Am Donnerstagabend wurde im Haus der Berliner Festspiele das 26. Internationale Literaturfestival eröffnet. Curator in Residence Jeet Thayil faszinierte mit einer Performance über die Bedeutung der Kunst in Krisenzeiten. Über 100 Autor:innen sind in den nächsten zehn Tagen in Berlin zu sehen, unter anderem eine Literaturnobelpreisträgerin und ein Booker-Preisträger.
Literatur soll zu Debatten anregen, gesellschaftliche Verständigung fördern, den Blick weiten. Ein international anerkanntes Festival kann dabei nur förderlich sein, bringt es doch vor allem die Stimmen von Autor:innen aus anderen Ländern auf die Bühne. Und das Programm des 26. Internationalen Literaturfestivals klingt vielversprechend. Mit Nobelpreisträgerin Han Kang, Booker-Preisträger Douglas Stuart und Bestsellerautor Dave Eggers sind einige echte Stars der Szene zu Gast.
Bei der gestrigen Eröffnung des 26. Internationalen Literaturfestivals (ilb) sorgten aber erst einmal andere für Aufsehen. Zum Beispiel der Curator in Residence, der indische Lyriker Jeet Thayil. Er verband in seiner Eröffnungsrede Poesie und Musik – ein Vorgeschmack auf sein eigenes »Festival im Festival«, wie ilb-Direktorin Lavinia Frey betonte, in dem er Lyrik, Musik und Tanz miteinander verbindet.

Am Abend der Eröffnung sprach er über den Sinn der Kunst in Zeiten der Krise. Seine Performance mit Verweisen auf die Poesie von William Butler Yeats, Wystan Hugh Auden und eigene Texte war eine bewegende Reise durch Zeiten und Worte, die zeigte, was Literatur in der Lage ist zu bewirken.
William Butler Yeats starb im Januar 1939, wenige Monate vor dem Einfall der Deutschen in Polen und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Auden schrieb nach seinem Tod »In Memory of W.B. Yeats«, eine Hymne, die es nach den Anschlägen vom 11. September 2001 plötzlich auf die Titelseiten der amerikanischen Zeitungen schaffte, wie sich Thayil erinnerte. Die Poesie gab den Menschen in dieser Zeit des Staubs etwas, dass ihnen nichts anderes geben konnte.
Follow, poet, follow right | To the bottom of the night, | With your unconstraining voice | Still persuade us to rejoice;
W.H. Auden »In Memory of W.B.Yeats«
With the farming of a verse | Make a vineyard of the curse, | Sing of human unsuccess | In a rapture of distress;
In the deserts of the heart | Let the healing fountain start, | In the prison of his days | Teach the free man how to praise.
Kunst mag die Welt nicht zu einem besseren Ort machen, aber Kunst verändere die Welt, weil sie unser Bewusstsein ändert, machte Thayil in einer bewegenden Performance aus Sprache und Musik deutlich. Er sprach im Anschluss über den Verlust seiner Frau – eine andere existenzielle Erfahrung. Er habe sich zurückgezogen. Trauer sei die menschliche Kondition, die alle verbinde. Sie sei der »Fluch des Lebens«, »Liebe, die nicht weiß, wohin sie gehen soll«. Kunst, Musik und Literatur hätten ihm geholfen, wieder ins Leben zu finden.
Die Krise der Welt, so Thayil, ist ein Dauerzustand, jede Generation mache ihre eigene Erfahrung damit. Kunst, so machte er in seiner ebenso großartigen wie cross-artistischen Performance deutlich, komme da allen Unkenrufen zum Trotz eine entscheidende Bedeutung zu. »Art may be the thing that saves us.«

Beim ilb wende sich die Kunst der Literatur in alle Richtungen, sagte zuvor schon Festivaldirektorin Lavinia Frey. Das Festival habe sich daher einer »radikalen Offenheit gegenüber jeglichen Perspektiven« verschrieben, die Literatur sei ein ästhetischer Akt des genauen Hinschauens. Über einhundert Autor:innen sind in diesem Jahr zu Gast, an Perspektiven wird es nicht mangeln.
So wird beispielsweise Literatur-Nobelpreisträgerin Han Kang ihr erstes neues Buch seit der Auszeichnung durch die Schwedische Akademie beim ilb vorstellen. »Der goldene Faden«, übersetzt von der Trägerin des Übersetzerpreises der Leipziger Buchmesse Ki-Hyang Lee, enthält zwölf Essays, darunter auch ihre Nobelpreisrede. Der schottisch-amerikanische Autor Douglas Stuart, Träger des renommierten Booker Prize, stellt seinen neuen Roman »John of John« vor. Die von Sophie Zeitz übersetzte queere Geschichte steht auf der Longlist für den diesjährigen Booker Prize. Der Amerikaner Ben Lerner präsentiert seine im Frühjahr erschienene und von Niklaus Stingl übersetzte Habermas-Novelle »Transkription«. Die palästinensische Autorin Adania Shibli ist mit ihrem lang erwarteten, von Hartmut Fähnrich übersetzen zweiten Roman »Täuschung« zu Gast. Zudem ist mit Stella Gaitano eine aufregende Stimme der Exilliteratur vertreten. Ihr von Larissa Bender übersetzter Debütroman »Eddas goldenes Lächeln« war für den diesjährigen Internationalen Literaturpreis nominiert.
Bücher beim ilb 2026

























Weitere internationale Gäste sind Aslı Erdoğan, Assaf Gavron, Amitav Ghosh, Vigdis Hjorth, Katie Kitamura, Fiston Mwanza Mujila, Maria Reva und Tatiana Țîbuleac, zu den deutschsprachigen Autor:innen gehören die Buchpreis-Kandidat:innen Shida Bazyar, Dana Vowinckel und Tomer Gardi sowie Ruth-Maria Thomas, Dinçer Güçyeter, Max Czollek, Ronya Othmann oder Cornelia Funke.
Im Programm spiegeln sich auch die Krisen der Zeit. Es gibt einen Solidaritätsabend für den Iran, einen Abend mit im Exil schreibenden Autor:innen, es geht um den Einfluss der TechBros, um die Demokratie und die Debattenkultur in herausfordernden Zeiten. Außerdem lockt das ilb mit einem internationalen FamilienFest, greift mit einer Einladung an Buchclubs einen aktuellen Trend auf und gibt der Lyrik und den Comics einen eigenen Platz.
Ach, und dann ist da noch der 77-jährige algerische Schriftsteller Boualem Sansal, der in diesem Jahr die Schirmherrschaft des Festivals innehat. Als er 2024 vom algerischen Regime festgenommen und inhaftiert wurde, liefen Schriftstellerverbände aus aller Welt Sturm, Kolleg:innen wie Prix-Goncourt-Preisträger Kamel Daoud stellten sich unmissverständlich an seine Seite. Freigekommen ist er Anfang des Jahres aber vor allem aufgrund des übermäßigen Engagements von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
Seither hat er sich in seiner Wahlheimat Frankreich keine Freunde gemacht. Im Frühjahr ist er von Frankreichs renommiertestem Verlag Gallimard zu Grasset gewechselt und damit in das Medienimperium des rechtsextremen Unternehmers und Milliardärs Vincent Bolloré. Hintergrund war sein neues Buch »Die Legende«, in dem er über die Monate seiner Inhaftierung schreibt. Den Gerüchten zufolge wollte Sansal die Aufmerksamkeit um seine Person nutzen und forderte, dass der Titel möglichst schnell erscheint.
Bei Gallimard übte man sich jedoch in Zurückhaltung, der Text benötige noch Zeit, man plane frühestens im Herbst damit. Aussagen, die literarische Schwächen vermuten lassen. Zudem bot Gallimard nur einen Vorschuss von 100.000 Euro, Grassets Medientycoon Bolloré lockte hingegen mit einer Million. Letztlich konnte der rechtsextreme Milliardär im französischen Kulturkampf einen Coup landen. »La Légende« erschien Anfang Juni bei Grasset, die Übersetzung von Vincent von Wroblewsky gerade im Berliner Merlin-Verlag.
Beim ilb ist Boualem Sansal schon vor dem Wind um seinen Verlagswechsel in die repräsentative Funktion des Schirmherren gehoben wurden. Manche würden auch despektierlich von einem Gruß-Onkel sprechen. Sein Auftritt bei der Eröffnung und der anschließenden Diskussion »The Art of Writing« fiel auch etwas onkelhaft aus. Man will das kaum bewerten, nach all dem, was er durchgemacht hat. Und doch stößt sein nonchalanter Wechsel in Bollorés Lager unangenehm auf.
Im Haus der Berliner Festspiele hieß er am Abend alle Wissensdurstigen willkommen, sich am Brunnen der Literatur zu laben. Die Literatur sei vielleicht die letzte Quelle, »an der sich die Menschen noch begegnen können, ohne aufzugeben, wer sie sind«, meint Sansal. Den Wahrheitsgehalt dieser Aussage kann man in den nächsten Tagen bei über einhundert Veranstaltungen prüfen. Ob man in diesen politisch aufgeladenen Zeiten wirklich mit allen aus dem gleichen Brunnen trinken möchte, muss dabei jede:r selbst entscheiden.

