Comic, Interviews & Porträts

Dialoge zwischen Realität und Imagination

Ausstellung Joann Sfar | Foto: Thomas Hummitzsch

Der Franzose Joann Sfar ist einer der erfolgreichsten Comicautoren Europas. Sein Kinofilm »Gainsbourg« gewann drei Césars, die Trophäe des französischen Filmpreises. Im Januar 2014 konnte ich mich mit ihm in Dresden über sein umfangreiches Werk, dessen Verankerung in der jüdischen (Kultur)Geschichte und die Balance zwischen Realität und Imagination, Abgeklärtheit und Magie unterhalten.

Herr Sfar, in »Chagall in Russland« lassen Sie den Maler Marc Chagall zu seinen jüdischen Freunden sagen: »Das ist ein Buch, um Juden zu retten. Taucht in die Seiten ein und ihr seid in Sicherheit.« Sind Ihre Comics auch solch magische Bücher, mit denen Sie in gewisser Weise die aschkenasischen und sephardischen Juden retten?

In der vergangenen Woche habe ich das Ende von »Klezmer« geschrieben und die Personen im Comic diskutieren über diese Frage. Sie sagen in etwa: Wir haben unsere Musik immer mit dem Gedanken im Herzen gemacht, dass sie dazu beitragen könnte, dass die Menschen die Juden lieben. Aber es funktioniert nicht, also entscheiden sie, dass sie ab sofort jede Note nur noch für die Ohren spielen. Es war tatsächlich Chagall, der gesagt hat, dass er die Menschen zeichnen würde, um sie auf seinen Bildern zu schützen. Ohne Zweifel habe ich bei meiner Arbeit den Gedanken, die Geschichte bzw. Legende – egal ob Folklore oder Klischee – des europäischen Judentums zu ehren. Dieser Aspekt bei meiner Arbeit ist mir sehr wichtig, denn ich komme aus einer jüdischen Familie, die es immer als Fehler und Schuld betrachtet hat, in Europa geblieben und nicht nach Israel geflohen zu sein. Aber ich glaube, dass es einen Sinn macht, jüdisch zu sein und dies in Europa zu sein. Es geht dabei nicht um Religion oder Nationalismus, sondern um Kultur.

Sie hatten bei der Eröffnung der Ausstellung Ihrer Bilder in Dresden bereits darüber gesprochen.

Ja, wir hatten über die Diskussionen innerhalb der jüdischen Gemeinden in Russland und der Ukraine nach dem Pogrom von Chisinau gesprochen. Damals hatten sie alle verstanden, dass die europäischen Nationen sie loswerden wollten. Sie debattierten also darüber, ob sie nach Amerika oder Israel auswandern oder aber einen Zusammenschluss der europäischen Juden gründen sollten, die in Europa bleiben und dort die jüdische Stimme stärken – wie es schließlich mit dem Bund geschah. Ich wäre definitiv bei den Bundisten gewesen und ermordet worden. Dennoch glaube ich, dass der Bund richtig gelegen hat.

Das Tragische an der Geschichte ist folgendes: Seit vielen Jahren engagiere ich mich für Kinder in französischen Schulen. Viele der Schüler haben Eltern aus arabischen oder islamischen Ländern. Wenn man diese Kinder fragt, warum sie die Juden so sehr hassen, dann sagen sie, dass sie den Eindruck haben, die Juden würden als Einwanderer besser behandelt als sie selbst. Man muss diesen Kindern also erklären, dass die europäischen Juden keine Einwanderer sind, sondern dass sie seit 2000 Jahren hier leben. Man könnte auch sagen, dass die ersten Juden fünf-, sechshundert Jahre vor den Vorfahren von Jean-Marie Le Pen nach Frankreich gekommen sind. Die europäischen Juden haben – wie ich finde – einen besonderen Status und meines Erachtens kann man sich des Mittels der Folklore bedienen, auch wenn es diese Folklore kaum noch gibt.

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Joann Sfar | avant-Verlag