Wenn Bücher ihre Leser lesen

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Es geht ein Gespenst um in der Literaturwelt. Es ist das leseroptimierte Buch. eBook-Lesende sollten vorsichtig sein, denn sie werden längst intensiver analysiert, als sie ahnen. Die Zukunft des Buches war auch Thema bei der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse und des Kurt Wolff Preises für besondere Leistungen unabhängiger Verlage. Ein Augen- und Ohrenzeugenbericht von der Leipziger Buchmesse.

Es war schon zu vorgerückter Stunde, irgendwann zwischen Amuse-Gueule und Hauptgang beim Empfang des renommierten C.H.Beck-Verlags, als der israelische Historiker Yuval Noah Harari an das Mikrofon trat und zum alljährlichen Denkanstoß zwischen den Gängen anhob. Er sprach, passend zu seinem neuen Buch Homo Deus – Eine Geschichte von morgen, mit dem er gerade zum Münchener Verlag gewechselt ist, über die Zukunft des Buches. Als Kritiker freut man sich über solche Ankündigungen, denn sie verheißen, dass das antiquierte Medium Buch, das als sperriges Möbel Platz raubt und einmal gelesen zum Einstauben neigt, zumindest eine Zukunft zu haben scheint. Wirklich gefallen konnte dem Buchliebhaber die Rede dann aber doch nicht, was aber keineswegs an Harari, sondern eher an dem lag, was er den Lesern der Zukunft prophezeite. Denn das dreidimensionale Objekt Buch wird, so der Historiker, vom eBook-Reader abgelöst werden. Nicht vollständig, aber doch zu weiten Teilen.

Das allein ist unproblematisch, schließlich beweisen eBook-Verlage wie CulturBooks, Mikrotext oder die edition taberna kritika, dass gute Literatur nicht unbedingt gedruckt werden muss und dennoch ein Publikum findet. Das Problem ist zweierlei. Zum einen ermöglicht die technische Entwicklung absehbar, die Leser komplett zu durchleuchten. Zum anderen ist der Marktführer in dem Segment eine hemmungslose Datenkrake, die von diesen Möglichkeiten Gebrauch machen wird, so dass der gläserne Leser immer näher rückt.

Yuval Noah Harari | UC Santa Barbara

Yuval Noah Harari | UC Santa Barbara

»Der Kindl liest die Menschen besser als die Menschen Bücher«, erklärte Harari in einem Edelrestaurant in Leipzigs Zentrum. Dabei würde nicht einfach nur erfasst, welche Bücher, sondern auch wie sie gelesen werden. Wo man schnell und wo man langsam liest, bei welchen Büchern man in der Mitte die Lektüre abbricht und welche Schlüsselwörter zum weiterlesen anregen. Die Verknüpfung des Lesers mit seinen biometrischen Daten sei längst keine Utopie mehr, wie der Israeli deutlich machte. Augenbewegungen, die Zu- und Abnahme von Tränenflüssigkeit, schwitzende Hände – all das würde bald vom Kindl registriert, um den emotionalen Leser vollumfänglich zu erfassen. Über Big-Data-Algorithmen wird das weltweit verbreitetste eBook-Lesegerät über kurz oder lang in der Lage sein, nicht nur die perfekte Lektüre vorzuschlagen, sondern auch als Ratgeber bei Wahlentscheidungen oder der Partnersuche zu fungieren.

Yuval Noah Harari»Dataismus« nennt Harari in seinem Buch die Anhänger der Datenreligion, die vor allem von der Attraktivität der ungeheuren Möglichkeiten der Allvernetzung und Allentschlüsselung fasziniert sind. Der Israeli aber warnt, dass der Dataismus die traditionelle Erkenntnispyramide umkehre. Bislang sei man davon ausgegangen, »dass Menschen aus Daten Informationen gewannen, Informationen in Wissen verwandelten und Wissen in Klugheit. Dataisten dagegen glauben, dass Menschen die ungeheuren Datenströme nicht mehr bewältigen können und deshalb Daten nicht mehr zu Informationen und schon gar nicht mehr zu Wissen oder Klugheit destillieren können. Die Arbeit der Datenverarbeitung sollte man deshalb elektronischen Algorithmen anvertrauen, deren Kapazitäten die des menschlichen Gehirns weit übertreffen.«

Die anwesenden Mitglieder der Jury des Leipziger Buchpreises, unter ihnen auch Juryvorsitzende Kristina Maidt-Zinke, wird Harari mit Interesse gelauscht haben. Und das nicht nur, weil sie den Großteil der eingereichten Titel in elektronischer Form auf Herz und Nieren prüfen, bevor sie die Nominierten in den drei Kategorien bekannt geben. Ob sie eine ihr Urteil prüfende Instanz fürchten, die das mögliche Ausmaß der Händel hinter den Kulissen offenbaren könnte, um die drei Mal fünf Kandidaten für den Preis zu benennen, ist nicht bekannt. Aber man sieht schon förmlich die Schlagzeilen, wenn bei der Auswertung der Leserdaten der Jurymitglieder im Jahr 2027 herauskommt, dass das Siegerbuch in der Kategorie Übersetzung von den Juroren im Durchschnitt nur zu einem Drittel gelesen wurde.

Kurt Wolff Preis 2017

Dass das Buch noch ein dreidimensionales Ding ist, dass als Geistesprodukt die Black Box namens Literaturverlag betritt und nach eines seltsamen Metamorphose als greifbares Buchprodukt verlässt, daran erinnerte Burkhardt Spinnen in seiner großartigen Laudatio (die in der Mai-Ausgabe von Sinn und Form veröffentlicht wird) auf die Preisträger des Kurt Wolff Preis 2017. Verleger Klaus Schöffling wurde für sein Lebenswerk mit dem Hauptpreis in Höhe von 26.000 Euro ausgezeichnet, Sebastian Guggolz (hier unser Interview mit ihm kurz nach Verlagsgründung) erhielt den mit 5.000 dotierten Förderpreis.

Burkhardt Spinnen hält seine Laudatio auf die Preisträger des Kurt Wolff Preises 2017

Burkhardt Spinnen hält seine Laudatio auf die Preisträger des Kurt Wolff Preises 2017

Die selbsternannte »Autorenprinzessin auf der Erbse« (Burkhard Spinnen über Burkhardt Spinnen) lobte Klaus und Ida Schöffling sowie Sebastian Guggolz für ihr »Gespür, Geschick und Blick«, mit denen sie literarische Schätze entdecken, sowie für den Mut und Enthusiasmus, diese auch noch zu verlegen. Ausgezeichnet würden »Idee, Konzept, vielleicht sogar eine Lebenshaltung«. Dieser Haltung wohne ein Hang zur Selbstausbeutung inne, erklärte der 60-jährige Spinnen. Anders sei der »dauerhafte Verzicht auf einen Lebensplan, der es ermöglicht, mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel Geld zu verdienen«, nicht zu erklären.

Spinnen lobte aber nicht nur in hohen Tönen, sondern machte die Verdienste der beiden Verlage auch mit mahnenden Worten deutlich. Die Herstellung, die Verbreitung und der Umgang mit literarischen Texten befänden sich in einem drastischen Wandel. Statt in die Blackbox Verlag, in dem aus eingespeisten Texten Büchern gemacht werden, würden Texte künftig nur noch auf Server hochgeladen, wo sie auf Entdeckung durch Download warteten oder im blinden Verfahren über potenziellen Lesern ausgeschüttet würden. Texte werden »wie Sand in die Wüste gestreut« und fallen »wie Tropfen ins Meer«. »Eine Literatur wird es ohne die Arbeit von Verlegern nicht mehr geben«, warnte Spinnen.

Preisträger Klaus Schöffling und Sebastian Guggolz

Die Preisträger 2017: Klaus Schöffling und Sebastian Guggolz

Klaus Schöffling bedankte sich herzlich bei einem seiner ersten Autoren für dessen flammendes Loblied auf die unabhängigen Buchverlage, monierte aber zugleich das Fehlen einer grundständigen Förderung der Indie-Verlage. Ein siebenstelliger Betrag sei angemessen, um deren Bemühungen kontinuierlich zu fördern. Bemühungen, denen es unter anderem zu verdanken ist, dass es Buchschätze wie eine achtbändige Klabund-Werkausgabe, eine George-Lukácz-Werkauswahl in sechs Bänden oder die sieben edlen Leinenziegel von Voskuils Romanwerk Das Büro gibt. »Wie bekloppt ist man denn, wenn man so etwas macht?«, fragte Schöffling. Wie viele der anwesenden Preisträger, u.a. Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag, Christoph Links vom Ch. Links Verlag oder Stefan Weidle vom Weidle Verlag, diese Frage für sich mit »Ziemlich bekloppt!« beantwortet haben, blieb im Dunkeln. Das war aber egal, denn der warme Gedanke der Dankbarkeit, dass es diese ziemlich bekloppte Verlegergattung gibt, machte sich in diesem Moment unter den Anwesenden im vollen Forum »Die Unabhängigen« breit.

Der Kurt Wolff Preis 2016 ging an den Ch. Links Verlag aus Berlin, den Förderpreis erhielt im vergangenen Jahr der Verlag Vorwerk 8. Am Rande der Preisverleihung fand eine Solidaritätslesung für den in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel statt. Die Aktion war von einigen unabhängigen Verlagen initiiert und an allen Messetagen durchgeführt worden.

Preis der Leipziger Buchmesse

Knapp fünf Stunden vor Yuval Noah Harari sprach übrigens auch die Juryvorsitzende Kristina Maidt-Zinke über die dunkle Seite des eBooks und zwar in ihrem Vorwort zur Verleihung des Leipziger Buchpreises. Nachdem sie im Jahr zuvor eine eher skeptische Rede gehalten habe, sei sie angehalten worden, in diesem Jahr mehr Optimismus zu verbreiten. Doch wer Maidt-Zinkes bissige Verrisse kennt, der weiß, dass sie das nur noch mehr herausfordert. So kam sie gleich zu Beginn vom Optimismus auf den neoliberalen Begriff Selbstoptimierung und schließlich auf das optimierte Buch, an dem die Datensammler des großen Online-Buchhandels bereits arbeiten würden. Dass ihre Rede dennoch einen wohlwollenden Ausklang fand als der Beginn vermuten ließ, lag vor allem am politischen Trotz, der ihr innewohnte. »Große Literatur war und ist nie optimistisch«, erklärte die Juryvorsitzende, die Melancholie sei immer ein literarisch produktiver Zustand gewesen. In einer Zeit der Vereinfachung, in der Differenzen ausgeblendet würden, schärfe die Literatur unseren Blick. Deshalb sei sie nicht unbedingt optimistisch, aber sie gebe Hoffnung, schloss die Literaturkritikerin der Süddeutschen Zeitung.

Erstmals ging der Preis der Leipziger Buchmesse in allen drei Kategorien an Frauen

Erstmals ging der Preis der Leipziger Buchmesse in allen drei Kategorien an eine Frau, v.l.n.r. Eva Lüdi Kong, Barbara Stollberg-Rilinger und Natascha Wodin

Eva-Lüdi-KongDie Preise selbst wurden am Eröffnungstag der Messe fast zur Nebensache, obwohl erstmals drei Frauen ausgezeichnet wurden. Eva Lüdi Kongs Übertragung des 400 Jahre alten chinesischen Romans Die Reise in den Westen wurde ausgezeichnet, weil sie den »Abgrund der Zeiten und Denkweisen überbrückt«. Ob dabei tatsächlich die Qualität der Übersetzung oder nicht doch eher die Mammutleistung der Übertragung als solcher gelobt wurde, lässt sich wie so oft nicht mit Sicherheit sagen. Auffallend ist hier aber schon, dass die Schweizer Übersetzerin, die die vergangenen 25 Jahre in China verbracht hat, in ihrem 35-seitigen zwar Auskunft zur Herkunft und Rezeption des Textes und der zugrundeliegenden philosophischen Ausrichtung gibt, sich zu den Herausforderungen der Übersetzung aber ausschweigt. Zudem hatte sich Jurymitglied Burkhard Müller vor der Vergabe in einer Form geäußert, die Zweifel an der grundsätzlichen Herangehensweise der Jury aufkommen lassen. Die Auswahl der fünf Übersetzertitel sei »nicht ganz leicht« gewesen, sagte er im Deutschlandradio. »Zum Beispiel sind dieses Jahr die zwei großen klassischen Romane der chinesischen Literatur überhaupt das erste Mal komplett auf Deutsch erschienen. Es ist klar, dass wir davon nur einen nehmen können.« Wenn es um die Auszeichnung der besten Übersetzungsleistung geht, sollten derlei Beschränkungen oder Quotierungen keine Rolle spielen. Favoritin in der Kategorie war Gabriele Leupold mit ihrer Übertragung von Andrej Platonows Neusprech-Roman Die Baugrube.

Barbara Stollberg-RilingerDie Münsteraner Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger wurde für ihre »postmoderne« und »bahnbrechende« Maria Theresia-Biografie ausgezeichnet, mit der es der Autorin gelänge, eine ganze Epoche durch diese Gestalt, die Friedrich der Große einmal als »eine Frau, die man für einen großen Mann halten kann« bezeichnete, zu erschließen. Nach der Auszeichnung von Irina Liebmann im Jahr 2008 war Stollberger-Rilinger erst die zweite Frau überhaupt, die den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch erhielt. Die Auszeichnung kam durchaus etwas überraschend, favorisiert wurde von vielen Leonhard Horowskis muntere Geschichtsschreibung über Macht und Spiel an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts unter dem Titel Das Europa der Könige sowie Volker Weiß’ augenöffnende und entlarvende Analyse der Neuen Rechten Die autoritäre Revolte.

U1_978-3-498-07389-3.inddNatascha Wodin wurde für die Geschichte ihrer ukrainischen Mutter Jewgenia, die erst unter Stalin alles verlor und dann unter Hitler als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt wurde und daran zerbrach, mit dem Preis für das beste belletristische Werk des Frühjahrs ausgezeichnet. In Sie kam aus Mariupol betreibe Wodin »autobiografisches Schreiben mit einem hohen Maß an Selbstreflexion und romanhaftes Schreiben« auf der Grundlage der Tagebücher ihrer Tante. Es sei »Erinnerungsarbeit als Widerstand gegen das eigene Zerbrechen« und habe, wenngleich eine Errettung ausbleibe, »etwas ungemein Ermutigendes«, begründete die Jury ihr Urteil. Wodin gehörte im Feuilleton neben Brigitte Kronauers wilder Liebesgeschichte Der Scheik von Aachen und Lukas Bärfuß’ avancierten Selbstsuche- und Stalkingroman Hagard von Anfang an zu den Favoriten auf den Preis.

2016 gewann Guntram Vesper mit seinem monumentalen Erinnerungsroman Frohburg den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik. Jürgen Goldstein gewann mit seinem Buch Georg Forster: Zwischen Freiheit und Naturgewalt den Preis in der Kategorie Sachbuch/Essayistik und Brigitte Döbbert wurde für ihre Übersetzung von Bora Ćosićs Die Tutoren (hier unser Interview mit dem Autor) ausgezeichnet. Sowohl Vespers als auch Ćosićs Roman sind übrigens bei Schöffling & Co. erschienen. Die Auszeichnungen mit dem Kurt Wolff Preis 2017 ist nur folgerichtig.