Comic, Interviews & Porträts

Dialoge zwischen Realität und Imagination

Ausstellung Joann Sfar | Foto: Thomas Hummitzsch

In Ihren Comics tauchen immer wieder sprechende und denkende Tiere auf. Die Katze des Rabbiners oder Sokrates der Halbhund sind nur die von den Titeln bekanntesten Animal-Charaktere. Man denkt automatisch an Art Spiegelman. Haben Ihre Tiere eine ähnlich metaphorische Funktion?

Grundsätzlich könnte das auch an Donald Duck oder die Muppet Show erinnern. Es geht aber um etwas Substanzielleres. Tiere – auch sprechende Tiere – waren schon immer Teil der Bildkultur. Ich habe lange Zeit gedacht, dass ich sprechende Tiere nur einsetze, weil ich Comics mache. Aber inzwischen schreibe ich auch Romane und auch dort setze ich sprechende Tiere ein.

Auch in Ihrem ersten Kinofilm »Gainsbourg« gibt es eine sprechende Katze…

Ja, das ist richtig. Mich amüsieren diese kleinen beseelten Wesen. Ich zeichne sie auch ständig, fast jeden Tag. Und ich mag es, wenn alles spricht, diese Idee der Totems und der Dämonen, die Einfluss nehmen.

Ich habe den Rabbi über die fünf Bände hinweg beobachtet und mir ist aufgefallen, dass er eine ambivalente Einstellung zur Religion hat. Einerseits macht er sich über den Aberglauben der marokkanischen Juden lustig, andererseits stört ihn die strenge Religiosität der Pariser Juden. Im Alltag gibt er eher pragmatische als religiöse Hinweise. Ist dieser Rabbi vielleicht gar nicht religiös, sondern eher humanistisch eingestellt?

Ich glaube, der Rabbiner ist in erster Linie ein Realist. Er repräsentiert die Rabbiner, die ich in meinem Leben getroffen habe. Im Judentum ist es so, dass der Status des Rabbiners nicht an einen kirchlichen Status gebunden ist. Während in Frankreich der Rabbinerstatus seit Napoleon an eine Gemeindefunktion gebunden ist, ist in Algerien derjenige Rabbi, der das Gebet hält. Mein Rabbiner ist kein theologisches Genie. Es gibt welche, die sich sehr viel besser auskennen als er, und es gibt wiederum andere, die wissen viel weniger. Er hat seine Gewohnheiten, und wenn er diese wie bei seinem Besuch in Paris ändern muss, dann gefällt ihm das nicht. Außerdem ist er kein Mensch, der sich zu viele Fragen stellt. Die Katze des Rabbiners hat logischerweise die Funktion, ihn genau damit zu nerven. Die provokanten Fragen der Katze fordern den Rabbiner heraus.

Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass die Vermittlung der religiösen Lehre bei den Christen und den Muslimen ähnlich ist. Es kamen viele Christen und Muslime hinterher zu mir und sagten, dass bei ihnen die Arbeit mit den kleinen Kindern, die provokante und kritische Fragen stellen, genau das Gleiche sei. Das hat mir gefallen.

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Joann Sfar | avant-Verlag