Die Journalistin Ulrike Herrmann schreibt in ihrem neuen Buch über »Geld als Waffe« und zeigt dabei auf, warum Russland und China politisch in der Sackgasse stecken. Ihre Analyse leidet jedoch an der Schnelllebigkeit der Gegenwart. Die Politik der Deals eines Donald Trump kommt in ihrem Buch quasi nicht vor.
Ulrike Herrmann ist eine verdammt gute Journalistin, eine von wenigen, die die ökonomische und die politische Analyse übereinanderlegen können. Für ihre brillante komprimierte Analyse der Geschichte des Kapitalismus, die sie im ersten Drittel von »Das Ende des Kapitalismus« dargelegt hat, verzeihe ich gerne die Thesen, die sie im Rest dieses Buches ausgebreitet hat. Die fand ich – höflich gesagt – wenig überzeugend.
Nun legt sie eine Analyse vor, die zwei der politisch aggressivsten Diktatoren weniger potent erscheinen lassen, als denen lieb ist. Wladimir Putin und Xi Jingpin verstecken, so Herrmann in »Geld als Waffe – Was die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet«, ihre wirtschaftlichen Schwächen hinter einer aggressiven Außenpolitik. Leider macht diese Analyse die Welt nicht sicherer. Sie zeigt aber Lösungswege auf, wie man den beiden Potentaten eben nicht in die Falle geht.

»Würde man jemanden nach den zum Kriege notwendigen Dinge fragen, so würde er sagen, es seien diese drei: Geld, Geld, Geld.« Dieses Zitat von Raimondo Montecuccoli, Feldherr, Diplomat und Staatsmann in Diensten der Habsburger des 17. Jahrhunderts, steht am Anfang des Buches. Aber es ist nicht nur Geld, das materialisiert als Militärgerät zur Waffe werden kann. Auch die Wirtschaft als solche kann über Sanktionen, Interventionen auf den Devisenmärkten, Rohstoffembargos, Technologiemonopole, strategische Korruption sowie gezielte Finanzhilfen als Waffe eingesetzt werden.
Es gibt noch einen Aspekt, der Wirtschaft und Krieg zusammenbringt: Wirtschaft als Ursache einer militärischen Auseinandersetzung. Oft ist es nicht ökonomische Stärke, die zu Krieg führt, sondern wirtschaftliche Schwäche, wie Herrmann an den Beispielen Russland und China ausführt. In beiden Ländern sei die Wirtschaftslage so desolat, hätten sich die beiden Machthaber in solch ökonomische Sackgassen manövriert, dass ihre Machtbasis bedroht sei. Krieg kann für Diktatoren attraktiv werden – als Ablenkung von inneren Problemen und zur Stabilisierung der eigenen Herrschaft. Und so habe der eine Diktator bereits einen Krieg begonnen und der andere könne es reizvoll finden, einen Angriff zu beginnen, um von den ökonomischen Problemen abzulenken.
Für Ulrike Herrmann erklärt sich Putins Vorgehen gegen die Ukraine exemplarisch aufgrund der ökonomischen Schwäche Russlands, einer Rohstoffmacht ohne Wohlstand. Dieses Land ist trotz seiner enormen Größe und seiner reichen Rohstoffvorkommen ökonomisch rückständig geblieben. Kein Zar, kein sowjetischer Generalsekretär, kein »demokratisch« legitimierter Staatspräsident seit 1991 hat dies ändern können, vielleicht auch nicht ändern wollen.
Seit dem Zarenreich – in den Jahrhunderten von 1500 bis zur Revolution von 1917 wuchs das zaristische Russland im Durchschnitt täglich um 130 Quadratkilometer – lebt das Land von der Ausbeutung neuer Gebiete und vom Export von Rohstoffen. Es ist dieses koloniale Erbe, das verhindert habe, die eigene Wirtschaft zu entwickeln. Die Ansprüche von Militär und Oberschicht, so die Autorin, ließen sich finanzieren, indem man immerzu weitere Gebiete unterwarf. Das Land hat es nicht geschafft, einen breiten Binnenmarkt aufzubauen und eine wettbewerbsfähige Industrie zu etablieren. Russland war und ist vor allem Rohstofflieferant – ein vermeintlich lukrativer, wie wir aber sehen werden, gefährlicher Zustand.
Herrmann nennt historische Gründe wie das mongolische Erbe, die Leibeigenschaft und die autokratischen Strukturen von Zarentum und bolschewistischer Herrschaft sowie strukturelle Probleme wie Korruption, fehlende Investitionen und Macht der Oligarchen, die in den Jahrzehnten nach der historischen Zeitenwende von 1989/1991 verhindert haben, dass sich Russland auf dem Pfad eines nachhaltigen Wachstums begab. Unter Präsident Wladimir Putin ist Russland faktisch zu einer Kriegs- und Rentenökonomie geworden, in der Silowiki – wörtlich: die Männer der Gewalt – und Oligarchen dominieren. Wirtschaftlicher Erfolg hängt in Putins Reich weniger von Innovation ab als von der Nähe zur Macht.
Die taz-Journalistin verweist dabei auf einen verstörenden Aspekt: Im Jahr 2021 besaß das oberste eine Prozent der Haushalte, also Putins Clique, knapp 48 Prozent des gesamten Vermögens. Zum Vergleich: in den USA beträgt dieser Wert nur 35 Prozent, in Deutschland 29 Prozent, in Frankreich 26 Prozent und in Großbritannien 21 Prozent. Noch erschreckender sei aber, wie schnell die russischen Eliten zu ihrem Vermögen gekommen sind. Im Jahr 1995 hatte dieses oberste eine Prozent erst 21,5 Prozent des Volksvermögens für sich okkupiert. Eine beispiellos skrupellose Bereicherung von Putins Freunden am russischen Volksvermögen.

All das erklärt aber noch nicht, warum Putin seinen Krieg gegen die Ukraine begonnen habe. Dafür wirft Herrmann noch einmal ein Blick in die wirtschaftliche Entwicklung Russlands seit der Finanzkrise 2008. Diese überstand das Riesenreich zwar leidlich, aber anschließend dümpelte das Wachstum, obwohl der Ölpreis in den kommenden Jahren anstieg und Russland pro Barrel zeitweise über 100 US-Dollar einbrachte. Diese beeindruckenden Exporterlöse wurden aber nicht in die russische Wirtschaft investiert, sondern die Gewinne wurden von den Silowiki und Oligarchen außer Landes geschafft. Putin hatte nun die Wahl, deren Privilegien zu beschneiden, was vermutlich seine Machtbasis gekostet hätte, oder die wirtschaftliche Schwäche nach außen zu kanalisieren. Putin entschied sich für die zweite Lösung und begann ab 2010, das Militär systematisch aufzurüsten.
An dieser Stelle ein kleiner Schlenker: Geld sorgt nur dann für neuen volkswirtschaftlichen Wohlstand, wenn es in die Wirtschaft investiert wird und damit neue Einkommen generiert. Auf einem Konto eines Silowiki oder Oligarchen im Ausland nutzt es wenig. Putins Überschüsse waren daher ein Zeichen von Armut, nicht von Reichtum. Sie signalisierten, dass Russland zu wenig investierte. Es lebte unter seinen Verhältnissen, weil es zu einem ökonomischen Denken des 18. Jahrhunderts zurückgekehrt war. Vor diesem Hintergrund konnte sich Russland den Einmarsch in die Ukraine eigentlich gar nicht leisten, und dieser Krieg, so die Vorhersage Herrmanns, wird Putins Reich nun endgültig ruinieren. Er verschlinge enorme Ressourcen, verschärfe den Arbeitskräftemangel und führe zur wirtschaftlichen Verarmung.
Putin sitze in der ökonomischen Falle, die er sich selbst gestellt habe. Er müsse nun Krieg um des Krieges willen führen, weil der Übergang zu einer Friedenswirtschaft politisch und wirtschaftlich riskant wäre. Die Probleme, die Millionen Soldaten auf Jobsuche, eine aufgeblähte Rüstungsindustrie, die es dann nicht mehr bedürfe, und eine ausgezehrte Wirtschaft verursachen, seien noch größer als die militärischen Probleme, vor denen Russland in der Ukraine stehe. Herrmanns Fazit: Der Krieg stabilisiere Putins Regime, ein Frieden würde seine Schwächen offenlegen.
Und Putin habe sich an einer weiteren Front verzockt. Sein Plan, den russischen Gas- und Ölexport als wirtschaftliche Waffen gegen Europa einzusetzen, habe sich als Fehlschlag erwiesen. Russland verlor hohe Einnahmen, währenddessen lernte Europa, ohne russische Energie auszukommen. Die langfristigen Schäden für Russland seien irreversibel, so Herrmann.
»Nicht der Westen war vom russischen Gas abhängig – sondern Russland von seinen westlichen Kunden. Putins Gaskrieg hat bleibenden Schaden in der russischen Staatskasse angerichtet. Denn die abgedrehten Pipelines werden auch dann nicht wieder ans Netz gehen, wenn der Ukrainekrieg vorbei ist. Europa kann kein Interesse daran haben, sich erneut den Launen eines russischen Diktators auszusetzen.«
Ulrike Herrmann: Geld als Waffe
Nicht viel besser stehe China da, ein Land, das die Welt als Wirtschaftsmacht zu fürchten beginnt, das aber mit inneren Spannungen zu kämpfen habe. Der Aufstieg Chinas seit Anfang der 1990er Jahre ist atemberaubend, in nicht einmal vier Jahrzehnten ist das Reich der Mitte zur größten Industrienation der Welt aufgestiegen. Das Land hat dies den marktwirtschaftlichen Reformen von Deng Xiaoping sowie seinem riesigen Binnenmarkt mit potentiell 1,3 Milliarden Kund:innen zu verdanken.
Mit Xi Jinping ist China aber nun in eine neue, gegenläufige Ära eingetreten. Gab es bisher politisch die klare Botschaft, Macht in einer Hand zeitlich zu begrenzen, konzentriert Xi die Macht auf sich, auch indem er die Amtszeitbegrenzung aufheben ließ, so dass er nun auf Lebenszeit im Amt bleiben kann. Und noch etwas hat sich verändert: Nach einem dreißig Jahre währenden Wirtschaftswachstum von durchschnittlich zehn Prozent pro Jahr nehmen die wirtschaftlichen Probleme augenfällig zu: ein geringeres Wachstum, hohe Schulden, geschönte Statistiken und Deflationsgefahr.
Auch deshalb setzt China auf einen aggressiven Nationalismus, der zunehmend die bisherige Legitimationsquelle der Partei, nämlich wirtschaftlicher Wohlstand, ersetzt. Eng verflochten ist dabei das Ziel, eine Autarkie des Landes zu sichern und die Abhängigkeiten des Auslands zu steigern. Verfolgt würden wirtschaftliche Programme wie »Made in China 2025« und der »Doppelte Kreislauf«. Zwar ist das Ausland inzwischen auf chinesische Erze, Medikamente, Batterien und Solarpaneele angewiesen, Xi steht aber vor einem ähnlichen wirtschaftlichen Dilemma wie Putin.
Die chinesische Volkswirtschaft ist nicht produktiv genug, um alle Chines:innen wohlhabend zu machen. Sie leidet an einem Bündel struktureller Probleme wie die Immobilien und Schuldenkrise, deflationäre Tendenzen, Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung und schwacher Konsum. Der Staat stützt zwar gezielt Industrie und Exporte, doch die Binnenwirtschaft bleibt der zentrale Schwachpunk. Reicht das Wachstum nicht mehr aus, so Herrmann, könnte Xi einen externen Konflikt etwa um Taiwan zur Ablenkung der wirtschaftlichen Malaise nutzen. Damit könnte er Geschichte schreiben und zu den beiden anderen Gründungsfiguren des modernen Chinas, Mao und Deng, aufschließen.
Wie für Putin gilt aber auch für Xi in diesem Szenario, dass er gerade deswegen zur militärischer Gewalt greifen könnte, weil das ökonomische Modell Chinas und damit seine politische Legitimation scheitert. Xi würde am Ende vor der Tragik stehe, dass ohne wirtschaftliche Stärke kein Krieg erfolgreich zu führen ist, aber jeder Krieg diese ökonomische Stärke zerstört.
»Geld als Waffe« ist eine spannende Analyse des ökonomischen Zustands, in dem sich China wie Russland aktuell befinden. Ulrike Herrmann macht deutlich, dass Putin wie Xi Getriebene der wirtschaftlichen Probleme ihrer Länder sind und sie erweckt den Eindruck, dass diese in Entscheidungen zum Krieg getrieben werden, aus denen sie nicht mehr herausfinden (könnten). Putin hat einen verhängnisvollen Fehler bereits begangen und sein Land in den ökonomischen und moralischen Untergang geführt. Es ist zu hoffen, dass die Weisheit des Chinesen größer ist und er den Verlockungen einer vermeintlich historischen Tat widersagen kann.
So klug und überzeugend Herrmann argumentiert, so scheint ihr Buch im Moment des Erscheinens aus der Zeit gefallen zu sein. Es ist vor allem eine Person, die die globale Ordnung chaotisiert. Dabei mag es egal sein, ob es der Narzissmus, die Inkompetenz oder die Selbstüberschätzung von Donald Trump ist, die die Welt ins Chaos stürzt. Es sind auch die ökonomischen Probleme, die den US-Präsidenten treiben.
Die US-Wirtschaft mag aktuell robuster als viele andere Industrieländer erscheinen, aber auch sie leidet unter strukturellen Problemen: eine hohe Verschuldung, ein moderates Produktivitätswachstum, soziale Ungleichheit und ein zunehmend fragiler Arbeitsmarkt. Trump wollte diese Probleme durch seine Politik der Zölle und der Re-Industrialisierung lösen. Erklärtes Ziel ist es, Produktionskapazitäten in die USA zurück zu verlagern. Als sichtbares Symbol, sich von der Globalisierung abzukehren, setzt er darauf, Fabriken in den USA wieder zu errichten. An die Stelle globalisierter Lieferketten trete dann die nationale Produktion, die Industriearbeitsplätze für die (weiße) Arbeiter- und Mittelschicht schaffe.
Flankiert wird diese Politik durch die der Zölle, die Importe verteuern und die Produktion im Inland attraktiver machen. Trumps Zoll- und Reindustrialisierungspolitik folgt nicht primär dem Gedanken einer globalen Wettbewerbsfähigkeit, sondern sie sollen in den USA Industriejobs schaffen und den eigenen Binnenmarkt von ausländischen Gütern abschirmen. Die aktuelle Bilanz? Donald Trumps Wirtschaftspolitik ist krachend gescheitert. Seit seinem Amtsantritt am 20. Januar 2025 wurden keine zusätzlichen Industrie- bzw. Fertigungsarbeitsplätze geschaffen. Im Gegenteil: Die Zahl der Industriearbeitsplätze ist netto gesunken.
Wie gestrig und wie erfolglos diese Politik ist, machten zudem die globalen Finanzmärkte deutlich. Sie geben Trump das ökonomisch klare Signal, dass sie von seiner Politik nichts halten. Sei es nach dem sogenannten Liberation Day im April 2025, sei es jüngst nach dem Angriff der USA auf den Iran. Die Folgen waren nicht nur ein punktueller Marktschock, sondern ein globaler Systemstress: Energie, Handel, Inflation, Geldpolitik und Geopolitik griffen ineinander.
Eins ist klar: Trump macht die USA ärmer und die Welt gleich mit. Eine genauere Analyse dessen, wie Trump die Vereinigten Staaten von Amerika ruiniert und wie sich die wirtschaftlichen Waffen gegen ihn richten, sollte Ulrike Herrmann unbedingt nachlegen. Es würde das Bild des politischen und ökonomischen Versagens der vermeintlich starken Männer der Welt verdeutlichen.
Ein Problem wäre damit aber noch nicht gelöst: Wie die demokratisch regierten Staaten wie Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Kanada ihre strukturellen ökonomischen Probleme lösen. Herrmann gibt ihrer Hoffnung Ausdruck, dass paradoxerweise Putins Angriff auf die Ukraine Europa langfristig stärken und einen – bislang vor allem wirtschaftlichen – Staatenbund in eine echte politische Union verwandeln könnte. Die Vision von Sicherheit, Wohlstand und Staatlichkeit als europäisches Gesamtpaket zu realisieren, bedarf enormer politischer Kraft, um sich gegen die Pseudoreformer, die Ewiggestrigen und die Mutlosen, die alternde Gesellschaften en masse hervorbringen, durchzusetzen. Das Versagen der einen ist noch lange keine Lösung für die anderen.

