Gesellschaft, Politik, Sachbuch

Das Gefühl einer Utopie

In Israel wird Ende Oktober ein neues Parlament gewählt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die rechtsextreme Regierung unter Benjamin Netanyahu im Amt bleibt. Der in Berlin lebende Israeli Tomer Dotan-Dreyfus schildert in »Keinheimisch« seine eigenen Beklemmungen gegenüber dem Staat Israel, aber auch seiner Wahlheimat Deutschland. Seine schmerzhafte Selbstbefragung ist eine linke jüdische Intervention, die schonungslos mit jeder selbstgerechten Bequemlichkeit abrechnet. Und mit Joana Osman Raum für positive Perspektiven lässt.

»Ich quäle mich durch einen sisyphoshaften, verwirrenden und einsamen Schreibprozess, als wäre ich in unbekanntes Land geraten und würde mich bei dem Versuch, es zu kartieren, immer mehr verlaufen«, schreibt Tomer Dotan-Dreyfus gleich zu Beginn über seine Arbeit an diesem Buch.

Dreyfus ist 1987 in Haifa geboren und lebt seit 2011 in Berlin. 2023 stand er mit seinem Debütroman »Birobidschan«, in der er die Fantasie eines jüdischen Schtetls in den sibirischen Weiten zum Leben erweckt, auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Gerade ist sein zweiter Roman »Gavdos« erschienen, der mit dem Thema der longevity spielt. Zwischen beiden Romanen steht der Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023, dessen Folgen auch unmittelbar in Berlin zu spüren waren. Da waren zum einen die islamistischen Anhänger, die aus Freude über den Angriff auf den Straßen von Neukölln, wo Dotan-Dreyfus lebt Baklava verteilten. Jüdinnen und Juden in Berlin wurden direkt und indirekt bedroht, fühlten sich unsicher, hatten Angst um ihr Leben.

Tomer Dotan-Dreyfus: Tomer Dotan-DreyfusKeinheimisch. Kindheit in Israel, Leben in Deutschland. Propyläen Verlag 2025. 240 Seiten. 22,- Euro. Hier bestellen https://www.ullstein.de/werke/keinheimisch/hardcover/9783549110126
Tomer Dotan-Dreyfus: Tomer Dotan-Dreyfus
Keinheimisch. Kindheit in Israel, Leben in Deutschland. Propyläen Verlag 2025. 240 Seiten. 22,- Euro. Hier bestellen.

Es gab aber auch jene, die aus anderen Gründen vereinsamten, wie Tomer Dotan-Dreyfus in »Keinheimisch« berichtet.

»Seit dem 7. Oktober 2023, einem Tag, an dem auch ich Bekannte verlor, die auf grausamste Weise starben, brachen viele Freunde und Familienangehörige den Kontakt zu mir ab. In Deutschland erhielt ich Absagen für Veranstaltungen und Veröffentlichungen, weil ich mich nicht hinter die menschenverachtende und mittlerweile sogar vernichtende Reaktion der israelischen Regierung stelle, weil ich nach Erklärungen – nicht nach Rechtfertigungen – für den schrecklichen Angriff an jenem Tag suche und weil ich darauf bestehe, Palästinenser als Menschen zu sehen.«

Tomer Dotan-Dreyfus: Keinheimisch

Wer Dotan-Dreyfus in den Sozialen Medien folgt, weiß um seine Bemühungen für ein differenziertes Israel-Bild. Nicht erst seit dem 7. Oktober zeigt er akribisch auf, wie Israel unter Netanyahu und seiner rechtsextremen Koalition zu einem bis an die Zähne bewaffneten und nationalistischen Staat geworden ist, in dem er als linker Israeli keine Heimat mehr hat. Es ist kein Zufall, dass er seit 15 Jahren in Deutschland lebt, dem Land der Täter, dessen Repräsentant:innen so gerne meinen, aus dem Holocaust gelernt zu haben, in ihrer ebenso blinden wie selbstgerechten Staatsräson (siehe auch Eva Menasses Dankesrede zur Verleihung des Jakob-Wassermann-Preises) aber täglich das Gegenteil beweisen. Und damit eine Gesellschaft repräsentieren, die sich täglich selbst belügt.

»Was die Deutschen den Juden einmal angetan haben, bleibt in dieser bilateralen Beziehung als etwas am Leben, das noch immer getan werden kann. Auch wenn Deutschland sich erzählt, dass die Nazis immer die anderen waren und sind. Damals waren alle im Widerstand, heute ist der Antisemitismus importiert.«

Tomer Dotan-Dreyfus: Keinheimisch

Bücher zum Thema

Entsprechend verloren ist Dotan-Dreyfus, der sich als linker jüdischer Intellektueller inzwischen weder in Israel noch in Deutschland heimisch fühlt. Zuletzt ließ sich das in den absurden Debatten um die Berliner Linke beobachten. Der pauschale Antisemitismusvorwurf, derer sich ausnahmslos alle Parteien vollkommen undifferenziert bedienten, zeigt nur, wie dummdreist und unverhohlen in Deutschland der Holocaust für politische Zwecke instrumentalisiert wird. Ob ein Kanzler alle deutschen Jüd:innen zu Ausländern erklärt, seine Partei Stolpersteine mit der AfD verbietet, Gelder zur Antisemitismusbekämpfung Parteifreunden über den Tisch schiebt, spielt plötzlich gar keine Rolle, wenn man einer Linkspartei, die in der Hauptstadt alle anderen Parteien auf die Plätze verwiesen hat, gegen das Schienbein treten kann. Da gerät dann auch schnell in den Hintergrund, dass in Sachsen-Anhalt fast die Hälfte aller Wähler:innen eine gesichert rechtsextreme Partei wählt und der neo-Faschismus nach der Macht greift.

Ausgangspunkt von »Keinheimisch« war für Dotan-Dreyfus die Frage, wo er als jüdischer Israeli eigentlich heimisch ist. Er konnte nicht mehr »von dort« sein, aber in diesem Deutschland, dass offenbar so gar nichts aus seiner Geschichte gelernt hat, ist er eben auch nicht wirklich heimisch. Tomer Dotan-Dreyfus ist keinheimisch, wie es auf dem Cover steht. Es lohnt sich, diesen Umstand als solchen erst einmal sacken zu lassen.

In seinem sehr lesenswerten Buch denkt er ausgehend von (familien)biografischen Anekdoten über seine zunehmende Entfremdung von einer Gesellschaft nach, die das Trauma des Holocaust politisiere, während das Trauma der Palästinenser:innen kollektiv verdrängt werde. »Die Besatzung«, schreibt er, »kritisiere ich seit vielen Jahren, genauso die Siedlungen. Und ich wusste auch von der Nakba. Ich dachte aber, dass ich all dies kritisieren und meine Einheimischkeit beibehalten kann, so, wie sie ist.« Das sei fast lächerlich, räumt er ein, schließlich sei die israelische Einheimischkeit auf den Ruinen der palästinensischen gebaut worden. Und inzwischen herrsche in Israel eine Normalität, die darauf hinausläuft, »die palästinensische Einheimischkeit schlichtweg zu vernichten«.

Umnissverständlich klare Töne eines Israelis, dessen radikal subjektiver Ansatz Gelegenheit bietet, jüdische Perspektiven vielfältiger zu denken als es oft der Fall ist. Schon vor Jahren hat Deborah Feldman den deutschen »Judenfetisch« angeklagt – also das gestörte Verhältnis der Deutschen zum Judentum, das keine Neutralität zulasse – und darauf hingewiesen, dass die linke und alternative jüdische Szene in Deutschland ziemlich allein gelassen werde; mit dem Antisemitismus einerseits und der Ausgrenzung durch die offiziellen jüdischen Institutionen und Gemeinden andererseits. Warum das keine Kleinigkeit ist, hatte Feldman im Herbst 2023 wie folgt erklärt:

»Die Menschen, die am 7. Oktober auf grausame Weise ermordet und geschändet wurden, gehörten zum linken, säkularen Teil der israelischen Gesellschaft; viele von ihnen hatten sich als Aktivisten für ein friedliches Zusammenleben eingesetzt. Ihr militärischer Schutz wurde zugunsten des Schutzes der radikalen Siedler im Westjordanland aufgegeben, von denen viele militante Fundamentalisten sind. Für viele liberale Israelis wurde dadurch das Sicherheitsversprechen des Staates für alle Juden als selektiv und bedingt entlarvt. Ganz ähnlich scheint in Deutschland der Schutz für Jüdinnen und Juden nur für diejenigen zu gelten, die der rechtsnationalistischen Regierung Israels treu sind.«

Deborah Feldman

Tomer Dotan-Dreyfus gehört wie Eva Menasse, Deborah Feldman, Max Czollek, Meron Mendel, Omri Boehm, Mirjam Zadoff oder Benyamin Reich zum eher linken, säkularen Teil der israelischen Diaspora. In »Keinheimisch« – eine spielerische Negation von »einheimisch« – stellt er bedenkenswerte Überlegungen dazu an, was es heißt, sich einheimisch oder eben nicht einheimisch zu fühlen. Diese verbindet er mit der israelischen (Mentalitäts-)Geschichte, die eng verbunden ist mit dem, was gesellschaftlich weitergetragen wird. Und das seien laut Dreyfus weniger die Fakten, zu denen auch die Nakba, also die Vertreibung der Palästinenser:innen gehören würde, sondern die Mythen, mit denen man die Ereignisgeschichte ersetze.

»Das Problem mit unserer gemeinsamen Geschichte ist nicht, dass sie die Verbrechen anerkennt, die wir erlitten haben. Das Problem ist, dass sie die Verbrechen ignoriert, die wir begehen«, zitiert er den US-amerikanische Professor für Jüdische Studien und Politikwissenschaft Peter Beinart aus seinem Buch »Being Jewish After the Destruction of Gaza«.

Peter Beinart: Being Jewish After the Destruction of Gaza. Atlantic Books 2025. ca. 21,- Euro. Hier bestellen https://atlantic-books.co.uk/book/being-jewish-after-the-destruction-of-gaza/
Peter Beinart: Being Jewish After the Destruction of Gaza. Atlantic Books 2025. ca. 21,- Euro. Hier bestellen.

Dotan-Dreyfus findet sich in dieser Aussage gut wieder. Er zeigt in seinem Buch, wie die israelische Politik und die israelische Gesellschaft die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Nahost-Politik und dem eigenen Blick auf die arabischen Nachbarn scheut und unterdrückt. Die jüngste menschenverachtende Aussage von Israels rechtsextremem Polizeiminister Itamar Ben-Gvir, dass es im Gazastreifen Menschen gebe, die es nicht verdient hätten, zu leben, ist in dieser Hinsicht nur die konsequente Folge einer entmenschlichenden Politik. Die Folgen sieht man seit drei Jahren im israelischen Waffengang in Gaza, wo täglich Zivilist:innen und Kinder erschossen werden. »Die Entmenschlichung der Palästinenser« sei eben »auch eine Entkindlichung ihrer Kinder«, so Dotan-Dreyfus.

»Ein Kind ist ein Kind – und dieses unmenschliche Verbrechen, bei dem Menschen und Kinder in Gaza systematisch dem Hungertod ausgeliefert werden, muss beim Namen genannt werden: Es ist ein Genozid. Und als solcher muss er auch verurteilt werden.«

Tomer Dotan-Dreyfus: Keinheimisch

Tomer Dotan-Dreyfus zeigt in »Keinheimisch« auf, wie er selbst erlebt hat, wie jeder menschliche Blick verloren ging. »Wir durften die Palästinenser nicht als Menschen begreifen«, heißt es da etwa, als der Wahlberliner über seine Zeit beim Militär nachdenkt. »Die Sprache der Entmenschlichung, die Sprache der Erniedrigung, die Sprache der Deutungshoheit, der Vormacht, war – und ist – überall«, schreibt Dotan-Dreyfus in seiner immer wieder auch schmerzhaften Reflexion der eigenen Verlorenheit.

Wenngleich er sich in mancher Argumentation verläuft, gelingt es Tomer Dotan-Dreyfus, die Eindeutigkeiten und Verhärtungen aufzubrechen, die die Region und ihre Menschen bis heute im Griff halten. Und die seit dem 7. Oktober zugenommen haben – innerhalb und außerhalb Israels. Durch den persönlichen Ansatz verlässt er die Bühne der ideologischen Auseinandersetzung und betritt einen Raum der persönlichen Begegnung, in dem Empathie und (Mit-)Menschlichkeit – dem eigenen Schmerz gegenüber wie dem der anderen – möglich sind.

»Einheimisch sein« sei in Israel und Palästina bis heute eine Utopie, einzig die Trauer um das, was einst war – das europäische Exil auf der einen Seite und das eigene Land auf der anderen –, verbinde beide Seiten, schreibt Dotan-Dreyfus. »Wir treffen uns also im Trauern.«

»Beide Seiten sehnen sich nach Einheimischsein – einem Einheimischsein, das nur sie einander gewähren können. Die Israelis könnten vielleicht Frieden mit den Palästinensern schließen, selbst ohne deren Befreiung in ihrem historischen Land. Was sie jedoch nicht haben können, ist Frieden ohne das Einverständnis der Palästinenser. Und dieses Einverständnis wird es nie ohne die Zusicherung eben dieser Befreiung geben.«

Tomer Dotan-Dreyfus: Keinheimisch

Wie es zu diesem Einverständnis kommen könnte und was dem aktuell im Weg steht, findet man in Joana Osman Buch »Frieden. Eine reale Utopie«, das der dystopischen Gegenwart einer Welt am Abgrund die Utopie der Begegnung und des Friedens entgegensetzt. Im Mittelpunkt steht die Erfahrung der Autorin mit der Peace Factory, eine Grassroot-Bewegung im Nahen Osten, die seit gut zehn Jahren Begegnung und Austausch von Menschen unter anderem aus Israel, Libanon, den palästinensischen Gebieten oder dem Iran organisiert. Menschen teilen ihre Geschichten und stellen fest, dass sie mehr verbindet als trennt. Das ist nicht neu, aber gut. Durchaus spannend sind Osmans Ausführungen zum Extraktivismus, einem Prinzip, das den Raubbau »an Ressourcen, an Menschen, aber auch an Werten wie Empathie, Demokratie und Zusammenhalt« meint, den sie hinter dem allgemeinen gesellschaftlichen Aufstieg des »Faschismus« vermutet.

Tomer Dotan-Dreyfus »Keinheimisch« ist nicht nur der Ausdruck einer persönlichen Befindlichkeit in politisch trüben Zeiten, sondern ein Weckruf, Geschichte, Erinnerung und Politik neu zu denken, um die Chance, dass sich jemals jemand im Nahen Osten einheimisch fühlt, zu wahren. Noch mehr als viele deutschsprachige Leser:innen wünscht man seinem Buch, dass es in Israel gelesen und verstanden würde. Am besten noch vor der Wahl.

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