Literatur, Roman

Alles scheint an seinem Platz

© Thomas Hummitzsch

Der magische Realismus scheint in Zeiten des Hyperrealismus in der deutschsprachigen Literatur eher ins Hintertreffen zu geraten. Die realistische Autofiktion dominiert hierzulande die Literatur. In der internationalen Literatur wird weiterhin gern auf fantastische Elemente zurückgegriffen, wie aktuelle Übersetzungen belegen.

»Die Schönheit einer Geschichte kann geistiger Natur sein, wie die Schönheit eines mathematischen Beweises oder der Struktur eines Kristalls; sie kann ästhetisch sein, die Schönheit eines gelungenen Werks; sie kann menschlich sein, emotional, moralisch; meistens ist sie alles drei«, schrieb Ursula K. Le Guin in ihrem Essay »Science Fiction lese ich nicht«, in dem sie die meist vorgetragenen Argumente gegen die fantastische Literatur präzise als denkfaule Vorurteile seziert. Nichtsdestotrotz hat es Literatur, die mit dem Fantastischen, dem Magischen und dem Unerklärlichen arbeitet, hierzulande nicht leicht. Im Idealfall kann man das Absurde und Rätselhafte fantastischer Werke in den Bereich des Kafkaesken oder in die Linie des magischen Realismus Lateinamerikas stellen, dann hat auch diese Literatur die Chance auf Anerkennung.

Die deutschsprachige Literatur tut sich schwer mit diesen Traditionen, hier dominiert der realistische (und immer öfter autofiktionale) Roman. Aus diesem Grund sollen hier die aktuellen Übersetzungen der Romane von Miguel Bonnefoy, César Aira, Angela Carter, Irene Solà, Clarice Lispector, Michal Ajvaz, Solvej Balle und László Krasznahorkai vorgestellt werden, die zeigen, wie mit den Mitteln der fantastischen Literatur über aktuelle Fragen wie wirtschaftliche Ausbeutung, Kolonialismus, Frauenhass und politische Unruhen, über den Menschen und seine Existenz in dieser komplexen Welt geschrieben werden kann.


Miguel Bonnefoy: Der Traum des Jaguars

Im Jahr 1914 wird Venezuela von politischen Unruhen erschüttert, auch weil mit dem Petrolium der Zündstoff aller seither eingetretenen Streitigkeiten entdeckt wird, als dieses eindrucksvolle Panorama aus Landes- und Familiengeschichte einsetzt. Über drei Generationen wird sich diese Erzählung erstrecken, beginnend mit zwei Figuren, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Miguel Bonnefoy: Der Traum des Jaguars. Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig. Ullstein Verlag 2025. 288 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen https://www.ullstein.de/werke/der-traum-des-jaguars/hardcover/9783961612666
Miguel Bonnefoy: Der Traum des Jaguars. Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig. Ullstein Verlag 2025. 288 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen.

Das Findelkind Antonio wächst bei einer stummen Bettlerin auf, die gleichaltrige Ana Maria in einer Klosterschule. Während sich Antonio als Zigarettenverkäufer, Träger und Bordelldiener nach oben arbeitet, um schließlich zu einem der berühmtesten Ärzte Venezuelas zu werden, ist Ana Maria die rosige Zukunft in die Wiege gelegt. Ihrer unterschiedlichen Herkunft zum Trotz finden beide zueinander. Ihre Tochter wird die guten Hoffnungen, die sie für ihre Heimat hegen, im Namen tragen, doch Venezuela wird schon bald nur noch an das Funkeln von Paris als an die Gassen von Maracaibos denken. Während sie sich spät für die Metropole an der Seine entscheidet, wird ihr Sohn Cristobal nach Venezuela zurückkehren und unter schwierigen politischen Bedingungen als Schriftsteller die Familiengeschichte festhalten.

»Es brach ein Krieg aus zwischen den Revolutionären und der Armee der Regierung. Das Land stand still, wie benommen, und beobachtete diesen Riss, der den Stoff seiner Geschichte entzweiteilte. Ana Maria, die mit offenem Mund vor ihrem Fernseher saß, erinnerte sich an die prophetischen Worte ihres Vaters Chinco Rodriguez, der an jenem Morgen, an dem die Polizei kam, um ihn mitzunehmen, nachdem ihn jemand denunziert hatte, einen Zettel auf dem Nachttisch hinterlassen hatte, auf dem zu lesen war: Der Tag der Revolution wird kommen.«

Der Autor Miguel Bonnefoy wurde als Sohn einer venezolanischen Diplomatin und eines chilenischen Schriftstellers in Paris geboren, in der Figurenkonstellation seines Romans greift er seine Erfahrung auf. Im Schriftsteller Cristobal verbirgt sich das Alter Ego des 39-Jährigen, der dieses gewaltige Familienepos mit einem sinnlich-emotionalen Faden gewebt hat, während sich in den Lebensgeschichten der Figuren die wechselhafte Geschichte Venezuelas spiegelt.

Das ist unheimlich greifbar mit Gespür für die Zwischentöne erzählt und zugleich gespickt mit zahlreichen historischen Details. So führt der Roman von der Entdeckung des Öls und der damit verbunden Hoffnung auf allgemeinen Wohlstand über die rechten und linken Diktaturen bis hin zur Bolivarischen Revolution des diktatorischen Präsidenten Hugo Chavez, »der eine der gewaltigsten Krisen auslösen und Millionen von Menschen ins Exil treiben sollte.«

Der Roman wurde in Frankreich mit dem »Grand Prix du Roman de l’Académie française« und dem »Prix Femina« ausgezeichnet, weil er mit märchenhaften Elementen Familienepos und Landesgeschichte subtil verbindet. Kirsten Gleinig ist es in ihrer klingenden und leichtfüßigen Übersetzung gelungen, die Opulenz und Pracht der Erzählung in eine sinnliche Sprache zu überführen, die ganz im Sinne des Magischen Realismus Räume für das Vieldeutige, Unerklärliche und Magische lässt.


César Aira: Der Hase

Tom Clarke, die Hauptfigur in César Airas funkelndem Roman »Der Hase«, ist ein falscher Kolonialist. Als selbsternannter Schwager von Charles Darwin erkundet der schizophrene Indigene Mitte des 18. Jahrhunderts im Kostüm eines gelehrten Naturforschers der britischen Krone das noch weitgehend unbekannte Landesinnere Argentiniens. Sein Auftrag besteht darin, den »legibrerianischen Hasen« aufspüren, um den sich zahlreiche Mythen in dieser schwindelerregenden Pseudo-Kolonialgeschichte ranken. Eine der Legenden handelt von einem Rammler, der nicht nur springen, sondern auch fliegen kann; eine andere von einer mächtigen Indigena, die auf der Suche nach ihrem Mann in den Anden einem zickzacklaufenden Hasen folgt; und in einer dritten Geschichte geht es um einen verschollenen blauen Diamanten, den ein jüdischer Amsterdamer Juwelier in Karnickelform gebracht hat.

César Aira: Der Hase. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Matthes & Seitz Verlag 2025. 238 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/der-hase.html
César Aira: Der Hase. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Matthes & Seitz Verlag 2025. 238 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen.

Die Romane des argentinischen Literaturnobelpreisanwärters César Aira sind magisch-surrealistisch, kein Wort darf man hier ernst nehmen. Und doch zielen sie immer auf den Kern dessen, was man mal Geschichte, mal Existenz nennen könnte. Seine sympathischen, aber wie immer wenig zuverlässigen Erzähler verbiegen die fantastische Welt so lange, bis sie in ihrer surrealen Brechung schon wieder echt sein könnte. Ob man das Magie oder surreale Poetik nennt, ist nahezu irrelevant, der Fantasie verleiht Aira jedenfalls wie kaum ein anderer Flügel.

»Allein, nackt und ohne Waffen, schaffte sie es, zum Allerheiligsten der Voroga vorzudringen, das wohlgemerkt keine Höhle war, sondern ein Kreis schroffer Bergkämme von etwa einer Meile Umfang, in dessen Mitte sich eine durchlöcherte Bergspitze erhob, der sogenannte Fensterberg. Eines Abends gelang es ihr, sie ungesehen zu erklimmen, und mit dem letzten Strahl des Sonnenuntergangs, der sich ins ›Fenster‹ fädelte, sah sie dort hindurch einen zickzacklaufenden Hasen, der aufgrund dieser Geschichte später der Legibrerianische Hase genannt wurde. Wir befinden uns bereits tief im Reich der Fiktion, wofür ich mich entschuldige. Der Kurs des Hasen zeigte ihr an, wo Cafulcurá sich befand.«

Clarke wird als lupenreiner Voroga in der irrtümlichen Annahme, Engländer zu sein, zum perfekten Anti-Kolonialisten. Die Kultur und Sprache der zivilisierten »Wilden« sind ihm nah und vertraut, statt sie niederzuknüppeln behandelt er sie gleichwertig. Im Gegensatz zu kolonialen Räubern, die nur haben wollen, will er wissen – und sei es nur, wo lang der Hase läuft.

Christian Hansen überträgt Airas verspielte Weltliteratur seit Jahren, allein dafür gebührt ihm längst ein Preis. Seine offene und vieldeutige Übertragung folgt Airas verspielter Écriture Automatique, mit der der Argentinier seine Leser:innen immer wieder anspielungsreich aufs Eis führt. Das gelingt ihm auch hier, wenn er diese Free-Jazz-Prosa kunstvoll arrangiert und die Sprache wie mit Lego-Steinen setzt. So wirkt diese Welt wie ihn historischen Stein gemeißelt, man meint sich durch die Wirklichkeit zu bewegen. Dabei braucht Aira nur wenige Handgriffe, um aus der echten Welt eine andere zu machen.


Angela Carter: Die blutige Kammer

Angela Carters »Die blutige Kammer« versammelt zehn subversive Erzählungen, in denen die Britin klassische Märchen wie den Erlkönig, den Gestiefelten Kater oder Blaubart feministisch umgeschrieben hat. Dem frauenmordenden Blaubart etwa ist die titelgebende und umfangreichste Erzählung gewidmet, in der sich eine junge Frau geradezu freiwillig in die Hände eines geheimnisvollen älteren Mannes begibt. Der kleidet sie zwar in antike Spitze und feine Seide, aber der Harem ihres Herrn irritiert sie dann schon. Wie auch, dass er mit Anbruch der Nacht immer das Anwesen verlässt, um vor Sonnenaufgang zurück zu sein. Der Vampirismus, den Carter in diese Geschichte schreibt, führt hin zu einem furiosen Finale, das für den Blutbärtigen nicht gut ausgehen wird.

Angela Carter: Die blutige Kammer. Aus dem Englischen von Maren Kames. Suhrkamp Verlag 2025. 237 Seiten. 25,- Euro. Hier bestellen https://www.suhrkamp.de/buch/angela-carter-die-blutige-kammer-t-9783518432419
Angela Carter: Die blutige Kammer. Aus dem Englischen von Maren Kames. Suhrkamp Verlag 2025. 237 Seiten. 25,- Euro. Hier bestellen.

Schwächelnde Zombies, ängstliche Werwölfe und sexpositive Schneemädchen – es ist schon erstaunlich, wie Carter mit wenigen Eingriffen aus den althergebrachten Überlieferungen fantastisch alternative Geschichten macht, die von der Gegenwart und überkommenen Wertvorstellungen handeln. Schneewittchen wird hier wortwörtlich auf Links gedreht, die Schöne denkt im Angesicht des Biests über die Abgründe des Glücksspiels nach und der gestiefelte Kater wird zum zynischen Kommentator in einer unbarmherzigen und egoistischen Welt, während er selbst das hedonistische Leben in all seinen Zügen genießt und sich auch von der Herrin seiner liebsten Katz nicht schrecken lässt.

»Aha! Die entpuppt sich also als der größte Haken; eine beinharte, steifarschige, unerbittliche Mannshasserin von etwa sechzig bitteren Wintern, die – wie das Glück so will – schon nur beim Anblick eines Katzenbarthaars zittert und klappert und sich in Niesanfällen schüttelt. Keine Chance für Katz, sich deren Zuneigung zu erschleichen, und für meine kleine Getigerte auch nicht. Aber meine Liebe, ich sage es dir, du wirst noch sehen, wie meine Findigkeit an dieser Herausforderung wächst. Also setzen wir unser säuselndes Zwiegespräch im rußigen Kohlenkeller fort, und sie verspricht mir – das Mindeste, was sie tun kann –, dass die schöne Unerreichbare den Brief erhalten wird, den ich ihr zuschanzen werde, und wie ich ihr den zuschanze, wobei mich meine hochschaftigen Stiefel dabei einigermaßen behindern.«

Das ist mitreißend, überraschend und unterhaltsam, dass man immer wieder laut juchzen will; wenn die Figuren stereotype Geschlechterrollen unterlaufen, lustvoll ihre asexuelle Eigenschaft verlassen, sich unverschämt aus den Opferpositionen bewegen und selbstbewusst Hoheit über ihr Schicksal erlangen. Das ist unheimlich konsequent und radikal, was dazu geführt hat, dass diese umgeschriebenen Märchen lange Zeit in der Ecke des Schlüpfrigen und Schmuddeligen standen.

Die Autorin Maren Kames hat Carters Kult-Geschichten neu übersetzt, was ihr mit Abstrichen bei der titelgebenden Erzählung sehr gut gelungen ist. Jede Geschichte hat hier ihren eigenen Rhythmus und Sound. Die sprachliche Vielseitigkeit des Originals findet sich auch in der verspielten, vieldeutigen, entschlossenen und grimmig schmunzelnden Übersetzung wieder, die Lust auf mehr Carter macht.


Irene Solà: Ich gab dir Augen und du blicktest in die Finsternis

Auf einem kleinen Bauernhof inmitten der zerklüfteten Berge Kataloniens versammeln sich einige Frauen, um die Greisin Bernadeta beim Sterben zu begleiten. Sie alle haben auf dem »in Ungnade gefallenen Anwesen« gelebt, jetzt gilt es Abschied zu nehmen von einer der ihren. 24 Stunden lang folgt der Roman den wunderhaften Geschehnissen im Haus von Bernadeta, in dem eine geisterhafte Atmosphäre um sich greift. Dabei brechen sich Kräfte Bahn, die auch die Erzählerin kaum im Zaum halten kann.

Irene Solà: Ich gab dir Augen und du blicktest in die Finsternis. Aus dem Katalanischen von Petra Zickmann. S. Fischer Verlage 2025. 256 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen https://www.fischerverlage.de/buch/irene-sola-ich-gab-dir-augen-und-du-blicktest-in-die-finsternis-9783103976038
Irene Solà: Ich gab dir Augen und du blicktest in die Finsternis. Aus dem Katalanischen von Petra Zickmann. S. Fischer Verlage 2025. 256 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen.

Die katalanische Autorin Irene Solá sprengt in ihrem Roman die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten, um davon zu erzählen, wie Frauen unterdrückt, misshandelt und als Hexen verfolgt wurden. Hier begehren sie auf, bis der Leibhaftige an die Tür klopft. Mit alptraumhaften Szenen, die an die Höllenmalerei von Hieronymus Bosch erinnern, blickt der Roman in die dunkle Vergangenheit. Dafür hat die 35-jährige Autorin zahlreiche katalanische Märchen, Mythen und Übertragungen verarbeitet, ihr Roman ist somit auch ein Stück Kulturgut. Beeindruckend, wie gut das aufgeht, wie sich diese Kulturgeschichte zu einem burlesken Hexentanz fügt, von dem man nicht mehr lassen kann. Denn während bei diesem exaltierten Totenfest die Wölfe ums Haus ziehen, schließen die Frauen einen feministischen Kreis, der Schutz bietet vor der allgegenwärtigen männlichen Gewalt.

»Und nachts hörten sie sie, die braven Bäume, wie sie knarrten und sie umschlangen, wie sie Wege und Pfade überwucherten, sich verdichteten, zusammenrückten, sich zu einem dornigen Dickicht unterfassten. Täler und Hänge knirschten bei Tagesanbruch und schoben sich enger um sie. Schluchten und Mulden knackten, Quellen und Bäche vervielfachten sich. Der Dunst hob sich wispernd Morgen für Morgen und hüllte sie so gründlich ein, dass die Sonne oft schon unterging und es noch nicht aufgeklart hatte. Mit vereinten Kräften verbargen und umschlossen sie das in Ungnade gefallene Anwesen mit solchem Eifer, dass es nicht nur bei den wenigen Bewohnern der Gegend bald in Vergessenheit geriet, sondern von der Zeit selbst vernachlässigt wurde und die Jahre sich nicht mehr um das Haus und nicht mehr um die Frauen scherten, die darin wohnten.«

Petra Zickmann, die für Ihre Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist, hat das so organisch und greifbar übertragen, dass man sich inmitten dieser Zeremonie wähnt und selbst nicht mehr spürt, wann und wo die Wirklichkeit ins Fantastische kippt. In die derbe Sprache der Dorffrauen webt sie souverän poetische Klänge ein, die dem Text Rhythmus und Melodie verleihen. Für die mit grellen und exaltierten Bildern ausgestatteten albtraumhaften Szenerien, mit denen Solà ihre Geschichte erzählt, findet Petra Zickmann immer wieder kreative Lösungen, die einen begeistert über diese ungewöhnliche Sprache staunen lassen.

Besonders überzeugend ist die Übersetzung da, wo sie diese entrückte Welt in eine gleichermaßen entrückte Sprache stellt, um mit Vokabular wie »Kroppzeug« oder »Wotutsweh« Akzente setzt, die dieser fantastischen Hexenfeier einen sinnlichen Duktus gibt, während ihre schrullig-widerständischen Figuren triumphierend »kläfften und miauten, blökten, gackerten, schnatterten, krächzten, zwitscherten, grunzten, knurrten, quakten, wieherten, muhten und heulten.«


Clarice Lispector: Die Passion nach G.H.

Dieser Roman ist Höhepunkt und Opus Magnum der in der Ukraine geborenen brasilianischen Schriftstellerin Clarice Lispector, dabei umfasst er gerade einmal 200 Seiten. Alles beginnt mit einer Kakerlake, die die vermögende Bildhauerin G.H., in deren Kopf dieser Roman steigt, im Wandschrank ihres ehemaligen Dienstmädchens einquetscht. Das Knacken der Schabe legt einen Schalter um, dem ein umwerfender, verstörender und überwältigender Stream of Consciousness folgt, der den existenziellen Gedanken der Künstlerin folgt.

Clarice Lispector: Die Passion nach G.H. Aus dem Portugiesischen von Luis Ruby. Penguin Verlag 2025. 224 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen https://www.penguin.de/buecher/clarice-lispector-die-passion-nach-g-h-/buch/9783328602460
Clarice Lispector: Die Passion nach G.H. Aus dem Portugiesischen von Luis Ruby. Penguin Verlag 2025. 224 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen.

Das abstoßende Ungeziefer löst natürlich Assoziationen zur weltberühmten Erzählung »Die Verwandlung« aus und wie bei Kafka geht es auch hier um den Verlust des Menschlichen, um das Fallen aus dem »menschlichen Gefüge«, wie es im Roman heißt. Das sich Verlieren wird dabei zum Mittel zum Zweck, um sich »fortlaufend zu finden und keine Ahnung zu haben, was man aus dem machen soll, das man findet«. Hier wird schon deutlich, dass es nicht wie bei Kafka um eine parallele Realität, um etwas Kafkaeskes, geht, sondern um die weibliche Existenz in einer Welt, die kaum mehr Halt bietet.

»Ich erzähle dir jetzt, wie ich in das Ausdruckslose eintrat, das schon immer meine blinde und geheime Suche war. Davon, wie ich in das eintrat, was zwischen der Zahl Eins und der Zahl Zwei existiert, davon, wie ich die Achse von Rätsel und Feuer sah, die eine trügerische ist. Zwischen zwei Musiknoten existiert eine Note, zwischen zwei Tatsachen existiert eine Tatsache, zwischen zwei Sandkörnern, so nahe beieinander sie auch sein mögen, existiert ein Intervall aus Raum, existiert ein Fühlen, das zwischen dem Fühlen ist – in den Zwischenräumen der ursprünglichen Materie liegt die Achse von Rätsel und Feuer, die der Atem der Welt ist, und der ständige Atem der Welt ist, was wir hören und Stille nennen.«

Dieser Stille geht die Ich-Erzählerin auf den Grund, um sich dabei mehr und mehr den Grenzen des Verstehens anzunähern. Clarice Lispectors Meisterwerk der écriture féminine ist eine magische Sprachmaschine, die ins Nebulöse sticht, um an die Gefühle und Assoziationen anzuschließen, die wir alle in uns tragen. Der Roman ist in den 80ern von Christine Schrübbers erstmals übersetzt worden, später wurde diese Übersetzung von Sarita Brandt überarbeitet. Diese Ausgaben waren schon lange vergriffen, umso grandioser, dass nun eine Neuübersetzung von Luis Ruby vorliegt. Der in München lebende Ruby ist längst Lispectors deutsche Stimme, er hat bereits ihre Erzählungen und Kolumnen sowie einige Romane preisverdächtig übersetzt.

Seine Version der »Passion nach G.H.« ist störrisch-elegant, ihm geht es nicht um Flüssigkeit und Glätte, sondern darum, die tastende Suchbewegung, das Vor und Zurück der Bildhauerin mit all ihren Motiven, Rätseln und Unklarheiten nachzubilden. Er habe die Zumutungen und Ambivalenzen des Originals erhalten wollen, erklärte er im Gespräch mit Tralalit, »ein Wissenwollen« auslösen, in dem man sich auch Schwierigem und Unbestimmtem anvertrauen könne. Rubys Übersetzung löst die fantastische Schwebe dieser Erzählung nicht auf, sondern lässt sie mit all ihren Rätseln funkeln, so dass man am Ende wieder von vorn beginnen will.


Michal Ajvaz: Die andere Stadt

An kafkaeske Verhältnisse knüpft auch Michal Ajvaz Roman »Die andere Stadt« an, schon allein, weil diese wunderliche Geschichte einer Stadt unter der Stadt in Prag verortet ist. Dort kauft der namenlose Erzähler in einem Antiquariat ein Buch, dessen obskure Schrift er nicht entziffern kann. Es scheint aus einer anderen Welt, die ihn geradezu magisch anzieht. Er entdeckt Hinweise auf eine zweite, sehr viel ältere Stadt, die mit dem Prag seiner Gegenwart irgendwie verwoben zu sein scheint, in dem es wiederum Portale in diese andere Stadt gibt. Hinter so mancher Statue auf der Karlsbrücke, einem Buch in den langen Bibliotheksregalen des Klementinum oder in einer quietschgrünen Straßenbahn (die auch auf dem fantastischen Cover abgebildet ist) verbergen sich geheime Gänge, die den Weg in eine andere Stadt bereiten.

Michal Ajvaz: Die andere Stadt. Aus dem Tschechischen von Veronika Siska. Allee Verlag 2025. 208 Seiten. 27,- Euro. Hier bestellen https://shop.allee-verlag.de/products/die-andere-stadt-michal-ajvaz
Michal Ajvaz: Die andere Stadt. Aus dem Tschechischen von Veronika Siska. Allee Verlag 2025. 208 Seiten. 27,- Euro. Hier bestellen.

Was wie eine literarisch angepasste Adaption von »Stranger Things« klingt, ist bereits 1993 im tschechischen Original erschienen und gilt im Nachbarstaat als Kultbuch und Klassiker. Was für ein Geschenk, dass er jetzt im eigens für dieses Buch gegründeten Allee Verlag von Veronika Siska erscheint, die auch die Übersetzung beigesteuert hat. »Die andere Stadt« ist eine ungewöhnliche und zugleich vertraut wirkende Bibliotheks- und Stadtgeschichte, die das Lesen als solches und die Wirkung von Literatur in den Blick nimmt. Die besondere Faszination dieses fantastischen Prag-Romans geht aber von der wunderbar rätselhaften Reise der Figuren in die Schattenstadt aus, in der Fantasiewesen wie aus einem Pieter-Bruegel-Gemälde die Straßen bevölkern.

»Niemand wird ihn jemals wiedersehen, der Leser wartet vergeblich auf sein Buch; sein schlechtes Gewissen beginnt an ihm zu nagen, er fragt stündlich nach, ob der Bibliothekar schon wiedergekommen sei, schließlich wartet er den ganzen Tag bei der Bücherausgabe, morgens tritt er bereits ab fünf Uhr vor der verschlossenen Tür des Klementinums von einem Fuß auf den anderen und singt dabei schwermütig schleppende Lieder. Jedes Jahr verschwinden so etliche Bibliothekare in den Tiefen der Bibliothek, ohne dass von den Bibliotheksakademien genügend neue Absolventen nachkämen. Jemand hat den verschwundenen Bibliothekaren ein Denkmal zwischen den Regalen errichtet, die Bronzestatue eines Bücherdieners im Arbeitskittel, der vor Erschöpfung auf einer Bücherhalde stirbt.«

Der 1949 geborene Michal Ajvaz verfügt über ein umfangreiches Werk, gespickt mit magischen Visionen, grotesken und übernatürlichen Szenarien sowie philosophischen Rätseln. Neben »Die andere Stadt« liegt bislang nur ein Band mit Erzählungen unter dem Titel »Die Rückkehr des alten Waran« vor. Sein jüngster Roman »Passagen unter Glas« – ein Künstlerroman, der um die Entstehung von Kunst aus dem Nichts kreist – soll noch im März erscheinen, ebenfalls in der Übertragung von Veronika Siska im eigenen Verlag.

»Die andere Stadt« steht paradigmatisch für ein Werk, auf dessen Entdeckung man sich freuen kann. Mit groteskem Witz, erzählerischer Fantasie und philosophischer Raffinesse fügt Ajvaz der bekannten Welt eine unbekannte hinzu, auf die einzulassen sich lohnt. Das liegt auch an Veronika Siskas souveräner Übertragung, die trittsicher diese Doppelwelt ins Deutsche bringt und dabei die vielen politischen wie kulturellen Anspielungen zugänglich macht.


Solvej Balle: Über die Berechnung des Rauminhalts IV

»Es ist schwer zu entscheiden, wo etwas endet und wo etwas anfängt. Oder jemand. Wo ein Mensch anfängt oder aufhört. Wo der nächste beginnt. Man glaubt, es erkennen zu können: die Körper, und zwischen den Körpern Luft.« Mit diesen Worten beginnt der vierte Teil von Solvej Balles Romanserie »Über die Berechnung des Rauminhalts«, der quasi den Mittelpunkt der fulminanten Heptalogie darstellt. Die dänische Autorin erzählt in ihrem Epos konsequent die Geschichte der Buchantiquarin Tara Selter sowie einiger weiterer Personen, die in einer endlos wiederkehrenden Schleife aus achtzehnten Novembern gefangen und in diesem ewigen Loop mit zahlreichen ethischen Fragen konfrontiert sind.

Solvej Balle: Über die Berechnung des Rauminhalts IV. Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle. Matthes & Seitz Berlin 2025. 184 Seiten. 22,- Euro. Hier bestellen https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/ueber-die-berechnung-des-rauminhalts-iv.html?lid=7
Solvej Balle: Über die Berechnung des Rauminhalts IV. Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle. Matthes & Seitz Berlin 2025. 184 Seiten. 22,- Euro. Hier bestellen.

Die eigenwillige Zeitschleife setzt das Erzählen auf ein Möbiusband, die Erzählung strebt permanent in eine Zukunft, nur um über ein paar Wendungen wieder beim 18. November anzukommen. Das kann man natürlich mathematisch erklären und die von Peter Urban-Halle ins Deutsche übertragene Sprache hat auch etwas Klares, Nüchternes, Berechnendes. Umso faszinierender ist es, wie sich diese Erzählung immer wieder bewusst der Sprache entzieht, um die Bahnen der Logik und Protokolle zu unterwandern und sich der im Titel versprochenen Berechnung des Rauminhalts zu entziehen.

»Ralf hat eine Tabelle ausgearbeitet, die wir ausfüllen sollen, wenn wir einen Bericht über ein kritisches Ereignis abfassen. Gerne mit vielen Einzelheiten und präzisen Daten. Er will Telefonnummern von Zeugen und Kontaktinfos von Freunden und Angehörigen. Er will Näheres über Passanten und sammelt die Nummern von Rettungsdiensten und Notfallzentralen, damit die Hilfe rechtzeitig an Ort und Stelle sein kann. Eins der wichtigsten Felder in seiner Tabelle, neben Zeit und Ort natürlich, ist das der Interferenzpotenziale, wie er es beharrlich nennt, und neulich hat er die Tabelle um mehrere Spalten erweitert, sodass man sowohl digitale als auch analoge Methoden zum Verhindern von Unglücksfällen vorschlagen kann. Seine Tabelle enthält mehrere Begriffe, die mir völlig fremd waren, manche hat er sicher selbst erfunden. Als wäre er davon überzeugt, dass seine Pläne besser umgesetzt werden können, wenn wir die professionellen Termini und Fachausdrücke bereithalten.«

Nachdem in den ersten drei Bänden die Grundkonstellation anhand weniger Figuren geschildert wurde, wächst im vierten Band die Zahl der im Loop des 18. November Gefangenen rapide an. Es entsteht eine Art Parallelwelt, die sich wie ein Netz über die echte Welt legt und der man sich als Leser kaum entziehen kann. Das hat auch dazu beigetragen, dass die ersten drei Bände 2022 mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet wurden und die englische Übersetzung des dritten Bandes von Sophia Hersi Smith und Jennifer Russell im vergangenen Jahr auf der Shortlist des National Book Award stand.

Peter Urban-Halle, der als Kritiker und Übersetzer der skandinavischen Literatur immer wieder zu Aufmerksamkeit verhilft, überträgt diese Romanreihe mit einer Art sprachlichem Doppler-Effekt. Die Emotionalität der Figuren – ihre Verlorenheit, die Klaustrophobie, der Übermut und die Panik – schiebt er immer wieder in den Rhythmus, die Lexikalität und die offene Semantik seiner Übertragung, die so eine ganz eigenen Sprache entwickelt, der man sich nicht entziehen kann. Absolutes Suchtpotenzial.


László Krasznahorkai: Zsömle ist weg

Familie kann ein Hort des Zusammenhalts sein, sie kann einem aber auch am Allerwertesten baumeln wie der Kuh der Schwanz. Letzteres ist bei dem 91-jährigen Onkel Jószi der Fall, der im jüngsten Roman von Literaturnobelpreisträger László Krasznahorkai im Mittelpunkt steht. József Kada, so sein bürgerlicher Name, ist Spross einer bis auf Dschingis Khan zurückgehenden Adelslinie und könnte Anspruch auf den ungarischen Thron erheben, aber von der Monarchie und ihren verschrobenen Verfechtern hält er wenig, weshalb er sich, wie schon seine Vorfahren, für eine in Ruhe und Abgeschiedenheit zurückgezogene Existenz entschieden hat.

Laszlo Krasnahorkai: Zsömle ist weg. Aus dem Ungarischen von Heike Flemming. S. Fischer Verlag 2025. 304 Seiten. 25,- Euro. Hier bestellen https://www.fischerverlage.de/buch/laszlo-krasznahorkai-zsoemle-ist-weg-9783103976670
Laszlo Krasnahorkai: Zsömle ist weg. Aus dem Ungarischen von Heike Flemming. S. Fischer Verlag 2025. 304 Seiten. 25,- Euro. Hier bestellen.

Doch die Enthüllung von Geheimnissen ist in dieser Welt nur eine Frage der Zeit, weshalb eines Tages eine Schar von Menschen an seine Tür klopft, die ihn gegen seine Absichten auffordern, seinen rechtmäßigen Posten einzunehmen, nicht um die Politik in bessere Bahnen zu leiten, sondern weil sie sich danach sehnten, »die Tugenden sich zurückzuholen«, um eventuell, ja vielleicht den anstehenden Weltuntergang doch noch abzuwenden. Aus dieser schrägen Konstellation entwickelt Krasznahorkai einen Plot, der mit der politischen Gewalt der Gegenwart (in seiner Heimat) ebenso viel zu tun hat wie mit der Schönheit der Sprache, die hier wieder in den endlos fließenden und raffiniert konstruierten Sätzen von Heike Flemming strahlt.

»…plötzlich drang von draußen ein seltsames Dröhnen an sein Ohr, als würde ein fliegender Gegenstand oder Ähnliches herabstürzen und herabsausen, dann wurde das Ganze zu einem einzigen, großen und tiefen Dröhnen, so laut, als bräche sofort das Dach ein, WAS WAR DAS?!, er erschrak sehr, hatte noch das restliche Brot und die Milchtasse in der Hand, aber da wurde schon die Tür eingetreten, alles dröhnte, ratterte und brauste, er stand wie angewurzelt, von den Gesichtern sah er nichts, sie hatten gar keine Gesichter, weil diese von schwarzen Masken verdeckt waren, auf den Köpfen hatten sie Helme und Riesenbrillen, an ihnen hingen Maschinenpistolen und tausenderlei kleineres oder größeres Kriegsgerät, das Licht ging aus, und in dem Stockdunkel merkte er nur, wie sie ihm die Arme nach hinten drehten, ihn zu Boden rissen, einer von ihnen auf seinen Schultern kniete, aber keiner von ihnen auch nur ein Wort sagte,…«

Die titelgebende Figur Zsömle ist der Hund an der Seite von Onkel Jószi, eine Art guter Geist, mit dem der unfreiwillige König von Ungarn zuweilen von seinem Gipfel ins Tal schaut, um nachzusehen, »ob alles in Ordnung war«. Alles in Ordnung ist hier aber aber ein großes Wort, nicht nur wegen des politischen Chaos, das sich durch die Erzählung zieht, sondern auch wegen des sprachlichen Spiels, das an Autoren wie James Joyce oder Franz Kafka erinnert. Denn so verschlungen die Sätze auch sind, um in die Grenzbereiche zwischen Wahnsinn und Realität vorzudringen, so genau ist die Sprache, die anspielungsreich nicht nur die ungarische, sondern auch die deutsche Gegenwart auslotet.

Dabei folgt Heike Flemming den strengen Satzketten akkurat, ihre verschachtelte, aber unheimlich melodische Übertragung bringt Rhythmus und Luft in diesen engen Text, die einen den nervös schlagenden Puls der paranoiden Gegenwart, von der Krasznahorkai immer wieder erzählt, förmlich spüren lässt.