Literatur, Roman

Eine Version der Wirklichkeit

Irina Liebmann ist eine der wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen ihrer Generation. Mit ihrer Literatur öffnet die Berliner Autorin die Tür zu einem Raum, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart gegenseitig beleuchten. Dafür erhielt sie gestern den Uwe-Johnson-Preis.

Kurt Drawert, Walter Kempowski, Marcel Beyer, Norbert Gstrein, Joochen Laabs, Uwe Tellkamp, Christoph Hein, Lutz Seiler, Jan Koneffke, Ralf Rothmann – die Liste der Träger des Uwe-Johnson-Preises ist mit renommierten Autoren bestückt. Betonung auf renommiert und Autoren. Es ist eine sehr männliche Liste, die 2011 verstorbene Christa Wolf ist die einzige Frau unter den mit dem Hauptpreis Ausgezeichneten.

Muss Autor:in vielleicht ein Mann sein, um an Johnsons Poetik anschließen zu können? Das kann verneint werden, denn diese ist nicht dezidiert männlich – wie auch bei einer Figur wie Gesine Cresspahl, deren Schicksal der in Güstrow aufgewachsene Autor in seinem vierbändigen Hauptwerk »Jahrestage« vielschichtig reflektiert –, sondern dezidiert reflektiert. In Johnsons Texten steckt eine historische Verantwortungsethik, die Grundlage seines steten Reflektierens von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist. Vor diesem Hintergrund böten sich viele, auch anderweitig ausgezeichnete Autorinnen an, die einen Platz auf der Liste der Preisträger:innen verdient hätten. Esther Kinsky etwa, Katja Petrowskaja, Natascha Wodin oder Irina Liebmann.

Irina Liebmann legt Schicht für Schicht frei, was zwischen und unter den Pflastersteinen verborgen ist.

Eben jene ist gestern mit dem diesjährigen Uwe-Johnson-Preis ausgezeichnet worden und macht die Gruppe der Preisträger:innen nun ein kleines Stück diverser. Ihr aktueller Roman »Die Grosse Hamburger Straße« bildet den Abschluss einer Trilogie, in der sie die Perspektive vom Kleinen zum Großen weitet, angefangen bei den dokumentarischen Erzählungen der Bewohner in einem »Berliner Mietshaus«, mit denen sie 1982 debütierte, über die Entwicklung des Lebens in jener »Grossen Hamburger Straße« bis hin zu ihrer romantischen Reise in den »Letzten Sommer in Deutschland«, bei der sie schon Mitte der neunziger Jahre den Blick hinein in die breite Gesellschaft warf.

Liebmanns Bücher ordneten sich wie Jahresringe, sagte Laudator Jens Sparschuh gestern bei der Preisverleihung, nur dass beim Wachstum etwas anders gelaufen sei. Statt den Blick in ordentlicher Reihenfolge vom Haus auf die Straße in das Land zu werfen, sei etwas passiert. »Das Leben ist dazwischengekommen«, erklärt Liebmann selbst mit dem letzten Satz ihres schillernden Romans, der einen famosen Schlusspunkt unter ihre Trilogie setzt. Wobei die Frage berechtigt ist, ob es überhaupt eine Trilogie ist, ob sich nicht noch viel mehr Jahresringe um den Stamm der prächtigen Literatur Liebmanns legen. Allein ihrer Heimatstadt Berlin, in dessen Osten sie den Großteil ihres Lebens verbracht hat, sind vier weitere Bücher mit Essays, Fotografien, Gedichten und Prosa gewidmet.

Irina Liebmann: In Berlin. Verlag Schöffling & Co 2018. 176 Seiten. 20,- Euro. Hier bestellen

Den im Frühjahr 2020 erschienenen Roman habe sie eigentlich vor über dreißig Jahren schreiben wollen, räumt sie bei der Preisverleihung ein, aber damals habe, was die Literatur betrifft, »die Zeit der Texte und weniger der gültigen Formen« begonnen. Zudem habe sie damit zu kämpfen gehabt, dass »wir aus dem Osten« zusehen mussten, wie das, worin wir gelebt hatten, unterging. Sie habe eine Ablehnung dessen erlebt, »was unser Leben ausgemacht hat.« (Was übrigens kaum ein Buch besser belegt als der im Frühjahr erschienene Text-Bild-Band »Das Jahr 1990 freilegen«). Dieses Erleben erforderte damals eine direkte Auseinandersetzung mit der Gegenwart, weshalb sie den Roman »In Berlin« schrieb, erstmals 1994 und in einer Neuausgabe 2018 erschienen, in dem die Große Hamburger Straße zwar eine Rolle, aber eben nicht die Hauptrolle spielt.

Liebmann kennt Berlin von allen Seiten, hat im Ost- und im Westteil der Stadt gelebt, zwischendurch auch mal in Mecklenburg auf dem Land, aber zuhause fühlt sie sich dann doch im Osten Berlins, auch wenn da kaum noch etwas von dem übrig ist, was diesen Teil für sie ausmacht. Also materiell gesehen, denn in ihrem Kopf, in ihren Erinnerungen, in ihren Romanen ist das ja alles noch da. Und auch wenn diese etwas Vergangenes in Erinnerung rufen, was heute nicht mehr zu sehen ist, bilden sie Wirklichkeit ab, viel mehr, als jede Fotografie. Indem sie die historischen Schwingungen zwischen den Fassaden der Häuser der großen Hamburger Straße zum Klingen bringt, schafft Liebmann so etwas wie eine universelle Wirklichkeit, in der all das mitschwingt, was einst war, was ist und – ja, warum eigentlich nicht – was noch kommen mag.

Aber passt das zu Johnsons Poetik? Schließlich hasste der mitunter spröde Autor die Reduktion der Literatur auf die Moral? Passen universelle Ansprüche zu einem Autor, der der Ansicht war, dass der Roman nicht mehr als ein Angebot ist, »eine Version der Wirklichkeit«, wie der Juryvorsitzende Carsten Gansel an das eingeschriebene Prinzip in Johnsons Werk hinweist? Durchaus, denn ein Angebot, die beschriebene Wirklichkeit mit der eigenen Version abzugleichen, denn nichts anderes unterbreitet Liebmann mit ihrer Literatur.

Irina Liebmann: Wäre es schön? Es wäre schön! Mein Vater Rudolf Herrnstadt. Berlin Verlag. 416 Seiten. Antiquarisch erhältlich.

Wobei Literatur hier weit gefasst werden muss. Denn natürlich ist die von ihr verfasste Biografie ihres Vaters Rudolf Herrnstadt »Wäre es schön? Es wäre schön! Mein Vater Rudolf Herrnstadt«, mit der sie 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Essayistik/Sachbuch gewonnen hat, alles andere als nicht literarisch. Aber sie ist eben kein Roman, wenngleich sie prosaische Elemente hat.

Aber wo verläuft da die Grenze? Es gibt keine Eindeutigkeiten bei der Spurensuche nach dem eigenen Sein und dem Dasein der Anderen. Das merkt man auch ihrem ausgezeichneten Roman »Die Grosse Hamburger Straße« an, in der sie beschreibt, wie sie sich dieser Straße, in der sie einst wohnte, über die Jahre immer wieder neu annäherte, wie sie Schicht um Schicht freilegte, mal dezidiert, dann wieder zufällig und unfreiwillig, um selbst das aufzuspüren, was zwischen und unter den Pflastersteinen verborgen ist. So sucht sie etwa seitenlang die Hausnummer 1, weil da ja der Anfang liegt, liegen muss, doch es ist nicht so einfach. Weil der Hufeisenansatz bei der historischen Berliner Nummerierung von Straßen – man beginnt bei eins, wandert mit den Zahlen den Straßenzug hinauf, dreht am Ende um und wandert auf der gegenüberliegenden Seite mit den Zahlen wieder hinab – dazu führt, dass jedes Wachstum einer Straße in ein heilloses Chaos führt.

Mit diesem Durcheinander ist die Autorin Liebmann konfrontiert. Über Jahrzehnte grübelte sie, wie sie sich ihm nähern konnte. Erst aus der Distanz, beim Sortieren von Fotokisten und Notizen sowie durch sanftes Beharren ihres Verlegers Klaus Schöffling, dem sie dieses Buch vor Jahrzehnten versprach, bekam sie den Stoff zu packen. »Man braucht Fantasie, um die Wirklichkeit zu erkennen«, erinnerte Sparschuh mit Bezug auf Isaac Babel. Oder anders gesagt, es braucht die Unschärfe und innere Freiheit, das Dokumentierte los- und es miteinander ins Gespräch kommen zu lassen, damit wir es lesend wieder scharf stellen und mit unserer Version der Wirklichkeit abgleichen. Nur dann kann so ein Kaleidoskop der Stimmen und Stimmungen, wie es Liebmann mit »Die Grosse Hamburger Straße« vorlegt, entstehen.

Irina Liebmann: Die Grosse Hamburger Straße. Verlag Schöffling & Co 2020. 240 Seiten. 22,- Euro. Hier bestellen

Liebmann zieht die Leser:innen in ihr Werk hinein, indem sie sie direkt anspricht.»Sieh, die Häuserwände, so abgeschrammt, bröckelig, so alt. Seit dem Krieg stehn sie so unberührt da, seit dem Krieg. Auch sie trüben das Licht uns ein, auch sie«, raunt sie jenen ins Ohr, die mit ihr durch die Straße flanieren, hinter die Türen und Gardinen in die Tiefe der Zeitläufte schauen.

»Aber gestern, wie war das gestern?« ist ein Kapitel ihres Romans »In Berlin« überschrieben. Eine Frage, die Liebmann nicht loslässt. In der Grossen Hamburger Straße taucht sie über die Sophienkirche in die kaiserliche Vergangenheit ein, der alte jüdische Friedhof führt die dunkle Vergangenheit des Nationalsozialismus vor Augen, das Café an der Hamburger, Ecke Sophienstraße ruft ihre Erinnerungen an das Leben zu DDR-Zeiten wach. »Viele vergessen jetzt vieles«, heißt es lakonisch im Roman, als die neue Zeit anbricht. Irina Liebmann hat das, was in Vergessenheit geraten könnte, in diesem Buch bewahrt.

Ihr Roman sei »Realismus in seiner bedrängendsten Form«, räumte sie bei der Preisverleihung ein. Sie müsse ganz nah heran, wolle nur zeigen, was sie gesehen und berührt hat, sonst sei es nicht echt, begründet sie diesen Ansatz. Das Übermaß des Materiellen drückt zudem auch immer das Unvollkommene des Daseins aus. Denn wo immer Liebmann auf etwas zeigt, ist klar, dass sie auf etwas anderes eben nicht zeigt, nicht zeigen kann. Und hinter all dem Materiellen in seiner An- und Abwesenheit öffnet sich etwas Größeres, ein Raum, in dem sich das Leuchten und der Klang der Zeit befindet. Liebmanns strenger Blick versagt sich dabei der Fantasie, nicht um sie zu verhindern, sondern um den Raum zu dieser aufzuschließen. Denn es ist die Fantasie der Lesenden, die zu fliegen beginnt und das abwechslungsreiche Leben in dieser Straße imaginiert.

Im Hintergrund das Denkmal des Jüdischen Friedhofs in der Großen Hamburger Straße

Was sich dann trotz aller Tiefe so federleicht liest, stellt Liebmann immer wieder vor schwere Herausforderungen, wie sie berichtete. Die Wirklichkeit müsse »eine böse Strahlung haben«, wenn man sie abschreiben will, sagte sie in ihrer Dankesrede, in der sie über Wallenstein, dessen Güstrower Schicksal – hier die Verbindung zu Johnson – und seine tödliche Reise gen Prag spricht, um zu zeigen, wie wenig wir eigentlich wissen und wie viel wir wissen könnten, wenn wir nur genau hinschauten. So genau wie sie selbst.

Aber vorsicht, die Wirklichkeit wehre sich, erklärte sie, wolle nicht betrachtet und festgehalten werden. »Je länger das Betrachten dauert, desto mehr Dinge drehen sich um und starren zurück«, so Liebmann. Daher könne man als Autor:in auch nicht stehenbleiben und einfach alles auf- und umschreiben, was man sehe. Die Dinge »wollen es nicht. Sie wollen vergessen werden. Oder nicht?«

Damit sie nicht vergessen werden, hat Liebmann sich der bösen Strahlung ausgesetzt und (auch) diesen Roman geschrieben, der durch Fotos aus ihrem persönlichen Archiv eine zusätzliche Erinnerungsebene erhält. Eine Ebene, die die Fantasie aus dem Werk zusätzlich durch Wirklichkeit vertreibt, um Fantasie zu ermöglichen. Man könnte auch sagen, Liebmann gaukelt durch diese Fotografien Wirklichkeit vor. Eine Wirklichkeit, die vielleicht sogar ihre ist. Vielleicht gehört sie aber auch den Figuren, mit denen ihr Alter Ego im Roman spricht. Wer weiß das schon genau. Zumindest ist es eine Version der Wirklichkeit.

Der Autor ist Mitglied der Jury für den Uwe-Johnson-Preis.