Die sechs für den Internationalen Literaturpreis nominierten Romane führen nach Weißrussland, Ungarn, Sri Lanka, in den Iran und Sudan sowie an die europäischen und nordafrikanischen Ränder. Laut Jury erzählen sie alle vom Andauern des Ausnahmezustands.
Zum achtzehnten Mal wird in diesem Jahr der Internationale Literaturpreis vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin verliehen. Am Mittwoch hat die siebenköpfige Jury ihre diesjährige Shortlist veröffentlicht.
»Der Ausnahmezustand ist kein vorübergehendes Ereignis. Er ist die Regel menschlicher Existenz. Die sechs Titel der diesjährigen Shortlist erzählen sechs Mal von seinem Andauern: davon, wie Menschen aus unserer Gattung herausfallen, weil das Herausfallen aus unserer Gattung die Geschichte unserer Gattung ist.«
Jurystatement zur Shortlist
Die Shortlist für den Internationalen Literaturpreis






Durch die ausgewählten Romane und ihre Übertragung ins Deutsche würden wir wieder daran erinnert, »dass das Herausfallen aus unserer Gattung identisch mit dem Sturz in unsere Gattung ist. Und dass die prekäre Idee der Freiheit nur in der Abwesenheit von Freiheit ihre Würde und Bedeutung erhält«, kommentiert Juror und Autor Senthuran Varatharajah abschließend.
Interessanterweise belegt die Auswahl auch, wie stark sich der globale Ausnahmezustand auf die die hiesige Literaturlandschaft auswirkt. Mit Stella Gaitano, Bahram Moradi und Julia Cimafiejeva sind gleich drei der nominierten Autor:innen aufgrund ihrer existenziellen Bedrohung in ihren Herkunftsländern nach Deutschland geflohen. Sie leben und schreiben im Exil, ihre Werke speisen sich aus dieser Erfahrung. Gaitano und Moradi sind zudem Teil des Projekts Weiter Schreiben, das Autor:innen aus Kriegs- und Krisengebieten unterstützt.
Der mit 35.000 Euro dotierte Internationale Literaturpreis zeichnet ein herausragendes Werk der internationalen Gegenwartsliteraturen und seine Erstübersetzung ins Deutsche aus. 20.000 Euro gehen an die ausgezeichnete Autor:in, 15.000 Euro an die Übersetzer:in. Schade, dass die Übersetzenden hier hinter die Autor:innen zurückgestellt werden, ist doch jedes Wort der übersetzten Ausgabe auf sie zurückzuführen. Ihre Arbeit ist gar nicht hoch genug ein- und wertzuschätzen. Beim International Booker Prize, der wie auch der Internationale Literaturpreis Autor:innen und Übersetzende auszeichnet, wird das zurecht anders gehandhabt.
Bis zum 20. Januar 2026 konnten Verlage, die internationale Literatur in deutscher Übersetzung publizieren, bis zu drei Titel vorschlagen. Die Preisverleihung findet am 3. Juli im Rahmen eines Fests der Shortlist statt. Im vergangenen Jahr ging der Internationale Literaturpreis an Kim Hyesoon sowie die Übersetzerinnen Sool Park und Uljana Wolf für den poetischen Band »Autobiographie des Todes«.
- András Visky: Die Aussiedlung. Aus dem Ungarischen von Timea Tankó
- Safae el Khannoussi: Oroppa. Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
- Stella Gaitano: Eddos goldenes Lächeln. Aus dem Arabischen von Larissa Bender
- V. V. Ganeshananthan: Der brennende Garten. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
- Bahram Moradi: Das Gewicht der anderen. Aus dem Persischen von Sarah Rauchfuß
- Julia Cimafiejeva: Blutkreislauf. Aus dem Belarusischen von Tina Wünschmann

Timea Tankó konkurrierte mit ihrer Übersetzung von Andras Viskys Gulag-Roman »Die Aussiedlung« bereits um den Preis der Leipziger Buchmesse. Der Roman handelt von der Vertreibung einer ungarischen Pfarrersfamilie in den rumänischen Gulag, nachdem der religiöse Vater inhaftiert wurde. Aus kindlicher Perspektive wird in hunderten Vignetten vom mörderischen Dasein unter menschenunwürdigen Bedingungen erzählt. Die Erzählung setzt Visky wie ein Puzzle zusammen, ein Mosaik zugespitzter Szenen, die mal sarkastisch bitter, dann wieder verspielt witzig sind. Meist haben sie ihren Ursprung im Alltag des Lagers, um dann abzuheben in die Sphären der biblischen Geschichten, die der Erzähler von seinen Eltern kennt. »Eine Geschichte von biblischem Ausmaß, mit angehaltenem Atem geschrieben; in Sätzen, die die menschliche Erlösungsbedürftigkeit reflektieren«, so die Begründung der Jury, die begeistert ist von Timea Tankós »pfingstwunderbar flüssiger, souverän stimmlagensicherer Übersetzung«.

Stefanie Ochel ist mit ihrer Übertragung von Safae el Khannoussis zwischen Europa und Nordafrika mäanderndem Künstler- und Migrantenroman »Oroppa« nominiert. Im Mittelpunkt dieses Sensationserfolgs aus den Niederlanden steht mit der Künstlerin Salomé Abergel eine Figur, die mit Abwesenheit glänzt und in ihrem Umfeld zu polarisieren versteht. Das plötzliche Verschwinden der jüdisch-marokkanischen Dissidentin ist Auslöser einer Spurensuche, die zahlreiche migrantische und migrantifizierte Personen mit ihren skurrilen Lebensgeschichten in den Mittelpunkt rückt. »Oroppa« sei eine Exegese der Sehnsucht, findet die Jury, deren Erzählräume Stefanie Ochel »mühelos zum Klingen« bringe. Der Roman erzähle »die exzessive Geschichte eines Kontinents, der von den Schutzsuchenden, von den Entbehrlichen und den Fortgeworfenen erzählt, die bereitsan den Rändern Europas stehen, oder an den nordafrikanischen Küsten immer noch darauf warten«, heißt es von der Jury.

Die renommierte Arabisch-Übersetzerin Larissa Bender ist mit ihrer Übersetzung von Stella Gaitanos aus weiblicher Perspektive erzähltem Bürgerkriegs- und Mutterschaftsroman »Eddos goldenes Lächeln« nominiert. Gaitanos Roman führt vor dem Hintergrund des seit Jahrzehnten immer wieder aufflammenden Bürgerkriegs mit seiner Hauptfigur Eddo nicht nur durch eine kriegszerrüttete Landschaft, sondern auch durch mehrere Generationen. Er eröffnet nicht nur den Blick in eine fremde Welt, sondern gibt den Menschen, von denen er erzählt, Individualität und Würde zurück. Vor allem schärft »Eddos goldenes Lächeln« die Sinne für das Wesen des Krieges, indem erzählerisch und sprachlich permanent die sinnliche Ebene adressiert wird. »Der Roman entfaltet so eine eindrucksvolle Polyphonie unterschiedlicher nord- und südsudanesischer Erzähl- und Schreibweisen, die auch eindrücklich zeigt, wie Flucht- und Gewalterfahrungen Sprache verändern«, lobt die Jury. Benders Übersetzung setze die südsudanesischen mündlichen Erzähltraditionen »überzeugend um und bringt insbesondere ihren Rhythmus und Klang zur Geltung.«

Ebenfalls vom Bürgerkrieg erzählt der von Sophie Zeitz aus dem Englischen übersetzte Roman »Der brennende Garten« von V. V. Ganeshananthan. Der Bürgerkrieg in Sri Lanka ist literarisch bereits vielfältig und preisgekrönt aufgearbeitet, die in Amerika lebende Autorin findet in ihrem Roman aber noch einmal einen neuen spannenden Ansatz. Vordergründig erzählt sie die Geschichte einer jungen Ärztin und ihrer im tamilischen Widerstand aktiven Brüder, hintergründig wird die Geschichte der verstümmelten und vernichteten Körper aber zu einer akribischen Dokumentation des Krieges, der die eingeschränkten Handlungsspielräume in ideologischen Zeiten vor Augen führt. Die Jury lobt dabei die dokumentarische Prosa, die die intensiven Bilder kennt. »Jeder Körper ist hier nur ein Beweisstück für das Widerfahren: das wurde ihr angetan; das ist mit ihm dort geschehen.« Sophie Zeitz’ Übertragung komme dabei so leichtfüßig daher, »dass man beim Lesen ganz vergisst, dass es sich um eine Übersetzung handelt.«

Sarah Rauchfuß ist mit ihrer Übertragung von Bahram Moradis aus den iranischen Gefängniszellen und Folterkellern emporsteigendem Erinnerungsroman »Das Gewicht der anderen« für den Internationalen Literaturpreis nominiert. Der Roman hat eine frappierende Aktualität, dabei setzt er im Sommer 1981, also zwei Jahre nach der iranischen Revolution ein. Eine Verwechslung führt zur Verhaftung des jungen Peyman Bamshad, der fortan eine wahre Odyssee durch Irans staatlichen Sanktionsapparat durchlebt. Mit seinen jugendlichen Leidensgenossen erfindet er sich eine Parallelwelt, die all die erlebte Grausamkeit ins Lächerliche zieht. Nach seiner Entlassung findet Bamshad nicht zurück in ein normales Leben, weshalb er sich an die Rekonstruktion seiner unfassbaren Geschichte macht. »Das Gewicht der anderen«beschreibe »das systematische Zugrunderichten in iranischen Gefängnissen… Bis nur ein Lachen bleibt, der archaische Reflex einer bedrängten Kreatur«. Die Übersetzung von Sarah Rauchfuß aus dem Persischen halte die Spannung, den Rhythmus und die Verdichtung des Originals, ohne sie zu glätten, hebt die Jury hervor. »Die Wucht des Textes entsteht gerade aus seiner Unnachgiebigkeit.«

Nicht zuletzt ist Tina Wünschmann mit ihrer Übersetzung der Textsammlung »Blutkreislauf« der belarusischen Lyrikerin Julia Cimafiejeva nominiert. Man kann dieses Buch als poetische Ergänzung oder lyrischen Zwilling zum meisterhaften Roman »Europas Hunde« von Cimafeijevas Ehemann Alhierd Bacharevic lesen. In lyrischer und prosaischer Form, in Briefen und autobiografischen Skizzen, Fotografien und Fragebögen erzählt Cimafiejeva über ein Jahrhundert entlang ihre Familiengeschichte. »Aus lumpen, / aus lappen, aus fetzen, aus schiefen erinnerungsflicken« rekonstruiert die Lyrikerin in ihrem Erinnerungsprojekt den langen Weg fort von zuhause, ihren eigenen Weg, aber auch den anderer Familienmitglieder. Die Form ist daher offen, mäandernd und assoziativ, die Lücken zwischen der Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs, dem stalinistischen Terror, der Tschornobyl-Katastrophe und der Lukaschenko-Diktatur kittet sie mit Poesie. Mag das Gedächtnis noch so »abgetragen, zerfetzt und verblichen« sein – mit ihrem Gedichtzyklus »hinterfragt die belarusische Lyrikerin individuelle und kollektive Erinnerung des 20. Jahrhunderts und setzt ein vielstimmiges Zeichen gegen das Vergessen, feinsinnig und präzise übersetzt von Tina Wünschmann«, heißt es in der Jurybegründung zur Nominierung.

