Eine Kindheit im Nahen Osten

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Acht Jahre lang hat der französische Zeichner Riad Sattouf für die Satirezeitschrift Charlie Hebdo das »geheime Leben der Jugend« erkundet, nun erobert er mit augenzwinkernder Religionssatire gleichermaßen Kinosäle und Buchhandlungen. Deutschlands einflussreichster Comickritiker Andreas Platthaus hat Sattoufs autobiografischen Comic »Der Araber von morgen« ins Deutsche übertragen, der Neunten Kunst aber dennoch einen Bärendienst erwiesen.

Nur wenige Minuten nachdem am 7. Januar 2015 zwei fundamentalistische Islamisten die Redaktion von Charlie Hebdo stürmen und in einem skrupellosen Blutbad die Führungsriege des Satiremagazins erschießen, wurde auf Twitter bereits panisch gerätselt, wer alles unter den Opfern ist. Neben den ermordeten Zeichnern Charb, Cabu, Wolinski und Tignous wurde auch darüber spekuliert, ob auch der Niederländer Willem oder der Franzose Riad Sattouf ermordet wurde. Der hatte aber bereits im Oktober die Redaktion verlassen, um sich ganz aufs Comiczeichnen zu konzentrieren. Dass er nun die ausgerechnet mit Werken, in denen der Islam augenzwinkernd aufs Korn genommen wird, sowohl Kinos als auch Comicbuchhandlungen rockt, ist von einer bittersüßen Ironie, die zu dem Zeichner und der Satirezeitschrift passt: beide begegnen dem Fundamentalismus mit Humor.

jacky_230Beginnen wir mit dem Filmischen: Vor einigen Wochen lief Sattoufs satirische Komödie JACKY im Königreich der Frauen in den deutschen Kinos an. Darin nimmt der Franzose, der wie sein Zeichnerkollege Joann Sfar auch im Kino erfolgreich ist, die von Nordafrika bis Nordkorea bestehenden religiösen und politischen Dogmen aufs Korn. Dabei setzt er – in der Tradition von Monthy Pythons Das Leben des Brian und mit Anspielungen an Sascha Baron Cohens Borat auf die Skurrilität der bewusst Inszenierten Political Non-Correctness. Das ist wohl kalkuliert, denn in einer Welt, in der Diplomatie und Kriegführung alle Farbe aus der politischen Wirklichkeit nehmen und ein schwarz-weißes Panorama der Verzweiflung zeichnen, muss Kunst friedlich, aber ohne Rücksicht auf Empfindlichkeiten Kontrapunkte setzen. Sein Film erzählt die Geschichte des 20-jährigen Jacky (Vincent Lacoste), einem unbescholtenen Bürger der matriarchalischen Volksrepublik Bubunne, der sich unsterblich in die kommende Dikatorin Bubunne XVII. (Charlotte Gainsbourg) verliebt. Als die Königin des tristen Reiches einen Ball ausruft, auf dem sich alle Heiratswilligen Männer präsentieren sollen, auf dass sich Bubunne XVII. ihren »großen Dödel« erwählen möge, wittert er seine Chance und macht sich aus seiner Trabantenstadt auf in die Hauptstadt.

Ein Abenteuer, denn in der Volksrepublik können Männer nicht so einfach irgendetwas beschließen. Sie benötigen die Erlaubnis ihrer Herrin, wie sie überhaupt für alles die Erlaubnis brauchen. Zu den wenigen Dingen, die sie selbst tun können, gehört es, in einem Burka-ähnlichen Kostüm mit Halsbandring den zentralstaatlich regulierten Schleim zu schlotzen oder die heiligen Pferdchen anzubeten. Es ist die Strafe dafür, dass sie einstmals die Harmonie aus Menschen und Pferdchen zerstört haben.

Es gibt in diesem Film keinen Umstand zwischen Casablanca und Pjöngjang, das unangetastet bliebe. Durch den geschickten Gendertransfer verhindert Sattouf zugleich, dass diese Komödie nicht als arrogante Erhebung des Okzidents gegenüber dem Orient lesen lässt. Sie schließt direkt an die Debatten über Gendermainstreaming und den Umgang mit Minderheiten im sogenannten Westen an.


Hier geht es zur Homepage zum Film, auf der nächsten Seite zur Rezension von Riad Sattoufs Comic Der Araber von morgen.

2 Gedanken zu “Eine Kindheit im Nahen Osten

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