkeit anders ist, als sie sie sich vorstellen. Deshalb habe ich einen Comic gemacht, statt ein Buch zu schreiben.

Wie sind Sie zum Comic gekommen?

Als Kind habe ich kaum Comics gelesen, es gibt im Iran keine Comic-Kultur. Es gab ein paar amerikanische Superhelden-Comics, französische Comics gab es aber gar nicht. Zu meinem ersten Geburtstag in Frankreich schenkte mir ein Freund Art Spiegelmans »Maus«. Beim Lesen wurde mir bewusst, dass es sich hier nicht um ein eigenes Genre handelt, sondern dass es einfach ein Weg ist, sich auszudrücken. Comics sind letztlich wie Filme nur ein Medium, in dem man seine eigene Sprache finden muss. Im Kino gibt es ja auch Superheldenfilme und Ingmar Bergman. Und je nachdem, was man machen will, wählt man die eine oder die andere Richtung. Das Ergebnis aber bleibt ein Film. Genauso ist es beim Comic und als ich Spiegelman las, dachte ich mir, dass ich vielleicht meine eigene Sprache in diesem Medium finde.

Das ist Ihnen in der Verbindung einer keineswegs leicht verdaulichen Geschichte in naiven Strichen zweifellos gelungen.

Das war keine bewusste Entscheidung, sondern einfach ein Ergebnis des Zeichen- und Übungsprozesses. Comics leben mehr als andere Medien von der Bewegung der Charaktere. Ich hatte aber nur wenige anatomische Erfahrungen, weil wir das an der Kunsthochschule im Iran nicht gelernt haben. Also musste ich viel üben. Jimi Hendrix ist ja auch nicht als bester Gitarrist aller Zeiten auf die Welt gekommen. Auch er musste verdammt viel üben. Und beim Zeichnen ist das nicht anders. Je öfter man es macht, desto besser wird man. Vielleicht nicht zum besten Zeichner auf Erden, aber man wird definitiv besser als zu Beginn. So wurden auch meine Zeichnungen im Laufe der Zeit besser. Es war dann ein glücklicher Zufall, dass die einfacheren Zeichnungen im ersten Band von »Persepolis« gut zur Zeit meiner Kindheit passen und sich mit dem Voranschreiten meiner Kindheit verbessern und in meiner Jugend reifer wirken.

Wie haben die Menschen auf Ihre Comics reagiert?

Ich kann mich nur an positive Reaktionen erinnern, aber ich hatte auch immer sehr begeisterte und wohlwollende Leser. Es gab nie Probleme bei Lesungen oder persönlichen Begegnungen. Auch hier in Paris nicht. Ich meine, die Leute erkennen mich ja auf der Straße, aber ich wurde noch nie angepöbelt oder bedroht. Selfies mit mir will zum Glück auch niemand, ich bin ja kein Filmstar. Aber zugegebenermaßen gehe ich auch nicht viel auf die Straße. Ich bin nicht so gern unter Menschen. Mir sind die Reaktionen anderer aber auch nicht so wichtig. Ich lese keine Artikel über mich und meine Arbeiten oder google meinen Namen. So etwas mache ich nicht.

Marjane Satrapi: Sticheleien. Aus dem Französischen von Martin Budde. Edition Moderne 2016. 136 Seiten. 19,40 Euro. Hier bestellen https://www.editionmoderne.ch/buch/sticheleien/
Marjane Satrapi: Sticheleien. Aus dem Französischen von Martin Budde. Edition Moderne 2016. 136 Seiten. 19,40 Euro. Hier bestellen.

Interessiert Sie nicht, was andere über Sie und Ihre Arbeit denken?

Nein. Ich will mich nicht am Maßstab anderer messen. Ich weiß selbst, wer ich bin, kenne mich gut genug. Wenn andere schreiben, dass ich ein Genie bin, glaube ich das am Ende noch. Das wäre doch eine Katastrophe. Und andersherum ist es ja nicht besser. Wenn jemand schreibt, ich wäre ein schlechter Mensch oder meine Arbeit misslungen, dann bekäme ich doch Depressionen, wenn ich mir etwas daraus machen würde. Deshalb ist es mir lieber, gar nicht erst zu wissen, was andere über mich schreiben. Und mal ehrlich, es schreiben doch sowieso alle was sie wollen. Was also geht mich das an?

Um die Wirkung von Medien geht es auch in »Persepolis«. Als Sie in Österreich waren, haben Sie so gut wie nichts von den Geschehnissen im Iran gehört, obwohl dort der Krieg tobte. Haben Sie das Gefühl, dass die westliche Ignoranz und Naivität in Bezug auf den Iran in den vergangen zwanzig Jahren abgenommen hat?

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Ignoranz und Naivität. Naivität ist ein Wert, Ignoranz ist keiner. Das Problem der Ignoranz lässt sich in einen Satz fassen: Je ignoranter die Leute sind, desto überzeugter sind sie. Oder wie Friedrich Nietzsche sagte: »Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit, als Lügen.« Ich teile die Meinung von Nietzsche. Überzeugung basiert auf Ignoranz. Und je weniger die Leute wissen, desto überzeugter sind sie. Das wird sich nie ändern. Daran hat auch »Persepolis« nichts geändert. Aber diejenigen, die weniger Überzeugung und mehr Interesse mitbringen, haben sicherlich etwas aus der Geschichte für sich mitgenommen. Zumindest haben mir bei Lesungen immer wieder Menschen gesagt, dass sie beim Lesen viel gelernt hätten.

Marjane Satrapi: Huhn mit Pflaumen. Aus dem Französischen von Martin Budde. Edition Moderne 2026. 96 Seiten. 26,- Euro. Hier bestellen https://www.editionmoderne.ch/buch/huhn-mit-pflaumen/
Marjane Satrapi: Huhn mit Pflaumen. Aus dem Französischen von Martin Budde. Edition Moderne 2026. 96 Seiten. 26,- Euro. Hier bestellen.

Man erhält in Ihren Comics einen tiefen Einblick in den Alltag der Menschen, der nicht nur von Entbehrungen und Unterdrückung geprägt ist, sondern in dem auch viel gescherzt und gelacht wird. Das hat viele Lesende überrascht, es entsprach nicht dem erwarteten Bild.

Es wird viel gelacht, weil Lachen zum ganz normalen Leben gehört. Und das hört nicht auf, nur weil man an einem weniger friedlichen Ort lebt. Wer meint, dass die Leute aufhören, Witze zu machen, wenn um sie herum Bomben vom Himmel fallen, der täuscht sich. Wer denkt, dass die Menschen aufhören, Kinderklamotten zu kaufen oder ihre Wände zu streichen, erliegt einem Irrtum. Das ganz normale Leben geht auch im Krieg weiter; und deshalb habe ich es gezeichnet. In Europa ist das aber in Vergessenheit geraten. Deshalb denken viele, dass der Alltag in einem Krieg ausbleibt. Aber das stimmt nicht. Zudem gibt es so etwas wie einen Überlebensinstinkt und der führt dazu, dass Menschen fliehen, wenn sie das Gefühl haben, fliehen zu müssen, und lachen, wenn sie das Gefühl haben, dass ihnen das hilft. Ich glaube, wenn der Horror zu groß wird, wird man entweder darüber lachen oder daran zugrunde gehen. Und die Iraner machen sich halt oft über ihre Geschichte lustig. Bei all den schrecklichen Dingen, die uns widerfahren sind, bleibt uns kaum etwas anderes. Wenn wir es schon nicht ändern können, müssen wir wenigstens drüber lachen können.

»Persepolis« war so ein großer Erfolg, dass ihre anderen Comics »Sticheleien« und »Huhn mit Pflaumen« oftmals vergessen werden. Fühlen Sie sich manchmal auf »Persepolis« reduziert?

Nein, warum sollte ich. Sie haben die anderen Comics ja offenbar gelesen und sind sicher nicht der Einzige. Ich bin immer nur so lange an meiner Arbeit interessiert, bis sie gemacht ist. Danach kann ich ohnehin nichts mehr daran ändern. Wissen Sie, wenn ich etwas tun könnte, damit mich alle mögen und meine Arbeit verehren, dann würde ich das tun. Aber das ist nicht möglich. Also nehme ich hin, was passiert. Dabei hilft es natürlich, dass ich mich ohnehin nicht dafür interessiere, was andere meinen oder schreiben. Das schützt mich sehr.

Das erklärt vielleicht auch, warum Sie sich trotz des großen Erfolgs eines Tages vom Comic gelöst und sich für das Kino entschieden haben.

Nein, nein, nein, das kann man so wirklich nicht sagen. Ich kam zum Kino, weil ein Freund von mir damals Produzent werden wollte und mir vorschlug, aus »Persepolis« einen Film zu machen. Zuerst dachte ich, was für eine schwachsinnige Idee. Ich hatte doch gerade erst vier Jahre damit verbracht, diese Geschichte in ein Comic zu bringen. Wieso sollte ich jetzt weitere drei Jahre investieren, um mir das Ganze noch einmal fürs Kino auszudenken? Und zugleich war da der Gedanke in mir, dass ich schön blöd wäre, würde ich mir diese Chance entgehen lassen. Schließlich bot mir da jemand Geld dafür, dass ich etwas Neues lerne. Normalerweise läuft das ja andersherum und man muss selbst zahlen, um etwas Neues zu lernen. Und irgendwann sagte ich mir, was soll schon passieren. Viel mehr, als dass ich einen schlechten Film mache und dann wieder Comics zeichnen muss, konnte ja nicht passieren.

Wie war das denn, aus dem Comic einen Film zu machen?

Das war unglaublich. Ich entdeckte, was es heißt, Kino zu machen. Das Kino ist eine Gefühlsmaschine wie es keine andere auf der Welt gibt. Die amerikanische Kultur hat sich ja nicht durchgesetzt, weil sie die beste Kultur der Welt ist, sondern weil sie so verkauft wurde, dass jeder gesagt hat: wow, das will ich auch. Ob Essen, Technik oder Lifestyle, die Werbung präsentiert uns diese Dinge in einer Art und Weise, die uns glauben lässt, sie ganz genauso zu wollen. Eine solche Kraft hat nur der Film.

So ein Film, der es bis unter die Oscar-Kandidaten schafft, entsteht aber auch unter anderen Bedingungen als ein Comic.

Das stimmt, aber ich mag das. Wenn ich einen Comic zeichne, gibt es keinen Überraschungseffekt am Ende. Schließlich habe ich ja jeden Strich selbst gemacht. Das ist beim Film vollkommen anders. Da muss ich jeden Gedanken teilen, Dinge aushandeln, Kompromisse finden. Das Endergebnis ist dann meist etwas völlig anderes als das, was ich anfangs im Kopf hatte. Und das mag ich, diese Herausforderung, mich auf Neues, Überraschendes einzulassen. Es ist eine wunderbare Übung für unser Gehirn, sich mit anderen Menschen, ihren Meinungen und Überzeugungen auseinanderzusetzen.

Das fehlt dieser Tage einigen. Viele sitzen im Homeoffice und bilden sich ihre Meinung, ohne sich mit anderen auseinandersetzen zu müssen.

Deshalb macht uns der Lockdown alle dümmer. Distanz lässt uns verdummen. Wenn wir vor die Tür gehen, treffen wir auf Leute, die wir uns nicht aussuchen können. Wir begegnen zwangsläufig anderen Meinungen und Ansichten. Allein das fordert uns heraus. Jetzt im Lockdown fällt das aber weg und wir suchen uns aus, mit wem wir reden. So werden unsere Beziehungen immer mehr wie Social Media. Wir sprechen fast nur noch mit Menschen, die genauso wie wir sind, denken und fühlen. Das macht uns alle dümmer. Deshalb mag ich das Kino inzwischen mehr als den Comic. Es zwingt mich, mit anderen zusammenzuarbeiten. Das fordert mich heraus, stellt mich auf die Probe und meine Ansichten in Frage.

Sie vermissen also die zurückgezogene Arbeit im Atelier gar nicht?

Aber nein, ich arbeite doch auch für mich allein. Ich male. Ich habe neben meinen Filmen in den letzten Jahren auch zwei Ausstellungen gemacht. Und nebenher zeichne ich für mich auch noch ein wenig. Aber nicht jeder meiner Striche muss gleich der ganzen Welt gezeigt werden. Ich mache das einfach zu meinem Vergnügen. Und das gar nicht mal so selten.

Marjane Satrapi: Marie Curie – Elemente des Lebens. Mit Rosamunde Pike und Sam Riley.
Marjane Satrapi: Marie Curie – Elemente des Lebens. Mit Rosamunde Pike und Sam Riley.

Es ist also nicht ganz aussichtslos, noch einmal auf einen Comic von Ihnen zu hoffen?

Doch, das ist es. Es mag arrogant klingen, aber meine Comics waren alle sehr erfolgreich. Ich weiß inzwischen, was ich machen muss. Ich habe zwar kein Rezept, das ich an andere weitergeben könnte, aber ich weiß, wie ich gute Comics mache. Und wenn ich weiß, wie etwas funktioniert, verliert es für mich an Reiz, weil mir die intellektuelle Herausforderung fehlt. Nun mögen manche sagen, dass ich weitermachen und meinen Stil perfektionieren könnte. Aber Perfektion interessiert mich nicht. Mich interessieren Vielfalt, Herausforderung, Neugier und Überraschung. All das reizt mich deutlich mehr als Erfolg. Mein eigentlicher Erfolg ist, dass ich mir aussuchen kann, was ich machen und welche Herausforderung ich annehmen möchte. Das erfüllt mich mehr als alles andere.

Comic, Film und Malerei sind die Mittel, mit denen Sie sich als Künstlerin ausdrücken. Was unterscheidet die Sprache dieser drei Medien voneinander?

Sowohl beim Film als auch beim Comic muss ich immer auf den Zuschauer oder den Leser Rücksicht nehmen. Nicht in dem Sinne, ob sie die Geschichte mögen, sondern ob sie das, was ich ihnen sagen will, verstehen können. Denn wenn ich eine Geschichte so erzähle, dass man sie nicht versteht, kann ich ja nicht sagen, dass alle anderen dumm sind. Dann habe ich einfach meinen Job nicht gut gemacht. Nehmen wir zum Beispiel meinen letzten Film »Marie Curie«. Es gibt Menschen, die wissenschaftliche Themen schwierig finden. Aber es gibt einen Weg, wie man wissenschaftliche Themen auch an diese Menschen herantragen kann. Meine Aufgabe besteht darin, genau den zu finden. Ich muss mich beim Kino und beim Comic deshalb immer fragen, ob die Menschen mit dem Mittel, das ich anwende, das verstehen können, was ich ihnen sagen will. Das ist bei der Malerei ganz anders. Wenn ich male, tue ich das im Bewusstsein, dass die Menschen es entweder auf den ersten Blick mögen oder interessant finden oder eben nicht. Es gibt hier nicht das richtige Mittel. Das unterscheidet die Malerei vom Comic oder dem Film.

Und was unterscheidet für Sie den Comic vom Film?

Hier geht es um die Beziehung des Lesers zum Medium. Wenn man einen Comic liest, ist man immer aktiv. Man muss sich vorstellen, was zwischen den Bildern passiert. Man muss sich die Bewegungen vorstellen und der Geschichte einen eigenen Rhythmus geben. Im Gegensatz dazu ist man beim Film immer passiv. Rhythmus, Bewegungen, Anschlüsse – all das bekommt man serviert. Man sieht was man empfängt, das macht den Unterschied aus. Aktiv wird man erst im Nachhinein. Deshalb funktionieren Comic und Film nach ihrer eigenen Logik. Es geht dabei nicht um das Storytelling, wie die Amerikaner immer wieder behaupten, sondern darum, mit welcher Sprache man seine Geschichte erzählt. Man kann die beste Geschichte versauen, wenn man nicht die richtige Sprache findet. Und andersherum kann man eine ganz gewöhnliche Sache so außergewöhnlich erzählen, dass sie uns überwältigt.

Welche Art von Filmsprache mögen Sie denn als Filmemacherin?

Ich werde, ob ich es will oder nicht, von den Dingen beeinflusst, die ich sehe. Was aber nicht heißt, dass ich ins Kino gehe, um zu schauen, wie andere diese oder jene Herausforderung lösen. Da hätte ich das Gefühl, jemandem eine Idee zu klauen. Ich will immer meine eigenen Lösungen finden. Ich persönlich halte auch nichts davon, jemandem eine Hommage zu erweisen. Eine Hommage heißt doch letztlich nur, dass da jemand zu faul war, sich selbst Gedanken zu machen. Da wird die Arbeit eines anderen in irgendeiner Form kopiert und dann heißt es, das sei eine Hommage. Find your fucking own way und mach Dir selbst eine Hommage!

Sie sind ein großer Dostojewski-Fan. Woher kommt Ihre Begeisterung für den russischen Avantgardisten?

Dostojewski ist einfach der beste Schriftsteller, den es jemals gab. Er hat eine Menge Humor und immer, wenn ich ihn lese, bringt er mich zum Lachen. Und wenn ich ihn lese, habe ich sofort das Gefühl, den Menschen besser zu verstehen. Nietzsche sagte mal, dass Dostojewski der einzige sei, bei dem er mehr von der menschlichen Seele versteht. Und genau so geht es mir auch. Bei Dostojewski habe ich auch das beste Argument gegen die Todesstrafe gefunden. Ich weiß nicht mehr, in welchem seiner Texte er es beschreibt, aber er spricht dort davon, dass ein Mensch auf dem Schlachtfeld nie die Hoffnung verliert, nicht einmal dann, wenn er 1.000 Soldaten gegen sich hat. Selbst dann lässt ihn sein Überlebenstrieb glauben, dass es einen Weg gibt, der Situation zu entkommen. Wenn ein Mensch aber angebunden und erschossen wird, gibt es diese Hoffnung nicht. Und dann schreibt er: »Ohne Hoffnung zu leben bedeutet aufzuhören zu leben.« Das ist für mich der beste Grund, warum die Todesstrafe abgeschafft werden müsste. Sie nimmt dem Menschen jede Hoffnung und damit das Menschsein.

Nach einer Erklärung ihres Umfelds starb Marjane Satrapi »an Traurigkeit, ungefähr ein Jahr nach dem Tod von Mattias Ripa, ihrem Ehemann und der Liebe ihres Lebens»
Nach einer Erklärung ihres Umfelds starb Marjane Satrapi »an Traurigkeit, ungefähr ein Jahr nach dem Tod von Mattias Ripa, ihrem Ehemann und der Liebe ihres Lebens»

Fragen wie diese werden auch immer wieder im iranischen Kino gestellt, zuletzt von Mohammad Rasoulof, der mit seinem Drama »Doch das Böse gibt es nicht« im vergangenen Jahr bei der Berlinale den Goldenen Bären gewann. Aber auch Jafar Panahi, Ashgar Farhadi und Mani Haghighi stellen diese existenziellen Fragen. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das zeitgenössische iranische Kino so stark ist?

Vergessen Sie nicht, dass die iranische Filmgeschichte ungefähr so alt ist wie die europäische. Im Iran werden seit mehr als einhundert Jahren Filme gemacht, es gibt also nicht nur das zeitgenössische Kino. Warum das so erfolgreich ist, kann ich Ihnen nicht sagen. Aber wahrscheinlich sind es einfach gute Filme.

Sie leben in Paris, Ihre Eltern im Iran. Sie haben beide Staatsbürgerschaften, sind im Iran aber nicht gern gesehen. Ist der Iran für Sie noch so etwas wie Heimat?

Der Iran ist der Ort, an dem ich geboren bin. Ich bin wie eine Pflanze. Wenn man eine Pflanze aus ihrer natürlichen Umgebung entfernt und irgendwo anders einpflanzt, dann fehlt ihr etwas. Denn diese Pflanze ist einen bestimmten Boden und ein bestimmtes Licht gewöhnt. Und so geht es mir auch. Es gibt Dinge, die werde ich immer vermissen. Zugleich lebe ich seit 30 Jahren außerhalb meines Landes, meine Jugend und fast mein gesamtes Erwachsenenleben habe ich außerhalb des Iran verbracht. Paris ist inzwischen mein Zuhause, auch wenn ich hier nicht die Straßen meiner Kindheit habe. Aber das hat auch etwas Gutes. Denn wenn dieses eine Zuhause fehlt, dann kann man an jedem anderen Ort der Welt zuhause sein. Genauso geht es mir. Ich fühle mich wohl, egal wohin man mich steckt. Ob zuhause oder nicht ist für mich eine Entscheidung. Und ich habe mich entschieden, überall zuhause zu sein anstatt nirgendwo ein Zuhause zu haben.

Mit dem Erfolg von »Persepolis« wurden Sie auch von politischen Organisationen entdeckt. Sie wurden eine Art Botschafterin für Menschenrechte und engagierten sich kurzzeitig auch politisch, haben dieses Engagement aber relativ ernüchtert wieder fallen gelassen. Was war passiert?

Es stimmt, ich habe mich für Politik interessiert. Um ehrlich zu sein, die Politik hat mir den letzten Nerv geraubt. Ich dachte immer, in der Politik könnte ich die Welt ändern, aber letztlich war es so, dass die Welt mich zu ändern begann. Dieses ständige Aushandeln von Deals und Kompromissen hat mich wahnsinnig zynisch gemacht. Irgendwann wurde mir klar, dass wir alle in einer besseren Welt leben wollen, sich aber niemand ändern will. Also begann ich, an mir zu arbeiten und kleine Dinge bei mir zu ändern. Ich versuchte, jeden Tag etwas freundlicher zu sein, aber schon das war eine ziemlich große Sache. Denn ich mag weder Verhandlungen noch Kompromisse, ich bin kein Freund von Protokollen und diplomatischem Gehabe. All das ist ein Horror für mich, macht mich aggressiv. Ich bin einfach nicht für das politische Parkett gemacht. Ich bin gern albern und witzig, aber in der Politik ist kein Raum für Spaß und Leichtigkeit.

Meine Vorstellung von Menschenrechtspolitik ist offenbar zu romantisch.

Ja, gerade dort ist viel Zynismus. Die Menschen in dem Bereich sind keineswegs alle selbstlos. Viele sind in dem Bereich aktiv, um einen bestimmten Status zu erlangen. Nach dem Motto: Ich engagiere mich für Menschenrechte, ich bin ein guter Mensch. In dem Bereich arbeiten aber zum Großteil Leute, die selbst gar kein richtiges Leben haben. Und weil sie kaum eine Vorstellung von einem guten Leben haben, gelingt es ihnen auch nicht, das anderer zu verbessern.

Das Leben anderer zu verbessern beanspruchen auch all jene, die sich in der Kopftuchdebatte äußern. Die einen sehen darin ein Symbol der Unterdrückung der Frau, die anderen eine Bevormundung des Staates. Wie sehen Sie das?

Hören Sie, ich habe es gehasst, das Kopftuch zu tragen. Ich hasse es bis heute und ich weiß genau, was es bedeutet, ein Kopftuch tragen zu müssen. Aber wer um Himmels Willen bin ich, anderen zu erklären was gut oder schlecht für sie wäre. Es gibt etwas, das sehr viel mehr wiegt als meine Überzeugung, und zwar die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Jeder Mensch hat das Recht zu glauben, woran er will, sich zu kleiden, wie er will und zu leben, wie er will. Ich mache mich für eine Gesellschaft stark, in der jeder Mensch so leben kann, wie er will. Warum sollen beispielsweise Frauen im Sommer nicht oben ohne auf den Straßen unterwegs sein dürfen? Männer machen das doch auch. Mir ist es ein Rätsel, warum die Nippel von Frauen eine größere Provokation darstellen sollen als die von Männern.

Sie kritisieren die Bevormundung von Frauen.

Ja. Jedesmal trifft es uns Frauen. Mal sind wir zu sexy, dann wieder nicht sexy genug, mal dies, mal das. Verdammt noch mal, lasst uns in Ruhe! Warum reden wir nicht mal darüber, wie sich Männer kleiden oder ob der Hipsterbart nicht zu sehr an den Islam erinnert und deshalb verboten werden sollte? Ich habe diese Gesellschaften satt, in denen Frauen ständig vorgeschrieben wird, was sie tragen sollen und was nicht. Genauso wie ich Automessen hasse, auf denen sich junge Frauen im Minirock Sprüche wie Ist das Auto genauso gut gebaut wie Du? anhören müssen. Das ist einfach nur widerlich! Und es zeigt vor allem, dass Gesellschaften bis heute mit Frauen und ihren Körpern Geld verdienen, wenn es genehm ist. Egal ob Milch, Orangensaft oder Autos, man bewirbt sie mit halbnackten Frauen. Aber sobald eine Frau mit ihrem Körper oder ihrer Sexualität selber Geld verdienen will, wird es zum Problem. Das macht mich rasend.

Sehen Sie eine Lösung?

Wir müssen unsere eigene Position weniger wichtig nehmen. Sehen Sie, ich hasse das Kopftuch, aber solange eine Frau, die ein Kopftuch trägt, mir nicht erzählt, ich müsste mein Haar bedecken, soll sie machen, was sie will. Das geht mich nichts an. Die Freiheit aller ist mehr wert als meine persönliche Haltung. Ich weiß, es gibt dann wieder Leute, die behaupten, ihre Freiheit würde dort enden, wo die der anderen beginnt. Aber das ist doch alles Schwachsinn. Meine Freiheit beginnt und endet dort, wo die Freiheit aller anderen beginnt und endet. Entweder wir sind alle frei oder niemand ist frei.

Um Freiheit geht es möglicherweise auch bei den Präsidentschaftswahlen im Sommer im Iran. Was erwarten Sie von diesen Wahlen?

Um ehrlich zu sein, ich war seit über 20 Jahren nicht im Iran und meine Verbindung in das Land ist eine sehr persönliche, gefüllt mit Emotionen und Nostalgie. Gefühle sind keine gute Ausgangsposition, um eine irgendwie geartete Analyse politischer Verhältnisse vorzunehmen. Respektieren Sie daher, dass ich das nicht kommentieren möchte.

In einem Gespräch mit Art Spiegelman und Françoise Mouly haben Sie einmal gesagt, dass es keinen schöneren Moment gibt, als den, wenn sie an einem Comic arbeiten. Nun haben Sie vorhin gesagt, dass Sie mit den Comics fertig sind. Was erfüllt Sie denn jetzt voll und ganz?

Jetzt gibt es nichts Besseres, als am Set zu sein und einen Film zu machen. Dabei habe ich die schönsten Momente meines Lebens.

Marjane Satrapi, vielen Dank für das Gespräch.