Berliner Literatur(t)räume

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Die These, dass Berlin nicht ganz zu Unrecht den Ruf der Kulturhauptstadt gehört, soll hier gar nicht verteidigt werden. Auch nicht die These, dass Berlin »arm, aber sexy« sei. Das haben Berliner ohnehin nie so empfunden, umso unerträglicher finden sie die aktuell stattfindende Gentrifizierung ihrer Wohnviertel, die euphemistisch als »Aufwertung von Wohnraum« verkauft wird, tatsächlich aber eine Auflösung ganzer Kiezkulturen ist. Die Kultur, zumal die Literarische, befindet sich aller Unkenrufe zum Trotz nicht in Auflösung. Selbst für den beliebten, aber insolventen Buchladen ozelot, not just another bookstore scheint es irgendwie weiterzugehen.

Preisgekrönte und preisverdächtige Autoren neben Jan Wagner gibt es in Berlin genug. Da ist Rainald Goetz, vor wenigen Wochen (längst überfällig) von der Deutschen Akademie für Dichtung und Sprache mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet, weil er in seinen Werken wie kein anderer den ambivalenten Sound der Moderne zum Klingen bringt. Auch in der Hauptstadt lebt Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, der für ihr schonungsloses Beschreiben und Verarbeiten der Diktaturerfahrung gerade mit dem Heinrich-Böll-Literaturpreis verliehen wurde. Wenn Übersetzergenius Moshe Kahn mal nicht in seiner italienischen Wahlheimat ist, dann lebt er in Berlin. Er hatte Stefano d’Arrigos prachtvolles und hochliterarisches Meisterwerk Horcynus Orca über dreißig Jahre nach seinem Erscheinen erstmals ins Deutsche übertragen hat und wurde dafür – höchst verdient – mit dem deutsch-italienischen Übersetzerpreis und dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet. Michael Kleeberg wurde mit dem Hölderlin-Preis, Annika Scheffel mit dem Robert-Gernhard-Preis und Felicitas Hoppe mit dem Erich Kästner Preis für Literatur auszeichnet wurden. Regina Scheer erhielt für ihren Debütroman Machandel den Mara-Cassens-Preis, Marica Bodrožić wurde mit dem Literaturpreis der Konrad Adenauer Stiftung ausgezeichnet und Thomas Hettche mit dem Solothurner Literaturpreis geehrt. Eva Menasse durfte sich über den Jonathan-Swift-Literaturpreis freuen.

Grafik-8Insgesamt war 2015 ein recht unterhaltsames Berliner Literaturjahr. Bov Bjerg hat mit seinem Coming-of-Age-Roman Auerhaus ebenso einen überraschenden Bestseller vorgelegt wie Anke Stelling mit ihrer fulminant witzigen Milieustudie Bodentiefe Fenster. Nicht nur zu unterhalten gewusst, sondern auch die Bedeutung des Historischen in der Gegenwart begreifen lassen haben Sascha Reh mit seinem Chileroman Gegen die Zeit, Leif Randt mit seiner Utopie Planet Magnon, Rolling-Stone-Redakteur Maik Brüggemeyer mit seinem Bob-Dylon-Roman Catfish sowie Jenny Erpenbeck mit ihrem Roman zur Flüchtlingskrise Gehen, ging, gegangen. Olaf Schwarzbach hat in Forelle Grau erklärt, wie aus ihm der legendäre Zeichner OL wurde, Pankow-Frontmann André Herzberg erzählte in Alle Nähe fern berührend seine Familiengeschichte und das ungeliebte Stiefkind der Berliner Literaturszene Alban Nikolai Herbst lässt in Traumschiff die Sirenen vom Sterben in einer globalisierten Welt singen. Und wer wollte, konnte zum 25. Wiedervereinigungsjubiläum auch noch einmal zu Jochen Schmidts und David Wagners Ost-West-Geschichtsschreibung Drüben greifen.

Grafik-9Ob das Literaturjahr 2016 hier mithalten kann, ist noch nicht klar, aber wie beschrieben gibt es einiges, worauf man sich freuen kann – auch und vor allem weil Literatur der besonderen Provinzialität der Möchtegern-Weltmetropole Berlin ein Ende macht. Denn Literatur ist eine Kunst, die Welten aus dem Nichts schafft. Davon gibt es hier genug. Es braucht nicht mehr, als weltgewandte Autoren und die Lektüre ihrer Werke.

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