2024 wurde Jenny Erpenbecks Roman »Kairos« in der Übersetzung von Michael Hofmann mit dem International Booker Prize ausgezeichnet. In diesem Jahr standen Shida Bazyar und Daniel Kehlmann mit ihren Übersetzer:innen auf der sechs Bücher zählenden Shortlist des International Booker Prize. Ausgezeichnet wurde der Roman »Taiwan Travelogue« von Yáng Shuāng-zǐ in der Übersetzung der amerikanisch-taiwanesischen Autorin Lin King. Die deutsche Übersetzung erscheint voraussichtlich 2027 im Dumont-Verlag.
Aoyama Chizuko ist eine Autorin aus Nagasaki, die in der Zeit der japanischen Besetzung Taiwans Ende der 30er Jahre an einer von der Regierung geförderten Reise über die eroberte Insel vor dem chinesischen Festland teilnimmt. Ihr wird mit der jungen Chizuru eine taiwanesische Dolmetscherin zur Seite gestellt, zu der sie sich schon bei der ersten Begegnung hingezogen fühlt. Die charmante Dolmetscherin organisiert Aoyama Reisen über die Insel und erweist sich zudem als außergewöhnliche Köchin. Bei malerischen Zugfahrten und geschmortem Schweinefleisch mit Reis, lebhaften Wortgefechten und Wintermelonentee verliebt sich die japanische Autorin in ihre taiwanesische Begleiterin. Doch die politischen Verhältnisse stehen zwischen ihnen. Chizuru widersteht Aoyamas Verführungsversuchen und ihre funkensprühende Beziehung wird zum Spiegel der kolonialen Verhältnisse.

Die englische Übersetzung dieser ungewöhnlichen Geschichte wurde gestern Abend mit dem International Booker Prize 2026 ausgezeichnet. Die taiwanesische Autorin Yáng Shuāng-zǐ und ihre amerikanisch-taiwanesische Übersetzerin Lin King teilen sich das preisgeld in Höhe von 50.000 britischen Pfund. Die deutschen Rechte an dem Roman liegen beim Dumont-Verlag. Die Übertragung der renommierten Sinologin und Übersetzerin Karin Betz erscheint voraussichtlich im kommenden Jahr. Auf Anfrage erläuterte Betz die besondere Herausforderung an die Übersetzung:
»Der Roman muss de facto aus drei Sprachen übersetzt werden: Chinesisch, Japanisch und Taiwan-Dialekt, das so genannte Hokkien. Ohne Japanischkenntnisse und Kenntnisse der japanischen Kolonialgeschichte in Taiwan lässt sich das nicht übersetzen. Chinesisch allein reicht nicht. Das heißt auch, dass man genau darüber – diese drei Sprachen und die Kolonialgeschichte – sehr viel aus diesem Roman lernt. Im Grunde ist es ein Roman über die Macht von Sprache und die Macht von Übersetzung.«
Karin Betz, Übersetzerin der deutschen Ausgabe
Kann Liebe übergeordnete Ungerechtigkeiten überwinden? Diese Frage stelle »Taiwan Travelogue« von Yáng Shuāng-zǐ vor dem Hintergrund der japanischen Kolonialherrschaft im Taiwan der 1930er Jahre, betonte die Juryvorsitzende Natasha Brown gestern Abend bei der Preisverleihung in London. Die fiktive Übersetzung eines wiederentdeckten japanischen Reiseberichts beleuchte Geschichte, Macht, Klassenunterschiede, Kolonialismus und Liebe aus der Perspektive einer kulinarischen Reise zweier Frauen durch das von Japan kontrollierte Taiwan der 1930er Jahre. Dem »fesselnden, auf raffinierte Weise anspruchsvollen Roman« attestierte die Jury die »unglaubliche Doppelleistung«, sowohl als Liebesroman als auch als scharfsinniger postkolonialer Roman zu überzeugen.
Yáng Shuāng-zǐ widmete die Auszeichnung ihrer Heimat und seinen Menschen, die der permanenten Bedrohung durch China ausgesetzt sind. Ihre Übersetzerin Lin King erklärte ihre Übersetzungsarbeit als solidarischen Akt, um die Souveränität Taiwans, seiner Kultur und Sprache zu schützen. Sie betonte den Reichtum der taiwanesischen Literatur, die nicht monolithisch sei, sondern eher eine Kakophonie von Stimmen. Ihre Übersetzung verglich sie mit frischem Orangensaft mit Fruchtstücken beziehungsweise mit »fresh juicy bits«, wie man es im britischen Englisch ausdrücke. Sie hoffe, dass noch stärker anerkannt werde, wenn literarische Übersetzungen mit »fresh juicy bits« ausgestattet werden, die das Original erkennen ließen.
»Taiwan Travelogue« ist das erste aus dem Mandarin übersetzte Buch, das mit dem International Booker Prize ausgezeichnet wurde. Die Jury lobte die Übertragung von Lin King, die sich nicht vor den (realen und fiktiven) Komplexitäten des Weges in die englische Sprache scheue. Vielmehr nutze der Roman die Merkmale eines eher traditionellen Textes, arbeite mit Einleitungen, Fußnoten und Nachworten, um die Liebesgeschichte zwischen den beiden Frauen mit einer »faszinierenden metafiktionalen Ebene« zu umhüllen.
»Lin Kings gekonnte Übersetzung vermittelt die Nuancen der Erzählstimmen des Romans perfekt.«
Aus der Jurybegründung International Booker Prize 2026
Original und Übersetzung in den unterschiedlichen Ausgaben




Nach der Auszeichnung der Erzählsammlung »Heart Lamp« der indischen Autorin Banu Mushtaq im vergangenen Jahr ist die Auszeichnung der Übersetzung von »Taiwan Travelogue« mit dem bedeutenden Übersetzerpreis bereits der zweiter Erfolg des Indie-Verlags And Other Stories hintereinander.
Lin King, die mit »Taiwan Travelogue« ihre erste Romanübersetzung vorgelegt hat, räumte im Hintergrundgespräch zum Booker Prize ein, dass sie aufgrund ihrer fehlenden Erfahrung und Anerkennung sehr zurückhaltend war, Yáng Shuāng-zǐ bei Fragen zu kontaktieren. Umso enger habe sie mit ihrer Lektorin zusammengearbeitet, um die komplexe Mischung aus Sprachen, Notationen und Fußnoten bestmöglich ins Englische zu bringen.
»Wir brachen unzählige Übersetzungsregeln und schufen so ein experimentelles, vielschichtiges Werk, auf das wir stolz sein können.«
Lin King

Bereits die amerikanische Ausgabe ihrer Übersetzung hat viel Aufmerksamkeit erhalten, insbesondere nach der Auszeichnung mit dem National Book Award 2024. Bei dem amerikanischen Buchpreis setzte sich Lin Kings Übertragung unter anderem gegen die englischen Übersetzungen des ersten Bands von Solvej Balles Heptalogie »Über die Berechnung des Rauminhalts«, Samar Yazbeks »Wo der Wind wohnt« und Fiston Mwanza Mujilas »Tanz der Teufel« durch.
»Als Übersetzung eines Romans, der als Übersetzung eines wiederentdeckten Textes getarnt ist, handelt es sich um eine mitreißende Erzählung über Kolonialismus und unmögliche Freundschaft. Lin Kings sorgfältige englische Übersetzung zeigt, wie kleine Entscheidungen die Geschichten offenbaren können, die in offiziellen Erzählungen verborgen sind, sowie das Palimpsest der Einflüsse, aus denen viele ehemals kolonialisierte Nationen bestehen.«
Aus der Jurybegründung National Book Award 2024

Der International Booker Prize wird seit 2016 an einen ins Englische übersetztes Prosawerk vergeben. Das Preisgeld von 50.000 britischen Pfund geht, wie auch beim Internationalen Literaturpreis vom Haus der Kulturen der Welt, zu gleichen Teilen an Autor:in und Übersetzer:in. Neben dem ausgezeichneten Roman standen zudem die Romane »The Nights Are Quiet In Teheran« von Shida Bazyar in der Übersetzung aus dem Deutschen von Ruth Martin, »She Who Remains« von Rene Karabash in der Übersetzung aus dem Bulgarischen von Izidora Angel, »The Director« von Daniel Kehlmann in der Übersetzung aus dem Deutschen von Ross Benjamin, »On Earth As It Is Beneath« von Ana Paula Maia in der Übersetzung aus dem Portugiesischen von Padma Viswanathan und »The Witch« von Marie Ndiaye in der Übersetzung aus dem Französischen von Jordan Stump.
Intrenational Booker Prize 2025


Im vergangenen Jahr wurden die indische Autorin Banu Mushtaq und ihre Übersetzerin Deepa Bhasthi für den Erzählband »Heart Lamp« ausgezeichnet. Der Kurzgeschichten-Band erscheint im August unter dem Titel »Meistens bleibt ja die Frau zuhause« in der Übersetzung aus dem indischen Kannada von Katrin Binder im Kjona-Verlag. 2024 wurde Jenny Erpenbecks Roman »Kairos« in der Übersetzung von Michael Hofmann mit dem International Booker Prize ausgezeichnet.

