Die deutsche Geschichte scheint auserzählt, dabei gibt es immer noch Perspektiven, die in der etablierten Geschichtsschreibung kaum Platz finden. Mit Marion Kraft, Miriam Carbe und Tupoka Ogette verschaffen sich nun drei Schwarz gelesene Autorinnen aus drei Generationen Gehör, die ausgehend von ihrer (Familien-)Biografie der deutschen Wirklichkeit im 20. Jahrhundert nachgehen. Ihre Texte erzählen vom Alltagsrassismus und seiner folgenschweren Wirkung für Körper und Seele.
»Meine Mutter will, dass niemand erfährt, dass ich schwanger bin. Unverheiratet, von einem Nigerianer. Ich muss das Kind morgen abtreiben lassen.« Miriam Carbe war unerwünscht. Ihre Großmutter Marianne wollte nicht, dass sie geboren wird. Ihre Mutter Monika hat sich anders entschieden.
Wie genau das damals abgelaufen ist, hat Miriam Carbe erst in den hinterlassenen Aufzeichnungen ihrer Mutter entdeckt. Mit den Journalen ihrer Mutter erbte die Journalistin auch in einen handgefertigten Kirschholzschrank. Carbes Urgroßmutter ließ ihn 1912 in Dresden anfertigen, seither ist er oft umgezogen. Auch er wurde von Generation zu Generation weitervererbt. Seit fünf Jahren steht das Möbelstück im Frankfurter Reihenhaus von Miriam Carbe. Darin einsortiert stehen die Tagebücher ihrer Großmutter Marianne und ihrer Urgroßmutter Margarethe. Das Schreiben über das eigene Leben zieht sich wie ein roter Faden durch die weibliche Linie dieser Familie.

Der Anblick fühlte sich für die Journalistin wie eine Verpflichtung an. Sie begann, darin zu lesen. Aber nicht alles, was sie las, war erfreulich – auch für sie persönlich nicht. Und doch ließ es sie nicht los. Nun hat Miriam Carbe mit 59 Jahren ihr literarisches Debüt vorgelegt, das umgehend für den Deutschen Buchpreis nominiert worden ist.
»Unerwünschte Töchter« erzählt über vier Generationen vom Leben als Frau in Deutschland. Die geerbten Tagebücher bilden das Grundgerüst dieser Jahrhunderterzählung, die aus der deutschen Klassik durch das Dritte Reich ins Nachkriegsdeutschland führt. Dabei untersucht die Autorin das komplexe Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern in schwierigen Zeiten und erzählt zugleich deutsche Geschichte. Sie schaut aber auch auf ihr eigenes Verhältnis zu dieser Familie, in der sie wegen ihres nigerianischen Vaters zunächst unerwünscht war.
Der chronologisch erzählte Roman setzt Jahrzehnte vor der Geburt der Autorin mit der Geschichte ihrer Urgroßmutter Margarethe ein. Die wächst in einer großbürgerlichen Villa in Dresden auf. Der Vater hatte sich einen Jungen gewünscht, auch die Begeisterung seiner Tochter für die großen deutschen Dichter stimmt ihn nicht versöhnlicher. Als Margarethe auf eigenen Beinen stehen will, verweigern ihr die Eltern die Zustimmung zu ihrer großen Liebe. »Goldbaum, das werden Juden sein«, kommentieren sie abschätzig. Der Antisemitismus, das wird schon früh in Carbes Roman deutlich, wurzelt tief im deutschen Bürgertum.
Jahre später heiratet Margarethe den Spross einer anerkannten Kaufmannsfamilie. Aber an Europas Grenzen braut sich etwas zusammen. Kein guter Moment, um eine Familie zu gründen. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs – bald ruft der Krieg ihren Gatten an die Front – bringt Margarethe ihre Tochter Marianne zur Welt.

Die Nacherzählung von Mariannes Geschichte nimmt im Roman den größten Raum ein. An ihrer Großmutter führt Miriam Carbe den Aufstieg des Faschismus vor Augen. Nach der Reichstagswahl 1936 notiert Marianne begeistert in ihrem Tagebuch: »Größter Wahlsieg seit Jahrhunderten. Hitler gab Deutschland Ehre und Freiheit wieder. Mit Mutti gewählt. 98 % für Hitler!«
In einem Militärstützpunkt lernt Marianne den Wehrmachtsoffizier Alfred Carbe kennen. Als Militärrichter wird er mehrere junge Männer zum Tode verurteilen, bevor er in den letzten Kriegstagen an der Front erschossen wird. Marianne bleibt ohne Trauschein schwanger zurück. Von Anfang an ist sie mit ihrer Tochter Monika auf sich allein gestellt. Die wird sich an der Abwesenheit des Vaters, der emotionalen Kälte im Nachkriegsdeutschland und der Strenge ihrer Mutter ihr Leben lang abarbeiten.
Über ein Jahrhundert umfassen die Lebensgeschichten von Margarethe, Marianne, Monika und Miriam, die – jede auf ihre Weise – unerwünschte Töchter sind. Margarethe hat nicht das gewünschte Geschlecht, Marianne kommt zur Unzeit zu Welt, Monika als uneheliches Kind und Miriam mit der falschen Hautfarbe.
»Dass alle Namen mit M beginnen, ist kein Zufall, sondern wurde gewollt dem Umstand entgegengesetzt, dass die Väter den Nachnamen bestimmen«, heißt es im Roman. Mehr als die weibliche Linie markiert der gemeinsame Anfangsbuchstabe jedoch nicht. Wer Menschlichkeit oder gar Mitgefühl dahinter vermutet, täuscht sich gewaltig. Denn von Liebe erfüllt ist die Verbindung zwischen Müttern und Töchtern keineswegs. Vielmehr geben die Frauen in dieser Familie die Härte gegenüber der Welt und sich selbst von Generation zu Generation weiter. Zugleich lassen sie einander nie los, sondern bleiben auch in Krisen miteinander verbunden.
Miriam Carbe: Unerwünschte Töchter
Mit Rückgriff auf die geerbten Tagebücher erzählt Miriam Carbe die Geschichte der unerwünschten Töchter in ihrer Familie. Dabei führt ihr Debüt durch zwei Kriege, die bleierne Nachkriegszeit und die Teilung Deutschlands. Dabei erzählt sie von Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung, aber auch von weiblicher Lebenskraft und familiärer Verbundenheit.
So geht Margarethes beste Freundin Anfang des 20. Jahrhunderts in eine der deutschen Kolonien in Südostafrika. Als sich eine ihrer Töchter dort in einen Schwarzen verliebt, intervenieren die deutschnationalen Eltern. Der Geliebte wird kaltblütig erschossen und die Tochter nach Deutschland geschickt, wo sie später – eingeliefert in eine Anstalt für Geisteskranke – von den Nazis ermordet wird.
Als Enkelin eines Wehrmachtsoffiziers beleuchtet Miriam Carbe auch ganz bewusst die dunklen Ecken ihrer Familiengeschichte. Sie schaut entschlossen dahin, wo es weh tut. Und entlockt ihren Vorfahren Geheimnisse, die in der eigenen Familie niemand entdecken will. Dabei nimmt sie sich auch die Freiheit, aus der fiktionalen Nacherzählung auszuscheren und das Verhalten ihrer Ahnen aus der Gegenwart zu interpretieren. Etwa wenn sie sich fragt, wie sich die Angst ihrer Großmutter vor einer schwarzen Enkelin begründet.
»In Der Mythus des 20. Jahrhunderts schreibt der Nazi-Ideologe Alfred Rosenberg von einer Rassenseele, die sich in der Kultur eines Volkes ausdrücke. Das Buch über die Überlegenheit der nordischen Rasse soll schwer verständlich sein, und ich kann mir vorstellen, dass niemand aus meiner Familie es gelesen hat. Auch Hitlers Mein Kampf stand ungelesen im Bücherregal meiner Großmutter. Aber der Glaube an eine Art Rassenseele war für sie etwas ganz Natürliches, und immer wieder hat sie angstvoll nach Spuren davon in mir gesucht.«
Miriam Carbe: Unerwünschte Töchter
Hier blitzt das Spannungsverhältnis zwischen der Autorin und ihrem Stoff auf. Dann natürlich ist es ein Dilemma, als von Rassismus Betroffene den verinnerlichten Rassismus in der eigenen Familie zur Sprache zu bringen. Man hätte sich gewünscht, dass Miriam Carbe auf dieses Dilemma stärker eingegangen wäre. So hätte sie in ihrem Gegenwartskommentar darüber sprechen können, wie es ihr damit geht, in den Tagebüchern immer wieder auf das N-Wort zu stoßen. Oder taucht es dort gar nicht auf? Dann wäre zu fragen, warum die Autorin es ihren weiblichen Vorfahren so oft in den Mund legt. Hier wird die Grenze zwischen Fakten und Fiktion auf eine unschöne Weise verwischt, weshalb sich beim Lesen dieser belasteten Familiengeschichte ein beklemmendes Gefühl einschleicht.
»Unerwünschte Töchter« löst deshalb vielleicht nicht alles ein, was der Stoff hergibt. Aber für ein Debüt wäre das auch viel verlangt. Was Miriam Carbe aber mit ihrem Roman leistet: Sie macht dem Schweigen über die übernommenen Gewaltstrukturen in ihrer weißen deutschen Familie ein Ende.






Prosa aus der Feder von Schwarz gelesenen Deutschen ist nichts vollkommen neues. Jackie Thomae, Sharon Dodua Otoo, Olivia Wenzel, Jasmina Kuhnke oder zuletzt Mirrianne Mahn sind nur einige derer, die deutsche Geschichte aus Schwarzer Perspektive erzählen. Und doch ist die Schwarze deutschsprachige Literatur kein Massenphänomen.
Umso bedeutsamer, wenn neben Carbes Roman ein weiteres eindrucksvolles Debüt zur deutschen (Mentalitäts-)Geschichte aus Schwarzer Perspektive erschienen ist. Die Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Marion Kraft hat im Frühjahr 2026 ihren Debütroman »Weltenwechsel« vorgelegt. Darin verdichtet sie – ähnlich wie Carbe – biografische Erfahrung und deutsche Zeitgeschichte. Ihre Hauptfigur Julia wächst in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit am Rand der deutschen Gesellschaft auf, wo sie Ausgrenzung, Benachteiligung und Rassismus erfährt. In einem »bunten Haus« findet sie einen Safe Space, in dem Diversität und Vielfalt zur Normalität gehören. Aber auch diese Geborgenheit ist nur vorübergehend, von außen wird immer wieder strukturelle Gewalt an Krafts Hauptfigur herangetragen.

Aber »Weltenwechsel« bleibt nicht eindimensional bei dieser einen Figur. Die 79-Jährige Debütantin hat auch die Familiengeschichte gewählt, indem sie auch von Julias Mutter Margarete und ihrer Großmutter Berta erzählt. Und auch hier dringt die belastete Geschichte Deutschlands in die Biografie dieses Schwarzen Mädchens ein. Denn der Vater der Großmutter war begeisterter Faschist, die erste Liebe der Mutter fällt im Russlandfeldzug. Jahre später verliebt sie sich in Robert, einen Schwarzen US-amerikanischen GI, Julia ist das Kind dieser Verbindung.
Julia wächst erst bei der Mutter und dann bei der Großmutter auf, die ihre händeringende Suche nach Identität jedoch kaum nachvollziehen können. Julia bleibt isoliert, eine Einzelkämpferin, die sich die Welt allein zu Eigen machen und dabei immer wieder rassistische Erfahrungen machen muss. So entfaltet der Roman aus der Perspektive seiner Schwarzen Erzählerin ein Bild der turbulenten westdeutschen Nachkriegszeit und schließt eine erzählerische Lücke in der literarischen Selbstvergewisserung der Bundesrepublik. Auch Kraft löscht nicht das N-Wort, es ist hier immer durchgestrichen, »um auf seinen verletzenden Gebrauch hinzuweisen«. In der Figurenrede verwendet sie rassifizierende und ausgrenzende Begriffe, da dies dem Zeitgeist und dem vorherrschenden Bewusstsein entspricht.
Als in den 80ern die sogenannte Neue Schwarze Bewegung entsteht, auch unter Einfluss von US-amerikanischen Aktivist:innen wie Audre Lorde, May Ayim oder Maya Angelou, bekommt die Geschichte eine entschlossen postkolonial-feministische Facette, die dem alltäglichen Rassismus die positive und beflügelnde Erfahrung von Gemeinsamkeit, Empowerment und Selbstbestimmung gegenüber stellt. Wie lebendig Kraft diese Zeit in ihrem Roman in all ihrer Ambivalenz beschreibt, ist betörend.
Zugleich ist unter der Oberfläche des Textes immer der Abgrund der rassistischen Wirklichkeit zu spüren. Unmittelbar bricht diese dann durch, etwa wenn Julia als erwachsene Frau am Frankfurter Flughafen aufgrund ihrer Hautfarbe einer Leibesvisitation unterzogen wird.
»Sie wollte schreien, protestieren, sich auf die Beamtin stürzen und ihr das Gesicht zerkratzen, aber sie wusste, dass das zwecklos sein würde. Dann stand sie da, nackt vor dieser weißen Frau. Sie spürte diese fremden Hände auf ihrer Haut und in den intimsten Winkeln ihres Körpers. Sie unterdrückte die Tränen und den Brechreiz und konzentrierte sich darauf, ihre Wut zu kontrollieren und vor dieser Demütigung nicht zu kapitulieren.«
Marion Kraft: Weltenwechsel
Marion Krafts Roman steht dem Miriam Carbes in nichts nach, ganz im Gegenteil. Er erzählt sogar noch mehr als »Unerwünschte Töchter« den Teil der deutschen Geschichte, der neben der offiziellen bislang kaum Raum erhält. Die Schwarze deutsche Geschichte ist eine der Gewalterfahrung, der ständigen Grenzerfahrung, der existenziellen Bedrohung. »Weltenwechsel« schließt eine literarische Leerstelle und schlägt Brücken in einen Teil der gesamtdeutschen Vergangenheit, aus dem es immer noch die Lehren zu ziehen gilt.
Mit Miriam Carbe und Marion Kraft zeigen zwei Schwarze Autor:innen auf ihre je eigene Weise, wie eng die offizielle deutsche Geschichte mit der Geschichte ihrer Familien verbunden ist. Ihre Romane führen vor Augen, wie selbstverständlich der Rassismus der deutschen Mehrheitsgesellschaft immer wieder Menschen wie sie unter Beschuss nahm, wie sich Fremdenfeindlichkeit anfühlt und was es körperlich und seelisch bedeutet, sich ihr täglich stellen zu müssen.

Wem das zu fiktional gebeugt ist, dem sind Tupoka Ogettes Erinnerungen »Trotzdem Zuhause« zu empfehle. Sie bilden die ganz unfiktionalisierte Seite einer Geschichte, die einem auch in »Unerwünschte Töchter« und »Weltenwechsel« begegnet. Die Leipziger Antirassismus-Trainerin erzählt in dem Buch ihre Lebensgeschichte und damit, wie und warum sie ist, wer sie heute ist. Einerseits ist sie die 1980 in Leipzig geborene Tochter von Camilla aus Gera und Ambonesigwe aus Sange (Tansania), alleinerziehende Mutter zweier Kinder, Akademikerin und erfolgreiche Beraterin. Andererseits ist Tupoka Ogette eine Frau, die von Kindesbeinen an gesellschaftliche Ausgrenzung, Sexismus und Bodyshaming, Traumatisierung und Missbrauch, Grenzüberschreitung und Manipulation erfahren hat.
Was sie durchs Leben trägt, ist ihre Herkunft. »Ich wachse auf in einem weichen Nest aus viel Liebe, in dem es unterschiedliche Perspektiven und Vorstellungen gibt, aber einen festen Zusammenhalt und eine nie wankende Zuneigung zueinander«, schreibt sie in ihrem Buch. An einem »Ort freien Denkens, leiser Widerständigkeit und alltäglicher Revolution im Kleinen«. Gemeint ist das Wohnzimmer ihrer Eltern, nicht die DDR, in der sie aufwächst. Die beschreibt sie als »Land, das Gleichklang statt Vielfalt zelebriert« und in dem Lehrerinnen problemlos Kinder mit dem N-Wort an den Pranger stellen. Nach der Wiedervereinigung findet sie sich in einem Land wieder, »in dem mein inniger Wunsch, dazuzugehören – mein Gefühl, Teil davon zu sein –, immer wieder auf die Probe oder infrage gestellt wird.«
Ogette zählt sich zu den »Menschen, die Rassismuserfahrungen machen, und Menschen, die Teil des antirassistischen Widerstands sind«. Aus dieser Perspektive schildert sie – ungeschönt und ohne den Versuch, dieses »ganz normale Leben« einer Schwarzen deutschen Frau in irgendeine poetologische Logik oder Tradition zu zwingen –, wie sie Alltagsrassismus, sexuelle und andere toxische Ausbeutungsverhältnisse er- und durchlebt hat und wie diese traumatischen Erfahrungen sich in Körper und Seele geschrieben haben.
»Ich habe keinen Namen für das, was ich in meinem Alltag erlebe. Ich bin allein damit. Niemand spricht über Alltagsrassismus, weil niemand ein Vokabular dafür hat.«
Tupoka Ogette: Trotzdem Zuhause
Dieser Sprachlosigkeit folgen viele weitere, gegen die Tupoka Ogette hier anschreibt. Es gibt in diesem eindringlichen Text keine steilen Thesen oder Ableitungen, keine gesellschaftspolitischen Forderungen oder Handlungskataloge. Dieser biografische Essay dient der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte in der einer Gesellschaft, die sich immer wieder gegen Menschen wendet, die wie die Autorin nicht der biodeutschen Norm entsprechen. In seiner obszönen Normalität ist das, was Ogette beschreibt, nur schwer zu ertragen. Und genau deshalb Pflichtlektüre in einer Saison, in der sich mit Marion Kraft, Miriam Carbe und Tupoka Ogette nicht nur drei Schwarze deutsche Frauen aus unterschiedlichen Generationen in die deutschsprachige Literatur einschreiben, sondern ihre marginalisierten Perspektiven aus der Unsichtbarkeit holen und mit aller Berechtigung zum Teil deutscher (Erfahrungs-)Geschichte machen.

